Das Drama „Mein Leben ohne mich“ (2003), in dem sich eine todkranke junge Frau auf ihren Tod vorbereitet, machte die 1960 in Spanien geborene Regisseurin Isabel Coixet einem größeren Publikum bekannt. In ihrem neuen Spielfilm „Das geheime Leben der Worte“ (Kritik in dieser Ausgabe) erzählt die spanische Filmemacherin von zwei Menschen, denen im Balkankrieg schwerer Schaden an Körper und Seele zugefügt wurde.
Warum greifen Sie die Gräuel der Balkankriege wieder auf?
Coixet: Während einer Dokumentation über Kriegs- und Folteropfer lernte ich die dänische Neurologin Inge Genefke, die Gründerin des International Rehabilitation Council for Torture Victims (IRCT), kennen, eine unermüdliche Kämpferin gegen Folter in der Welt. Sie öffnete mir die Augen. Im Verlauf meiner Recherchen in Sarajewo habe ich mit vielen weiblichen Opfern gesprochen. Für diese Frauen ist der Krieg noch lange nicht vorbei. Wenn sie beispielsweise einen Mann sehen, der eine Zigarette im Aschenbecher ausdrückt, erinnert sie das an jene grausamen Szenen, die sie durchgemacht haben. Bei manchen Berichten lief es mir kalt den Rücken herunter.
Was berührte Sie am meisten?
Coixet: Die Einsamkeit der Opfer. Sie schämen sich, weil sie überlebt haben. Die Mitarbeiter von Organisationen wie IRCT versuchen, ihnen diese Scham zu nehmen. Manche brauchen Jahre, um ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen.
Sie verzichten auf harte Szenen und zeigen nur die Folgen von Folter.
Coixet: Brutale Folter- und Vergewaltigungsszenen will ich nicht sehen. Andeutungen halte ich für stärker; Worte bringen die Verwüstungen der Seele mehr zum Ausdruck. Bei der Recherche haben wir Schreckliches gehört. Meine Kamerafrau war so erschüttert, dass sie den Job an den Nagel hängte. Einen Teil der bewegenden Erfahrungen habe ich für meinen Spielfilm genutzt.
Warum spielt die Handlung größtenteils auf einer Öl-Bohrinsel im Meer?
Coixet: Mich fasziniert dieser öde, verlassene Ort als Raum völliger Isolation. Die Menschen, die dort arbeiten, stammen meist aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen. Sie sind Einzelgänger, verstehen sich aber trotz der Unterschiede. Ich war bei Dokumentarfilmarbeiten eine Woche lang auf einer Bohrinsel. Man verliert schon bald den Bezug zu Raum und Zeit. Die Empfindung, in einer Zwischenzone zu sein, spiegelt den Zustand meiner Protagonisten.
Mit Sarah Polley und Tim Robbins haben Sie eine ideale Besetzung gefunden.
Coixet: Die Hauptfigur habe ich für Sarah Polley geschrieben, die beste Schauspielerin ihrer Generation. Sie kann alles ohne einen falschen Halbton spielen und bleibt ganz natürlich. Im Gegensatz zu vielen US-Kolleginnen, die mit einer Truppe Make-up- und Hair-Stylisten am Set auftauchen und für Stress sorgen. Die Zuschauer wollen keine Maske, sondern das wahre Gesicht, die innere Verletzbarkeit, die Blöße. Tim Robbins war mein Wunschkandidat. Eine Woche nach Zusendung des Skripts rief er mich an und fragte: „Wann legen wir los?“. Er verlangte nicht einmal die übliche Gage, weil unser Budget knapp bemessen war.
Endet Ihr Film mit einer Hoffnung?
Coixet: Ich lasse eine leise Hoffnung zu. Die Menschen können ihre Vergangenheit nicht vergessen, sondern nur in eine Ecke schieben, in die sie ab und zu wieder hinein schauen. Am Anfang des Films erlebt Hanna den Albtraum jeden Tag. Sie wäscht ihre Hände, isst immer dieselben Speisen, arbeitet fleißig und nimmt nie einen freien Tag, aus Angst, nachdenken zu müssen. Vielleicht hilft ihr die Liebe, die Nähe eines anderen Menschen, dem sie vertrauen kann. Einige der traumatisierten Frauen führen ein ganz normales Leben, erledigen ihre Jobs, haben Familie und versuchen, sich aus den Klauen der Erinnerung zu befreien.
Ihre Frauenfiguren sind fragil und stark zugleich?
Coixet: Ich wollte keine Opfer zeichnen, das ist zu leicht. Die Frauen, die ich traf, haben nie übertrieben oder sich hängen lassen. Wir Frauen sind seit Beginn der Evolution daran gewöhnt, zu kämpfen. Wir entwickeln intuitiv immer wieder neue Strategien, das gehört zur weiblichen Identität. Das spiegelt sich in meinen Filmfiguren. Ich persönlich bin keine Heldin.
Würden Sie einem Ruf aus Hollywood folgen?
Coixet: Was sollte ich da? Nach „Mein Leben ohne mich“ erhielt ich einige sehr lukrative Angebote, auch große Projekte, darunter 15 Drehbücher über junge Frauen, die wussten, dass sie sterben würden. Können Sie sich Jennifer Lopez als krebskranke Frau vorstellen, die mit dem Tod konfrontiert ist? Die dann auch noch als Produzentin mitmischt und in Schönheit dahinsiechen will? Ich müsste Kompromisse eingehen. Da mache ich doch lieber Werbefilme als einen schlechten Spielfilm. Das ist einfach ehrlicher. Ich liefere eine gute Arbeit und bekomme gutes Geld; ich muss nicht so tun, als ob mein Herz daran hängen würde.
Sind Sie eine Altruistin?
Coixet: Wahrscheinlich kann ich nur nicht aus meiner Haut heraus. Vielleicht treibt mich auch ein verborgener moralischer Impetus. Es geht mir nicht darum, die große Revolution anzuzetteln, sondern die Welt ein bisschen zu verändern. Diesen Traum lasse ich mir nicht nehmen. |