In seinem zweiten abendfüllenden Spielfilm nach „Ganz und Gar“ erzählt der 27-jährige Marco Kreuzpaintner einfühlsam von der ersten großen Liebe und den Schwierigkeiten eines homosexuellen „Coming Out“. „Sommersturm“ ist eine leichtfüßige Tragikomödie eines jungen Mannes auf der Suche nach sexueller Orientierung, eine gelungene Mischung zwischen Ernsthaftigkeit und Unterhaltung. Inwieweit ist „Sommersturm“ autobiografisch? Kreuzpaintner: Das Thema ist natürlich sehr nahe an mir dran. Ich habe viel verändert und überhöht, aber im Prinzip gibt es Parallelen zu meinen eigenen Erfahrungen. Eine neue Situation für mich. Das birgt auf der einen Seite viele Fallen, auf der anderen wird man zum Berserker. Es ist etwas anderes, den eigenen Stoff zu inszenieren, als einen Fremdstoff. Haben Sie einen Hang zu heiklen Themen? Kreuzpaintner: Ich empfinde das Thema nicht als heikel. Ich erzähle von der ersten schmerzhaften Liebe. Dabei ist es nebensächlich, ob es nun zwei Jungen oder ein Mädchen und ein Junge sind. Ich will unterhalten. Auch diejenigen, die sich nicht mit Jungen- oder Mädchenliebe beschäftigen, sollte einen Zugang finden und berührt sein. Wir dürfen auf keinen Fall den Unterhaltungsfilm aufgeben. „The Day After Tomorrow“ erreicht vielleicht politisch mehr, weil er ein breites Publikum anspricht und nicht nur Feuilletonleser. Das heißt im Rückschluss aber nicht, den Zuschauer zu unterschätzen. Das Publikum ist nicht blöd. Ging Ihnen der zweite Spielfilm leichter von der Hand als der erste? Kreuzpaintner: Im Gegenteil. Die Dreharbeiten waren mit „Ganz und Gar“ nicht vergleichbar. Von 36 Drehtagen waren an mindestens 32 alle 18 Schauspieler da, Profis wie Newcomer. Das verlangte sehr viel Konsequenz in der Ökonomie der Regieführung. Wenn die im Kreis sitzen und sich der eine mit dem anderen unterhält, dann muss man jede Szene doppelt und dreifach drehen, weil man alles aus allen Achsen haben muss. Das war mir im Vorfeld nicht bewusst. Da kam mir die sanfte Handkamera sehr entgegen. In der Vorbereitungszeit schwitzten wir bei 45 Grad im Büro, doch ab dem ersten Drehtag wurde das Wetter schlecht, obwohl wir fast nur draußen drehten. Das war Horror. Wie sind Sie mit den Schauspielern umgegangen? Kreuzpaintner: Ich bin kein autoritärer Typ, sondern versuche, ihnen möglichst viel Nähe zu geben, damit sie sich öffnen. Sehr wichtig ist das bei jungen Schauspielern. Robert Stadlober braucht einfach eine persönliche Beziehung zu seinem Regisseur. Aber man kann natürlich nicht achtzehn Leute frei improvisieren lassen, das gibt Chaos. Einige fingen schon an, ihre Kräfte zu messen oder mit ihrer sexuellen Identität zu spielen. Alles junge Platzhirsche, die versuchen, sich ihren Raum zu nehmen. Das sind lauter kleine Blutsauger. Abends fühlte ich mich oft leer gepumpt und tröstete mich mit den Mustern oder einer neuen Schnittfassung. Haben Sie Testvorführungen gemacht? Kreuzpaintner: Mit ganz normalem Laufpublikum von der Straße. Am Ende, als Robert sagt, ,darf ich kein Mädchen küssen, nur weil ich schwul bin’, gab es Riesenapplaus. Warum haben Sie nicht mit Ihrer Firma Filmmanufaktur co-produziert? Kreuzpaintner: Bei meinem Kurzfilm „Der Atemkünstler“ bin ich finanziell so auf die Schnauze gefallen, dass ich lieber die Finger davon lasse. Ich möchte mich auch nicht davon abhängig machen, eine Firma am Laufen zu halten und gleichzeitig für das Erzählerische und Inhaltliche verantwortlich zu sein. Das ist ein schwer zu bewerkstelligender Spagat. Sind junge Filmemacher politisch engagiert oder eher Einzelkämpfer? Kreuzpaintner: Ich bin im Regieverband, aber bisher noch nicht so wirklich aktiv gewesen, weil man als Nachwuchsfilmer schnell zu hören bekommt, dass man erst noch was leisten muss. Das heißt aber nicht, dass ich den Mund nicht aufmache. Es gibt viele Felder, auf denen man sich engagieren sollte – beispielsweise der Deutschen Filmakademie. Ich fände es gut, wenn dort auch Filmkritiker oder Schauspieler- Agenten Mitglieder sein dürften. Oder die Filmfonds, mit denen der deutsche Steuerzahler milliardenweise amerikanische Produktionen indirekt mitsubventioniert: ein filmpolitischer Skandal. Wir machen auch den Fehler, den Alexander Kluge schon in den 1970er-Jahren bemerkte, dass wir beim Fernsehen nur als Bittsteller auftreten. Wir haben es versäumt, zu sagen, dass das Fernsehen wir alle sind. Die öffentlich-rechtlichen Anstalten haben einen Auftrag zu erfüllen. Es geht immer nur ums Geld. Stattdessen sollte man mal wirkliche Forderungen formulieren. Was sollen Produzenten tun? Ohne Fernsehgelder gibt es keine Kinofilme. Kreuzpaintner: Die Produzenten treten als Bittsteller auf, damit sie ihre Auftragsproduktionen ins Trockene bekommen. Wirklich mitzugestalten, sind nur die wenigsten bereit. Das ist eine politische Aufgabe, der ich mich in Zukunft gerne stellen würde, auch mit jüngeren Kollegen. Es kann doch nicht sein, dass wir immer nur die Hand aufhalten und uns von einem Projekt zum nächsten hangeln. Wir sind doch angetreten, etwas zu schaffen und auch zu hinterlassen. Den jungen Regisseuren geht es nicht nur darum, im Feuilleton gut wegzukommen. Diese Zeiten sind vorbei. In der heutigen labilen Weltsituation kann es nicht sein, dass wir zynische Produkte für ein imaginäres Publikum schaffen. Wir tragen Verantwortung. |