Antichrist Pathetisch, ordinär, provokant, kitschig, blashemisch, aber vor allem: große Kunst. Der streitbarste, verstörendste und nachhaltigste Film des Jahres. Wenn Charlotte Gainsbourg in Superzeitlupe wie in magisches Licht getaucht durch den erstarrten Wald schwebt, weiß man wieder, was Kino ist.
Das weiße Band Kameramann Christian Berger malt die bigotte Gesellschaft in einem protestantischen Dorf an der Schwelle des Ersten Weltkrieges mit harten Schwarz-Weiß-Kontrasten; stechend klar in den Außenaufnahmen, diffus und dunkel im Innern. So episch, so zurückhaltend, so fontanisch hat man einen Haneke noch nie gesehen. Ein Meisterwerk.
Der Knochenmann Josef und Josef heißt das neue Traumpaar des makaberen, sarkastischen Krimis. Gibt es im ganzen Film nur eine Szene, in der Hader und Bierbichler nicht großartig sind? Einen Dialog, der mit seiner lakonischen Süffisanz dem viel bemühten Schmäh kein neues Leben einhaucht. Ich glaube nicht - schau mir den Film aber gerne gleich nochmal an, um das zu überprüfen.
Gran Torino Man muss es in der Originalfassung sehen, wenn Clint Eastwood mit tiefer, brummiger Stimme noch einmal den "Dirty Harry" gibt. Eastwood ist noch genauso cool wie damals. Aber längst nicht mehr so naiv. "Gran Torino" ist ein tragikomischer Abgesang auf den "American Way of Life" und ein selbstironischer Abschied vom Mythos des Revolverrechts. Der neue trifft den alten: mehr Eastwood geht nicht.
Gigante Für mich die schönste Liebesgeschichte des Jahres. Ein Mann wie ein Bär, der unter der Dusche Heavy Metal Songs mitgrölt, sonst aber kaum ein Wort rausbringt und seiner Angebeteten heimlich nachspioniert. Das wird lustig, einfühlsam und spannend erzählt, weil man nie so genau weiß, ob man dem Frieden trauen darf. Am Ende steht der schüchterne Rocker am Strand, durch die Kameraperspektive groß wie ein Riese, und wird ganz klein, als er endlich auf die Frau zugeht, in die er schon so lange verliebt ist. Captain Abu Raed Er hätte sie in märchenhaftes Wohlfühlkino verwandeln können; die in sonnigen Bildern fotografierte Geschichte vom alten Mann, der sich in einem ärmlichen Viertel von Jordaniens Hauptstadt Amman als Flugkapitän ausgibt und den Kindern von seinen fantasierten Reisen erzählt. So einfach aber macht es sich Regisseur Amin Matalqa nicht. Immer wieder bricht die Realität über dieses Idyll herein. Was am Ende bleibt, ist immerhin ein bisschen Hoffnung und ein wunderbares Filmdebüt.
Birdwatchers Zur malerischen Kulisse für die Urlaubsbilder von Urwaldtouristen verkommen die Indios im Reservat im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso do Sul. Marco Bechis' Spielfilm greift ein brisantes Thema auf, wenn er zeigt, wie einige davon das Land ihrer Vorfahren zurückfordern. Ein Film ohne Schwarzweißmalerei, dafür mit starken Bildern. Am Ende überfliegt die Kamera den grünen Dschungel, bis der plötzlich in einer schnurgeraden Linie an Ackerland stößt. Wucherndes Leben weicht einer ewigen maschinengerechten Einöde. Nur vereinzelt verliert sich ein Baum in dieser monokulturellen Wüste wie ein einsames Mahnmal natürlicher Kreativität. Auch "Birdwatchers" ist ein solcher Baum - in der ewigen Gleichförmigkeit cineastischen Mainstreams.
Home Als ich den Film über eine Familie, die an einer stillgelegten Autobahn ein harmonisches Landleben führt, bis die Straße plötzlich wieder in Betrieb genommen wird, zum ersten Mal in der französischen Originalfassung sah, befürchtete ich schon das Schlimmste: schnell und viel sprechende Franzosen und einen Film, der ziemlich nichtssagend wird, wenn man seine Hauptdarsteller nur bruchstückhaft versteht. "Home" könnte man aber ganz ohne Ton sehen, man würde trotzdem ziemlich viel davon kapieren. Dank seiner ausdrucksstarken, aber trotzdem nie aufdringlichen Bildsprache. Ursula Meiers bizarr-satirische Studie über den Zerfall einer Familie ist ein packendes Psychodrama mit kulturallegorischer Tiefenkraft.
Stilles Chaos Der größte Teil des Films spielt in einem stillen, friedlichen Park. Pietro sitzt nach dem plötzlichen Tod seiner Frau auf einer Parkbank vor der Schule seiner Tochter, empfängt Besuch von seinen Kollegen, Freunden, seiner Schwägerin. Eine junge Frau mit Hund geht jeden Tag im Park spazieren, bald lächeln sich beide zu. Eine Mutter kommt regelmäßig mit ihrem behinderten Jungen vorbei, Pietro lässt für ihn die Lichter seines Autos aufblinken. Einmal wird Pietro von einem älteren Herrn zum Spaghettiessen eingeladen. Vielmehr passiert nicht. Muss auch nicht. Dank einer lyrisch dahingleitenden Kamera wirkt das beruhigend, fast meditativ mit einem halb schmunzelnden, halb schmerzlichen Unterton.
Der Junge im gestreiften Pyjama Ein Film über den Holocaust aus dem Hause Disney. Ohne Schockszenen und fast ohne Gewalt, dafür mit zwei Kindern auf beiden Seiten des Stacheldrahtzaunes. Dass Mark Herman seine Geschichte aus der Perspektive des Sohnes eines Lagerkommandanten erzählt, erklärt diese Zurückhaltung und verleiht dem Film eine ganz eigene, irritierende Wirkung. Der, der da Menschen und Kinder in die Gaskammern schickt, ist ein liebender Papa.
Macht und Ohnmacht der Filmkritik Til Schweiger untersagt zu seinem neuen netten Kommödchen mit schrulligem Titel Pressevorführungen, gibt dafür aber fleißig Interviews, die auch brav veröffentlicht werden. Ein Kotau vor dem dünnhäutigen Star, der seine Filmpreisnominierung irgendwann schon noch bekommen wird. Einer der bewegendsten Filme des Berlinale-Wettbewerbs 2009, Lukas Moodyssons' Mammut, wird dagegen von den Kritikern fast unisono verrissen und damit - zumindest vorläufig - aus dem Kino geschrieben. Weil der Film sich gegen blindwütige Globalisierung und reines Karrieredenken (von Frauen und Männern) wendet und für die Familie stark macht, wird ihm gleich ein "reaktionärer Mutterkult" unterstellt. Mit spitzer Feder verteidigen die Feuilletonisten ihre geheime Ständeklausel: Sozialkritisches Kino gehört in britische Arbeitsviertel, hat in modernen Akademikerfamilien aber bitteschön nichts zu suchen. Top Ten Bernd Buder |