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„Jeder überschreitet Grenzen“interview
Ang Lee über seinen „Post-Western“ „Brokeback Mountain“Druckversion
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Der aus Taiwan stammende Amerikaner Ang Lee ist schon lange ein Grenzgänger zwischen West und Ost. Immer wieder hat der 51-Jährige, der seit 30 Jahren in Amerika lebt, seine doppelte Zugehörigkeit thematisiert. Gleich vier „Oscars“ gewann er im Jahr 2001 für seinen Martial-Arts-Film „Tiger & Dragon“ – mehr als jeder andere nicht-englischsprachige Film. Sein aktueller Film „Brokeback Mountain“ (Kritik in fd 04/06), der beim Filmfestival in Venedig 2005 den „Goldenen Löwen“ errang und als großer Favorit ins diesjährige „Oscar“-Rennen zieht, beginnt wie ein normaler Spätwestern: Zwei junge Männer hüten im Jahr 1963 den Sommer über in den Bergen von Wyoming Schafe. Alles ist still, es passiert nicht viel, außer dass mal ein Koyote auftaucht und irgendwann die Bohnen ausgehen. Doch die Tage sind einsam und die Nächte kalt, und so werden die beiden, auch für sie selbst überraschend, zum Liebespaar. Das eigentliche Thema des Films ist indes, wie ein Mensch sein Leben und sein Lebensglück verpasst, weil ihm der Mut fehlt, über den eigenen Schatten zu springen und seinen Neigungen zu folgen.

Nach dem Bürgerkriegsfilm „Ride With The Devil“ haben Sie jetzt zum zweiten Mal eine Art Western gedreht.

Lee: „Ride With The Devil“ war eher eine Art Pre-Western. Erst die letzte Szene verweist auf den Western.

Und „Brokeback Mountain“ ist dann ein Post-Western?

Lee: Ja, ein Post-Western. Manchmal fragen mich die Leute, warum ich das Genre verdrehe. Dann antworte ich ihnen: Wahrscheinlich bin ich verdreht. Denn mein Film zeigt die Realität des Landlebens im amerikanischen Westen. Was wir im Western als Filmgenre zu sehen bekommen, ist meiner Meinung nach reine Erfindung: Revolverhelden. Machismo. Man ignoriert die andere Seite der Geschichte: die Komplexität. Manche Western sind zwar komplexe Dramen, aber das Bild des Westens, das sie entwerfen, ist nicht sehr komplex. Man benutzt es allenfalls als Hintergrund. Als ich zu diesem Thema kam, war mir schnell klar, dass ich beide Seiten zeigen wollte: einerseits die Macho-Haltung, andererseits die weicheren Seiten der Cowboys. Sie haben große Achtung vor der Natur, kümmern sich um ihre Tiere, bemuttern sie regelrecht. Voller Zärtlichkeit. Aber zueinander sind sie brutal. Erst wenn man sie kennen lernt, erkennt man ihre weicheren, gefühlvolleren Seiten.

Wer sind Ihre Favoriten unter den klassischen US-Western-Regisseuren?

Lee: Da gibt es natürlich viele. Ohne Zweifel John Ford, auch wenn mir ein Teil der politischen Botschaft in seinen Filmen nicht so sympathisch ist – aber es sind großartige Filme. Howard Hawks hat einige gute gemacht – obwohl er kein reiner Western-Regisseur ist. Sam Peckinpah; Budd Boetticher. Ich mag es, wenn Regisseure den Western-Hintergrund als Bühne für ein universales Drama nutzen: Auch wenn die Landschaft weit und monumental ist, bleibt der Rahmen klar umgrenzt. Ein großes, sehr isoliertes Drama, wie auf einer Theater-Bühne. Ich denke, Western sind wie chinesische Martial-Arts-Filme: Man kann das Genre sehr effektiv als Rahmen eines existenziellen Dramas auffassen. Das gefällt mir ausgesprochen gut. Auf der anderen Seite glaube ich nicht, dass das viel mit der Wirklichkeit zu tun hat. Das sind völlig imaginäre Fantasmen. Wenn es um die Wirklichkeit des Lebens im Westen, an der „Frontier“ geht, dann muss man auf ganz andere Werke zurückgreifen: auf Filme wie Peter Bogdanovichs „The Last Picture Show“.

Sehen Sie sich als Genre-Regisseur? Sie haben zwei „Fast-Western“ gedreht, einen Kostümfilm, eine Superhelden-Comic-Verfilmung, einen Martial-Arts-Film.

Lee: Nein, das glaube ich nicht. Vielleicht springe ich zwischen den Genres hin und her, weil ich eben überhaupt kein Genre-Regisseur sein möchte. Ein bestimmtes Material gewinnt meine Aufmerksamkeit, ich will daraus einen Film machen – es sind ja oft literarische Vorlagen gewesen, worunter ich auch den „Hulk“-Comic fasse. Während der Arbeit daran leihe ich mir gewissermaßen manche Genre-Stereotypen aus. Ich habe Angst davor, mich zu deutlich auf das Genre einzulassen und irgendwelchen Erwartungen zu entsprechen. Meine Produzenten, das Publikum und die Kritiker würden mir nur vorwerfen, nicht „zu liefern“. Darum versuche ich, eindeutige Genre-Zugehörigkeiten so weit wie möglich zu vermeiden. Das meinte ich mit „verdreht“: Ich drehe mir die Sachen so zurecht, wie ich es brauche, nach dramatischen Bedürfnissen. Ich versuche, niemandem – keinem Menschen und keinen Genreregeln – zu gehorchen. Ein bisschen muss ich es dann doch. So ist einfach das Leben.

Ihr letztes Original-Drehbuch war „Eat Drink Man Woman“. Seitdem haben Sie Drehbücher von anderen verfilmt. Warum? Waren das reine Auftragsarbeiten?

Lee: Nein, ich habe nur einmal eine Auftragsarbeit ausgeführt, das war „Sense and Sensibility“. Alle anderen Stoffe habe ich selbst und ganz eigenständig entwickelt. Nur bin ich ein besserer Regisseur als ein Drehbuchautor. Darum suchte ich mir für meine letzten Filme Autoren, mit denen ich das Script zusammen schrieb. Bei meinen ersten drei Filmen hatte ich dafür einfach nicht das Geld. Darum musste ich sie selbst schreiben. Da habe ich mir dann Geschichten ausgedacht, die etwas mit meinem eigenen Leben zu tun haben – Generationskonflikte in chinesischen Familien, Einwandereridentitäten zwischen China und USA und zwischen Tradition und Moderne. Ich habe viele Sätze eingebaut, die ich von meinen Eltern kannte. Aber nach drei Filmen hatte ich genug. Ich bin sehr froh, dass diese Zeit vorbei ist. Auch andere Leute haben gute Ideen.

Ihre Filme drehen Sie zumeist an Originalschauplätzen außerhalb eines Studios. Warum?

Lee: Studios können angenehm sein. Aber gerade manche Schwierigkeiten, die Widerständigkeit eines Ortes, an dem nicht alles möglich ist, wirken sehr inspirierend. Das bringt Realismus und Lebensnähe, die dann wieder das Publikum berühren. Weil Film ein fotorealistisches Medium ist, hat sich Detailfülle noch immer als der beste Weg erwiesen, um das Publikum dazu zu verführen, eine nichtrealistische, emotionale Welt zu betreten.

Warum spielt „Brokeback Mountain“ in den 1960er- und 1970er-Jahren?

Lee: Eine schwule Liebesgeschichte im Westen ist in jenen Tagen schwieriger gewesen, komplizierter, privater. Heute wäre das alles in jeder Hinsicht ein geringeres Problem. Die Gefühle wären weniger rein. Das sage ich, weil Anfang der 1960er-Jahre noch viele Informationen fehlten. Die beiden hatten keinen Wortschatz, um sich auszudrücken, um auch nur ihr eigenes Benehmen zu verstehen. Davon abgesehen: Annie Proulx’ Kurzgeschichte spielt in dieser Zeit.

Mir fiel auf, dass fast alle Ihre Filme in der Vergangenheit spielen.

Lee: Das fing an, als ich aufgehört habe, über mein eigenes Leben zu schreiben. Ich kenne die Gegenwart nicht so gut. Die Bilder und die Ideen der Vergangenheit haben bereits eine Textur. Wenn Sie mich zum Beispiel fragen würden, was ich über die politischen Verhältnisse in Deutschland denke, dann weiß ich einfach nichts zu sagen. Ich weiß noch nicht, was herauskommt. Wenn Sie mich nun nach meiner Definition der Vergangenheit fragen, dann kann ich sehr konkret antworten: 23 Jahre! Mit 23 Jahren Abstand beginnt die Vergangenheit. Das habe ich bei meinem Film „Der Eissturm“ entdeckt. Als ich den gedreht habe, konnte ich mich nicht entscheiden: Ist das Vergangenheit oder Gegenwart? Dann entschied ich mich: Ich mache den neuesten Kostümfilm. Aber er lag noch ganz nahe an der Gegenwart. Ich fühle mich der Vergangenheit gegenüber sicherer als gegenüber der Gegenwart. Ich recherchiere gern und baue eine Welt auf der Grundlage der gefundenen Ergebnisse wieder auf. Die Gegenwart verändert sich zu leicht. Das ist eine Frage der Distanz, die gegenüber der Gegenwart fehlt. Für das Publikum ist es auch viel leichter, sich mit einer Vergangenheit zu konfrontieren. Nur bei ausländischen Filmen ist alles egal: Die Distanz hilft der künstlerischen Anerkennung, sich auf die Substanz zu konzentrieren.

Ihre Filme leben unter anderem von wunderbaren Landschaften.

Lee: Ich denke, das hat viel damit zu tun, dass ich in der chinesischen Kultur aufgewachsen bin. Die chinesische Kultur ist eine unterdrückte, sehr indirekte Kultur. Man lernt dort, indem man über das Wetter, über die Landschaft, über scheinbare Alltäglichkeiten wie den Mond spricht, indirekt über seine Gefühle zu sprechen. Man kann das auch bei anderen chinesischen Filmemachern finden. Wir interessieren uns vielleicht weniger für Tiere.

Wie haben Sie Ihre Hauptdarsteller für diesen pikanten Stoff gefunden?

Lee: Ich habe wenige angefragt, nicht alle haben geantwortet, bei anderen konnte man die Nervosität riechen. Bei Heath Ledger und Jake Gyllenhaal gab es kein Problem. Für mich ist das Thema Herausforderung genug, da wollte ich keine zusätzlichen Probleme.

Waren die Liebesszenen ein besonderes Problem?

Lee: Nein. Wir haben uns ganz normal vorbereitet und über diese Szenen nicht besonders gesprochen. Das ist eine Liebesgeschichte; das Wichtigste war, dass sie emotional in die Story hineinkamen. Davon abgesehen, ist es mir selbst immer peinlich, über Sexszenen jeder Art viel zu reden. Die Darsteller sind Profis, die wissen schon, wie das geht.

Wie bereiten Sie Ihre Schauspieler vor?

Lee: Ich übe, ich gebe ihnen etwas zu lesen, einen Film zu gucken. In diesem Fall mussten sie echte Cowboys kennen lernen, mussten vor allem die Sprache üben. Körpersprache war hier sehr wichtig. Ich habe keine Studie darüber, wie verbreitet Homosexualität unter Cowboys ist. Aber Sie können sich das vorstellen: Wenn Sie den ganzen Sommer nur mit einem anderen Mann da oben in den Bergen sind. Es sind mehr, als man glaubt. In den USA gibt es sogar eine eigene Gay-Rodeo-Vereinigung. Die Übergänge sind fließend, und die menschliche Natur ist kompliziert: Wie nahe liegt eine Berührung bei einem Ringkampf an einer zärtlichen Geste?

Wie waren die Reaktionen in den USA? Ging es Ihnen überhaupt darum, etwas für die Rechte der Homosexuellen zu tun?

Lee: Nein, darum ging es nicht. Das ist einfach eine große amerikanische Liebesgeschichte. Manche sagen, ich sei gut darin, Amerika zu entlarven. Aber selbst wenn dies das Ergebnis wäre: Das war nicht meine Absicht. Wie viele chinesische Filme zeigt auch Hollywood nur Wunschdenken. Da ich in Amerika lebe und ich meine Sinne beisammen habe, interessiert mich auch die andere Seite, die genauso wichtig ist.

Als Regisseur überschreiten Sie gerne Grenzen. Ihre Filme unterscheiden sich vom Mainstream. Woher kommt Ihr Mut?

Lee: Manchmal fühle ich mich mit der Welt nur schwach verbunden und bei der Arbeit wohler und erdverbundener als ohne sie. Ich sage den Darstellern intime Sachen, die ich zu meiner Frau nie sagen würde. Es ist eine sonderbare Sache. Aber darum gehen wir doch ins Kino: Es ist eine intime Kommunikation, jeder überschreitet hier Grenzen.
Rüdiger Suchsland
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