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Komplizin der Zuschauerinterview
Gespräch mit Sally Potter zu „Yes“Druckversion
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Vier Jahre nach „In stürmischen Zeiten“ hat die britische Tänzerin, Performancekünstlerin, Sängerin und Autorenregisseurin Sally Potter einen neuen Film gedreht. „Yes“ erzählt in lyrischen Dialogreimen von einer schwierigen, leidenschaftlichen, multikulturellen Liebe.

Sie begannen mit der Arbeit am Drehbuch für „Yes“ unmittelbar nach den Anschlägen vom 11. September und drehten während des Irak-Krieges. Wäre der Film anders geworden, wenn Sie ihn heute, mit etwas mehr Abstand, gemacht hätten?

Potter: Wahrscheinlich nicht allzu sehr. Die Themen, die dem Film zugrunde liegen, waren ja schon lange vor dem 11. September aktuell. Die Anschläge auf die Twin Towers waren im Grunde nur die Folge jahrhundertealter kultureller Konflikte. Der Film stellt auch keinen direkten Bezug zu den Terrorakten oder anderen politischen Ereignissen her. Sein Ansatz ist viel allgemeiner. Mir ging es darum, im Mikrokosmos einer Love-Story eine Ost-West-Geschichte zu erzählen.

Als Reaktion auf die weit verbreitete anti-arabische Stimmung?

Potter: Mir war klar, dass sich der Kulturkonflikt zwischen Ost und West in Folge des 11. Septembers dramatisch verschärfen würde. Im Westen führte das dazu, dass Menschen aus dem Mittleren Osten pauschal dämonisiert wurden. Vor nicht allzu langer Zeit hat jemand aus der Bush-Administration vorgeschlagen, Internierungslager für alle Araber einzurichten, die sich in den USA aufhalten. Wir erleben derzeit weltweit eine sehr bedrohliche Situation. Als Filmemacher und Künstler können wir da nicht einfach wegschauen, sondern wir müssen unseren

Beitrag leisten, damit sich etwas ändert.

Bleiben Ihre Hauptfiguren deshalb namenlos, weil sie einen bestimmten kulturellen Hintergrund repräsentieren?

Potter: Der kulturelle Hintergrund ist Teil ihrer Persönlichkeit. Die Figuren in einer Geschichte sollten möglichst authentisch wirken und nicht nur ihre eigene Kultur symbolisieren. Sonst geraten sie zu eindimensional. Die beiden Hauptfiguren in „Yes“ sind sehr komplexe Charaktere. Er kommt zwar aus dem Mittleren Osten, wo er als Chirurg gearbeitet hat, lebt jetzt aber als Koch in London; und sie stammt zwar aus den USA, hat aber irische Wurzeln. Unsere Zeit ist die der globalen Migration und vielfach zusammengesetzter Identitäten. Niemand ist mehr nur das eine oder das andere. Trotzdem ist „Yes“ auch eine Liebesgeschichte zwischen dem Mittleren Osten und den USA, so wie „Romeo und Julia“ eine Liebesgeschichte zwischen den Montagues und den Capulets ist.

Der Film erinnert ja nicht nur thematisch an „Romeo und Julia“, sondern auch sprachlich, da die Figuren in gereimten Jamben sprechen.

Potter: Es ist aber nicht so, dass ich mich an Shakespeare orientiert hätte. Ich hatte nur das Gefühl, dass ich eine spezielle Sprache finden musste, um das auszudrücken, worauf es mir ankam. Verse sind zugleich die älteste und die jüngste künstlerische Sprechform; von Minnesängern, Troubadouren und früher Poesie bis hin zu modernem Rap und HipHop.

Wie schwierig war es für die Schauspieler, in modernen Versen zu sprechen?

Potter: Den Schauspielern fiel das ausgesprochen leicht. Die Verse gehen einem leicht von den Lippen, man kann sie sehr nuanciert und gefühlvoll sprechen. Am Anfang war den Darstellern nicht klar, ob sie ihre Sätze wie Gedichte vortragen sollten. Aber ich sagte ihnen, sie sollten sie ganz natürlich sprechen, sich auf die Bedeutung der Worte konzentrieren und darauf, was ihre Charaktere in dem Moment empfänden. Bei den ersten Vorführungen fiel den Zuschauern zum Teil gar nicht auf, dass die Dialoge in Versen geschrieben waren. Die Reime sind beim Lesen viel offensichtlicher als beim Zuhören. Am meisten Schwierigkeiten hatten jene, die den Film finanzieren sollten, weil sie die geschriebenen Verse sahen. Da so etwas zuvor noch nie gemacht wurde, konnten sie sich nicht so recht vorstellen, wie sich das später anhören würde.

Die Verse sind nicht das einzige ungewöhnliche Element. Die von Shirley Henderson gespielte Putzfrau erfüllt die Funktion des antiken Chors. Wie kamen Sie auf diese Idee?

Potter: Der griechische Chor ist die klassische Form, um zwischen Drama und Publikum zu vermitteln. Die Putzfrau ist die Komplizin der Zuschauer. Sie verrät uns Geheimnisse, spricht uns direkt an. Und sie ist lustig! Ich denke angesichts der Tragödien, die sich im Hintergrund abspielen, angesichts des Leidens, der Traurigkeit und Einsamkeit der Charaktere, ist es wichtig, dass es auch Momente gibt, in denen man lachen kann. Das verändert die Perspektive, man bekommt einen gewissen ironischen Abstand. Außerdem ist eine Putzfrau eine interessante Figur; sie ist unsichtbar, wird von anderen nicht wahrgenommen, sie selbst sieht alles, auch das, was eigentlich niemand sehen soll: Flecken, den Staub auf dem Boden oder den Toilettenschmutz. Ihre Funktion ist sehr wichtig, wird aber nicht wertgeschätzt. Deshalb dachte ich, es wäre witzig und interessant, sie über Schmutz und Gesellschaft philosophieren zu lassen.

Auffällig ist auch die künstlerische-künstliche visuelle Gestaltung des Films. Ging es Ihnen darum, Distanz zu schaffen?

Potter: Nein, im Gegenteil. Paradoxerweise wollte ich dadurch gerade emotionale Nähe erzeugen. Kunst, egal ob Fotografie, Musik oder Poesie, ist immer künstlich. Das Konzept des „Realismus“ ist relativ jung; es kam mit der Fotografie auf und hängt mit der Vorstellung zusammen, dass man Wirklichkeit reproduzieren kann. Tatsächlich aber besteht das Wesen der Kunst darin, einen gewissen Abstand zur oberflächlichen Wirklichkeit herzustellen, um uns so ihrer eigentlichen Natur näher zu bringen.

Die unterschiedlichen Kamerawinkel und -geschwindigkeiten kreieren einen musikalischen Bildrhythmus. Ist „Yes“ das erste Lied, das Sie mit einer Kamera gesungen haben?

Potter: Das ist eine wunderschöne Art, es auszudrücken. Mich fasziniert die Musikalität des Bildes. Mein Kameramann, Aleksej Rodionow, mit dem ich auch schon bei „Orlando“ zusammengearbeitet habe, und ich suchen immer nach dem Unsichtbaren innerhalb des Bildes. Die verschiedenen Kamerageschwindigkeiten und Perspektiven sind Teil dieser Suche. Uns geht es nicht darum, das Bild manieristisch aufzuladen. Vielmehr versuchen wir, das Bild zu entkleiden, die nackte Wahrheit, die in ihm liegt, herauszuschälen.

In „Yes“ stammt der Mann aus dem Mittleren Osten und die Frau aus dem Westen. Warum nicht umgekehrt?

Potter: Weil das dynamischer ist. Da trifft nicht einfach der starke Mann aus dem Westen auf eine reizvolle Exotin, sondern beide haben mit sich selbst und ihren gesellschaftlichen Rollen zu kämpfen. Sie ist Wissenschaftlerin, aber sie kann ihren Beruf nicht mit ihrer Familie und ihrer Ehe in Einklang bringen. Und er hat Schwierigkeiten mit seiner männlichen Identität, weil er sich als Objekt ihrer Begierde fühlt.

Männliche und westliche Autorität, Kulturkonflikt und Gender-Konflikt arbeiten gegeneinander, sodass sich nicht entscheiden lässt, wer Recht hat und wer Unrecht?

Potter: Eigentlich hat keiner Recht oder Unrecht. Es gibt keine Guten oder Bösen, nur komplizierte Machtkämpfe. Die Streitszene im Parkhaus war die erste Szene, die ich geschrieben habe. Darin entfaltet sich genau dieser Widerstreit: Er nutzt seine männliche Macht, um sie als Frau zurückzuweisen, und sie nutzt ihre weiße, westliche Macht, um ihn zurückzuweisen. Unter diesen Masken, hinter denen sich beide verstecken, spürt man aber ihre Verletzlichkeit und die Liebe, die sie füreinander empfinden.

Ist es nicht eher sexuelle Leidenschaft, die sie verbindet, als Liebe?

Potter: Manchmal ist es schwierig, zwischen beidem zu unterscheiden. Ich denke, dass neben der Leidenschaft auch der Humor eine große Rolle spielt: er bringt sie zum Lachen. Und je länger ihre Beziehung dauert, umso intensiver wird sie. Sie hören einander zu, verstehen, respektieren und lieben sich.

Warum bildet ausgerechnet das kommunistische Kuba den Schauplatz der Versöhnung?

Potter: Ihre Tante rät „Ihr“, dorthin zu gehen. Die Tante glaubt an den Kommunismus, für sie ist Kuba die letzte Oase, in der sich nicht alles um Profit dreht. Die Tante weiß, woran sie glaubt, wohingegen alle anderen Charaktere nicht mehr wissen, woran sie glauben sollen, sei es die Wissenschaft oder die Religion. Kuba ist weder Osten noch Westen, für die Charaktere im Film ist es ein dritter, neutraler Ort, an dem sie sich unbefangen begegnen können. Dort endet zwar der Film, aber nicht unbedingt die Geschichte. Der Schluss ist keine Lösung, kein „Happy End“. Kuba öffnet lediglich die Tür zu einer anderen Möglichkeit.

Die amerikanische Administration hätte Ihren Dreh in Kuba beinahe verhindert.

Potter: Wir durften drehen, aber ohne Joan Allen. US-Bürgern war jede Tätigkeit untersagt worden, von der die kubanische Wirtschaft in irgendeiner Form profitieren konnte. Wir drehten also in Kuba ohne unsere Hauptdarstellerin. Die Nah- und Innenaufnahmen holten wir dann in der Dominikanischen Republik nach. Im Schneideraum fügten wir beides zusammen. Das klappte so gut, dass ich sogar manchmal vergaß, dass Joan in Kuba gar nicht dabei war.

Das Ende von „Yes“ ist auch deshalb kein „Happy End“, weil die Idee der Familie sich nicht durchsetzt.

Potter: Es ist ein hoffnungsvolles Ende, aber auf einer anderen Ebene. Die Ehe wird nicht gerettet, aber zwei Menschen aus zwei verfeindeten Kulturen lernen einander lieben und respektieren.

Eine neue Hoffnung jenseits der typischen „amerikanischen Familie“?

Potter: Mir ging es nicht um Ehemoral, sondern um eine globalere moralische Aussage. Ich habe überhaupt nichts gegen die Familie oder die Ehe, aber in den USA gibt es derzeit starke fundamentalistische Strömungen, die sich für fragwürdige „Familienwerte“ einsetzen. Alles, was mit der eigenen Kultur, der eigenen Gruppe oder Familie zu tun hat, wird vergöttert. Das halte ich für äußerst gefährlich. Ganz ähnlich war das bei den Nationalsozialisten. Wir sind jetzt aber eine globale Familie, eine große menschliche Familie. Die Kinder am anderen Ende der Welt sind auch unsere Kinder.

Das Filmbusiness ist traditionell in Männerhand. Hat sich die Situation für Filmemacherinnen in den letzten Jahren verbessert?

Potter: Zumindest gibt es jetzt sehr viel mehr Regisseurinnen als in meinen Anfangsjahren. Ihre Arbeit wird auch stärker anerkannt als früher. Dennoch sind Filmemacherinnen nach wie vor eine kleine Minderheit. Im Vergleich zur Industrie oder zu akademischen Berufen stellen Frauen in der Filmbranche einen deutlich geringeren Anteil an Führungskräften.

Woran liegt das?

Potter: Dafür gibt es zwei Gründe. Der erste ist: Kino kostet Geld. Die Leute in Führungspositionen sind verantwortlich für das Geld der Investoren. Die Kompetenz einer Regisseurin wird dabei noch immer schneller in Frage gestellt als die eines Regisseurs. Der andere, vielleicht sogar entscheidendere Grund ist, dass Kino eine Industrie der Imagination ist. Die Art, in der wir Geschichten erzählen, reflektiert, wer und was wir sind. Letztlich ist es aber eine Frage der Autorenschaft: Wer schreibt die Geschichten, und wer gibt sie im Film wieder. Deshalb sind wir Frauen noch eine kleine Minderheit, aber das wird sich ändern.
Stefan Volk
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