Schon mit „Jetzt oder nie – Zeit ist Geld“ (2000) gelang Lars Büchel ein Riesenerfolg: Mehr als eine Million Zuschauer amüsierten sich über die kriminellen Energien dreier älterer Damen, die für ein besseres Leben eine Bank überfallen – nicht gerade ein hit-verdächtiges Thema in Zeiten von „harten Jungs“ und Jugendwahn. Die Resonanz bestätigte Büchel: „Man sollte seiner inneren Stimme folgen und nicht planen oder kalkulieren. Wenn man versucht zu gefallen, ist das der Tod eines jeden Films.“ Auch in „Erbsen auf halb 6“ hängt sich der 38-Jährige an keinen Trend, sondern beweist erneut Eigenwilligkeit und Waghalsigkeit, indem er die Liebesgeschichte zwischen zwei Blinden mit dem Sujet eines Road Movie verknüpft. „Ich bin ein Anhänger von Liebesfilmen“, erläutert Büchel. „Die aufkommenden Gefühle schaffen es hier, dass das Thema Blindheit immer mehr in den Hintergrund rückt.“ Das Buch schrieb er – wie bei „Jetzt oder nie“ – erneut mit Ruth Toma, die auch als Korrektiv für die Struktur fungierte. Büchel, der vom Bild zur Geschichte kommt, entwickelte die Idee, dann wurde wechselseitig geschrieben und redigiert, bis am Ende eine Regiefassung entstand, wobei sich „der Autor Büchel dem Regisseur Büchel“ unterwarf. Die übliche „Boy meets Girl“-Story reichte dem Hamburger nicht, ihn interessierte die Frage: „Was passiert, wenn zwei, die nicht sehen können, sich ineinander verlieben? Normalerweise zählt der äußere Eindruck, das fällt hier weg. Was der Blinde nicht spürt oder hört, gibt es für ihn nicht. Ich musste mit Tönen, Geräuschen und Stimmen arbeiten und habe mich noch nie so viel mit Hören und unterschiedlichen Tonspuren beschäftigt wie bei diesem Film. Durch den Wegfall der Sehkraft schärfen sich die anderen Sinne. Um das zu vermitteln, ist das Kino mit Sechskanalton von allen Seiten wunderbar geeignet. Hier konnten wir die Möglichkeiten des Kinos im Tonbereich ausnutzen.“Bei der Recherche trafen die Autoren auf ein blindes Paar – sie Rehabilitationslehrerin für frisch Erblindete, er Richter – und erfuhren viel über die alltäglichen „Tricks“. So lassen sich Blinde in einem Restaurant erklären, in welchem Uhrzeigersinn das Essen liegt (Erbsen sind da übrigens tabu, weil sie immer herumkullern). Bei Büchels märchenhaftem Liebesfilm mit deutlicher Assoziation an die Bildkraft Emir Kusturicas ging es Büchel vor allem um Glaubwürdigkeit, nicht um Logik. „Die Wahrscheinlichkeit liegt nicht bei Null, aber ist nicht sehr hoch. Man muss eine in sich geschlossene Welt schaffen. Wenn sich die Emotionen vermitteln, entfaltet der Film eine große Sogwirkung. Kritiker, die die Geschichte intellektuell betrachten, werden vielleicht weniger damit anfangen können.“ Eine Herausforderung bedeutete für ihn die „Darstellung von Blindheit, die visuelle Wahrnehmung von Blinden“. Am Anfang stellte er sich Lichtwellen vor, die immer dann auftauchten, wenn Gefühle aufkamen; dann aber entschied er sich dafür, „ein Geheimnis zu lassen“. Büchel: „Sonst wird der Zuschauer griesgrämig. Auch in Schlichtheit und Einfachheit kann eine Größe liegen.“ Eine eigene Filmhandschrift will er sich noch nicht zubilligen: „Da muss ich noch ein paar Filme mehr machen. Ich versuche, ungewöhnliche Geschichten möglichst hochemotional zu erzählen, mit allem, was mir das Kino zur Verfügung stellt, und das sind Bilder und Töne.“ Büchel lobt die Zusammenarbeit mit den Produzenten Hanno Huth und Ralf Zimmermann, die ihm vertrauten und den Film großzügig ausstatteten. Zwar „hellte sich Huths Gesicht nicht gerade auf, als ich den Isländer Hilmir Snaer Gudnason für die Hauptrolle vorschlug, aber er machte mit“. Um so mehr traf Büchel das Hin und Her um die avisierte Präsenz des Films im „Berlinale“- Wettbewerb. Die Vorstellung, seinen Film auf einem A-Festival zu zeigen, elektrisierte ihn – doch die Freude dauerte nur kurz. „Erbsen auf halb 6“ sollte nach dem Willen von Festival-Chef Kosslick als Abschlussfilm laufen; das aber wollte der Produzent nicht, und da es zu keiner Einigung kam, wurde der Film zurückgezogen. Pikant daran: Fatih Akins „Gegen die Wand“, der zuvor eine Absage für den Wettbewerb erhalten hatte und daraufhin in der Sektion „Panorama“ laufen sollte, landete so doch noch im Wettbewerb, und zwar nicht als Abschlussfilm, sondern auf einem besseren Termin, weil ein britischer Beitrag herausgefallen sein soll. Büchel: „Es wird lange dauern, bis ich darüber hinweg bin.“ Die Teilnahme an der „Berlinale“ hätte Türen für sein nächstes Projekt geöffnet und internationale Aufmerksamkeit auf die wunderbaren Hauptdarstellerin Fritzi Haberlandt gelenkt. In Zukunft kann sich Büchel vorstellen, nicht nur als Regisseur und Autor, sondern auch als Co-Produzent zu arbeiten, zumal er auf Erfahrungen als Werbefilmproduzent zurückgreifen kann. Allerdings stehe nicht der Produzentengedanke an erster Stelle, sondern stets die Geschichte. Sein Ziel, einen „anspruchsvollen Publikumsfilm“ zu schaffen, „der berührt und unter die Haut geht“, hat er jedenfalls erreicht. |