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Mehr Glamour als die „Oscar“-Nacht:
Das neue Motodrom-Gefühl in „Cars“
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Auf den Zuschauerrängen „sitzen“ 120.000 Kleinwagen. Sie rollen lustig ihre Augen in der Windschutzscheibe, sie ruckeln aufgeregt hin und her. Wieso sie bei den steil ansteigenden Rängen nicht herunterfallen, ist eine Sache; dass sie wild hupen und mit Blitzlicht ihre Lieblinge im Rennstadion fotografieren, eine andere. Die vermenschlichten Autos im Motodrom von „Cars“ sind die spektakulärste und innovativste Massenszene im Kinojahr 2006, das vor mittelmäßigen Animationsfilmen nur so überquoll.

Das Motodrom mit allem Drum und Dran ist die schönste Karikatur des Rennautozirkus; vor allem aber gehen diese Massenszenen mit einem völlig neuen Raumgefühl im Stadion einher, denn gleichzeitig sieht man das Infield, die Rennstrecke. In der einen Sekunde verbreitet es als weite Arena bei Nacht mit seiner Lightshow mehr Glamour als jede „Oscar“-Nacht, wenn sich die Konkurrenten vor dem Start auf der Bühne im Star-Outfit mit glänzendem Lack zeigen; in der nächsten Sekunde wird der Raum extrem eng, wenn drei dicht nebeneinander rasende Rennwagen in Großaufnahme erscheinen. Alles brav von vorne zu zeigen, liegt den Computerspezialisten fern; die Boliden und die Ränge im Hintergrund werden gekippt und optisch verzerrt, Renn-Oval und Tribünendach verschmelzen zum windschiefen Kunstobjekt mit bunten Tupfen in den Primärfarben. Neue Perspektiven mit einer imaginären Kamera unterm Rennauto oder so haarscharf neben den Wagen platziert, dass sie allein schon aus physikalischen Gründen umkippen müsste, sobald das Feld vorbeirast, werden abgelöst von Szenen in extremer Froschperspektive oder Schuss-Gegenschuss-Folgen von Autos, die von einer Sekunde zur anderen den Gesichtsausdruck vom smarten Lächeln zur bösen Grimasse ändern, während an der Seite die Autos auf den Zuschauerrängen zu oszillierenden Farbflächen mit bunten Flecken mutieren. Bei dem anderen Rennen, dem bei Tag, offenbart das Motodrom im grauen Belag deutlich die schwarzen Bremsspuren und überraschende Bergauf-Strecken mitten in einer sanften Kurve, in der alle Wagen brav hintereinander fahren – was im CinemaScope-Format für ein ganz neues Gefühl von Breite sorgt.

Die beiden langen Rennszenen zu Beginn und am Ende sind Kino in seiner schönsten Form: Sie sprengen Realität und Raum und machen das Unmögliche sichtbar. Die Pixar-Animatoren werden zu wahren Künstlern und die Autorennen im Fernsehen zur müden Lachnummer. Damit diese einzigartigen Raum-und-Zeit-Effekte ihre Wirkung voll entfalten, muss man „Cars“ auf der großen Kinoleinwand sehen – im Idealfall im Freien, im Autokino. So ist „Cars“ überraschenderweise auch ein Plädoyer für das Freiluft-Kino, das Cineasten normalerweise verachten. Wer die meisterhaften Szenen im Kino verpasste – oder schlimmer noch: gar übersehen hat –, wird das Erlebnis auf DVD vor dem kleinen Fernsehschirm nicht nachholen können.
Andrea Dittgen
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