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Tanzende Puppeninterview
Interview mit Tim Burton zu „Corpse Bride“Druckversion
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In einer gelungenen Verbindung von Romantik und Poesie, Grusel und Gefühl demonstriert Tim Burton in „Corpse Bride – Hochzeit mit einer Leiche“, dass er auch mit klassischer Stop-Motion-Technik einen ganz und gar modernen Film machen kann. Im Stil seines surrealen Fantasy-Märchens „Nightmare before Christmas“ lässt er die Puppen tanzen und führt ins Reich der Untoten, das viel lustiger und farbiger scheint als die graue und triste Welt der Lebenden.

Was hat Sie zu dieser Geschichte inspiriert?

Burton: Nach „Nightmare before Christmas“, der nun auch schon zehn Jahre her ist, wollte ich wieder mit Stop Motion arbeiten, wusste aber nicht zu welchem Thema. Ein Freund gab mir eine Kurzgeschichte über einen armen jungen Mann, der sich in ein Mädchen aus bürgerlichem Haus verliebt, bei einem Waldspaziergang ins Reich der Toten gerät und Mühe hat, da wieder herauszukommen und die ihm dort Angetraute loszuwerden. Ich liebe Figuren aus dem Fantasy-Bereich. Stop Motion ist dafür die richtige Technik, sie verfügt über eine bestimmte Textur und Präsenz, die nicht durch Computer ersetzt werden kann. Die Technik hat sich seit „Nightmare“ immens weiterentwickelt. Damals mussten wir ständig die Köpfe auswechseln, um einen bestimmten Ausdruck zu schaffen. Inzwischen aber hat sich das Material verfeinert. Die Puppen können differenzierter bewegt werden, ihre „Haut“ ist viel weicher und hält auch viel mehr aus. Manchmal glaubte ich, bei einem ganz normalen Spielfilm Regie zu führen. Wir haben sehr viel mit Close Ups gearbeitet, um eine persönliche Beziehung zu den Puppen herzustellen; der Zuschauer soll sie wie reale Personen kennen lernen.

Wie verliefen die einzelnen Herstellungsschritte?

Burton: Stop Motion erfordert ziemlich viel Anstrengung und eine extreme Detailgenauigkeit. Angefangen haben wir mit dem Casting der Stimmen, dann wurden die Dialoge aufgenommen und erst danach die Puppen animiert, weil Ton und Klang der Stimmen ihren Charakter bestimmen.

Johnny Depp spricht die männliche Hauptfigur. Was mögen Sie so an ihm, dass Sie schon das fünfte Mal mit ihm zusammenarbeiten?

Burton: Bei „Edward mit den Scherenhänden“ kamen wir erstmals beruflich zusammen und haben uns seitdem nicht wieder aus den Augen verloren. Er hat eine Wahnsinnskarriere hingelegt und sich trotz des Rummels um seine Person nicht verändert, sondern ist integer geblieben. Dabei ist Integrität in Hollywood ein Fremdwort.

Die traditionelle 2D-Animation, aber auch Stop Motion scheint auf dem Rückzug. Gehört der CGI-Animation die Zukunft?

Burton: Mit Computeranimation stehe ich etwas auf Kriegsfuß. Da fehlt oft die Seele. Es ist auch nicht mein Ding, alles vor dem Blue Screen zu inszenieren. In Hollywood schüttet man das Kind schnell mit dem Bade aus. Floppt mal ein gezeichneter Film, heißt es sofort, diese Art von Animation sei tot, und die Studios setzen fortan nur noch auf Computer. Für mich ist CGI kein Allheilmittel, auch wenn ich diese Technik nicht für alle Ewigkeit ausschließen möchte. Sie muss nur zur Story passen. Das Pixar-Studio macht gute und erfolgreiche Filme, also kupfert jetzt jeder das Rezept ab. Das ist für mich nicht besonders kreativ. Ich versuche, immer die adäquate Technik einzusetzen. Wenn es um Gefühle geht, finde ich meine Puppen einfach besser. Man sieht die Handwerkskunst und die ihnen eigene Schönheit. „Corpse Bride“ erzählt eine traurige Liebesgeschichte mit Humor, die zu Herzen gehen soll.

Ist der Film auch für Kinder geeignet?

Burton: Wieso eigentlich nicht? Ich weiß nicht, warum manche Leute meinen Film für düster halten. Bei „Nightmare“ lamentierten einige Erwachsene, die Kinder dagegen amüsierten sich köstlich. Ich glaube, das Problem liegt bei den Eltern, die ihre eigene Kindheit vergessen haben und sich als Zensor aufspielen.

Im Gegensatz zu den gängigen Vorstellungen wirkt bei Ihnen das Reich der Untoten bunt und lustig, das der Lebenden aber ziemlich trist.

Burton: Die Wirklichkeit zeichnet sich durch gesellschaftlichen Druck und Hierarchie aus, die den Menschen die Lust am Leben austreibt. Im Reich der Toten versammelt sich dagegen ein fideles Trüppchen in fröhlichem Chaos und ausgelassener Anarchie. Wer einmal tot ist, hat nichts mehr zu verlieren. In unserer Kultur wird der Tod verdrängt und als etwas Bedrohliches im Dunkel gesehen, das mit Angst und Gefahr in Verbindung steht. Wenn man in der Nähe der Grenze zu Mexiko lebt, bekommt man einen ganz anderen Eindruck. Beim „Day of the Dead“ wird in bester Laune gesungen und getanzt, man feiert das Leben. Dieser positive Ansatz entspricht mir mehr, als in Sack und Asche zu gehen. „Corpse Bride“ halte ich für alles andere als depressiv.

Sie leben jetzt in London. Bringt Sie die Stadt auf neue Ideen?

Burton: Ich mag dieses Multikulti, auf den Straßen tut sich was, da spazieren völlig unterschiedliche Menschen umher. In Los Angeles sitzt man im Auto und schaut aus dem Fenster, kriegt relativ wenig von der Umwelt mit. Es gefällt mir auch, dass London nicht nur aus Filmbusiness besteht und jeder Kabelträger nach Höherem strebt. Da ist ein Set-Maler ein Set-Maler. In Los Angeles sind die meisten überkandidelt, jeder will etwas anderes sein, am liebsten Schauspieler oder Autor. Und: Ich liebe das englische Wetter. In Kalifornien scheint meistens die Sonne, das deprimiert.
Margret Köhler
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