Für ihre Rolle als Prostituierte in „Monster“ erhielt Charlize Theron u.a. den „Oscar“ und den „Silbernen Bären“ in Berlin. Die gebürtige Südafrikanerin, bekannt durch Filme wie „Gottes Werk und Teufels Beitrag“, „Die Legende von Bagger Vance“ und „The Italian Job“, spielt mit Mut zur Hässlichkeit die von den US-Medien zur ersten weiblichen Serienkillerin hoch stilisierten Frau, die 2002 in Florida hingerichtet wurde. Was bedeutet Ihnen der „Oscar“? Theron: Eine große Ehre. Jede Schauspielerin träumt davon. Man lernt sehr schnell in diesem Geschäft, dass es drei Dinge gibt, worüber man keine Kontrolle hat – gute Kritiken, 100 Mio. Dollar Box-Office und renommierte Preise. Deshalb darf man sich nie mit Halbheiten zufrieden geben, muss immer das Letzte geben. Was interessierte Sie an „Monster“? Theron: Jahre habe ich auf so eine Rolle gewartet. In Hollywood pflegt man diesen „Heilige oder Hure“-Komplex. Einmal in der Blondinen-Ecke gelandet, ist es schwierig, da herauszukommen. Männer dürfen gebrochene Charaktere spielen und innere Konflikte austragen, Frauenfiguren sind dagegen selten ambivalent. Eine der wenigen Ausnahmen ist vielleicht Jodie Foster in „Angeklagt“. Solche vielschichtigen Parts werden bevorzugt Robert De Niro, Dustin Hoffman oder Jack Nicholson auf den Leib geschrieben. Es herrschte schon Aufregung, als meine Filmfigur in „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ eine Affäre hatte. Frauen sollen nett sein, damit der Zuschauer sie mag. Dabei faszinieren doch gerade die dunklen Seiten, das Abgründige im Menschen. Für die Rolle in „Monster“ wäre ich über glühende Kohlen gelaufen. Sie haben Mut zur Hässlichkeit bewiesen, was nicht alltäglich ist Hollywood. Theron: Es ging ja nicht um mich. Schauspieler müssen durch ihre differenzierte Darstellung Geschichten erzählen, dazu gehören Glaubwürdigkeit und der Wille, sich auch körperlich zu verwandeln. Ich wusste vorher nicht, wie ich aussehen würde. Regisseurin Patty Jenkins und ich haben ein großes Risiko auf uns genommen. Hatten Sie Kontakt zu Aileen Wuornos? Theron: Patty Jenkins hat mit ihr korrespondiert. Eigentlich wollten wir sie treffen, aber nach der Ablehnung ihres Gnadengesuchs hätte ich es moralisch verwerflich gefunden, sie in der Todeszelle zu besuchen und auszufragen. In den ihr verbleibenden letzten Tagen brauchte sie jemanden, der ihr nahe stand, keine neugierige Fremde. Es war schon ein großer Vertrauensbeweis, dass sie uns überhaupt erlaubte, die sehr persönlichen, an eine Freundin gerichteten Briefe zu lesen. Wie haben Sie sich vorbereitet? Theron: Ich hatte vorher noch nie eine reale Person dargestellt und spürte eine größere Verantwortung. Ich habe sehr viele Dokumentationen über sie gesehen und mir nichts ausgedacht, sondern mich an der Wirklichkeit orientiert. Um diese Frau zu verstehen, musste ich mich ihrer Seele annähern und ihren Emotionen, nicht nur ihre Mimik und Manierismen übernehmen. Es ging um sehr viel mehr als nur um Sprachmuster und Körperhaltung. Wenn man die Psychologie außer Acht lässt, bleibt nur eine billige Imitation, eine Karikatur. Wie sie ihre Haare zurückwirft oder den Kopf, das sollte nicht cool sein, sondern diente dazu, sie größer und durchsetzungsstärker wirken zu lassen. Sie lebte schließlich auf der Straße, als zartes, kleines Ding geht man da schnell unter. Sie ist eine Kämpferin, die überleben will. Die Zeitungen machten aus ihr eine männermordende Lesbierin. Theron: Dieser Aspekt wurde wahnsinnig aufgeblasen und als Grund für die Tötung von sieben Männern angegeben, eine ziemlich eindimensionale Erklärung. Der Titel „Monster“ soll zeigen, wie schnell wir mit einem Etikett bei der Hand sind. Aileen wurde von ihren Eltern mit sechs Monaten abgegeben, als 13-jährige vergewaltigt. Sie war keine Männerhasserin, sondern ein zutiefst verzweifelter Mensch, der nach Liebe suchte. An einem Punkt des Lebens ist es egal, wer uns die nötige Zuneigung schenkt. Sie ist auch keine von Grund auf schlechte Person, sondern überschritt in einem bestimmten Moment eine Grenze und fällte eine falsche moralische Entscheidung. Deshalb fühlte sie sich auch schuldig. Gab es Reaktionen von Familien der ermordeten Männer? Theron: Bisher noch nicht. Die Namen der Opfer wurden geändert, auch die Chronologie der Morde. Wir wollten niemanden verletzen und Respekt gegenüber den Angehörigen bekunden. Betrachten Sie „Monster“ als Plädoyer gegen die Todesstrafe? Theron: Ich bin total dagegen, halte sie für ineffektiv, unmoralisch und barbarisch. Staaten mit Todesstrafe haben eine sehr hohe Kriminalitätsrate. Was ist das für eine Zivilisation, die nach dem Racheprinzip funktioniert? Du hast jemanden umgebracht, also haben wir das Recht, dich von Staats wegen umzubringen. Mord rechtfertigt keinen neuen Mord. Es muss mehr Optionen geben. Die Todesstrafe wird auch von Politikern missbraucht, sich in bestimmten konservativen Kreise zu profilieren. Wie lief die Zusammenarbeit mit Patty Jenskins? Theron: Sie ist eine ausgezeichnete Regisseurin. In den vergangenen Jahren haben talentierte Frauen mit eigener filmischer Handschrift aufgeholt, ich denke da an Sofia Coppola, Karyn Kusama oder Niki Caro. Diese Generation lässt sich nicht mehr von den Studiobossen einschüchtern oder klein halten, schon mal gar nicht auf das „typisch Weibliche“ reduzieren. Sie erzählen universelle Geschichten. Wir sollten Abschied nehmen von der Vorstellung, Regisseurinnen seien für gute Frauengeschichten prädestiniert. Denken Sie an Ang Lee. Patty schlug mir das Projekt vor und hat mir den Glauben daran wiedergegeben, dass Filmemacher eine Vision verfolgen und Schauspieler einschätzen können. Als Produzentin können Sie doch für eigene gute Rollen sorgen. Theron: Dieses Projekt habe ich nicht entwickelt. Seit fünf Jahren fungiere ich als Produzentin und habe Erfahrung in der Entwicklung von Drehbüchern. Einen Film auf den Weg zu bringen, ist befriedigend. Ich will mich jedoch nicht in einem Power-Trip verlieren. Als Schauspielerin weiß ich, was ich an einem Produzenten schätze, nämlich Freiheit lassen, Kreativität wecken. Ich will niemanden, der mich manipuliert. Beim Film kommt es auf die Zusammenarbeit an; die Chemie zwischen allen Beteiligten entsteht nicht unter Druck. Ich möchte eine gute Produzentin sein, die ihre Macht zur Unterstützung des gesamten Projekts einsetzt. |