Der autobiografische Bestseller „Die weiße Massai“ der Schweizerin Corinne Hofmann rührte in seiner Einfachheit Millionen. In Hermine Huntgeburths gleichnamigem Film (Kritik in dieser Ausgabe) spielt Nina Hoss die junge Carola, die für einen Fremden in einer fremden Kultur ihr bisheriges Leben aufgibt. Die 30-Jährige wuchs im Spannungsfeld von Politik und Theater heran, wirkte als Siebenjährige in Hörspielen mit und stand erstmals im Stuttgarter Theater im Westen auf der Bühne. Schon während der Ausbildung an der Berliner Schauspielschule Ernst Busch erhielt sie Filmangebote. Ihre Karriere verfolgte sie auch im Theater; seit 1998 ist sie regelmäßig im Deutschen Theater Berlin und im Berliner Ensemble zu sehen. Der filmische Durchbruch gelang 1995 mit „Das Mädchen Rosemarie“, es folgten u.a. Detlev Bucks „Liebe Deine Nächste“, Nina Grosses „Feuerreiter“ und Doris Dörries „Nackt“. Brillant zeigte sie sich in Christian Petzolds Dramen „Toter Mann“ und „Wolfsburg“.
Könnten Sie sich vorstellen, wegen eines Mannes Hals über Kopf alles aufzugeben?
Hoss: Ich könnte mir vorstellen, in ein anderes Land zu ziehen, aber nicht in dieser extremen Form wie im Film. Carola taucht in ein total anderes Leben ein; alles, was sie kennen gelernt hat als Kind, wie sie aufgewachsen ist, lässt sie hinter sich und lässt sich auf etwas völlig Neues ein. Diese Sehnsucht hätte ich nicht, deshalb würde mir so etwas wahrscheinlich nicht passieren.
Ist so ein Verhalten nicht auch eine Frage des Mutes?
Hoss: Die Begegnung passierte an einem Scheidepunkt ihres Lebens. Alles verlief in geordneten Bahnen, sie hatte eine gut gehende Boutique, eine feste Beziehung mit ihrem etwas langweiligen Freund. In diesem Moment und dann noch im Kenia-Urlaub trifft sie diesen Mann, kann sich die Faszination nicht erklären. Das ist Schicksal! Diese Chance darf sie nicht so einfach verstreichen lassen, sondern muss die Möglichkeit ausprobieren. Das kann ich verstehen. Man lebt nur einmal, warum soll man sich immer alles von seinem Kopf diktieren lassen? Natürlich kann man sich fragen, wie jemand so naiv sein kann. Aber die Entwicklung geht in Etappen. Ich finde ihre Entscheidung sehr mutig. Eigentlich Wahnsinn. Auch im Nachhinein habe ich nicht nachvollziehen können, wie sie es bei diesem Stamm vier Jahre hat aushalten können. Sie musste sämtliche Ansprüche, die unsere Zivilisation mit sich bringt, vergessen.
Was interessierte Sie an der Figur?
Hoss: Erst einmal: Man kriegt selten so eine Hauptrolle in einem Kinofilm, es ist schon eine Ausnahme, eine große Herausforderung und Besonderheit, dass man diese Rolle spielen darf. Die Figur geht durch sämtliche emotionalen Höhen und Tiefen. Als Schauspielerin kann ich aus diesem Brunnen schöpfen. Vom größten Glücksgefühl bis zur tiefsten Verzweiflung ist alles drin. Dazu spielte die Handlung noch in einem fremden Land, was mich reizt. Afrika wollte ich schon immer kennen lernen.
Wenn Sie nach so harten Dreharbeiten nach Hause kommen, wie entspannen Sie sich?
Hoss: Ich bin sofort in die nächste Theaterproduktion gegangen. Seit zwei Jahren gönne ich mir keine Pause, aber die Arbeit macht Spaß. Ich hatte nicht wirklich Zeit zu reflektieren. Bei allen Strapazen bekomme ich so viel zurück an Eindrücken, das entspannt mehr als am Strand liegen.
Im Zusammenhang mit der Buhlschaft, die Sie beim „Jedermann“ in Salzburg spielten, haben Sie gesagt, dass man eine Haltung haben muss. Was heißt das?
Hoss: Dass man seinen Standpunkt verteidigt und den Konflikt nicht scheut, sein Fähnchen nicht nach dem Wind hängt und das macht, was andere von einem erwarten. Dazu gehört auch, dass man in sich ruht. Mit einer Haltung kann ich auch anecken, davor darf ich keine Angst haben. Wichtig ist, dass ich mich auf mich selbst verlassen kann, nicht nur auf andere. So nimmt die „Buhlschaft“ am Ende eine Haltung ein, indem sie nicht mit in den Tod geht. Auch die „weiße Massai“ ist sehr konsequent in dem, was sie tut, auch wenn sie dabei manchmal über andere hinweggeht. Sie konfrontiert diesen Stamm mit ihrer Lebensweise, kann und will sich selbst nicht aufgeben, auch wenn sie diese Menschen damit überfordert. Davon erzählt der Film.
Hätten denn diese beiden Menschen überhaupt eine Chance gehabt?
Hoss: Unter der Glasglocke in einem leeren Raum hätte diese Verbindung vielleicht funktioniert. Aber die Gesellschaft lässt in diesem Fall die Liebe nicht zu, da prallen fremde Kulturen aufeinander; die beiden sprechen nicht einmal dieselbe Sprache; sie musste immer erraten, welches Ritual was bedeutet. Eine wahnsinnig schwierige Situation. Manchmal ist Carola mit Scheuklappen herumgerannt, sonst hätte sie es wahrscheinlich nicht ausgehalten.
Wie verkörpert man die Biografie einer Person, die noch lebt?
Hoss: Zwischen mir und Regisseurin Hermine Huntgeburth bestand ein Konsens, dass ich in keinem Moment versuche, Corinne Hofmann zu imitieren. Ihre Lebensgeschichte ist die Grundlage eines fiktionalen Films. Ich fand es natürlich interessant, ob das, was ich mir im Kopf so ausgemalt hatte, der Realität entspricht. Ich habe ihr sofort abgenommen, dass sie dieses Leben gelebt hat, sie ist einfach auch von der Statur her eine sehr kraftvolle Person und zieht durch, was sie will. Da kann ich nur sagen, alle Achtung. Der Film ist nicht von ihr zu trennen, deshalb trage ich die Verantwortung, ihr nicht Unrecht zu tun. Mit diesem Bewusstsein bin ich an die Entwicklung der Figur herangegangen.
Was war im Vorfeld Ihre größte Befürchtung?
Hoss: Dass ich krank würde, obgleich wir alle geimpft waren; dass man den Film schmeißt. Alles ging gut. Mich hat nur einmal eine Fliege gebissen, und ich bekam Pusteln im Gesicht, musste die Arbeit für zwei Tage unterbrechen. Dass ich sonst keine große Angst vor irgendetwas hatte, liegt auch daran, dass ich gerne in fremde Länder reise. Ich wusste, was es heißt, in einem Zeltlager und nicht in einem Luxushotel zu leben. Was ich im übrigen auch nicht gewohnt bin. Ich bin ein abenteuerlustiger Mensch.
Sie sind auf der Bühne und im Film zu Hause. Was liegt Ihnen mehr am Herzen?
Hoss: Ich wüsste nicht, warum ich eines aufgeben sollte, beides ist meine Leidenschaft, macht mir Spaß. Die Arbeit ähnelt und unterscheidet sich gleichzeitig. Theater und Film bringen mich weiter, beide gehören zu meinem Beruf, den ich noch lange ausüben möchte.
Vor Jahren haben Sie die Schauspielschule abgeschlossen, obwohl Sie Angebote in Hülle und Fülle hatten. Sind Sie ein konsequenter Mensch?
Hoss: Dieses Stigma der Diszipliniertheit hängt mir an, hat schon fast etwas Verbissenes. So möchte ich mich nicht sehen. Ich bin konsequent in dem, was ich anfange, da möchte ich auch für mich alles gut machen und alle Möglichkeiten ausloten. Das war damals auch in der Schule so. Warum sollte ich etwas wegwerfen, auf das ich mich so gefreut habe? Ich wollte mich ausprobieren, ohne dass die Presse sofort draufguckt, oder ich etwas beweisen muss. Ich wollte einfach Schauspielschülerin sein, ausgehen, Fehler machen dürfen und mir diese Zeit nicht nehmen lassen. Ich wusste, die kommt nicht wieder, deshalb bin ich froh, dass ich das durchgezogen habe. Trotzdem habe ich jedes Jahr einen Film gedreht. Ich bin kein Mensch, der konsequent plant oder seine Karriere durchdenkt; ich lasse die Dinge eher auf mich zukommen und prüfe, was mich interessiert.
Sie kommen aus einem politischen Elternhaus: Ihr Vater war Mitbegründer der Grünen. Oft wenden sich die Kinder der 68-er gegen ihre Eltern. Bei Ihnen scheint das nicht so.
Hoss: Beide Eltern waren politisch engagiert. Die Politik ist durch meinen Vater in unser Haus hineingekommen, aber meine Mutter hat u.a. die Mutter-Kind-Aktion in Mutlangen gestartet gegen die Cruise Missiles und Pershings, die zu dem Zeitpunkt dort stationiert waren, und immer Theater und Politik verbunden. Das war damals einfacher als heute. Ich fühle mich nicht von der Politik abgestoßen, sondern betrachte sie als elementar für unser Leben. Die Gesellschaft ist politisch, alles, was uns umgibt, hat mit Politik zu tun, auch unser Verhalten. Dem kann sich niemand entziehen, gerade wenn man in einer Gesellschaft heranwächst, die vermeintlich sozial sein will. Da guckt man, dass Dinge nicht aus der Balance geraten, da hat man Verantwortung, die Augen offen zu halten. Dafür muss man nicht Politikerin werden. Das haben mir meine Eltern vermittelt, die ich manchmal bis aufs Blut gereizt habe mit irgendwelchen konservativen Schlagworten, nur um zu hören, wie sie darauf reagieren. Diskutieren und eine Idee durchzusetzen, hat mich schon immer begeistert, das sollte man aber nicht überbewerten. Ich beziehe nur Position, bin ja keine Anführerin irgendeines politischen Projekts. Es reicht erst einmal, zu wissen, was um mich herum passiert.
Sie wählen Ihre Rollen sehr genau aus. Was verbindet Sie mit Christian Petzold, mit dem Sie „Toter Mann“ und „Wolfsburg“ drehten?
Hoss: Mein großes Glück ist, dass ich so viele verschiedene Angebote bekomme, die mich sowohl vom Inhalt her als auch in ihrer Ästhetik sehr interessieren. Wenn ich mit Christian Petzold arbeite, kann ich mir zum Beispiel immer sicher sein, dass wir auf eine spannende Reise gehen. Manchmal hat man einfach das Gefühl, hier stimmt alles. Man muss sich nicht mehr viel erklären, man weiß, wonach man sucht. Dafür bin ich sehr dankbar. |