Bal – Honig Eigentlich passiert nicht viel: Ein Mann kommt von seiner Arbeit als Imker, der in den Wäldern im nordöstlichen Bergland der Türkei Bienenvölker hält und ihren Honig erntet, nicht nach Hause zurück; seine Frau und sein Sohn warten mit wachsender Sorge auf ihn. Ansonsten beschränkt sich Semih Kaplanoglus Film – der dritte Teil einer Trilogie – darauf, sich mit ruhigem Atem und fesselnden Bildwelten auf den Lebenskosmos seiner Hauptfigur, des kleinen Jungen, einzulassen: auf die liebevoll-verschwiegene Komplizenschaft mit dem Vater, auf die langen Schulwege und die stumme Qual der Unterrichtsstunden, in denen der Kleine kaum ein Wort heraus bringt, auf die gemeinsamen Mahlzeiten in der Familie, auf die Handgriffe des bäuerlichen Haushalts – und auf die Schönheit des Waldes, der hier sozialrealistischer Lebensraum, Enigma, Idylle und poetische Chiffre ist. „Bal – Honig“, mit dem das chronologisch rückwärts entfaltete „Porträt“ des künftigen Dichters Yusuf gleichsam in die Kindheit zurück findet, erzählt vom Heranwachsen und der inneren Entwicklung eines Jungen vom Land, wobei die Trauer um den Vater zum tragischen Schlüsselerlebnis wird und die Natur als ebenso gefahrvolle wie bergende Bezugsgröße eine zentrale Rolle spielt: Yusufs Geschichte erzählt nicht zuletzt von der zwiespältigen Verbindung des Menschen mit der Natur als materielle, aber auch als spirituelle Lebensgrundlage. Gleichzeitig erkundet der Film sensibel den Mikrokosmos der familiären und sozialen Beziehungen und die Formung des Individuums aus der Spannung von Geborgenheit und Fremdsein, von Abgrenzung und dem Ringen um Zugehörigkeit. Türkei/Deutschland 2009 Regie: Semih Kaplanoglu Länge: 103 Min. Piffl Medien Kinotipp der katholischen Filmkritik 204/September 2010 Mary & Max - oder: Schrumpfen Schafe, wenn es regnet? Welten trennen Mary, ein kleines Mädchen aus einer australischen Vorstadt, und Max, einen älteren, übergewichtigen Mann, der in New York lebt. Doch ihre Schicksale treffen sich in einem Punkt: Beide sind einsame Sonderlinge, die unter ihrer Isolation leiden. Im Fall von Mary ist ihr maroder sozialer Hintergrund schuld an ihrem Außenseiterdasein, bei dem aus Osteuropa stammenden Max das Asperger-Syndrom, das es ihm schwer macht, Kontakt zu anderen Menschen zu finden; hinzu kommen Ängste, die in der Erfahrung von Antisemitismus wurzeln. Ein glücklicher Zufall will es, dass Mary und Max Brieffreunde werden: Der Beginn eines Austauschs, der von gegenseitiger Neugier und der Sehnsucht nach Nähe getragen wird und über alle Unterschiede hinweg zur Basis einer jahrelangen Beziehung wird, die Höhen und Tiefen überlebt. Psychische Krankheiten, „prekäre“ familiäre Zustände, Alkoholismus, Diskriminierung: im Genre des Animationsfilms begegnet man solchen Themen eher selten. Dabei beweist die bittersüße Tragikomödie um zwei „Loser“, denen sich in der Freundschaft ein Ausblick in eine bessere Welt eröffnet, wie meisterhaft die „unrealistische“, verfremdende Knetfilmästhetik dazu genutzt werden kann, einen schweren Stoff in eine poetisch-eindringliche Form zu bringen: Das Figurendesign erweckt die Charaktere mit einer wunderbaren Mischung aus skurrilem Humor und großer Sensibilität zum Leben; die Stadtlandschaften und Interieurs werden als psychisch-soziale Räume zu ausdrucksstarken Mitspielern. In der Liebe zum Detail drückt sich eine respektvolle Zärtlichkeit gegenüber den Eigenheiten, „Macken“ und Verwundungen aus, die dem Leben erst seine einmalige Gestalt geben. Australien 2009 Regie: Adam Elliot Länge: 92 Min. Verleih: MFA+ Kinotipp der katholischen Filmkritik 203/August 2010 Renn, wenn du kannst Mitleid scheint das Letzte zu sein, was Benjamin von seiner Umwelt will. Jedenfalls gibt sich der Rollstuhlfahrer alle Mühe, seine körperlichen Einschränkungen durch ein Maximum an Stacheligkeit und Herumkommandiererei gegenüber den betreuenden Zivis wettzumachen. Christian, ein angehender Medizinstudent, lässt sich davon allerdings nicht ins Bockshorn jagen. Als der Betreuer durch einen Mini-Unfall Annika kennen lernt, eine Cello-Studentin, für die Benjamin schon lange heimlich schwärmt, entwickelt sich eine spannungsreiche Dreiecksbeziehung zwischen Freundschaft und Verliebtheit, bei der drei markante Charaktere mit all ihren Ängsten, Sehnsüchten und Hoffnungen zusammentreffen. Auch wenn mit Benjamins Figur ein körperlich behinderter junger Mann im Mittelpunkt der Geschichte steht, ist seine Behinderung nicht das zentrale Thema des Films; der Film lotet vielmehr ebenso facettenreich wie dramaturgisch stimmig die Phase an der Schwelle zum Erwachsensein aus: die Suche nach Zugehörigkeit und Akzeptanz, das Ringen mit inneren Hürden und mit denen, die einem die Umwelt in den Weg stellt, die Auseinandersetzung mit den eigenen Fähigkeiten und Einschränkungen. Dabei besticht der Film durch seine komisch-bissigen, entwaffnend offenen Dialoge wie durch seine Bildsprache, die unaufdringlich und treffend, mal witzig, mal poetisch die Dispositionen ihrer Charaktere zu übersetzen weiß. Ein sehr unterhaltsamer, pointiert erzählter Coming-of-Age-Film mit einem großartig aufspielenden Trio junger Darsteller, der seine Figuren äußerst sensibel auslotet. Deutschland 2010 Regie: Dietrich Brüggemann Länge: 116 Min. Verleih: Zorro Kinotipp der katholischen Filmkritik 202/Juli 2010  Kleine Wunder in Athen Im Athener Viertel Akadimia Platonos betreibt der in die Jahre gekommene Stavros einen kleinen Laden. Tagsüber sitzt er meistens mit seinen drei Freunden vor der Tür, um der Vergangenheit nachzutrauern. Dabei spielen nationalistische Ressentiments gegen Arbeitsmigranten aus dem benachbarten Albanien eine Rolle, obwohl schräg gegenüber ein umtriebiger chinesischer Clan gerade ein Geschäft eröffnet. Mit der nörgelnden Selbstzufriedenheit der Runde ist es vorbei, als Stavros’ betagte Mutter in einem albanischen Arbeiter ihren verlorenen Sohn zu erkennen glaubt. Schlimmer hätte es für Stavros nicht kommen können, zumal seine Kumpel nicht damit klar kommen, einen verkappten Albaner zum Freund zu haben. In mal bittersüßem, mal ironischem Ton kritisiert die lakonische Komödie naiven Patriotismus und Xenophobie, wobei ihre Stärke in der Bescheidenheit sowie der mimischen Schwerkraft ihres Hauptdarstellers liegt. In dessen ausdrucksstarkem Gesicht spiegeln sich das schwarze Loch seiner Existenz, die vielen Kränkungen des männlichen Egos und die Ratlosigkeit, wie das eigene Leben zu bewältigen sei. Umso nachhaltiger berührt die sanfte Wendung des Films, der von der Selbstfindung seines sympathischen Verlierers so mitfühlend erzählt, als wäre das Aufgeben von Vorurteilen und die Verständigung zwischen Kulturen das Natürlichste von der Welt. Ganz nebenbei verhandelt der Film auch die gegen Veränderungen resistente Mentalität der Griechen und die Ursachen einer absurd dysfunktionalen Ökonomie. Griechenland/Deutschland 2009 Regie: Filippos Tsitos Länge: 107 Min. Verleih: Neue Visionen Kinotipp der katholischen Filmkritik 201/Juli 2010 Lola Die Filme des philippinischen Regisseurs Brillante Mendoza erschüttern nicht zuletzt dadurch, dass sie den (Kamera-)Blick auch dort nicht abwenden, wo die Ereignisse den Impuls zum Wegschauen nahe legen. Dieser Blick hat nichts Voyeuristisches, sondern richtet sich mit tiefer Menschlichkeit auf die Ränder der Gesellschaft, um das mühsame Leben und dessen Bedingungen sinnlich erfahrbar zu machen und dadurch den Menschen zur „Sichtbarkeit“ zu verhelfen. Im Mittelpunkt von „Lola“ stehen zwei alte Frauen aus den Slums von Manila. Die eine ist die Großmutter eines jungen Mannes, der bei einem Raubmord getötet wurde, die andere die Großmutter des Täters, der im Gefängnis auf seinen Prozess wartet. Der Film stellt den Alltag beider Frauen nebeneinander und folgt ihnen bei ihren Wegen durch die marode Stadtlandschaft. Was die beiden Alten umtreibt, ist durchaus vergleichbar: Beide brauchen dringend Geld, die eine, um eine würdige Bestattung für den getöteten Enkel zu finanzieren, die andere, um eine außergerichtliche Einigung mit der Familie des Opfers zu erwirken und die Verurteilung des Enkels zu vermeiden. Minutiös macht der Film die ungeheure Mühsal sicht- und fühlbar, die diese Aufgaben für beide Frauen bedeuten. Er zeigt dabei aber auch die Unmenschlichkeit eines Systems, in dem aufgrund schierer Not das Geld eine fast sklavenhalterische Macht über die Menschen gewinnt. Gleichzeitig vermittelt die Unermüdlichkeit, mit der sich die Frauen für ihre Angehörigen einsetzen, etwas von ihrer Würde sowie ihrem hartnäckigen Willen, sich inmitten der Not zu behaupten. Philippinen/Frankreich 2009 Regie: Brillante Mendoza Länge: 110 Min. Verleih: Rapid Eye Movies Kinotipp der katholischen Filmkritik 200/Juli 2010 The Messenger Die Kriegseinsätze in Afghanistan und im Irak sind weit weg vom Alltagsleben der westlichen Länder und dringen fast nur über die Medien in deren Normalität ein – außer für die, die unmittelbar betroffen sind: die Soldaten und deren Angehörige. Welche Wunden die Kampfeinsätze bei ihnen hinterlassen, beleuchtet Oren Movermans eindrucksvoller Debütfilm anhand des Porträts eines jungen „Kriegshelden“, der nach einem Einsatz im Irak die letzten Monate seiner Dienstzeit an der „Heimatfront“ verbringt, um mit einem Vorgesetzten Hinterbliebene gefallener Soldatinnen und Soldaten vom Tod ihrer Lieben zu benachrichtigen. Während sich sein älterer Kollege hinter dem Army-Regelwerk und einem unreifen Kameradschaftsgehabe emotional verschanzt, bleibt die Konfrontation mit dem Schmerz der Trauernden für den Jüngeren eine nur schwer erträgliche Tortur. Um diese ungefilterte Konfrontation mit einem Leid, dessen Wucht mit keiner politischen oder moralischen Sinnstiftung, mit keiner patriotischen Floskel und militärischen Formwahrung beizukommen ist, geht es Oren Moverman: In qualvoll langen Sequenzen beobachtet er immer wieder die Reaktionen der Angehörigen und deren sich Spiegeln im um Fassung bemühten Gesicht der Hauptfigur. Durch diese brillant gespielten Sequenzen, eine strukturelle Anlehnung ans Road Movie wie auch eine Raumpoetik, die die USA als einen gesichtslos-anonymen „Unort“ porträtiert, an dem die Soldaten mit ihren Erfahrungen nicht mehr heimisch werden können, werden eine tiefgreifende Identitätskrise und Entwurzelung reflektiert. Nachhaltig bleiben diese als Kollateralschaden des „Kriegs gegen den Terror“ im Herzen der USA zurück. USA 2009 Regie: Oren Moverman Länge: 105 Min. Verleih: Senator Kinotipp der katholischen Filmkritik 199/Mai 2010 Lourdes Ist Gott gut oder ist er allmächtig? Diese Frage kommt innerhalb der von Maltesern betreuten Pilgergruppe auf, die im französischen Wallfahrtsort Lourdes nach Heilung sucht. Unter ihnen ist eine junge, durch Multiple Sklerose gelähmte Frau, die mit ihrem Schicksal hadert. Als sie am eigenen Leib eine „Wunderheilung“ erlebt, löst dies Freude und Dankbarkeit, aber auch Neid und quälende Zweifel an der Natur von Gottes Wirken aus: Ist die Heilung ein Wunder oder nur Zufall? Wird sie anhalten? Womit hat die Geheilte diesen göttlichen Gnadenbeweis verdient? Warum wird er ihr und nicht (auch) anderen Kranken zuteil? Jessica Hausner entwickelt ihre kluge Reflexion über die „Zumutung“ des Glaubens im Rahmen einer ausgefeilten, ästhetisch strengen Inszenierung. Der klare Blick auf das Treiben im Wallfahrtsort Lourdes sowie auf die von widersprüchlichen Gefühlen bewegte Pilgergruppe weist dabei satirisch-komödiantische Spitzen auf; gleichwohl zeugt die Zeichnung der Personen – allen voran der von Silvie Testud furios gespielten Hauptfigur – von Humanität und Respekt vor der Sehnsucht nach Sinn und Heil angesichts unheiler Lebensumstände. Dabei spielen „profan“ alltägliche, existenzielle und transzendentale Bedürfnisse ineinander, sind Glaubensinbrunst und allzu Menschliches nur schwer zu trennen. Ebenso wie die nüchterne, streng kadrierte Bildsprache vom ergreifenden Pathos sakraler Musik konterkariert wird, bleibt auch der Umgang mit den Figuren „vielstimmig“ und fordert zur Auseinandersetzung mit dem Spannungsverhältnis von Religiosität und dem Gefühl transzendentaler Verlassenheit heraus. Lourdes Österreich/Frankreich/Deutschland 2009 Regie: Jessica Hausner Länge: 90 Min. Verleih: nfp Kinotipp der katholischen Filmkritik 198/April 2010 Precious - Das Leben ist kostbar „You motherfuckin’ bitch, get your motherfuckin’ ass down, you motherfuckin’ bitch...“: Es ist ein vernichtender Hass-Rap, ein unaufhörlicher Schwall von Verwünschungen und Anschuldigungen, der sich über die 16-jährige Precious ergießt, eine extrem übergewichtige Jugendliche aus Harlem, die ihr zweites Kind erwartet, beide gezeugt vom eigenen Vater. Inzest, Missbrauch, Sozialhilfe, Sonderschule sind die Koordinaten, innerhalb derer Precious durchs Leben geschoben wird, ohne je mehr als mimisches Missfallen anzudeuten. Als wäre das alles nicht genug, wird sie auch noch auf HIV positiv diagnostiziert, was in den 1980er-Jahren, in denen die Handlung spielt, einem Todesurteil gleich kam. Trotz der erdrückenden Drastik meidet der Film alle Klischees, indem er die Protagonistin häufig aus dem Off sprechen lässt und sie auf ihrem beschwerlichen Wegen solidarisch mit der Kamera begleitet. Es dauert lange, bis in das abgründige Porträt ein Funken der Hoffnung dringt. Der Anstoß kommt von einer einfühlsamen Lehrerin, der es gelingt, die verschüttete Persönlichkeit der hinter dumpfem Schweigen verbarrikadierten Schülerin zum Vorschein zu bringen. Precious’ Emanzipationsgeschichte, deren literarische Vorlage, der Roman „Push“ von der afroamerikanischen Autorin Sapphire stammt, folgt dabei nicht der Aschenputtel-Story, sondern beruht auf winzigen Schritten, die auf Dauer selbst aus einer Hölle führen können. Precious – Das Leben ist kostbar USA 2009 Regie: Lee Daniels Länge: 110 Min. Verleih: Prokino Kinotipp der katholischen Filmkritik 197/März 2010 Invictus - Unbezwungen Der Film erzählt ein historisch verbürgtes Kapitel aus dem Leben des zum südafrikanischen Staatspräsidenten gewählten Nelson Mandela, der nach 27 Jahren Gefängnis vor der Aufgabe steht, das von der unmenschlichen Apartheid-Politik gespaltene Land zu einer Nation zu formen. Mandela setzt ein weithin sichtbares Zeichen für seine Politik der Verständigung zwischen Weißen und Schwarzen, indem er das bisher drittklassige nationale Rugby-Team „The Springboks“ dazu motiviert, den Sieg in der Weltmeisterschaft zu erringen. Dabei muss jeder Einzelne im Team zu nahezu übermenschlichen Leistungen angespornt, ebenso müssen vielfältige Vorurteile in der Bevölkerung überwunden werden. In einem Sportstadion wurde 1995 Geschichte gemacht: „The Game That Made a Nation“ lautet der Untertitel des zugrunde liegenden Buchs von John Carlin. 15 Jahre später ist Südafrika noch immer ein gespaltenes Land, was der routiniert und präzise inszenierte Film nur wenig anspricht. Stattdessen nähert er sich einer lebenden Legende in einem Film über Inspiration, Versöhnung und Sport als einigende Kraft, der getragen wird von der Botschaft, dass unterschiedliche Rassen zu einem Konsens, zu gegenseitiger Toleranz und zur Achtung ihrer Lebensweisen kommen müssen. „Invictus“ bietet berührendes Emotionskino mit einer zutiefst humanen (und christlichen) Botschaft, wobei am Ende Mandelas weises Kalkül in einem Fest der Versöhnung aufgeht. Beeindruckend gerade für ein jüngeres Publikum ist die Darstellung des außergewöhnlichen Politikers und seines Eintretens für Menschenwürde, gegenseitigen Respekt und Verständigung. Scope. USA 2009 Regie: Clint Eastwood Länge: 133 Min. Verleih: Warner Bros. Kinotipp der katholischen Filmkritik 196/Februar 2010 Ein Sommer in New York - The Visitor Der College-Professor Walter Vale ist ein einsamer Mann, der sich innerlich gegen seine Umwelt abgeschottet hat. Lustlos geht er seiner Arbeit nach, wobei seine Körpersprache und unverbindliche Dialoge eine Unnahbarkeit signalisieren, deren Ursachen sich nicht so schnell erschließen. Doch die Kamera lässt sich von seinem schroffen Habitus nicht abschrecken, sondern wird zur treuen Begleiterin des stillen Mannes auf einer Reise, die ihn nicht nur äußerlich aus seinen vertrauten Mauern heraus führt. Während einer Konferenz in New York stößt Vale in seiner Zweitwohnung auf ein Pärchen illegaler Einwanderer. Aus der Begegnung mit dem aus Syrien stammenden Musiker Tarek und seiner Geliebten entwickelt sich eine Freundschaft, die in eine schwere Krise gerät, als Tarek von der Polizei verhaftet wird – im Zuge des Kriegs gegen den Terror hat sich das Misstrauen der Behörden gegenüber illegalen Einwanderern vervielfacht. Ebenso schlicht in den inszenatorischen Mitteln wie ergreifend in der Beobachtung kleiner Gesten, erzählt Regisseur Tom McCarthy die Geschichte eines in selbstgewählter Isolation verharrenden Außenseiters, der seine Einsamkeit erst durch die Begegnung mit zwei unfreiwilligen sozialen Außenseitern überwindet. Dabei wird das stimmige Porträt eines langsamen Öffnungsprozesses klug konterkariert von der kritischen Darstellung eines gesellschaftlichen Umfelds, das aufgrund der Angst vor Terrorismus auf Abschottung und Ausgrenzung setzt. USA 2007 Regie: Tom McCarthy Länge: 108 Min. Verleih: Pandastorm Kinotipp der katholischen Filmkritik 195/Januar 2010 Nokan - Die Kunst des Ausklangs Es beginnt mit einem Ende: Der Cellist Daigo verliert seine Arbeit und damit die Hoffnung auf eine Karriere als Musiker. Doch aus dem Scheitern erwächst ein neuer Anfang. Daigo zieht mit seiner Frau Mika in seine Heimat im Norden Japans. Die Suche nach einer Anstellung führt ihn in ein „Reisebüro“, das sich als Bestattungsinstitut entpuppt. Dort hat man sich auf die traditionellen Riten der Aufbahrung spezialisiert, mit denen Tote auf ihre „letzte Reise“ geschickt werden. Nachdem Daigo seine Berührungsängste überwindet, fühlt er sich von der würdige Zeremonie mehr und mehr angezogen. Allerdings leidet er darunter, dass seine neue Berufung gesellschaftlich als „unrein“ gilt. In einer bestechenden, elegant-fließenden Inszenierung nähert sich der Film dem schmerzhaften Thema Tod an. Komödiantisch-burleske Zwischenspiele helfen, die Scheu vor dem „morbiden“ Sujet zu überwinden; gleichzeitig beweist die geduldig beobachtende Kamera feines Gespür für die Würde und tröstliche Kraft des Bestattungsrituals. Wenn sich das Drama um gesellschaftliche Ignoranz und familiäre Verwundungen schließlich in Harmonie auflöst und sich die Kanten, an denen sich die Figuren reiben, runden, erscheint dies als Ausdruck einer Philosophie, die persönliche Tragödien wie Schmerz, Verlust und Tod in einem größeren Sinnzusammenhang aufgegangen sieht. Dafür findet der ruhig erzählte, mit meditativen Bildern wie mit elegischer Cello-Musik für sich einnehmende Film einen bewegenden Ausdruck. Japan 2008 Regie: Yôjirô Takita Länge: 130 Min. Verleih: Kool Filmdistribution Kinotipp der katholischen Filmkritik 194/November 2009  Das weiße Band Ein Dorf im Nordosten Deutschlands wird 1913/14 von rätselhaften Zwischenfällen heimgesucht. Rückschauend erinnert sich der Lehrer in einer chronikhaften Off-Erzählung an die gewaltsamen Vorkommnisse. Es beginnt mit dem Sturz des Arztes, dessen Pferd beim Ausreiten über ein Seil zwischen den Bäumen stolpert. Der Sohn des Barons wird blutig geschlagen, eine Scheune geht in Flammen auf, ein behindertes Kind findet man halb tot an einen Baum gefesselt. Täter oder Motive werden nie ermittelt; doch die Geschehnisse ziehen drastische Reaktionen nach sich, die ganze Familien ins Unheil stürzen. Der Filmtitel spielt auf eine Erziehungsmethode im Hause des protestantischen Pfarrers an, der seine ältesten Kinder an Unschuld und Reinheit erinnern will. Doch obwohl Land und Landschaft eine gewachsene Ordnung ausstrahlen, offenbaren die Ereignisse, wie sehr diese Welt auf Abhängigkeit und Unterwerfung gebaut ist. Es herrscht ein Klima der Angst und Einschüchterung, wobei der Ausbruch des Ersten Weltkriegs fast wie ein Ventil für die gärende Gewalt erscheint. Über den stillen, konzentrierten schwarz-weißen Bildern liegt eine eigenartige Spannung, die die gesellschaftlichen Widersprüche umso tiefenschärfer hervortreten lässt. Mit großer erzählerischer Meisterschaft zeichnet Michael Haneke ein nuancenreiches Bild jener Epoche, die so fern scheint und zugleich doch so vertraut. Denn Fragen nach Macht und ohnmächtiger Wut, Partizipation und Herrschaft, Schuld und Strafe sind keineswegs historische Relikte, sondern reichen in vielfacher Brechung bis in die Gegenwart. Schwarz-weiß. Deutschland/Österreich/Frankreich/Italien 2009 Regie: Michael Haneke Länge: 144 Min. Verleih: X Verleih Kinotipp der katholischen Filmkritik 193/Oktober 2009 Sturm m Jahr 2010 läuft das Mandat des Tribunals am Internationalen Gerichtshof in den Haag aus, das Menschenrechtsverletzung ahndet, die während des Balkankriegs begangen wurden. Für die Traumata der ehemaligen Opfer existiert indes keine Verjährungsfrist. In diesem Spannungsfeld zwischen dem Streben nach Gerechtigkeit, juristischen Formalia und politischen Verstrickungen bewegt sich Hans-Christian Schmids Film, ein Justiz- und Politthriller, der weniger Genrekonventionen folgt als um Wahrhaftigkeit im Umgang mit seinem heiklen Stoff bemüht ist. Im Mittelpunkt der sich über mehrere europäische Länder erstreckenden Handlung steht eine engagierte Staatsanwältin, die in Den Haag einen ehemaligen General der jugoslawischen Volksarmee für Kriegsverbrechen zur Rechenschaft ziehen will. Als sich der Hauptbelastungszeuge als unglaubwürdig erweist und Selbstmord begeht, droht die Anklage zusammenzubrechen. Die Juristin findet in der Schwester des Toten ein ehemaliges Opfer des Angeklagten, dessen Aussage die Situation verändern könnte. Die junge Frau, die mittlerweile in Deutschland lebt, will die Vergangenheit am liebsten hinter sich lassen und zögert, die alten Wunden zu öffnen. Aber auch interne Vorgänge in der eigenen Behörde drohen den Kampf der Anklägerin um einem fairen Prozess zu torpedieren. Im beeindruckenden Zusammenspiel der starken Hauptdarstellerinnen und einer mehr um Authentizität als um Spannungseffekte bemühte Inszenierung gelingt es dem Film, ebenso brisante wie dringliche Fragen nach dem Verhältnis von Gerechtigkeit und politischem Kalkül aufzuwerfen. Scope. Deutschland/Dänemark/Niederlande 2009 Regie: Hans-Christian Schmid Länge: 105 Min. Verleih: Piffl Kinotipp der katholischen Filmkritik 192/September 2009 Birdwatchers Im Südwesten Brasiliens ist eine Gruppe Touristen auf einem Fluss unterwegs, um exotische Vögel zu fotografieren. Als sie auf eine Gruppe von Guarani-Ureinwohnern stößt, wechselt der Film die Seiten und folgt den „roten Menschen“, die in einem Reservat ein perspektivloses Leben führen, hin- und hergerissen zwischen ihren Traditionen und den Verheißungen der zivilisatorischen Moderne. Vor allem die Jugendlichen kommen damit nicht klar; immer wieder findet man Heranwachsende, die sich im Wald erhängt haben. Deshalb beschließt der Anführer des Stammes, in ihr ursprüngliches Siedlungsgebiet zurückzukehren, wo sich inzwischen aber die endlosen Felder einer extensiven Landwirtschaft erstrecken. Zwei Kulturen, zwei Lebensformen prallen aufeinander, ohne Aussicht auf Ausgleich oder einen Kompromiss, auch wenn der junge Osvaldo, der zum Nachfolger des Schamanen bestimmt ist, mit der Tochter des Großgrundbesitzers anbandelt. Die Grenze zwischen Brachland und Dschungel markiert in Marco Bechis dokumentarisch anmutendem Drama nicht nur die historische Narbe der Conquista, sondern deutet auf grundsätzliche Unterschiede der Kulturen hin, die es politisch, aber auch intellektuell zu respektieren gilt. Mit seiner elliptisch-verhaltenen Erzählweise gelingt dem unkonventionellen Film dabei eine dezente Annäherung ans indigene Selbstbewusstsein, das in seiner Fremdheit bestehen bleibt. Ein mutiger Film, auch wenn er nur wenig Hoffnung auf eine friedliche Veränderung im Mato Grosso do Sul macht. Birdwatchers – Das Land der roten Menschen Brasilien/Italien 2008 Regie: Marco Bechis Länge: 108 Min. Verleih: Pandora Kinotipp der Katholischen Filmkritik 191/Juli 2009 Simons Geheimnis Der Teenager Simon gibt in der Schule sowie in einem Online-Chatroom eine ungeheuerliche Geschichte preis: Sein muslimischer Vater habe einst einen Terroranschlag auf ein Flugzeug geplant, bei dem er Simons damals schwangere Mutter ohne ihr Wissen als lebende Bombe habe benutzen wollen. Die Eröffnung des „Geheimnisses“ schlägt große Wellen und führt zu Diskussionen um die ethische Bewertung des vereitelten Terrorakts und um seine Verarbeitung. Zugleich müssen sich Simon und eine Reihe von Menschen aus seinem Umfeld mit ihrer Perspektive auf die Familien-Vergangenheit sowie dem eigenen Wertesystem auseinander setzen. Im Spiel mit verschiedenen Zeit- und Realitätsebenen entwickelt der armenisch-stämmige Regisseur Atom Egoyan eine vielschichtige Auseinandersetzung mit menschlichen (Selbst-)Bildern im Rahmen aktueller Problemstellungen, wobei nicht zuletzt der Umgang mit dem Terrorismus sowie die Kommunikations- und Selbstdarstellungspraktiken des „WorldWideWeb“ fokussiert werden. Dass der Film im Original „Adoration“ (d.h. Verehrung, Anbetung) heißt, umreißt ebenso wie die Verwendung religiöser Bildmotive, dass es auch um den Glauben (im religiösen Sinne wie, allgemeiner, im Sinn von Überzeugungen) geht – und um die Notwendigkeit einer kontinuierlichen Auseinandersetzung damit, um nicht in Vorurteilen und verzerrten Wahrnehmungen haften zu bleiben. Die Komplexität und der Beziehungsreichtum des kunstvoll strukturierten Films, der dank seiner visuellen und musikalischen Qualitäten nie zum Thesenkino gerinnt, stellen eine lohnenswerte Herausforderung an den Zuschauer dar. Kanada 2008 Regie: Atom Egoyan Länge: 100 Min. Verleih: X Verleih Kinotipp der katholischen Filmkritik 190/Mai 2009 |