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„Metropolis“ foreverdvd
Studienfassung des Stummfilmklassikers auf DVDDruckversion
Die Edition dieser „Studienfassung“ von „Metropolis“, die Enno Patalas in einem zweijährigen Projekt gemeinsam mit einem Team an der Berliner Universität der Künste erarbeitet hat, „beschreitet hinsichtlich der Präsentations- und Editionsform neue Wege“, wie Projektkoordinatorin Anna Bohn im Begleitheft mit vollem Recht feststellt; denn die Studienfassung unterscheidet sich erheblich von der im Handel erhältlichen DVD der rekonstruierten Fassung, werden hier doch „die Brüche in der Überlieferung ausgestellt und in ihrem zeitlichen Verlauf sinnlich erfahrbar gemacht.“ Die gekürzten Stellen – insgesamt etwa 30 Minuten gegenüber der Premierenfassung von 1927 – werden nicht, wie in der rekonstruierten Version, kaschiert und durch entsprechende Schnitte oder durch verbindende neue Zwischentexte überbrückt, sondern sind durch leere graue Bildfelder, den „Lacunae“, präsent. Den Begriff übernehmen die Herausgeber, die sich bei ihrem Unternehmen an Editionsprinzipien philologischer Wissenschaften orientieren, aus der Altphilologie. Diese Anlehnung deutet das eigentliche Ziel der Fassung an, die ein Schritt hin zu einer historisch-kritischen Edition eines Films ist, ein Ziel, das für die Filmwissenschaft aufs Innigste zu wünschen ist, hat sie es doch häufig mit verstümmelten und verderbten Fassungen ihres Gegenstands zu tun. Bisher gibt es kaum Standards für kritische Editionen.

Die fehlenden Filmeinstellungen werden durch die Lacunae in ihrer originalen Länge repräsentiert, die durch die erhaltene Partitur der Musik von Gottfried Huppertz vorgegeben sind; die Musik ist vollständig auf Klavier eingespielt und sowohl den Filmsequenzen als auch den Lacunae unterlegt. Zusätzlich kann man bei den Filmbildern und den Leerstellen die Einsatztexte (Cues) der Partitur zuschalten, wie auch die auf der Zensurkarte erhaltenen Zwischentitel sowie bei den Lacunae knapp gehaltene inhaltliche Informationen über die fehlenden Einstellungen, die vor allem auf der erhaltenen Drehbuchfassung basieren; zur besseren Unterscheidung sind sie gegenüber den Cues typografisch abgesetzt.

Das umfangreiche „Archiv“, das neben zahlreichen Stand- und Werkfotos, Architektur-, Kostümentwürfen und Plastiken auch ein Faksimile des Drehbuchs und der Zensurkarte enthält, ist mehr als eine Art Bonusmaterial, denn es ist sehr eng und sinnvoll mit dem Film verknüpft. Mittels eines Icons an entsprechenden Filmstellen ist es möglich, direkt auf Quellenmaterial aus dem „Archiv“ zuzugreifen, das vielfach durch Auszüge aus den unveröffentlichten Erinnerungen des Architekten Erich Kettelhut erläutert wird. Auf dieser Ebene sind auch Drehbuchauszüge zitiert, die nicht direkt in die Leerstellen eingefügt sind, weil der Film doch teilweise erheblich von der erhaltenen Drehbuchfassung abweicht. Die verschiedenen Sektionen des „Archivs“ können aber auch einzeln aufgerufen werden und ergeben durch ihre chronologische Anordnung, etwa bei den „Werkfotos“, eine Bildchronik der Arbeit an „Metropolis“. Für dieses zeit- und kostenaufwändige Pilotprojekt zur Nutzung der Speicher- und Verknüpfungsmöglichkeiten der DVD für eine wissenschaftliche Filmedition ist der meistüberschätzte deutsche Film „Metropolis“ sehr gut geeignet, weil zwar einerseits die bereits nach der Premiere herausgeschnittenen Sequenzen als unwiederbringlich verloren gelten müssen, aber andererseits – ein Glücksfall für die Filmhistoriker – eine außerordentliche Fülle von sekundären Bild- und Schriftquellen vorhanden ist, die im „Archiv“ weitgehend, aber nicht vollständig wiedergegeben sind.

Das Prinzip dieser Studienfassung ist, dass nichts rekonstruiert oder kaschiert wird: Die originalen Titel werden nur dann verwendet, wenn sie überliefert sind; nur durch die Zensurkarte überlieferte Titel sind in deutlich unterschiedlicher Schrifttype gesetzt. Auch hat man darauf verzichtet, die Rolltitel zu animieren, es wird lediglich darauf hingewiesen; außerdem gibt es bei fehlenden Sequenzen keine den Sehgewohnheiten angepassten zusammenfassenden Informationen. Auf diese Weise wird der Torso-Charakter des Films deutlich, die Rekonstruktionsbemühungen können hinterfragt werden. Im Unterschied zur Vorgehensweise philologischer Wissenschaften, die genau verzeichnen, in welcher Handschrift oder Druckfassung die jeweilige Textstelle überliefert ist, fehlt jedoch ein genaues Protokoll darüber, aus welcher Kopie bzw. welchem Negativ die Sequenzen bzw. Einstellungen stammen. Es ist lediglich summarisch angegeben, dass die Studienfassung auf dem Negativ der amerikanischen Fassung im Bundesarchiv-Filmarchiv basiert und durch zwei Kopien der britischen Verleihfassung (im George Eastman House, Rochester, N.Y. und dem National Film and Television Archive London) ergänzt wird; die originalen Zwischentitel entstammen einer deutschen Verleihkopie der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung. Im Quellenverzeichnis werden ohne nähere Angaben vier weitere Filmarchive genannt, die an der Restaurierung beteiligt waren. Dieses und andere Versäumnisse sind möglicherweise in einer Neuauflage der limitierten Edition nachzuholen, denn auch die Herausgeber gestehen durchaus ein, dass die Studienfassung von einer historisch-kritischen Fassung noch weit entfernt ist und weitere Editionsprojekte folgen müssen, bis die Filmwissenschaft „fundierte Standards“ (Bohn) entwickelt haben wird.

Besonders problematisch erscheint bei dieser Edition der Umgang mit den gedruckten bzw. als Manuskript überlieferten Quellen. Zwar sind das Typoskript des Drehbuchs (aus dem Besitz von Huppertz) und die Zensurkarte auf der DVD als pdf-Datei abgespeichert, womit beim Drehbuch die einzelnen Szenen aufrufbar sind, doch beides lässt sich nicht ausdrucken, was bei der Zensurkarte unverständlich erscheint. Von einem zweijährigen, hoch bezuschussten Pilotprojekt zur wissenschaftlichen Edition eines Films hätte man wohl erwarten dürfen, dass vom Drehbuch eine gedruckte (oder zumindest ausdruckbare) kommentierte kritische Fassung vorgelegt wird, denn so ist es nicht möglich, Drehbuchfassung und Filmszene direkt miteinander zu vergleichen; auch werden keine Erläuterungen zu Abweichungen zwischen Drehbuch und Film gegeben. Im „Zwischenspiel“ enthält das Drehbuch eine visionäre Einstellung mit einem Erzengel (Bild 215 und 218), die mit Huppertz’ handschriftlichem Vermerk „50 Meter = 1 Min. 40 Sek“ versehen ist, offenbar eine Notiz für die Länge der Musik. Deshalb darf man vermuten, dass die Szene tatsächlich gedreht wurde – allerdings fehlt sie im Film, ist jedoch nicht mit einer Leerstelle kenntlich gemacht, und es gibt auch keinen Cue aus Huppertz’ Klavierdirektion. Auf der Zensurkarte gibt es keinen Zwischentitel, der dieser Szene zugeordnet werden kann, anscheinend ist sie also noch vor der Zensur herausgeschnitten worden – von wem und weshalb? Dazu gibt es keine Antwort; man kann die Frage auf der DVD aber auch nicht weiter verfolgen, denn im Gegensatz zum Drehbuch-Typoskript fehlt eine Reproduktion der Partitur und/oder der Klavierdirektion von Huppertz, was angesichts der außerordentlichen Bedeutung dieser Quelle für die Rekonstruktion problematisch erscheint. Auch andere Angaben fehlen, die für eine Studienfassung unerlässlich wären: von den Standfotos wird nur eine „Auswahl“ präsentiert, ohne dass angegeben wäre, wie viele Fotos es insgesamt gibt und aus welchem Archiv sie stammten; auch hier hat man sich, wie bei dem Filmmaterial selbst, mit globalen Nachweisen begnügt.

Die offenen Fragen zeigen, dass die Studienfassung noch nicht der Endpunkt der wissenschaftlichen Bemühungen um „Metropolis“ ist, sondern eher eine neue Basis für weitere Forschungen. Das haben auch die Herausgeber bei der Vorstellung der DVD während der „Berlinale“ betont, die sich von der Studienfassung eine Belebung der Beschäftigung mit dem Film versprechen: „Metropolis“ forever. Auch für die Erarbeitung von Kriterien und Standards wissenschaftlicher Filmeditionen ist die Studienfassung lediglich ein Anfang. Die zukunftsweisende Bedeutung des Pilotprojekts liegt vor allem in der Nutzung des Mediums DVD und in der überzeugenden Präsentation von „Metropolis“ als filmischen Torso. Ein „Prototyp“ (Bohn) für weitere Editionen ist die Studienfassung noch nicht, dazu sind zu viele Fragen noch ungelöst. Außerdem muss man befürchten, dass das Projekt auf Grund der sehr hohen Kosten eine Ausnahme bleiben wird. Allein die Kulturstiftung des Bundes hat das Unterfangen mit 194.000 Euro gefördert, was für den enormen technischen Aufwand nicht ausreichte, weshalb mehrere in- und ausländische Institutionen ideell wie materiell ebenfalls beiseite standen. Kein filmwissenschaftliches Institut oder Archiv in Deutschland könnte aus eigener Kraft ein derartiges Unterfangen auf die Beine stellen; für künftige historisch-kritische Editionen von Filmen benötigt man daher praktikablere und finanzierbare Modelle. Das schmälert insgesamt nicht die Bedeutung der Studienfassung als Pilotstudie, weil sie erstmals die Möglichkeiten der neuen Technologien für eine kritische Filmedition aufzeigt.

„Metropolis“ DVD-Studienfassung (mit 36-seitigem Booklet). Universität der Künste Berlin. Limitierte Auflage. Schutzgebühr 10,00 EUR. Bestelladresse: dvdmetro@udk-berlin.de
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