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Ein Männermelodraminterview
„Die Zeit, die bleibt“: Interview mit Regisseur François OzonDruckversion
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Der 38-jährige französische Regisseur François Ozon zeichnet in „Die Zeit, die bleibt“ das Porträt eines todkranken schwulen Modefotografen, der mit der Zeugung eines Kindes sichtbare Spuren hinterlassen möchte. Ein Gespräch über seinen Ruf als Frauenregisseur, ein Tabuthema und die eigene Homosexualität.

„Die Zeit, die bleibt“ ist nach „Unter dem Sand“ der zweite Teil einer Trilogie über die Trauer. Bisher standen immer Frauen im Mittelpunkt Ihres filmischen Geschehens, aus welchem Grund diesmal ein junger Mann?

Ozon: Meistens zeigen Filme ja die Kunst im Allgemeinen, wie man mit dem Tod der anderen umgeht. „Die Zeit, die bleibt“ handelt vom eigenen Tod des Protagonisten. Ich wollte diesmal das Melodram eines Mannes drehen; das ist sicherlich nicht so provokativ wie die Sujets meiner vorherigen Filme, aber wohl doch recht unkonventionell. Ich wollte keinen typischen Helden zeichnen, der das Beste aus einer ausweglosen Situation macht. Der Arzt sagt ihm, dass seine Überlebenschance bei seinem bösartigen Tumor nur fünf Prozent beträgt. Er weiß zunächst nicht damit umzugehen, hat Schwierigkeiten anderen seine Gefühle zu offenbaren – selbst gegenüber seinem Lebenspartner. Nur seiner Großmutter bekennt er sich. Auch wenn ich die Hollywood-Melodramen der 1940er- und der 1950er-Jahre mag, wollte ich keine verkitschte Geschichte erzählen, in der sich alle Familienmitglieder am Ende in den Armen liegen. Ich wollte die Wirklichkeit widerspiegeln. Der von Melvil Poupaud zugleich sperrig und sensibel interpretierte Modefotograf Romain bricht im Angesicht des eigenen Todes mit seinem bisherigen eher oberflächlichen Lebenswandel und sucht Einsamkeit und Spiritualität.

Warum haben Sie sich für einen homosexuellen Mann entschieden?

Ozon: Sein Schwulsein ist ein zusätzliches dramatisches Element. Schwule zeugen eigentlich keine Kinder und hinterlassen in dieser Hinsicht also keine Spuren. Sein Wunsch, ein lebendiges Wesen zu hinterlassen, in dem er weiterlebt, rührt aus einem Gespräch mit einer von Valeria Bruni-Tedeschi gespielten jungen Frau. Er definiert danach nicht nur seine Männlichkeit noch mal neu, sondern möchte verborgene Sehnsüchte erfüllt sehen. Bei einem heterosexuellen Mann wäre dies selbstverständlicher gewesen – deswegen die Entscheidung für einen schwulen Protagonisten, der jäh aus der Blüte seiner Jahre durch die Haupttodesursache in der heutigen Zeit, den Krebs, gerissen wird. Mit Absicht wählte ich als Krankheit nicht Aids, das wäre doch zu klischeehaft gewesen.

Es gibt Filme mit ähnlicher Thematik, etwa Patrice Chéreaus „Sein Bruder“ oder Isabel Coixets „Mein Leben ohne mich“. Was halten Sie von diesen Filmen?

Ozon: Die finde ich sehr gut. Allerdings haben Sie mich derart erschüttert, dass ich mich danach wirklich hoffnungslos fühlte. Bewusst entschied ich mich dafür, einen Film zu drehen, der trotz der Unausweichlichkeit des Todes Hoffnung atmet.

Sie bekennen sich offen zu Ihrer Homosexualität. Haben Sie auch den Wunsch, sich durch ein Kind zu verewigen?

Ozon: Romain ist nicht mein Alter Ego, sondern eine fiktive Figur, die sich auf reale Weise mit dem eigenen Tod auseinandersetzt. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht – vielleicht ja, vielleicht nein. Ich hoffe ich habe noch genug Zeit, darüber nachzudenken.

Fühlen Sie sich dazu verpflichtet, für die Rechte von Homosexuellen einzutreten?

Ozon: Wenn überhaupt, dann nicht bewusst. Ich bin nicht „berufsschwul“, wenn Sie wissen, was ich meine. Es gibt auch andere Thematiken, die mir am Herzen liegen. In erster Linie drehe ich Filme, weil es mir Spaß macht. Ernste Themen schließe ich damit genauso ein, wie die Groteske „Sitcom“, bei der ich sexuelle Orientierungslosigkeit, Notgeilheit und Medienwahn persifliert habe.

Sie gelten als „Frauenregisseur“ und haben mit vielen großen Darstellerinnen gedreht. Wenn Sie einen Zeitsprung in die Filmhistorie machen könnten, mit welchen Frauen hätten Sie gern zusammengearbeitet?

Ozon: Mit der viel zu früh verstorbenen Natalie Wood und der jungen Elizabeth Taylor – früher war sie wirklich die schönste Frau der Welt. Zu meinen Lieblingsfilmen gehören „Ein Platz an der Sonne“ und „Sinfonie des Herzens“. Sinnlichkeit und Liebreiz gehen bei ihr eine unvergleichliche Allianz ein. Doch für eine Altersrolle hätte sie bei mir keine Verwendung. Ich möchte sie so in Erinnerung behalten, wie ich sie als jugendlicher Cineast, der selbst noch keine Filme drehte, kennen gelernt habe. Das klingt vielleicht arrogant, aber dafür bin ich zu sehr Ästhet.

Aber Sie haben gerade mit Jeanne Moreau in „Die Zeit, die bleibt“ eine Ikone der französischen Nouvelle Vague eingesetzt.

Ozon: Stimmt, es liegt vielleicht daran, dass ich Jeanne Moreau für mich erst spät entdeckt und sie in reiferen Rollen wie in Fassbinders „Querelle“ zuerst gesehen habe. Erst danach schaute ich mir die Filme der Nouvelle Vague an. Mein favorisierter Truffaut-Film mit ihr ist allerdings „Die Braut trug Schwarz“, in der sie einen Racheengel von antiker Schönheit verkörperte. Bei mir hingegen ist sie die verständnisvolle Großmutter, der sich Romain alias Melvil Poupaud anvertraut.

Wie war die Zusammenarbeit mit ihr?

Ozon: Ich habe es genossen. Sie ist im Allgemeinen sehr von der Regiearbeit fasziniert und sieht einem auch in Szenen über die Schulter, in denen sie gar nicht mitwirkt. Sie bereitet sich im Vorfeld sehr gut auf ihre Rolle vor und hat dann viele Vorschläge, was die Umsetzung betrifft, einzubringen. Wie zwischen Laura und Romain hat sich auch zwischen uns ein Band des Einverständnis und der Zärtlichkeit entwickelt. Dabei bitte ich Sie aber nochmals nicht miss zu deuten, dass „Die Zeit, die bleibt“ ein autobiografischer Film sei.

War es eigentlich schon geplant, sie bei „Acht Frauen“ einzusetzen?

Ozon: Ja, doch sie hatte anderweitige Verpflichtungen. Ich habe ihr aber ein kleines Denkmal gesetzt, indem ich Emanuel Béart in die Dienstmädchenkleidung steckte, die Jeanne im „Tagebuch einer Kammerzofe“ trug. Ich möchte Jeanne auf jeden Fall für einen meiner nächsten Filme gewinnen.

Weshalb haben Sie einen derart intimen Film im großen CinemaScope-Format gedreht?

Ozon: Ich liebe Breitwand-Western, aber auch Vincente Minnellis „Some Came Running“ („Verdammt sind sie alle“). CinemaScope ist vielleicht für ein Kammerspiel ein sehr ungewöhnliches Format, aber genau das hat mich gereizt. Hier hat man die Möglichkeit, entweder alles dicht zusammen zu drängen oder mit großer Weite zu operieren. Halbtotale funktionieren dagegen nicht. Außerdem liebe ich Gesichtsaufnahmen im Breitwandformat.

Der Schauspieler Klaus Löwitsch erzählte einmal, dass Fassbinder Frauen am Set sehr schlecht behandelt hätte, ganz im Gegensatz zu den Männern. Verfahren Sie anders?

Ozon: Ich bewundere Fassbinder, für mich ist er nach wie vor der größte deutsche Regisseur, aber wenn das stimmt, ist es einfach nur ein Armutszeugnis. Man sollte Frauen wie Männer gleich respektvoll behandeln. Ich habe bei der Realisierung eines Films klare Vorstellungen, doch ich lasse mir auch stets etwas von Schauspielern sagen, wenn es zur Verbesserung der Rollengestaltung beiträgt. Natürlich darf man sich dabei auch nicht in endlosen Diskussionen verlieren. Konstruktive Vorschläge sind willkommen – ich entscheide letztendlich, ob sie Verwendung finden.

Können Sie schon Genaueres zum Abschlussfilm der „Trilogie der Trauer“ erzählen?

Ozon: Ich möchte ein Tabuthema anrühren: den Tod eines Kindes. Ich habe schon Gedanken zum Drehbuch, sie sind jedoch noch nicht ausgereift. Das wird sicherlich mein schwerster Film, vielleicht schiebe ich deswegen einen leichten Film dazwischen.
Marc Hairapetian
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