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Clint Eastwoods „Million Dollar Baby“ als Objekt der Euthanasie-DebatteDruckversion
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Wie Kritiker mit Filmen umgehen, ist nicht nur eine Frage ihrer Filmbildung und ihres Respekts vor dem Leser, sondern auch ihres Temperaments und Verantwortungsgefühls. Die meisten Filme stellen kaum eine Herausforderung dar, sich als Rezensent zu elemen­taren Überzeugungen zu bekennen, seien sie gesellschaftlicher oder weltanschaulicher Natur. Die Filme sind schlechthin zu oberflächlich oder ihre Macher zu wenig engagiert, um eine Auseinandersetzung mit den Inhalten herauszufordern. Hin und wieder aber begegnet man einem Film – und das sind die berühmten Stern­stunden, um derentwillen wir alle so viel Mittelmäßigkeit über uns ergehen lassen –, der in gedankliche Tiefen führt, denen man sich nicht entziehen kann und die einen nicht mehr loslassen. Clint Eastwoods „Million Dollar Baby“ (Kritik in dieser Ausgabe) ist ein solcher Film. Er erzählt von einer jungen entschlos­senen, zielstrebigen Frau, die dem ungesunden und niederdrückenden Milieu, in dem sie aufgewachsen ist, entkommen will. Sie sieht ihre einzige Hoffnung darin, sich durch den Boxsport eine Karriere zu erkämpfen und sich von den Fesseln ihrer Vergangenheit zu befreien. Dabei geht sie keine Kompromisse ein: Nur der beste aller Trainer ist gut genug, ihr zu helfen. Die Ausdauer und Zähigkeit, die sie an den Tag legt, um diesen Mann – der ihr Vater sein könnte – dazu zu bewegen, von seinem Prinzip abzuweichen, keine Frauen zu trainieren, beschreibt ihren Charakter umfassender, als jede detaillierte Lebensgeschichte es tun könnte.

Ein Kritiker-Dilemma

Ein Film über eine starke Frau also, ein Film über den Boxsport – das ist der Eindruck, den die Werbung und die Kritiken vermitteln. Doch das ist nur die halbe Wahrheit über Eastwoods bemerkenswertes Alterswerk. In Amerika haben die meisten Rezensenten den entschei­den­den Rest, der erst die volle Dimension der Geschichte enthüllt, verschwiegen. Einige wenige Kritiker sind der Herausforderung nicht ausgewichen, haben ihre Leser aber vorgewarnt, dass sie damit gleichzeitig eine überraschende Wende der Story preisgeben müssten. Es ist das uralte Dilemma, dem sich jeder Kritiker immer wieder stellen muss, ob und wie weit er nämlich dem Publikum den Ausgang eines Films verraten darf. Nun geht es bei „Million Dollar Baby“ nicht nur um Spannung und emotionale Anteilnahme. Es geht um den Kern der Geschichte, der sich erst im letzten Drittel enthüllt und der dem ganzen Film ein völlig anderes Gewicht verleiht. Das Dilemma, vor dem der Kritiker in einem solchen Fall steht, ist viel gravierender als bei einem Suspense-Movie. Ohne den Schluss zu verraten, lässt sich über „Million Dollar Baby“ im Grunde überhaupt nicht schreiben. Auf die Ereignisse der letzten Szenen läuft die gesamte Handlung hinaus. Ohne sie wäre es ein anderer Film: ein Film mit weniger Substanz, ohne das Potenzial zur kontroversen Diskussion grundsätzlicher ethischer Fragen, die bei jeder nachträglichen Reflexion über die erzählte Geschichte unweigerlich im Mittelpunkt stehen. Weil das aufgeworfene Thema, das die Kritiker nicht angerührt haben, weltanschaulich ein heißes Eisen ist, war vorauszusehen, dass sich die Gegner des Films rasch formieren würden. Sie scheren sich den Teufel darum, dass sie dem Kinopublikum die unvorbelastete Reaktion auf das Geschehen rauben. Unter dem Mantel der moralischen Entrüstung posaunen konservative Radio-Kommentatoren und durch Amerikas Rechtsruck von ihrem Liberalismus konvertierte Kritiker in die Öffentlichkeit hinaus, was Eastwood, der Verleih und respektvollere Rezensenten verschwiegen haben. Nun lässt es sich nicht mehr vermeiden, darüber zu reden. „Million Dollar Baby“ ist politisiert und zum Punching Bag einer um sich greifenden ethischen Diskussion gemacht worden, in der die aufgebrachten Gegner des Films alles tun, um den Film k.o. zu schlagen, bevor er noch mehr Preise und Auszeichnungen einsammeln kann, als er bis jetzt schon hat.

Vorwurf der „Behinderten-Vendetta“

Das Reizwort, das im Zentrum der Debatte steht, heißt Euthanasie. „Dieser Film ist eine sentimentale, melodramatische Attacke gegen behinderte Menschen“, ereifert sich Stephen Drake auf der Webseite einer Aktivistengruppe, die sich „Not Dead Yet“ nennt. Konservative Kritiker wie Michael Medved, Rush Limbaugh und Debbie Schlussel nennen ihn ein „linksgerichtetes Schmähstück“. Eastwood hält dagegen: „Der Film soll den Zuschauer zum Nachdenken bringen über die Unkalkulierbarkeit des Lebens und wie wir mit ihr umgehen.“ Wieder einmal ist es keine Auseinandersetzung mit den Ambitionen des Filmemachers, die sich in den amerikani­schen Medien abspielt, sondern eine Demonstration von Voreingenommenheiten. Schon die Wortwahl von „Millionen-Dollar-Lüge“ bis zu „Behinderten-Vendetta“ zeigt, dass es nicht um Argumentation, sondern um Diffamierung geht. Gewicht haben die Anschuldigungen nur dadurch erhalten, dass sich auch ernstzunehmende Gruppierungen wie die National Spinal Cord Injury Association mit ihnen identifizieren.

Hat man es wirklich mit einem Film zu tun, der Sterbehilfe propagiert, wie es etwa der inzwischen zu langjähriger Haft verurteilte amerikanische Arzt Jack Kevorkian getan hat? Ist es vielleicht sogar angemessen, den beschrie­ben­en Fall mit der Euthanasie-Diskussion über die Praktiken des Dritten Reiches in Verbindung zu bringen? Es lohnt sich, noch einmal Eastwood zu zitieren: „Ich bin kein Verfechter der Euthanasie. Der Film ist die Story eines gigantischen Dilemmas und eines Menschen, der sich diesem Zwiespalt stellen muss. Wie sich der Held des Films entscheidet, ist gewiss anders, als ich mich vermutlich entscheiden würde, wenn ich im Leben in diese Lage käme.“ Es scheint an der Zeit zu sein, daran zu erinnern, was für ein fundamentales Missverständnis es doch ist, anzunehmen, dass sich ein Künstler in jedem Fall mit allen Aspekten einer erzählten Geschichte zu identifizieren habe. Ein ebenso großes Missver­ständ­­nis ist die Erwartung, dass der Zuschau­er angesichts der suggestiven Kraft eines Films oder der „Star Power“ eines Schauspielers wie Clint Eastwood automatisch seine eigene Urteilsfähigkeit verliere, wie einer der Kritiker von „Million Dollar Baby“ unterstellt hat.

Ohne noch mehr Details der Handlung preiszugeben, als durch die entstandene Kontroverse bereits geschehen ist, muss erwähnt werden, dass „Million Dollar Baby“ zahlreiche Hilfestellun­gen bietet, die es dem Zuschauer gestatten, die Ereignisse individuell zu bewerten. Was die Gegner des Films mit der von ihnen an den Tag gelegten Rigorosität behaupten, ist letztlich nichts anderes als die Unmündigkeit des Publikums und die Unzulässigkeit jeder geistigen Provokation durch die Kunst. So verständlich die Sensibilitäten der Betroffenen auch sein mögen und so unbenommen ihr Recht bleiben muss, sich in der Öffentlichkeit zu äußern und vor potenziellen Gefahren zu warnen, so wenig hilfreich ist die Tabuisierung eines Themas wie Euthanasie.

War es zunächst die Welle der Antipathie, von der der Film in den USA aus der Ecke rechtslastiger Kommentatoren und Organisationen überschwemmt wurde, die überraschte, so ist es nun die auffällige Engagiertheit von Verteidigern aus unterschiedlichen weltan­schau­lichen Lagern. Roger Ebert, der Doyen der amerikanischen Filmkritik, sonst wenig geneigt, sich auf tiefschürfende Argumentationen einzulassen, hat sich in der Chicago Sun-Times mit einem ungewöhnlich persönlichen und bekennerischen Artikel zu Wort gemeldet, der mit dem Satz endet: „Was für Filme würden wir haben, wenn alle Personen in ihnen so handeln müssten, wie wir es von ihnen erwarten?“ Patrick Goldstein, regelmäßiger Kolumnist der „Los Angeles Times“, geht mit einem der Filmgegner hart ins Gericht und bezeichnet es als entmutigend, dass selbst ein professioneller, langgedienter Kritiker nicht mehr gewillt sei, einen Film an seinen Meriten als Kunstwerk zu messen, sondern ihn zum politischen Demonstrationsobjekt degradiere.

Am wenigsten erwartet hatte man die Unterstützung für den Film aus katholischen Kreisen, nachdem die katholische Bischofskonferenz der USA „Million Dollar Baby“ bereits als „morally offensive“ bewertet und die Christian Film and Television Commission den Film als „sehr antikatholisch und antichristlich“ bezeichnet hatte. Doch dann meldete sich David DiCerto im „Catholic News Service“ (www.catholicnews.com) mit einer differenzierteren Stellungnahme zu Wort: „Das moralisch proble­ma­tische Ende (des Films) mag viele katholische Zuschauer emotional in die Seile zwingen. (Aber) der Film ist keine Polemik zu Gunsten der Sterbehilfe. Der Schmerz und die Verzweif­lung aller Beteiligten sind fühlbar gegenwärtig. In Anbetracht der deprimierenden Lebensum­stände mögen unsere Sympathien und unsere menschlichen Neigungen durchaus für solch ein fehlgeleitetes Mitgefühl sprechen, auch wenn unser Glaube uns verbietet, dass – in diesem Fall – selbst die besten Absichten das gewählte Mittel nicht rechtfertigen können: ein Leben zu beenden.“
Franz Everschor
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