Hans-Christian Schmid, einer der talentiertesten deutschen Regisseure, erzählt in seinem neuen Film „Requiem“ stimmig und emotional aufwühlend – inspiriert von einer wahren Begebenheit – die Geschichte der jungen Michaela Klingler, die zwischen Familie, Glaube und Krankheit zerrissen, einem Exorzismus zustimmte und diese Entscheidung mit dem Leben bezahlte. Der Film lief im Wettbewerb der diesjährigen „Berlinale“.
Warum gerade jetzt ein Film über Exorzismus?
Schmid: Ich suche mir das Thema nicht aus, sondern stoße auf eine Geschichte, die mich berührt. Dann nehme ich in Kauf, dass sie möglicherweise in den 1970er-Jahren spielt oder am Ende auch Exorzismus vorkommt. Warum macht Ang Lee einen Film über schwule Cowboys und Marc Rothemund über Sophie Scholl? Warum jetzt? Mich beschäftigte und bewegte das Schicksal dieses Mädchens.
Woher kam die Idee?
Schmid: Michael Gutmann entdeckte einen Artikel über den „Fall Klingenberg“; es ging darum, dass 20 Jahre nach dem Tod der jungen Frau ihr Elternhaus zu einem Wallfahrtsort wurde. Mein Interesse war geweckt. Der erste Drehbuchansatz mit dem Freund als Hauptfigur funktionierte dann aber nicht. Er wurde irgendwie nicht lebendig, blieb immer ein guter Mensch. Erst habe ich mich nicht getraut, die Freundin, die den Boden unter den Füßen verliert, zur Hauptfigur zu machen. Sie stand zu sehr auf verlorenem Posten.
Alle Beteiligten wollen nur das Beste und tun das Falsche.
Schmid: Gerade das empfand ich als das Faszinierende und Absurde, ich konnte es mir nicht erklären. In „23“ gab es neben der gefährdeten Psyche auch äußere Feinde wie den KGB. Hier nicht. Michaela will nur ganz wenig – ein bisschen Freiheit und Glück an der Uni. Aber es klappt nicht. Warum? Sogar die Mutter, vielleicht eine sehr strenge Person, will nicht das Unglück der Tochter. Sie kann nur nicht aus ihrer Haut heraus, gehört zu einer Generation, die mit Gefühlsäußerungen Schwierigkeiten hat und ihre Tochter nicht einfach mal in den Arm nehmen kann.
War Angst vor dem Leben der Auslöser? Oder doch Schuldgefühle?
Schmid: Die Protagonistin ist zutiefst katholisch. Dieses sich nicht freuen oder lachen dürfen, die erwachende Sexualität – das ist alles nicht vorgesehen in einer solchen Auslegung des Katholizismus.
Im Katholizismus gibt es aber auch barockes Lebensgefühl.
Schmid: Das nehmen die Mächtigen überall für sich heraus, entspricht aber nicht der offiziellen Haltung. Autor Bernd Lange stammt selbst aus einer Kleinstadt und wollte die Zusammenhänge begreifen; ihm ging es um Verständnis für jemanden, der wie Michaela nur tot aus so einer Geschichte herauskommt. Man muss heute niemandem beweisen, dass ein Exorzismus zu nichts führt.
Wie erklären Sie sich die Hinwendung zu den beiden Geistlichen?
Schmid: Ich denke, dass Michaela sie in ihrem Wertesystem als Hoffnung gesehen hat. Das kalte Auftreten von Medizinern war dem Film keinen Erzählstrang wert. Das allein auf sich zurückgeworfene Mädchen konnte weder Freunden noch Eltern erzählen, was mit ihr passierte. Also vertraute sie sich dem Pfarrer an.
Sie verneinen für sich eine Affinität zum Katholizismus. Kann man sich dem überhaupt entziehen, wenn man aus Altötting stammt?
Schmid: Es kursieren seltsame Vorstellungen über Altötting. Ich bin in einem sehr jungen und liberalen Elternhaus aufgewachsen, ging in ein als links geltendes Kreisgymnasium, bei mir gab es weder Beichte noch Sonntagskirchgang. Ich war in der Friedens- und der Anti-AKW-Bewegung, bei den Grünen. Abgesehen von den Pilgern empfand ich Altötting als ziemlich durchschnittliche Kleinstadt. Erst beim Entstehen meines Hochschul-Abschlussfilms „Die Mechanik des Wunders“ beschäftigte ich mich intensiver mit dem Phänomen Glauben.
Könnte man bei „Die Mechanik des Wunders“, „Himmel und Hölle“ und „Requiem“ von einer Art Trilogie sprechen?
Schmid: Ich sehe mehr den Zusammenhang zwischen „23“ und „Requiem“. In „Requiem“ geht es nur am Rande um die Erörterung von Glaubensfragen. Man kann natürlich von jedem der Filme irgendwelche Linien zu den anderen ziehen; es ist auch augenfällig, dass ich das dritte Mal so ein Thema aufgreife. Die Filme sind aber unterschiedlich, weil sie etwas Unterschiedliches wollen. „Himmel und Hölle“ sollte genau die Anklage sein, die „Requiem“ nicht ist. In „Requiem“ steht die Familiengeschichte im Vordergrund. Ich stelle die Figur der Michaela an die Seite von Karl Koch – beide starten am Anfang sehr hoffnungsvoll, scheitern am Ende und sterben. Ich zeige im ganzen zweiten Akt, wie da immer weniger funktioniert, wie sie den Weg zurück nicht schaffen, weil sie verletzlich sind, etwas beweisen müssen. Bei „Himmel und Hölle“ war das anders; da steht das Engelwerk im Vordergrund, eine innerkirchliche Sekte, und das, was dort mit den Kindern geschieht. Im Nachhinein gesehen, belegen die Figuren etwas, was vorneweg als These existierte.
Wäre ein Vorfall wie in „Requiem“ heute noch möglich?
Schmid: Ich glaube schon, es gibt sehr abgeschottete Verhältnisse und sehr konservative Familien. Vergessen wir nicht die Verwahrlosung der Gesellschaft; die Leute schauen nicht mehr hin, was mit den Nachbarn passiert. Wir lesen doch ständig von schrecklichen Kinderschicksalen in der Zeitung.
Sie sparen zwar laute und schmerzhafte Szenen nicht aus, doch Sie verzichten auf spekulative Bilder. Man erlebt einen „leisen Exorzismus“.
Schmid: Das war eine bewusste Entscheidung. Entweder will man gerne der Voyeur sein oder man sagt, ich halte mich zurück. Ich kenne das auch aus Filmen von John Cassavetes. Wenn es den Figuren sehr schlecht geht, wendet sich die Kamera von ihnen ab. Es gibt in „Requiem“ Szenen, in denen Sandra Hüller überhaupt nicht leise und dezent oder abgewandt ist; die Kamera schaut ihr jedoch lieber aus der Distanz zu, von der Position des Freundes aus, der ihr nicht in die Küche folgt, wenn sie dort tobt.
An welchen Referenzpunkten haben Sie sich orientiert?
Schmid: Es ging uns mehr um stilistische Mittel von Filmen in den 1970er-Jahren. Die Erfindung des Zooms oder die Körnigkeit des Materials. Wir hatten eine ganze Sammlung von Filmen, an denen sich der Szenenbilder oder der Kameramann orientieren konnten.
Wie haben Sie mit Sandra Hüller gearbeitet?
Schmid: In erster Linie muss eine Grundbereitschaft da sein, alles zu geben, sich nackt zu zeigen. Sandra Hüller kommt von der Schauspielschule Ernst Busch, die kennt so etwas. Man musste sie nicht anstacheln. Sie ist eine Beobachterin, die sehr genau zuschaut und dann einen Kommentar abgibt. Ich habe versucht, ihr die Bedenken zu nehmen. Bernd Lange und ich haben uns im Urban-Krankenhaus in Berlin Videos von Epileptikern angeschaut, sie wollte das nicht. Die richtige Entscheidung. Denn es gibt nicht „den“ epileptischen Anfall, sondern eine ganze Bandbreite von der kleinsten Absence bis zum Ausfall der Ganzkörpermotorik. Die Darstellung oblag ihrer Vorstellungskraft.
Woher kommt Ihre Beobachtungsgabe?
Schmid: Ich erhalte viel Lob für Dinge, die andere für mich machen. Das Beobachten habe ich als Teil meines Dokumentarfilmstudiums begriffen, als genauen Blick zum Finden des Besonderen im Alltäglichen. Ob es ein Talent ist, weiß ich nicht. Ich bin kein ganz junger Filmemacher mehr, drehe seit 15 Jahren Filme. Ich muss mich von Projekt zu Projekt fragen, wo ich besser werden will, was mich wirklich interessiert und ob das Budget größer werden oder dieses und jenes passieren muss. Die Herausforderung heißt: Was stellt sich uns oder dem Zuschauer als Wahrheit dar? Natürlich inszeniert man alles, aber wie komme ich mit den Schauspielern zu solchen Momenten, wie kann ich etwas in der Verdichtung zeigen, was vorher so nicht da war, und geht das Publikum mit Gewinn aus dem Film heraus oder wird wenigstens in seinen Emotionen berührt?
Was möchten Sie beim Zuschauer erreichen?
Schmid: Filme können einen Menschen nicht verändern. „Requiem“ soll den Betrachter anderthalb Stunden fesseln und berühren. Wenn er dann noch beim Verlassen des Kinos das Bedürfnis verspürt, darüber zu reden, etwas besser zu verstehen, was die Menschen auf der Leinwand bewegt, dann ist das schon sehr viel.
Welchen Stellenwert hat „Requiem“ in Ihrer Filmografie?
Schmid: Ich sehe eine Entwicklung in Bezug auf „23“ und „Lichter“, klammere „Crazy“ jetzt mal aus. Ich versuche, den Figuren nahe zu kommen, mich im wirklichen Leben zu bewegen, auch wenn es hier um die 1970er-Jahre geht und bei „23“ um die 1980-er. Ich hoffe auf eine Weiterentwicklung im dichten Erzählen und will den Figuren „auf den Fersen bleiben“, überflüssigen Ballast im Drehbuch abwerfen und auf den Punkt kommen.
Seit 2004 sind Sie auch Produzent mit Ihrer Firma „23/5“; Mitgesellschafter sind Thomas Wöbke und Jakob Claussen, sozusagen Ihre „Produzenten-Ziehväter“.
Schmid: Es war uns allen daran gelegen, dass die Zusammenarbeit nicht komplett aufhört. Wir haben eine gute Lösung gefunden.
Warum tun Sie sich den Stress an?
Schmid: Bestimmte Arbeitsfelder im kaufmännischen Bereich kann ich delegieren. Eine eigene Produktionsfirma erweitert den Horizont, weil auch andere Aspekte des Filmemachens einfließen. Mir gefällt das. Ich gebe ein Projekt von Anfang bis Ende nicht aus der Hand, bin auch dabei, wenn man mit dem Verleiher um Plakate oder Werbemaßnahmen geht. Und ich habe es als Produzent einfacher, auf Leute zuzugehen oder Kontakte zu Autoren zu knüpfen.
Gibt es eine Art Netzwerk zwischen jüngeren Filmemachern und Ihrer Generation?
Schmid: Ich versuche, mit der Firma ein Netzwerk aufzubauen, derzeit produzieren wir den zweiten Film von Robert Thalheim, „Am Ende kommen Touristen“. Ich hoffe, dass er von der Zusammenarbeit profitiert und ich ihm etwas von meinen Erfahrungen und meinem Wissen mit auf den Weg geben kann. Es macht Spaß, mit Leuten um die 30 zu arbeiten, deren Filme man schätzt und mit denen man eine gemeinsame Haltung zum Filmemachen teilt.
Viele Newcomer beginnen mit der Digi-Kamera. Ein guter Weg?
Schmid: Ein möglicher Weg. Die Digi-Kamera senkt die Schwelle, um einen Film zu drehen. Ob das dann darüber hinaus noch eine Qualität hat, ist nicht klar. Es können durchdachte Filme entstehen, das muss aber nicht sein. Wenn ich mir „Die große Stille“ anschaue, verwischen sich die Grenzen; für junge Leute, die Kino machen oder ins Kino gehen, ist der Unterschied nicht mehr ausschlaggebend – eine Generationenfrage. Der Zuschauer nimmt Filme wie „Die fetten Jahre sind vorbei“, „Halbe Treppe“ oder „Das weiße Rauschen“ genauso auf, und der Filmemacher gewinnt mehr Freiheit.
Was steht als Nächstes an?
Schmid: Ich schreibe mit Bernd Lange an einer neuen Geschichte. Gleichzeitig entwickelt „23/5“ einige Stoffe mit anderen Autoren, sodass wir in Zukunft kontinuierlich ein bis zwei Projekte pro Jahr realisieren können. Wenn das gelingt, wäre viel erreicht. |