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Das Mysterium des Lebens: Passagen durch die Filme von Rudolf ThomeDruckversion
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I.
Meinen ersten Rudolf-Thome-Film sah ich b1981. Im selben Kino waren in den Wochen zuvor als Wiederaufführungen „Scarface“ von Howard Hawks und „Außer Atem“ von Godard gezeigt worden. Jetzt lief, so dachten wir, ein Film über die Berliner Hausbesetzerszene an: „Berlin Chamissoplatz“. Darin spielte Hanns Zischler, den man bereits aus „Im Lauf der Zeit“ kannte, einen 40-jährigen Architekten, der sich in eine 20-jährige Studentin aus der Besetzerszene verliebt und deshalb der Bürgerinitiative mit ein paar Informationen aushilft. Doch die Studentin Anna hat auch noch einen gleichaltrigen Freund, der eifersüchtig auf den Architekten ist und ihn in der Öffentlichkeit bloßstellt. Am Ende fahren der Architekt und die Studentin für einige Tage nach Italien.

Wir mochten den Film damals überhaupt nicht, insbesondere den verliebten Architekten fanden wir affig. Der gockelte durch den Film, kaufte zum Frühstück „Champagner, Schinken und Parmigiano“ ein, sang langweilige Lieder am Klavier und stieg nachts auf Kreuzberger Dächer, um „Ich liebe dich, Anna!“ auf Häuserwände zu sprühen. Demgegenüber wirkte Annas Freund spießig und kleinkariert, was wir wiederum dem Film übel nahmen. Wenn Anna und der Architekt morgens aufwachten, sagten sie pathetische Sätze wie „Guten Morgen, Geliebte!“, was wirklich „too much“ war. Sicher waren wir nicht das ideale Publikum für „Berlin Chamissoplatz“; später las ich, dass der Film seinerzeit auch beim Filmfest in Hof ausgelacht wurde. Kurz darauf aber galt der Film, angefangen von seinem grandiosen Schwenk über die Dächer von Berlin-Kreuzberg, dem Filmkritiker Hans C. Blumenberg bereits als ein erster Klassiker des Neuen deutschen Films der 1980er-Jahre. Viel sollte darauf ohnehin nicht mehr folgen. Sieht man den Film heute wieder, dann wirkt Hanns Zischler mit seinem weißen Anzug und seinem Life Style gar nicht mehr outriert, vielmehr scheinen die Muffigkeit und der Jargon der Studenten und Anwohner des Chamissoplatzes unendlich weit entfernt.

Einmal gehen Martin und Anna ins Kino und sehen Rivettes „Celine und Julie fahren Boot“. Dabei schläft Martin ein, während Anna gebannt auf die Leinwand schaut und zu weinen beginnt. Ich meine mich an eine Anzeige zu erinnern, die mit genau diesem Bild für „Berlin Chamissoplatz“ warb. Dazu der Satz, unvergesslich: „Im Kino schlafen bedeutet, dem Film zu vertrauen.“ An der Kinokasse gab es eine Filmzeitung zu kaufen: „Filme“, die in Berlin erschien und Thome als Autor hatte gewinnen können. In der ersten Ausgabe von „Filme“ erschien der erste Teil seines Textes „Überleben in den Niederlagen. Gedanken zum Filmemachen in der Bundesrepublik Deutschland“. Darin erzählt Thome anekdotenreich von seinen Anfängen als Filmkritiker für den „Bonner General-Anzeiger“, vom Umzug nach München, wo er sich einer Gruppe junger Filmenthusiasten um Eckhard Schmidt, Klaus Lemke und Max Zihlmann anschloss. Wie die erklärten Vorbilder der Nouvelle Vague schrieb man Filmkritiken – für die „Süddeutsche Zeitung“, die Zeitschrift „Film“ oder die „Filmkritik“ – und wollte selbst Filme drehen. Thome schreibt über seinen ersten Film „Die Versöhnung“ (1964): „Vorher sahen noch Michel Delahaye von den ,Cahiers du Cinéma’, den wir in einer Vorführung eines Kurzfilms von Roland Klick aufgegabelt hatten, und Jean-Marie Straub unseren Film. Wir waren entsetzlich gespannt, was Delahaye dazu sagen würde. Aber der sagte nichts, als die Vorführung fertig war. Dafür sagte Straub: ,C’est un film très bon.‘ Wir wußten das damals noch nicht zu schätzen. Aber von da an war Straub unser Freund und Berater in all den vielen kritischen Situationen, die noch kommen sollten. [...] (W)ir machten [...] ein gemeinsames Flugblatt, so eine Art neues Oberhausener Manifest. Das natürlich gegen die etablierten Oberhausener gerichtet war, gegen deren Forderung nach einem gesellschaftlich relevanten Film, in dem wir nur einen modischen Aufguß des alten deutschen Problemfilms der fünfziger Jahre sahen. Wir wollten ein Kino, das so aussah wie die Filme von Hawks und von Godard. Ein Kino, das Spaß macht. Ein Kino, das einfach war und radikal.“

Solche Sätze machten neugierig, zumal die Filme nirgends zu sehen waren. Erstaunt las man, dass dieser Traum vom Genrefilm nur vier Kurzfilme und vier Spielfilme dauerte – „Detektive“, „Rote Sonne“, „Supergirl“ und „Fremde Stadt“ –, dann war Thome pleite, floh vor seinen Gläubigern nach Berlin und fand als Filmkritiker beim „Tagesspiegel“, beim Stadtmagazin „Hobo“ und etwas später im Team des Kinos „Arsenal“ neue Arbeit.

II.
Es gibt Filme, in denen spielen Stars. Es gibt Filme, da teilt man sich die Handlung mit. Unbeteiligt. Es gibt Filme, da erzählt man sich einzelne Szenen, schmunzelt über Regieeinfälle oder das Spiel der Schauspieler. Und es gibt Filme, großes Kino, da erinnert man sich schwärmerisch an einzelne Sätze, die die Figuren sagen, oder an Gesten. Oder an Marquard Bohm in „Rote Sonne“, der auf die Frage, was sein Hotelzimmer kostet, mit unnachahmlicher Coolness antwortet: „Du, viel Geld!“

Thomas (Marquard Bohm) ist nach München getrampt, um Peggy (Uschi Obermeier) zu fragen, ob sie mit ihm leben möchte. Doch Peggy lebt mittlerweile in einer Frauen-WG, die zwar Kontakte zu Männern pflegt, diese aber nach fünf Tagen umbringt, um keine Komplikationen oder Gefühle aufkommen zu lassen. Schließlich haben die Männer „es“ verdient. Thomas darf einziehen, aber damit sind seine Tage gezählt. Die Frauen töten die Männer, basteln Bomben, deren Zutaten sie in der Apotheke gekauft haben. Beim Hantieren mit den Waffen, wenn die gebastelte Bombe tatsächlich explodiert, sind sie wie Kinder, die ein Spiel spielen. Sieht man „Rote Sonne“ heute (z.B. am Vorabend einer umstrittenen Ausstellung zum „Mythos RAF“ oder nach Christopher Roths „Baader“), stellt sich bei diesen Bildern eine gewisse Beklommenheit ein.

Thomas ist die Art von Typ, der als Tramper bei einer Fahrt von Hamburg nach München durchschläft, dem es aber trotzdem gelingt, den verärgerten Fahrer danach noch zu einem Umweg direkt zur Szene-Diskothek zu überreden. Mit Erfolg! Anschließend versucht er, seinen genervten Chauffeur auch noch anzupumpen. Ohne Erfolg. Wie er selbst sagt, ist er „für die Wildnis geschaffen“, in der Zivilisation sei er „aufgeschmissen“. Seine Antwort auf die berechtigte Frage, warum er denn nicht in der Wildnis lebe, ist bezeichnend: „Ich kann nicht allein sein.“ Arbeiten kann er auch nicht, weil sich dies meistens nicht mit seinem Biorhythmus verträgt. So liegt oder steht er herum und beansprucht die Aufmerksamkeit der Umwelt, obwohl sie ihn meist langweilt. Mit seinen knappen Statements mogelt sich Marquard Bohm durch den Film: Immer trägt er denselben Anzug, der langsam am Körper zerfällt. Wenn er tanzt, dann mit sparsamstem Körpereinsatz. Bohms Rollenverständnis in „Rote Sonne“ ist einzigartig – Understatement ist ein viel zu großer Begriff dafür. Er selbst sagt sich „so einen gewissen kaputten Charme, dem keiner widerstehen kann“ nach. Ein Kollege fand hierfür das treffende Wort: Nonchalance. Thomas nennt Peggy seine Vorstellung(en) vom Glück: „Laß uns nach Marokko reisen! Dort scheint die Sonne. Sie macht uns schön und glücklich und zu besseren Menschen.“ Oder: „Wir mieten ein Appartement. Ich seh’ die Problematik nicht!“

Die Miniröcke sind wirklich mini, in den Wohnungen dominiert eine ausgeblichene Buntheit. Neben dem „Adagio“ von Tommaso Albinoni stammt die Musik in „Rote Sonne“ von The Nice und den Small Faces. Das ist nicht die Musik, die man in einem „hippen“ Film des Jahres 1969 vermuten würde, aber es ist wahrscheinlich die Musik, die damals wirklich gehört wurde – in Deutschland. So bringt es Steve Marriott auf den Punkt, wenn er „Love is all around me“ singt, während die Frauen schon einen Schritt weiter sind. Thome hat erzählt, dass „Rote Sonne“ von Godard, vom „Schwanz ab“-Manifest der SDS-Frauen und von Valerie Solanas’ „SCUM“ („Society for Cutting Up Men“) beeinflusst wurde.

Es ist eine seltsame und fremde Welt, die „Rote Sonne“ zeigt. Die Morde sind genauso spektakulär wie der Lebensstil dieser WG, in der jede/r „mal hier, mal dort“ schläft. Die Pistolen haben Schalldämpfer; es fließt kein Blut. Dadurch bekommt die leicht frivole Handlung etwas Spielerisches, was noch dadurch verstärkt wird, dass die Morde zwar in aller Öffentlichkeit geschehen, die Passanten aber darauf reagieren, als sei dies die selbstverständlichste Sache der Welt. Vielleicht leben die Frauen tatsächlich in einer anderen, parallelen Welt? Die Begegnungen mit der Normalität sind schmerzhaft. Als der eitle Nachwuchsdichter sein letztes „Plop!“ hört, fällt er getroffen um, fragt aber noch: „Was soll der Unsinn?“

In „Rote Sonne“ ist alles „bigger than life“; die ausgestellte Künstlichkeit wird durch die unübersehbare Nachsynchronisation noch verstärkt. In einer seiner schönsten Filmkritiken schrieb Wim Wenders: „In der Roten Sonne reden die Leute dauernd so, als ginge sie der Fortlauf des Films nichts an. Sie reden unverfroren in ihrer jeweiligen Situation. (...) Sie wissen noch nicht, wie es weitergeht.“ Ganz großes Kino ist denn auch der blutige Showdown am Starnberger See, illuminiert von der titelgebenden roten Sonne. In den Kinos fiel „Rote Sonne“ damals kaum auf, zumal die Verleihfirma in dem Moment Pleite ging, als der Film gestartet wurde. In den folgenden Jahren kam er immer mal wieder in die Kinos, und plötzlich, Mitte der 1970er-Jahre, hieß es, „Rote Sonne“ sei einer der besten deutschen Filme seit Beginn der Tonfilmzeit! Als Thome den Film 1994 mit einer neuen Kopie in die Kinos brachte, gab es eine umfangreiche Materialsammlung als Presseheft, in dem man verfolgen konnte, wie der Ruhm des Films von Jahr zu Jahr wuchs.

III.
Früh hat Thome davon gesprochen, dass er Dokumentarfilme über Schauspieler drehe, die Szenen aus einem Drehbuch spielen. Nach „Fremde Stadt“, nach dem Umzug nach Berlin und der Trennung von seinem Drehbuchautor Max Zihlmann gab es eine Zäsur in seinem Werk: „Ich habe in den Filmen vorher versucht, die Leute zu unterhalten. Ich wollte eigentlich, daß sie Spaß haben, daß es ihnen gut geht, daß sie was kriegen für ihr Eintrittsgeld. [...] Aber dann war ich enttäuscht, [...] weil es nicht geklappt hat. [...] Und da habe ich dann gesagt, ich will ab jetzt radikalere Filme machen, persönlichere Filme. Nur das, was mich angeht, davon verstehe ich etwas.“ (1) Was dabei herauskam: „Made in Germany & USA“ (1974) und „Tagebuch“, spröde, anstrengende, erschreckende, enervierende Beobachtungen von den Mühen des Alltags mit endlosen, fast immer ausweglosen Beziehungsgesprächen. Wenn man die Filme heute sieht, denkt man: So grausig, hässlich, desorientiert waren also die 1970er-Jahre. Siegfried Schober schrieb im „Spiegel“ zu „Tagebuch“: „Die totale spitzweghafte Reprivatisierung eines großen Teils der 30-Jährigen, die Thomes Film deprimierend wie kein anderer dokumentiert, ist offensichtlich das Ergebnis einer großen Ermüdung und Resignation, wo nur Kraft bleibt und Kraft geschöpft wird in Ehe- und Partnerquerelen.“ (2)

Andererseits beginnt „Made in Germany & USA“ jedoch denkbar radikal. Ein Mann spielt Flöte, während die Darsteller den Filmtitel und die Produktionsfirma auf eine Tafel schreiben. Später, in den USA, gibt es lange Fahrten, die an Filme von Matthias Weiss, Wim Wenders oder Gerhard Theuring erinnern. „Tagebuch“ ist – wie später noch einmal „Tarot“ (1986) – eine Adaption von Goethes „Wahlverwandtschaften“ und beginnt mit einem Schwenk über die Dächer von Berlin. Wer etwas über die Veränderungen des Lebensstils in Deutschland erfahren will, kann mit den beiden „improvisierten, dokumentarischen Spielfilmen“ (Thome) beginnen und sich dann über „Tarot“ bis zu den geselligen Ausflügen in die Uckermark oder die Mecklenburgische Seenplatte in „Das Geheimnis“ (1994) oder „venus.de – Die bewegte Frau“ (2000) vorarbeiten, wo Feste gefeiert werden und ausgiebig getanzt und getrunken wird. Mit „Frau fährt, Mann schläft“ (2004) ist Thome nun ins Zentrum Berlins, das längst nicht mehr Kreuzberg, aber auch nicht mehr Charlottenburg heißt, zurückgekehrt.

IV.
Noch einmal zurück zu „Berlin Chamissoplatz“. Im Presseheft erzählte Thome davon, wie sehr ihn beim Schreiben des Drehbuchs Rossellinis „Viaggio in Italia“ inspiriert habe, eine Liebesgeschichte „in einer ganz präzisen Umgebung, in einer ganz präzisen Situation“ zu erzählen. Letztlich sollte „jedoch nichts anderes wichtig (sein), als die Liebesgeschichte“ (3). Diese Haltung musste im soziologischen Klima der 1970er-Jahre, in denen man im Kino etwas über Entfremdung, Emanzipation, Berufsverbote oder Terrorismus erfahren wollte, geradezu als Provokation erscheinen. Einige Jahre später, 1987, erhielt Thome die Gelegenheit, für die Monografie-Reihe des Hanser Verlags die Filme Roberto Rossellinis zu kommentieren. Er setzte sich direkt in Beziehung zu den Filmen, was, wie er heute sagt, den Herausgebern damals gar nicht gefiel. Bemerkenswert häufig taucht das Wort „ich“ im Text auf. Zu „Paisa“ etwa schreibt Thome: „Rossellini filmt nicht Gedanken, sondern Menschen. Das macht seine Filme für Menschen, die mehr denken als sehen, so schwierig. Denn diese haben die Welt geordnet. Sie wissen, was richtig und falsch, gut und böse, faschistisch und demokratisch, rechts und links ist. Nur: die Wirklichkeit hält sich nicht an die Regeln des Denkens und die von ihnen erzeugte, künstliche Ordnung. Da geht vieles wie Kraut und Rüben durcheinander.“ (4) Diesen Gedanken wird in „Frau fährt, Mann schläft“ der Philosophieprofessor Anton Bogenbauer in seiner Studie „Das Zeitproblem – Gestern, Heute, Morgen“ aufgreifen. Da heißt es: „Wer nicht darauf vertraut, dass die Macht der Phänomene, selbst unermesslich, viel stärker ist als jene kümmerlichen Gebilde, die wir als unsere Begriffe mit uns herum tragen, der hat noch nicht angefangen zu denken. Also Wirkliches zu erfassen, wie es von sich aus ist!“ Ganz selbstverständlich fallen solche Sätze in Thomes Filmen, wo es durchaus nicht ungewöhnlich ist, wenn jemand ein Philosoph ist, dessen erstes Buch, ein schmales Bändchen, den Titel „Die Liebe zur Weisheit. Eine Anleitung zum Denken“ trägt („Der Philosoph“). Nach „Tarot“ dreht Thome seine erste Trilogie: „Formen der Liebe“, bestehend aus „Das Mikroskop“ (1987/88), „Der Philosoph“ (1988) und „7 Frauen“ (1989), was auch ein guter Titel für eine Thome-Monografie wäre. Auf keinen Fall möchte er sich als „Botschafter“ verstanden wissen, aber praktische Handreichungen zum „Überleben in den Niederlagen“ gibt er augenzwinkernd doch, etwa die „gewichtigen“ (Hanns Zischer in „Paradiso“) Bücher des Philosophen Georg Picht, den schönen Jazz von Uli Beckerhoff („Das Geheimnis“) oder Dollar Brand („System ohne Schatten“) und, natürlich, das Kino selbst. Schließlich geht es letztlich immer um das Geheimnis des Universums oder das Mysterium des Lebens. Alles fließt.

V.
Ins Kino. Immer wieder. „In dieser Zeit lernte ich Karin Brandner kennen. Sie bat mich, ihre Kalkulation für Uwe Brandners ,Ich liebe dich, ich töte dich’ zu überprüfen. Bei einer Privatvorführung von ,Rote Sonne’ hatte sie am Ende des Films Tränen in den Augen. Wir verliebten uns ineinander.“ (5) Eine Geschichte, die aus einem Film von Thome stammen könnte. In „Rote Sonne“ schlägt Peggy dem gelangweilten Thomas vor, ins Kino zu gehen. Der will wissen, was gespielt wird. „Ist doch egal“, antwortet Peggy. Immer wieder gehen die Menschen bei Thome ins Kino, vor der Leinwand geschehen merkwürdige Dinge. In „System ohne Schatten“ (1983) erfährt Dominique Laffin, dass ein Film, in dem sie mitgespielt hat, im Kino läuft. Gemeinsam mit Bruno Ganz sieht sie Jacques Doillons „Die Frau, die weint“, ihr scheint es fast unangenehm, er aber blickt sie staunend und bewundernd an. Doillon, Rivettes „Celine und Julie fahren Boot“, Rohmers „Vollmondnächte“ oder „Herbstgeschichte“: das sind Filme, in die Menschen bei Thome gehen. Über seinen Stil hat er einmal gesagt, seine Filme seien nicht perfekt: Sie „sind voller Makel und Einschüsse, voller Fremdkörper, um die der Film herumgegangen ist und die jetzt zu ihm gehören“. (6) So erlebt man in „System ohne Schatten“ einen langen Auftritt von Laurie Anderson; in den sommerlichen Reigen von „Paradiso“ (1999) mischen sich Fernsehbilder vom Jugoslawien-Krieg, wobei das schon fast zu spektakulär, zu forciert daherkommt.

Eher erzählen Thomes Bilder von Straßen und Plätzen in München und Berlin, von Landschaften wie dem Starnberger See oder derjenigen Mecklenburg-Vorpommerns, vom Alltag, von Kleidung, Inneneinrichtungen oder Autos. Man vergleiche den Umgang mit Computern und Telefonen in „System ohne Schatten“, „Paradiso“ und „Frau fährt, Mann schläft“. Thomes Filme bieten reichlich Material zur Entwicklung von Habitus im Bourdieuschen Sinne zwischen 1964 und heute. Gerade, weil Thome dazu neigt, seine Themen leicht variiert, wie in einem Versuchsaufbau erneut aufzugreifen – „Der Philosoph“ ist ein Remake von „Rote Sonne“ unter den Bedingungen von 1988 –, und weil er immer wieder auf seine „Stock Company“ von Darstellern wie Hanns Zischler, Adriana Altaras, Marquard Bohm, Johannes Herschmann, Hannelore Elsner sowie die Kinder Joya und Nicolai Thome zurückgreift, kann man im Kino erfahren, wie die Zeit und das Leben vergehen. 1977 schrieb Thome in der „Filmkritik“ über sein Projekt eines „ethnografischen Spielfilms“: „Der Filmemacher [...] arbeitet nicht nach einem fertigen, in sich abgeschlossenen Modell (wie es ein Drehbuch darstellt), sondern setzt einen Prozeß in Gang, dessen Wesen es ist, das, was gemacht werden soll, zu suchen, in dem Modell und Gestalt zusammenfallen, in dem [...] Inhalt und Form eins werden. [...] Diese Art des Filmemachens verfährt analog zur Wissenschaft. Wie jene will der Filmemacher etwas herausfinden, was er vorher nicht wußte. Diese Art des Filmens ist ein Abenteuer, eine Forschungsreise ins Unbekannte (es spielt dabei natürlich keine Rolle, wo der Film gedreht wird).“ (7)

VI.
„Wenn ich mal keinen Film mehr machen kann, dann übersetze ich Salinger noch mal ins Deutsche.“ (8) Am 14. November 2004 feierte Rudolf Thome seinen 65. Geburtstag. Zur Zeit produziert er seinen neuen Film „Du hast gesagt, dass du mich liebst“; im Sommer 2005 soll „Rauchzeichen“ folgen.

Zitate:
(1) Friedrich Geyrhofer, Filmen in der Südsee. In: Kinemathek #66. November 1983, 96. (2) Robert Fischer/Joe Hembus, Der Neue deutsche Film 1960–1980. München 1981. (3) Presseheft zu „Berlin Chamissoplatz“. (4) Rudolf Thome, Roberto Rossellini. Kommentierte Filmografie. München, Wien 1987, 125. (5) Rudolf Thome, Überleben in den Niederlagen. In: Filme 1/1980, 23. (6) Presseheft zu „System ohne Schatten“. (7) Thome, Beschreibung einer Insel. In: Filmkritik 5/1977, 229. (8) Presseheft „venus.de – Die bewegte Frau“.

Ulrich Kriest
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