Seit man Filmmusik als solche wahrnimmt, ist die des Western in Wesen, Form und Ausprägung nahezu unverändert geblieben. Hört man die Musiken der Klassiker von Victor Young („Rio Grande“, 1950), Elmer Bernstein („Die Söhne der Katie Elder“, 1965) oder Alfred Newman („Das war der wilde Westen“, 1962), so scheinen sie, bei allen qualitativen Unterschieden, doch vergleichbar: peitschende Gitarrenriffs im Rhythmus galoppierender Pferde, breit angelegte Streicherformationen, in denen die majestätische Weite der Prärie mit sanften Klangteppichen anklingt; vereinzelt klassische amerikanische Instrumente wie das Banjo in trabend-getragener Rhythmik, Harmonika oder Maultrommel. Antonin Dvoráks Neunte Sinfonie e-Moll op. 95 aus dem Jahr 1893 mag in der Fusion osteuropäischer Spätromantik und nordamerikanischer Folklore als Referenz für die moderne Western-Musik gelten. In weit über der Hälfte seiner mehr als 100 Filme hat John Wayne den Westerner gespielt. Auch wenn er im richtigen Leben nie Cowboy oder Rancher war, notiert der Film(musik)-Historiker Tony Thomas: „It might be said that if the men of the real Wild West didn’t look like John Wayne – then they should have.“ Als einsamer Held in staubtrockener Steppe, unbesiegbar, ehrlich, solide, mit Ecken und Kanten, durchschreitet Wayne den Westen auf der Suche nach Grenzen, die überwunden werden wollen – für sich selbst und stellvertretend für die ganze amerikanische Nation. John Wayne ist der Western – weshalb es auch nicht weiter verwunderlich ist, dass die Musik im Western immer ein wenig nach John Wayne klingt; selbst wenn sie, wie in ihrer wohl exemplarischsten Variante in „Die glorreichen Sieben“, ohne ihn als Darsteller auskommt. Eine Kompilation wie „John Wayne’s West in Music“ von Bear Family – zumal aus Anlass seines 30. Todestages – ist somit nur recht und billig, ergibt sich damit doch zwangsläufig ein repräsentatives Bild vom Western und von seiner Musik: ein Standardwerk. Zehn CDs, über 60 Filme: Auch ohne „Die glorreichen Sieben“ hat man nach 13 Stunden Musik einen umfassenden Eindruck davon, wie (Wayne’s) Western klingt. Im Übrigen ist Elmer Bernsteins glorreicher „Main Title“ von „Die Comancheros“ (CD 1) aus dem Jahr 1961 seinem ein Jahr zuvor komponierten Evergreen ohnehin ziemlich ähnlich. Die editorische Leistung dieser Veröffentlichung kann man nur überschwänglich würdigen, selbst wenn in seltenen CD-Sonderausgaben der ein oder andere Score in integraler Form schon erhältlich ist. Das Label aus dem norddeutschen Hambergen definiert seine Produkte traditionell neben dem mehr oder minder exotischen Inhalt besonders über die hochwertige Präsentation. Der LP-große Schuber besteht aus langlebigem Hartkarton und beinhaltet zudem ein Scrapbook, das auf 468 Seiten eine Fülle von seltenem Bildmaterial über die Wayne-Western aus aller Herren Länder ausbreitet. So lässt es sich zur Musik trefflich in alten Szenenfotos, Plakaten und Production-Stills schwelgen. Eine Extra-DVD wartet zudem mit 27 Trailern und mehreren Kurzdokus über die Filme auf. Diese Edition erfüllt alle Wünsche; einzig detailliertere Credits zu den CDs wären vielleicht noch nachzutragen gewesen. Die Produzenten Richard Weize und Christian Zwarg haben nicht nur bislang unzugängliche Filmmusik aufgetan, sondern auch davon inspirierte Songs gesucht. So singt Johnny Horton das Vorspannlied „North to Alaska“ (CD 1) zum gleichnamigen Film, Gene Pitney schmettert „The Man Who Shot Liberty Valance“ (CD 1), und Johnny Cash brummt gemäß der Originalkomposition im Film „The Sons of Katie Elder“ (CD 4). Überhaupt wird in Waynes Western sehr viel gesungen, sei es am Lagerfeuer, beim Viehauftrieb oder im Saloon. Für „Flame of Barbary Coast“ („San Francisco Lilly“, 1945) komponierten Morton Scott und R. Dale Butts gleich ein halbes Musical. „Love, Here Is My Heart“, „Carry, Marry Harry“ oder „That Man Is Always On My Mind“ (alle CD 9) sind einige der Schnulzen, die Ann Dvorak zum Besten gibt. Auch John Wayne versuchte sich als Sänger – mit bescheidenem Erfolg. Der „Duke“ kann nicht singen! Er summt oder übt sich im Sprechgesang („In Old Oklahoma“, 1943, CD 9) oder intoniert betrunken, wenn es ohnehin nicht darauf ankommt („The Comancheros“, 1961, CD 1). Neben kleineren Filmen aus den 1940er-Jahren, von denen meist nur die Titelmelodien in „historischer“ Qualität übernommen wurde, sind die wichtigen Filme in gebotener Ausführlichkeit und guter bis sehr guter Akustik präsent (zumeist als Übernahme aus veröffentlichten CDs). Zu hören sind beispielsweise Dimitri Tiomkins „Oscar“-nominierter Score zu „Alamo“ (CD 1) samt Bonustracks (hier singt Frankie Avalon) mit gut 60 Minuten oder Nelson Riddles meisterhaftes mexikanisches Easy Listening zu „El Dorado“ (1966, CD 4), immerhin 25 Minuten lang (Track 17, „Hasta Luego“, und der jazzige „Shoot Out“ in Track 18 sind echte Highlights). Als Premieren findet man Richard Hagemans „She Wore A Yellow Ribbon“ („Der Teufelshauptmann“, 1949, CD 10) oder Dominic Frontieres „The Train Robbers“ („Dreckiges Gold“, 1973, CD 6) in jeweils zehnminütigen Auszügen. Das raumgreifendste Werk der Edition ist die Musik zum vierstündigen Epos „How the West Was Won“ („Das war der Wilde Westen“, 1962). Auf zwei CDs (CD 2 & 3) wurde der emphatische, für den Klang des Western so wichtige Mammut-Score Alfred Newmans von der amerikanischen Rhino Records-Einspielung aus dem Jahr 1997 übernommen. „Ouverture“ und „Exit-Music“ sind ebenso erhalten wie Outtakes und die mannigfaltigen Arrangements der folkloristischen Greensleaves-Fantasie („A Home In The Meadow“), die Newman eigens für den Film geschrieben hat. Herzstück der Box ist indes eine weitere Premiere: Frank DeVols Score zu Andrew V. McLaglens vergnüglichem „MacLintock“ (CD 3) aus dem Jahr 1963. DeVol, der in den 1960er-Jahren vor allem mit Musiken zu Doris-Day-Filmen berühmt wurde, sucht hier die Fusion von beschwingter Kaffeehaus-Musik und den üblichen Western-Klischees. Die Gesangsnummern werden von den Nebendarstellern Stefanie Powers und Jerry van Dyke vorgetragen. Es ist ungemein anregend, mit „John Wayne’s West in Music“ anhand der Filme aus rund drei Jahrzehnten den Wandel des musikalischen Geschmacks zu verfolgen. Da offenbaren sich Hollywoods gute alte Großorchestralik, der musikalische Realismus, Blues, Jazz, das Musical und ein wenig Pop. Und es wird zwischendurch – auch ohne die Filmbilder – richtiggehend spannend, wenn in Gerard Carbonaras „Orchestral Sequence“ zu „The Shepherd of the Hills“ („Verfluchtes Land“, 1941, CD 9, Track 17) die Protagonisten einander auflauern. Die sich stetig steigernde Dramatik löst sich im finalen Schuss – und als Katharsis schnulzt Tom Fadden „It’s a Happy Happy Hunting Ground“. Der „Duke“ hat einmal mehr überlebt! Jörg Gerle John Wayne’s West in Music Zehn CDs (Bonus: Radio-Adaption von „Stagecoach“ vom 9.1.1949, 24 Min.), eine DVD (mit Trailern zu den Filmen), Booklet (464 S.), Hard-Cover Box in LP-Größe. Anbieter: Bear Family Records, BCD 16739 SE. Mehr als 13 Stunden klassische Western-Musik auf zehn CDs. Hunderte von Abbildungen, Szenenfotos, vor allem aber Filmposter aus allen Ländern dieser Erde in einem voluminösen, vierfarbigen Beibuch. Dazu eine (englischsprachige) Würdigung John Waynes von Richard W. Bann, eine DVD mit Western-Trailern und eine Radio-Adaption von „Stagecoach“ aus dem Jahr 1949: „John Wayne’s West in Music and Poster Art“ ist ein umfangreiches Konvolut, eine Einladung zur akustischen wie optischen Zeitreise durch die „klassische“ Welt des Hollywood-Western, wie er sich durch seinen maßgeblichen Protagonisten John Wayne darstellt. Die Namen der Komponisten, die für die Western mit John Wayne arbeiteten, lesen sich wie ein „Who is Who“ der Branchen-Stars: Victor Young, Roy Webb, Hans J. Salter, Alfred Newman, Dimitri Tiomkin, Nelson Riddle, Elmer Bernstein, Frank DeVol. (weitere Details) |