Schador und Bärte, Mullahs und Massen: Das Bild, das die Medien vom Iran zeichnen, zeigt ein wildes, fanatisiertes Land voller kriegsversessener Fundamentalisten, einen Hort der Barbarei, eine Gegend voller Gefahren. Dort wird, so möchte man meinen, verbrannt, wer anders denkt, falsch betet oder eine Frau anschaut. Aber ist der Iran wirklich so hysterisch und unzivilisiert, so homogen und düster? Das aktuelle iranische Kino, wie es auf der „Berlinale“ zu sehen war, entdeckt eine von starken Spannungen geprägte Gesellschaft voller Konflikte. Das für uns Neue liegt in dieser Normalität. Wer denkt beim Stichwort Iran schon an Mikrowellenherde und Zeichentrickfilme, an Drogenopfer und Straßenräuber? Nasser Refaie lässt in „Sobhi Digar“ („Another Morning“) einen jungen, durch den Tod seiner Frau verstörten Mann durch Teheran irren. Unfähig, sein Leid in Worte zu fassen, wird er zum stummen Beobachter einer Parallelwelt der Drogen und „Erwachsenenfilme“, der Obdachlosigkeit und Jugendkriminalität, des Schwarzhandels. All das ist normal, und als ganz gewöhnlich erscheinen auch religiöse Konflikte. Traditionelle Vorstellungen reiben sich an den modernen Lebensverhältnissen. In einer Großstadt des frühen 21. Jahrhunderts wirken ein Chef, der sich eine Zweitfrau genehmigen lässt, oder eine Frau, die durch ihre Familie von ihrem Freund getrennt wird, wie Relikte aus einer anderen Epoche. Nicht nur auf uns.
Harte Zensur
Wer gegen die iranischen Zensurbestimmungen verstößt, wird hart bestraft. So befinden sich nach Auskunft des „Writers in Prison Committee“ des PEN-Clubs seit Ende Januar sieben Journalisten in Haft, weil ihre Provinzzeitung eine regimekritische Satire druckte. Es überrascht nicht, dass solche Geschichten nicht ins iranische Kino kommen. Es sagt viel über unsere hegemoniale Sicht aus, dass sich Nasser Refaie in Berlin mit dem Vorwurf der Feigheit konfrontiert sah, weil er nicht expliziter Stellung bezogen habe – offenbar können sich im Westen viele die Helden der Aufklärung nur als Märtyrer vorstellen. Wir haben noch zu lernen, dass andere ihre Strategien des ästhetischen oder politischen Dissenses ohne unseren romantischen Heldenbegriff planen.
Die iranische Gesellschaft ist heterogen. In „Kargaran mashghool-e karand“ („Men at Work“) lässt Mani Haghighi vier Männer am Rand eines Abgrunds einen Monolithen finden. Erst spielerisch, dann verbissen versuchen sie, den Stein hinabzustoßen. Das absurde Sujet, die komischen Dialoge und die Verortung der Personen in ihren Milieus machen den Film zu einer sozialen Parabel: Eine sinnvolle Rolle hat die Mittelklasse noch nicht gefunden, ihre Funktion in der Zukunft ist offen, solange sie noch daran arbeitet, das Gegebene zu beseitigen – so jedenfalls haben viele diesen Film in Berlin gesehen. Schließlich sind westliche Betrachter seit den Zeiten des Kommunismus daran gewöhnt, die Kunst anderer Kulturen auf ihre Zwischentöne zu prüfen: Sie wollen die versteckten Signale für einen heimlichen Widerstand dechiffrieren. Hat das Einfache einen tieferen Sinn, wo liegt der doppelte Boden?
Humor als Waffe
Nach allem, was iranische Filmer über ihre Produktionsbedingungen berichten, liegt die Macht der Zensur gerade in ihrer Willkür. In Berlin sagte ein Regisseur, dass das Schicksal eines Filmprojekts von vielen Zufällen abhänge – und davon, wie rigide die Person ist, die über seine Genehmigung befindet. Von durchaus menschlichen Zufällen im Umgang mit geschriebenen und ungeschriebenen Regeln handelt Jafar Panahis Film „Offside“ („Abseits“), die Geschichte von sechs Mädchen, die sich als Jungen verkleiden, um im Teheraner Stadion das Fußball-Länderspiel gegen Bahrain anzusehen, jenes Match, mit dem sich der Iran für die Weltmeisterschaft in Deutschland qualifizierte. Sie werden erwischt und hinter den Tribünen festgehalten. Heftig diskutieren sie mit den jungen Soldaten, die sie bewachen. Sie fragen: Warum dürfen Frauen nicht zusehen? Warum haben sie weniger Rechte als Männer? Warum dürfen ausländische Frauen mehr als wir? Die Antworten sind, wie zu erwarten, hilflos, doch in ihrer Ungeschicklichkeit bleiben auch die jungen Männer sympathisch. Der Film ist kein Pamphlet, sondern eine Komödie, die die bewundernswerte Fähigkeit der Iraner demonstriert, dem Unrecht mit bitterem Humor zu begegnen. Der Film zumindest hat ein Happy End: Der Iran qualifiziert sich für die WM in Deutschland, im Trubel lassen die Soldaten die Mädchen ziehen. Doch ein Film ist eben ein Film und die Welt, die er zeigt, eine denkbare. Nur manchmal ist sie auch möglich.
Unter den Bedingungen der Zensur ist das offen Politische für den Film nicht der einzige Weg. Das Kino zeigt, dass auch ein Gottesstaat Grenzen hat: Wenn ein absolut tristes Land unter dem Druck einer katastrophalen Ökonomie leidet (Rafi Pitts in „Zemestan“), wenn Verwandte und Bekannte nicht in der Lage sind, einen Trauernden zu trösten (Refaies „Sobhi Digar“), wenn rigide Ritualgesetze dazu führen, dass eine Frau fälschlicherweise für tot erklärt wird (Maziar Miris großartiger Film „Be Ahestegi...“), wenn Willkür für Unrecht sorgt – dann beweist das Kino seine Kraft als Realität neben der Wirklichkeit. Seine Macht ist die ästhetische Differenz: Weil Filme die reale Wirklichkeit interpretieren, laden sie zu deren Deutung und Relativierung ein. Ist, was ist, gut, wie es ist? Oder, einfacher: Warum dürfen Frauen nicht ins Stadion? Muss das so sein? Muss das so bleiben? Auch Filme, die keine politische Botschaft haben, können politisch wirksam sein, wenn sie die Vielfalt hinter der Einheit zeigen. Der Iran geht nicht in dem auf, was die Nachrichten behaupten. Das kann das Kino zeigen; es ist eine Schule des Sehens. |