Das Sterben ist aus unserem Alltag weitgehend verbannt, gehört aber dennoch zum Leben. Eine Beschäftigung mit ihm ist unumgänglich und durchaus gewinnbringend, wie viele Erfahrungsberichte nahe legen. Es ist deshalb ein Glück, dass ab und zu Spielfilme das Thema aus seinem Schattendasein heraus führen und damit bisweilen sogar heftige Debatten auslösen. Im Jahr 2005 wurden gleich zwei Filme mit „Oscars“ prämiert, die mit einem ethisch so brisanten Thema wie Sterbehilfe Aufsehen erregten: Clint Eastwoods „Million Dollar Baby“ (USA 2004) und „Das Meer in mir“ von Alejandro Amenábar (Spanien/Frankreich/Italien 2004). Zwei Jahre zuvor hatte Pedro Almodóvars „Sprich mit ihr“ (Spanien 2002) schon für Diskussionen gesorgt – durch seine Darstellung von Koma-Patientinnen, des sexuellen Missbrauchs, des (ironisiert) dominanten männlichen Blicks auf die zur Passivität verdammten Frauen und auch durch den Umgang mit Tieren in den Stierkampf-Szenen (bei den Dreharbeiten waren Stiere getötet worden). Die meisten Kritiker bescheinigten allen drei Filmen außergewöhnlich hohe filmische Qualität; umstritten war jedoch die Umsetzung ihrer brisanter Themen. Dass das Sterben im Film nicht unbedingt spektakulär oder skandalumwittert inszeniert sein muss, um existenziell zu bewegen, zeigen beispielsweise Isabel Coixets „Mein Leben ohne mich“ (Kanada/Spanien 2003) und der Kurzfilm „Fragile“ von Sikander Goldau (Deutschland 2003).
Position zur Sterbehilfe
Vor allem „Million Dollar Baby“ und „Das Meer in mir“ wurde vorgeworfen, aktive Sterbehilfe einseitig und zu positiv darzustellen, wodurch der unverfügbare Wert des einzelnen Lebens missachtet und die Hemmschwelle zur Tötung herabgesetzt werde. Gegen „Million Dollar Baby“ brachten Kritiker vor, dass der Film das Leben mit einer Behinderung als unzumutbar darstelle, etwa indem er das Leid der Hauptfigur Maggie noch durch eine miserable Pflege (Druckgeschwüre und Beinamputation sind durchaus vermeidbar) steigere und die hoffnungslose Perspektive überbetone. Demgegenüber lässt „Das Meer in mir“ kaum Wünsche offen, was die Pflege und die Betreuung des Protagonisten betrifft. Ramón scheint für Außenstehende ein durchaus erfülltes, an menschlichen Kontakten reiches Leben zu führen. Die Kritik fokussierte auf Ramóns ungebrochenen, nicht hinreichend begründeten Todeswunsch. Der Kampf für einen selbstbestimmten Tod scheint seinem Leben den nötigen Sinn zu geben. Es ist nicht zu unterschätzen, wie wichtig und lebensnotwendig das Gefühl der Freiheit und Kontrolle über das eigene Leben ist. Dieses Paradoxum erklärt wohl auch, warum der Film oft als lebensbejahend und aufmunternd empfunden wurde. Dennoch bleibt die Frage offen, ob und warum Ramón keine andere Lebensaufgabe finden konnte, da die Handlung ja mehrere Möglichkeiten angeboten hätte, etwa seine schriftstellerische Tätigkeit.
Die Thematisierung solcher Alternativen zeigt, dass Amenábar durchaus bemüht war, unterschiedliche Perspektiven auf Ramóns Pflegebedürftigkeit und seinen Sterbewunsch anzubieten. Das wird beispielsweise an der Rechtsanwältin Julia deutlich, die sich im Gegensatz zu Ramón entschließt, ihre unheilbare Krankheit anzunehmen und ihr Leben nicht selbst zu beenden. Analog dazu enthält „Million Dollar Baby“ Ansätze, die Distanz zu Maggies Todeswunsch schaffen und zu Frankies schwerer Entscheidung, diesem zu entsprechen: Frankies ernsthafte Bemühung, Maggie neue Lebensinhalte anzubieten, und andererseits das seelsorgerliche und menschliche Versagen des Priesters, der Frankies Dilemma mit der Androhung schlimmster Höllenstrafen beantwortet, ihn ansonsten aber allein lässt. Vielleicht wäre mit besserer Begleitung (auch durch Maggies Familie) eine Entwicklung zu neuem Lebenswillen möglich gewesen. Die Verteidiger beider Filme begrüßen gerade die Offenheit der aufgeworfenen Fragen: Ein Film über Sterbehilfe habe nicht die Aufgabe, in verengtem Sinne moralische Lehrsätze abzubilden, sondern ein individuelles Schicksal, ein moralisches Dilemma glaubwürdig darzustellen. Der positive Effekt dessen sei, dass eine öffentliche Diskussion über das Thema in Gang kommt, die möglicherweise hilft, einen eigenen Standpunkt in der schwer zu klärenden Frage zu finden.
Im Wachkoma
„Sprich mit ihr“ handelt nicht primär vom Tod, dennoch spielt er eine wichtige Rolle: er ist mit den dargestellten Schicksalen verwoben; die Figuren, am deutlichsten die beiden Koma-Patientinnen, stehen zwischen Leben und Tod. Die Stierkämpferin Lydia hat einen „mörderischen“ Beruf: Sie tötet Stiere in der Arena und setzt sich dabei stets der Lebensgefahr aus. Marco und Benigno stehen mit dem Tod zunächst nur in indirekter oder metaphorischer Verbindung: Marco trauert um eine alte Liebe, seine aktuelle Beziehung zur Stierkämpferin zerbricht nicht zuletzt an dieser noch nicht überwundenen Trauer. Benigno steht unter der Herrschaft seiner Mutter, die er bis zu ihrem Tod pflegte. Er hat keinen eigenen Lebensinhalt entwickelt und kann sich ein Leben ohne seine Mutter nicht vorstellen – bis er Alicia trifft, der er sich vollkommen verschreibt, die er aber zugleich seinen Vorstellungen unterordnet, da sie im Koma liegt. Benigno ist davon überzeugt, Alicia zu heiraten. Eines nachts schwängert er sie. Der sexuelle Missbrauch ist im Bild des „schwindenden Liebhabers“ nur angedeutet, was als Verharmlosung verstanden werden kann, aber auch eine Erklärung für Benignos Verhalten liefert. Die Geschichte vom geschrumpften Liebhaber, der in der Vagina seiner Geliebten verschwindet, lässt unter Rückgriff auf die Freudsche These, dass sich das männliche Unterbewusstsein in den Mutterleib zurückwünsche, auf Benignos Mutterfixierung schließen, die schließlich sogar zum Tod führt. Wie der Liebhaber im Stummfilm nimmt sich Benigno das Leben. Paradoxerweise bewirkt er mit seinem Vergehen (vermutlich) Alicias Erwachen und ermöglicht eine gemeinsame Zukunft für sie und Marco.
Die Themen Wachkoma und sexueller Missbrauch behandelt „Sprich mit ihr“ auf überraschend lockere, gleichwohl formal ausgereifte und vielschichtige Weise, was die moralische Einordnung schwierig und den Film deshalb auch umstritten macht. Dem Vorwurf, der Film „reanimiere“ eine überkommene Verteilung der Geschlechterrollen, die Frauen zu passiven Objekten eines männlich-dominanten Voyeurismus degradiere, steht entgegen, dass Almodóvar (wie in früheren Filmen) die „klassische“ Rollenverteilung umkehrt; im Widerspruch zu den Genrekonventionen des Melodrams zeigt er Männer in der Rolle des emotional Gerührten und hingebungsvoll Pflegenden, Frauen dagegen in Männerdomänen: Lydia als Stierkämpferin und Amparo als Naturwissenschaftlerin. Rollenklischees werden durch ihre Übertreibung und „typische“ Männerfantasien durch die Überdeutlichkeit ihres Projektionscharakters auch ad absurdum geführt.
Gegenpositionen
In ausgesprochen positivem Licht thematisiert Isabel Coixets „Mein Leben ohne mich“ den paradoxen Zusammenhang von Leben und Tod. Hier steht der Aspekt des intensivierten Lebens im Angesicht des nahen Todes vor der Darstellung des Sterbens selbst. Die nur auf den ersten Blick leicht überschaubare, ohne aufwändige Effekte inszenierte Geschichte bringt eine ganze Palette existenziell bedeutender Fragen und kultureller wie religiöser Bezüge zur Sprache (und ins Bild). Sikander Goldaus Kurzfilm „Fragile“ verfährt ähnlich: Er stellt die Situation einer Frau dar, die zwischen Leben und Tod steht und aus dieser Perspektive letzte Blicke auf die Welt wirft, um sich – in Begleitung eines Engels – von ihren Angehörigen zu verabschieden. Auch hier sind Reflexionen auf den Sinn des Lebens, seine Unerklärbarkeit, die Mystik des einzelnen Moments, das Verhältnis von Leben und Tod und das Jenseits in die Handlung eingewoben, u.a. in Form von Monologen aus dem Off.
„Mein Leben ohne mich“ zeigt solche Reflexionen vor allem in den lyrischen Gedanken-Monologen der Hauptfigur Ann, der bedeutungsvollen Filmmusik und der symbolischen Figur des Glasharfenspielers, der, auch als Engel interpretierbar, Ann auf ihrem Weg in den Tod mit seiner Musik (und in erweitertem, personifizierendem Verständnis mit der gesamten Filmmusik) begleitet. Das Auftreten eines Engels als Begleiter wie auch die Off-Kommentare, die in lyrisch-erhabener Form das menschliche Leben und seine Widersprüche reflektieren, erinnern an Filme wie „Der Himmel über Berlin“ und „In weiter Ferne, so nah!“ von Wim Wenders sowie an Brad Silberlings Remake „Stadt der Engel“.
Eine kostenlose Arbeitshilfe mit Infos und Links zu den oben genannten Filmen sowie zu den Themen Sterben und Sterbehilfe bietet die Medienzentrale des Erzbistums Köln auf ihrer Internetseite: www.erzbistum-koeln.de/medien/zentrale/publikationen/
Das Katholische Filmwerk (KFW) in Frankfurt bietet zu den Themenkreisen „Sterben“ und „Abschied nehmen“ neben einem Reader auch eine Reihe von Spiel- und Kurzfilmen für die nichtgewerbliche Bildungsarbeit an, u.a. auch „Sprich mit ihr“, „Mein Leben ohne mich“ und „Das Meer in mir“ sowie den Kurzfilm „Fragile“. Im Internet: www.filmwerk.de |