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„Bring me that horizon!“kino
Glanz und Elend der Außenseiter: Johnny DeppDruckversion
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Wahrscheinlich kennen Sie Captain Jack Sparrow, die Hauptfigur aus dem Disney-Piratenfilm „Fluch der Karibik“, der im Sommer 2003 zum Überraschungserfolg des Jahres wurde. Oder Sie haben zumindest von ihm gehört. Jack Sparrow: Der wohl exzentrischste Kino-Pirat seit der Erfindung des Genres (und das will etwas heißen) ist eine der Filmfiguren, die das Zeug zum Kult haben, ähnlich wie Harrison Fords Indiana Jones; und es verwundert nicht, dass Walt Disney beschlossen hat, ihn in den beiden kommenden Jahren in zwei weiteren Abenteuerfilmen in See stechen zu lassen. Wenn der „Keith Richards der Sieben Weltmeere“ am Ende von „Fluch der Karibik“ knapp dem Galgen entronnen ist, auf dem Deck seines geliebten Schiffs das Steuerruder zärtlich in Händen hält und den Blick auf die weite See gerichtet hat, um mit einem „Bring me that horizon!“ und einem dreckigen Piratenlied auf den Lippen in die unermessliche Freiheit jenseits der Leinwand zu entschwinden, dann ist das so etwas wie die Essenz eines ganzen Genres – ein Moment purer Euphorie.

Eine Neigung fürs Absonderliche

Der Mann, der Captain Jack Sparrow zu dem gemacht hat, was er ist, ist unter Hollywoods Superstars einer der ungewöhnlichsten: Johnny Depp. Richtige Blockbuster finden sich – abgesehen von „Fluch der Karibik“ – kaum in seiner Filmografie, dafür gibt es aber eine reiche Auswahl ungewöhnlicher, skurriler und mutiger Filme; und einen bunt gemischten Reigen an Charakteren, aus denen sich nur vage so etwas wie ein Rollenfach ableiten lässt, abgesehen von Depps genereller Neigung fürs Absonderliche. Da finden sich Dealer („Blow“) und verantwortungsvolle Familienmenschen („Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa“), schizophrene Mörder („Das geheime Fenster“) und romantische Liebhaber („Chocolat“), drogenabhängige Detektive („From Hell“) und Westerner wider Willen („Dead Man“), geistesgestörte Verführer („Don Juan de Marco“) und schüchterne Antiquare („Die neun Pforten“). Ungebrochene, strahlende Helden sucht man vergebens, denn solche Helden sind geradlinig. Johnny Depp dagegen versteht es zu vermitteln, dass seine Figuren nie nur das sind, was sie sind, sondern stets auch das genaue Gegenteil: männlich und feminin, naiv und abgründig, verrucht und schüchtern, lebenshungrig und todessehnsüchtig. Gleichzeitig scheinen die Figuren selten richtig in ihre Umgebung zu passen, sie heben sich immer ab: zu schön oder zu hässlich oder einfach anders. Selbst in einem Piratenfilm, in dem es vor exzentrischen Figuren nur so wimmelt, fällt Jack Sparrow auf wie ein bunter Hund. Spielt er „normale“, unscheinbare Menschen, sehen diese sich oft mit den außergewöhnlichsten Situationen konfrontiert – z.B. gerät der unauffällige Familienvater in „Nick of Time“ in ein Terroristen-Attentat, der schüchtere Buchhalter in „Dead Man“ bekommt es mit schießwütigen Cowboys zu tun, der Antiquar in „Die Neun Pforten“ gar mit dem Leibhaftigen höchstpersönlich. Diese unscheinbaren Bürger sind in ihrer filmischen Welt genauso deplaziert wie exzentrische Figuren à la „Edward mit den Scherenhänden“ und „Don Juan de Marco“, die sich an einer kleinkarierten Umwelt reiben. Die Außenseiter sind Depps Metier, und kein Schauspieler seiner Generation hat diesen mehr Glanz und Würde verliehen als der Mann mit den aberwitzig hohen Wangenknochen und den traurigen dunklen Augen.

Verlangsamtes Spiel

Selbst, wenn er wie bei einem seiner Cameo-Auftritte in Julian Schnabels „Before Night Falls“ als Federboa-behängter Knast-Transvestit auftritt, der seinen Körper zum Transport von Schmuggelware hergibt, schafft es Depp, dieser Figur ein unverwechselbares Format zu verleihen – obwohl er kaum Dialog hat und nur wenige Leinwandminuten zu sehen ist. Das Schrille und „Tuntige“ lässt Depp mit einem trägen, etwas langsamen Spiel zusammenprallen – eine interessante schaupielerische Technik, die Depp in nicht wenigen seiner Filme mit verschiedenen Wirkungen einsetzt. Hier hat die Verlangsamung den Effekt, den Gesten des Transvestiten das Exaltierte zu nehmen und sie kontrolliert und beherrscht erscheinen zu lassen. Die Figur wirkt dadurch so, als würde sie sehr bewusst mit dem Klischee spielen, das sie darstellt, was ihr eine Aura erstaunlicher Souveränität verleiht. In „Fluch der Karibik“ macht Depp die Tatsache, dass er sich oft wie leicht betäubt von zu viel Rum bewegt, nicht nur besonders exzentrisch, sondern sorgt auch dafür, dass andere Figuren Jack Sparrow permanent unterschätzen – was dieser wiederum geschickt für sich auszunutzen versteht und dann doch immer genau im richtigen Moment das Richtige tut.

In „Dead Man“ veräußerlicht Depp in einem stetig sich verlangsamenden Körperspiel den Vorgang des Sterbens, den die Figur durchmacht; in seinen „Drogen-Rollen“ (z.B. in „Fear and Loathing in Las Vegas“ oder „From Hell“) dient es zur Darstellung der Rauschzustände. Für Depps Figuren – das visualisiert dieses verlangsamte Spiel – laufen die Uhren jedenfalls oft etwas anders als für andere Menschen, und mit der Realität scheinen sie überfordert zu sein. Sie folgen abstrusen Träumen und suchen das Glück mit Vorliebe auf Pfaden, die illegal, lebensgefährlich oder komplett verrückt sind. Manche dieser Suchenden gewinnen, manche verlieren – im schlimmsten Falle sogar sich selbst. Wer auf jeden Fall immer gewinnt, ist der Zuschauer, der den seltsamen Irrwegen dieser kleinen Glücksritter, Idealisten oder versponnenen Träumer folgen darf, egal ob diese nun ins Herz der Finsternis oder zu verheißungsvollen Horizonten führen.

Johnny Depps Karriere startete (nach gescheiterten Versuchen als Musiker und einigen kleinen Rollen in schlechten Filmen) richtig durch mit dem Erfolg der Fernsehserie „21 Jump Street“, in der er als jugendlicher Ermittler zum Teenie-Idol avancierte. Regisseur John Waters öffnete ihm dann mit „Cry Baby“ das Tor zurück zum Kino und den ambitionierteren Filmprojekten, mit denen er seitdem die Leinwände erobert hat – unter der Regie u.a. von Roman Polanski, Lasse Hallström, Jim Jarmusch und Terry Gilliam. Keiner von diesen spielt in Depps Biografie freilich eine größere Rolle als jener Regisseur, dem Depp einige seiner schönsten Rollen verdankt: Tim Burton. Mit ihm hat Depp „Edward mit den Scherenhänden“ zum Leben erweckt, die Filmfigur, mit der er sich endgültig vom Etikett des Teenie-Schönlings befreien konnte und den Sprung ins Charakterfach schaffte; es folgten „Ed Wood“ und „Sleepy Hollow“. Demnächst wird er in Burtons neuem Film, „Charlie und die Schokoladenfabrik“ als Schokoladenfabrikbesitzer Willy Wonka zu sehen sein; und in Burtons für das Spätjahr angekündigtem Animationsfilm „The Corpse Bride“ wird er einer der Hauptfiguren seine Stimme leihen.

Depps Vorliebe für die Zusammenarbeit mit Tim Burton kommt wohl nicht von ungefähr. Beide verbindet nicht nur die Tatsache, dass sie in ihrem Oeuvre einen geschickten Balanceakt zwischen filmischem Mainstream und persönlicherem „Kunst-Kino“ meistern, sondern auch eine Vorliebe für Stoffe zeigen, die um Figuren jenseits der Normalität kreisen. Kaum ein anderer Regisseur zelebriert jene Essenz, die den Kern der meisten Depp-Charaktere ausmacht – die Schönheit und Tragik des seiner Welt Fremden – mit mehr Zärtlichkeit als Tim Burton. Was seine besten Filme heraufbeschwören, ist bei aller Vorliebe fürs Schrille und Makabre, auch für Kitsch und „Trash“, ein Blick auf die Welt, den man als romantisch bezeichnen kann – und nicht nur, weil immer wieder motivische und stilistische Elemente der (Schauer-)Romantik aufgegriffen werden. Die Geschichten, die Burton erzählt, erscheinen oft wie ein postmodernes Echo auf eine Erfahrung, wie sie auch die romantischen Künstler am Vorabend der Moderne in ihren Werken verarbeitet hatten: auf die Erfahrung eines Verlusts an (positiv verstandener) Naivität, an Harmonie des Individuums mit sich selbst oder aber mit der Gesellschaft, die streng überwacht, was nützlich und „normal“ ist. Figuren wie „Edward mit den Scherenhänden“ oder Ed Wood ringen beharrlich um diese verlorene Harmonie – und zwar nicht durch eine Anpassung des Individuums, sondern durch eine „Verzauberung“ der Welt, sei es durch die Kunst, durch die Liebe oder auch durch das Tragen von Frauenkleidern.

Diese Bemühungen erweisen sich freilich als Kampf gegen Windmühlenflügel und zeigen Depps Figuren als postmoderne Don Quijotes – nur konsequent, dass ihn Terry Gilliam in seinem leider bisher nicht realisierten Projekt um Cervantes’ Roman mit dem Ritter von La Mancha zusammentreffen lassen wollte. Burton jedenfalls hat in Depp den idealen Darsteller gefunden, um seine Ritter von der traurigen Gestalt zu verkörpern – jemanden, der sich nicht scheut, ihre Skurrilität und Absonderlichkeit schonungslos vorzuführen, auch wenn er sich dafür Narben aufschminken und die Haare hoch toupieren oder in blonde Perücken und Angora-Pullis stecken lassen muss. Jemandem, dem es trotzdem gelingt, diese Figuren und ihre Unzulänglichkeit nicht der Lächerlichkeit preiszugeben, sondern einem Respekt einzuflößen vor der Standhaftigkeit, mit der sie sich selbst und ihren Sehnsüchten treu bleiben – eine Eigenschaft, die selbst dem kläglichsten Verlierer Größe verleiht. Eine Größe, die auf ihren Darsteller zurückfällt, der es ebenfalls geschafft hat, sich im Laufe seiner Karriere nicht als Hollywood-Sex-Symbol verheizen zu lassen, sondern den eigenen künstlerischen Ambitionen zu folgen.

Ed Wood mag der schlechteste Regisseur aller Zeiten gewesen sein und Jack Sparrow der schlechteste Pirat, von dem Sie je gehört haben. Aber der Mann, der sie für die Leinwand zum Leben erweckt hat, ist ein bemerkenswerter Schauspieler.

„Charlie und die Schokoladenfabrik“ startet am 11. August in den Kinos. Die Kritik folgt in der nächsten Ausgabe.
Felicitas Kleiner
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