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| „Die Chroniken von Narnia“ erobern die Leinwand |  |
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„Immer Winter und nie Weihnachten.“ Dieser Satz aus „The Lion, the Witch and the Wardrobe“ von C.S. Lewis ist längst zum geflügelten Wort geworden. Jetzt steht Weihnachten vor der Tür und dank Disney auch die erste Kinoverfilmung des Fantasy-Klassikers. Im englischen Sprachraum gehören die sieben Bände der „Chroniken von Narnia“ seit über 50 Jahren in jede gut sortierte Kinder- und Jugendbibliothek – über 85 Mio. Exemplare wurden seit dem Erscheinen des ersten Bandes im Jahr 1950 verkauft, und jährlich kommen sechs weitere Millionen dazu. Dennoch werden die Bücher im deutschsprachigen Raum nach wie vor als Geheimtipp gehandelt. Das könnte sich jetzt ändern. Es ist bestimmt kein Zufall, dass sich Disney erst nach dem Erfolg von „Der Herr der Ringe“ an diesen Stoff wagte, denn Narnia und Mittelerde liegen näher zusammen, als man zunächst annehmen könnte. Die beiden Autoren J.R.R. Tolkien und C.S. Lewis waren enge Freunde. Beide lehrten in Oxford und lasen sich im gemeinsam gegründeten „Inklings Club“ aus ihren Manuskripten vor. Hier breitete Tolkien sein jahrelanges Leiden am „Ring“- Kampf aus, und Lewis gestand, dass er im Begriff sei, ein Kinderbuch zu schreiben. Hier wurden die Werkproben aber auch gnadenlos zerzaust. Lewis kritisierte „Lord of the Rings“, insbesondere die Gedichte; für Tolkien war „The Lion, the Witch and the Wardrobe“ ein inakzeptables Leichtgewicht. Er warf Lewis vor, mit der Mythologie allzu leichtfertig umzugehen. Der Weihnachtsmann habe in Narnia nichts verloren. Ihm steckte zu viel Märchenhaftes in diesen Büchern, zu viel Fabulierlust, zu viele Widersprüche und viel zu viel Nonsense. Tolkien warf Lewis vor, das Fantasy-Gewerbe zu wenig wissenschaftlich zu betreiben, was einiges darüber aussagt, wie ernst es Tolkien mit „Lord of the Rings“ war. Selbst nach dem Tod von Lewis schrieb er noch: „Es ist traurig, dass ,Narnia‘ und jener ganze Teil des Werkes von C.S.L. außer Reichweite meiner Sympathie bleibt, so wie vieles von mir außerhalb seiner Sympathie lag.“
Ringen im „Inklings Club“
Mit dieser Einschätzung lag Tolkien allerdings nicht ganz richtig. Als 1956 „Lord of the Rings“ erschien, schrieb Lewis einem Freund begeistert: „Das ist das Buch, auf das wir alle gewartet haben.“ Tolkien nahm Lewis offensichtlich die Leichtigkeit übel, mit der dieser seine sieben Bücher innerhalb von sieben Jahren geschrieben hatte. „Narnia“ wurde zum Bestseller, noch bevor „Lord of the Rings“ überhaupt publiziert war. Lewis hatte offenbar aus dem Ärmel geschüttelt, worum Tolkien jahrelang ringen musste. Aus der Distanz betrachtet, haben die Debatten im „Inklings Club“ zwar den Weg zweier unvergänglicher Klassiker der Fantasy-Literatur begleitet – tragischerweise aber die Entfremdung der Freunde besiegelt.
Einen ersten Knacks erfuhr diese Freundschaft schon Jahre zuvor. Damals hatte der überzeugte Katholik Tolkien in langen und existenziellen Gesprächen dazu beigetragen, dass aus dem Atheisten Lewis ein gläubiger Christ wurde. Doch Lewis enttäuschte seinen Mentor, weil er nicht zum Katholizismus konvertierte, sondern zur anglikanischen Kirche zurückkehrte – und weil er praktisch über Nacht zu einem der originellsten Apologeten des Christentums wurde, dessen Bücher bald Bestseller waren und es bis heute geblieben sind. Zuerst Populär-Theologe und nun auch noch Populär-Literat – das war für Tolkien zuviel, eines Gelehrten nicht würdig. Übrigens nicht nur ihm. Dass Lewis Kinderbücher schrieb, schadete seiner akademischen Karriere. Erst spät wurde ihm ein Lehrstuhl angeboten – bezeichnenderweise nicht in seiner Wahlheimat Oxford, sondern in Cambridge.
Was Lewis scheinbar leicht von der Hand ging und wofür ihn Tolkien beneidete, war in Wirklichkeit der Ausfluss einer Bilderwelt, die sich seit Jahrzehnten in Lewis aufgebaut hatte. „Narnia“ begann „mit einem Bild, das ich in meinem Kopf sah. Als erstes waren das nicht Geschichten, sondern nur Bilder. Alles begann mit dem Bild eines Fauns, der einen Regenschirm trug und mit Geschenken durch einen verschneiten Wald stapfte. Dieses Bild war in meinem Kopf, seit ich 16 Jahre alt war“. Aus Lewis sprudelten die Bilder und Motive so willig, weil sie sich dort seit seiner Kindheit angesammelt und allmählich zu einer Geschichte formiert hatten. Es scheint, als ob er erst im reifen Alter von 50 Jahren den Mut gefunden habe, daraus ein Kinderbuch zu machen. „Als ich zehn war, las ich im Geheimen Märchen und hätte mich geschämt, wenn man mich dabei erwischt hätte. Jetzt bin ich 50 und lese sie in aller Öffentlichkeit.“ Diese Rückgewinnung einer fast naiven Freude am Märchen spürt man „Narnia“ deutlich an. Hier geht es viel intimer, zärtlicher und charmanter zu als im „Lord of the Rings“. Lewis hat nicht alles auf Konsistenz und Konsequenz gebürstet. Weshalb der Weg nach Narnia durch einen Wandschrank führt, und weshalb man ausgerechnet bei einer einsamen Laterne im Wald herauskommt, hat er erst im Nachhinein in „The Magician’s Nephew“ erklärt. Die Fabulierlust triumphiert bei Lewis mit Leichtigkeit über die Logik, und das machte Lewis – zum Leidwesen Tolkiens – überhaupt nichts aus.
Zurück zu den Bildern
Auch gegen eine Verfilmung seiner Bücher hätte sich Lewis sicherlich nicht derart widerspenstig gesträubt wie Tolkien. Die Geschichten waren aus Bildern entstanden – weshalb sollten sie nicht wieder zu Bildern werden? Lewis überließ seinen jungen Leserinnen und Lesern auch gerne die Interpretationshoheit und war selbst bei Anfragen höchst zurückhaltend in der Deutung seiner eigenen Geschichten. Zudem ging er begeistert ins Kino und entwickelte ausgerechnet für Disneys Zeichentrickfilme ein besonderes Faible. Zunächst wollte Lewis seine Bücher sogar eigenhändig illustrieren, fühlte sich dann aber doch nicht sicher genug. Glücklicherweise begegnete er Pauline Baynes, die erst Mitte 20 war und gerade Tolkiens „Farmer Giles of Ham“ bebildert hatte. Sie wurde zur kongenialen Illustratorin der gesamten Chronik. Ihre im regen Austausch mit Lewis entstandenen Zeichnungen verschmolzen mit dem Text zu einer Einheit, sodass man sich fast nicht vorstellen kann, dass eine Verfilmung an dieser Bildsprache vorbei gehen kann. Dass ein derart populäres und visuell höchst reizvolles Werk dennoch erst jetzt als Realfilm in die Kinos kommt, hat maßgeblich mit der Weiterentwicklung der Tricktechnik zu tun. Die Verfilmung unter der Regie von Andrew Adamson (vgl. Kritik in dieser Ausgabe) ist nicht die erste filmische Umsetzung. 1979 erschien ein Zeichentrickfilm unter der Regie von Bill Melendez, und 1988 adaptierte die BBC vier Bücher als Mini-Serie. Für eine Fernsehserie war diese zwar äußerst sorgfältig und aufwändig gestaltet, doch konnte auch die BBC den Flug auf Aslans Rücken, die Zauberei und die Schlachten in der fantastischen Narnia-Welt nicht so üppig oder bombastisch ausmalen, wie das jetzt bei Disney der Fall ist. Die zahllosen Fabelwesen waren fantasievoll kostümierte Schauspieler oder sich deutlich abhebende Zeichentrickfiguren. Unter der Regie von Marilyn Fox und Alex Kirby gelang es jedoch, gerade durch diese fast bühnenartige Stilisierung den Charme und die Intimität der Vorlage zu übertragen. Narnia ist nicht Mittelerde und darf es auch nie werden. Die Frage ist nun, ob Andrew Adamson dies genauso meisterhaft gelingt, oder ob er – von technischen Möglichkeiten verführt und Blockbuster-Druck genötigt – aus einer kleinen großartigen Geschichte eine großspurige kleine macht.
Verborgener Schlüssel
Bei aller Verspieltheit gibt es übrigens noch einen Wandschrank hinter dem Wandschrank, den Lewis ganz bewusst in die Welt von Narnia gestellt hat. Der Schlüssel dazu steckt ausgerechnet im Bonmot „Immer Winter und nie Weihnachten“. Lewis hat sich diebisch darüber gefreut, dass der Schlüssel von „Kindern fast immer – von Erwachsenen dagegen fast nie“ entdeckt wird. Diesen zweiten Wandschrank hat Lewis so dezent platziert, dass selbst seine Illustratorin Pauline Baynes erst im Laufe der Jahre hinter das Geheimnis kam. Bezeichnenderweise hat Lewis es ihr selbst nicht verraten. An solche Geheimniskrämerei sollte man sich auch heute halten, ganz besonders wohl meinende Pädagogen!
Ein weiterer Hinweis aus dem Mund des Apologeten Lewis sei dennoch erlaubt: „Weshalb fällt es uns so schwer, für Gott oder die Leiden Christi jene Gefühle zu haben, von denen uns gesagt wird, wir müssten sie haben? Ich glaube, der Hauptgrund liegt darin, wie man uns das beigebracht hat. Das ganze Thema war immer verbunden mit gesenkten Stimmen, fast so, als handle es sich um eine Krankheit.“ „Die Chroniken von Narnia“ aber sind ein Abenteuer – und so soll es auch bleiben. |
| Thomas Binotto |
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