Man stelle sich vor: Die staubige Rumpelkammer eines Puppendoktors, zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Hier erwachen in der Nacht Spindeln, Nadeln, nur noch fragmentarisch vorhandene Köpfe aus Kautschuk oder Porzellan und Puppen-Eingeweide aus Stoff und Stroh im vergilbten Interieur nicht mehr benutzter Puppenstuben zum Leben und suchen – vergeblich – nach dem Sinn ihres Daseins. Solch eine Szenerie vermittelt nur eine ungefähre Vorstellung von den Sphären, in die sich die Brothers Quay vorwagen: Sphären, die als Quelle der Inspiration die verwinkelten Viertel Prags benötigen, in denen all das das fahle Licht der Welt erblickte, was die 1947 geborenen Zwillinge Stephen und Timothy Quay aus Norristown, Pennsylvania (die in London leben) lieben: Kafka, Don Giovanni – und vor allem Jan Svankmajer.
Dem tschechischen Puppentrick-Virtuosen widmeten sie mit „Das Kabinett des Jan Svankmajer“ („The Cabinet of Jan Svankmajer“, 1984), einen ihrer frühen Experimentaltrickfilme. Formal sind die Werke von Stephen und Timothy Quay zudem beseelt von Dada und der frühen Filmkunst der Expressionisten. All das schafft ein in der aktuellen Filmszene einzigartiges Amalgam, aus dem bislang etwa 24 Kurzfilme und Musikvideos sowie mit „Institut Benjamenta“ („Institute Benjamenta, or This Dream People Call Human Life“, 1995) und aktuell mit „The Piano Tuner of Earthquakes“ (Kritik in dieser Ausgabe) zwei abendfüllende Spielfilme entstanden.
Die Essenz des Horrors
Settings aus dem Universum M.C. Eschers verbinden sich bei den Quays mit aus Alltagsgegenständen kompilierten Albtraum- Kreaturen eines Hieronymus Bosch und interagieren mit dem herausragenden quayschen Stilelement: den deformiert zum Leben erweckten Puppen aus den Kinderzimmern der Vergangenheit. Das Kabinett der Quays ist der Prototyp dessen, was Menschen in Fieberträumen ausbrüten. So sind die kurzen Animationsfilme weniger Angstkino im klassischen Sinne als ein ausgeklügeltes Spiel mit den archaischen Tiefen des Unterbewusstseins. Das ist mitunter verstörender und tiefgreifender als das herkömmliche, auf konsumierbaren Schrecken zielende Reiz- und Reaktionskino des Mainstream. Wenn etwa in „The Epic of Gilgamesh“ (1985) eine Figur, die einem kubistischen Gemälde Picassos entsprungen zu sein scheint, mit einem Nagelbeil einem Etwas aus Stofffetzen, Krähenflügeln und einem Reptilienskelett Leben regelrecht einprügelt, dann ist dieser „Erweckungsprozess“ weit drastischer als der allzu bekannte aus Mary Shelleys „Frankenstein“, wo in einer Gewitternacht ein Monster erschaffen wird. Dabei fehlt den Horrorvisionen der Quays jeder Anflug von Romantik, der Horror im allgemeinen konsumierbar macht. Was hier vorherrscht, das ist der Horror in seiner Essenz: nihilistisch und ohne die Option einer Katharsis.
In „Street of Crocodiles“ (1987) schneidert ein Heer kahlköpfiger Babypuppen mit Nadel, Zwirn und rostigen Schrauben um Stoffinnereien und einen Batzen rohes Fleisch herum ein Kostüm, um seinem „Puppetmaster“ (dem Schneider des Teufels) einen neuen Sklaven zu erschaffen. In einem der wenigen Textzeilen der zumeist völlig stummen, lediglich mit Musik unterlegten Trickkollagen heißt es: „In that city of cheap human material, no instincts can flourish, no dark and unusual passions can be aroused.“ Im Kabinett der Brothers Quay herrscht einzig das schwarze Loch des Unterbewusstseins. In „The Comb (From the Museum of Sleep)“ (1990) untermalen die abstrakten Klänge von Violine, Akkordeon und Gitarre in slawischer Sprache vorgetragene (nicht übersetzte) Textfragmente von Robert Walser. Die Kamera irrt derweil im Labyrinth einer Puppenspielbühne, das offensichtlich die Traumwelt einer sich im Schlaf wälzenden Frau spiegelt, die ihrer Geister nicht Herr wird. Hier changiert erstmals die innere Welt des Unterbewusstseins mit der als Wirklichkeit wahrgenommenen externen Welt, in der Menschen aus Fleisch und Blut agieren. Exemplarischer als „The Comb“ ist keiner der Filme, die die Brothers Quay zwischen 1984 und 1993 animiert haben. Schlaf- und vor allem immerwährende Wachträume sind es, die einen in allen ihren Kurzfilmen aus der Schattenwelt erreichen und im Betrachter ein zutiefst irritierendes, zugleich aber stets anregendes Eigenleben führen können. In „Tales from the Vienna Woods“ (1992) zeigt eine alte Grabinschrift an einem Baum sinnigerweise die Worte: „Im Tod bin ich erblüht...“ Eher selten inszenieren die Quays in einem narrativen und dabei leicht decodierbaren Stil. So ist der 15-minütige Kurzfilm „Anamorphosis“, den sie 1991 für das „Program for Art on Film“ der Paul Getty Stiftung sowie des Metropolitan Museum of Art produzierten, ein singulärer Ausflug ins Dokumentarische. Dabei ist aber nur die informative Ebene des Films, in dem ein Erzähler in das kunstgeschichtliche Geheimnis der perspektivischen Verzerrung einführt, ein Bruch der quayschen Traditionen – visuell bleibt der Film der Schattenwelt des Puppentricks treu. Im Hinblick auf dieses Œuvre ist leicht verständlich, dass sich auch ihr erster abendfüllender Spielfilm herkömmlichen narrativen und gestalterischen Schubladen völlig verschließt. „Institut Benjamenta“ zieht seine abstrakte dramaturgische Essenz ebenfalls aus Texten von Robert Walser. Dessen surrealistisch anmutendes, an Kafka erinnerndes Romantagebuch „Jakob von Gunten“ aus dem Jahr 1909 handelt von einem Jungen, der sich in eine Schule für Zucht und Ordnung einschreibt. Bei den Quays ist das Institut von Herrn und Fräulein Benjamenta eine Schule für Diener. Jakob ist ein junger Mann, dessen Begehren ist, die Unterwerfung zu lernen. Doch das Institut und seine absonderlichen „Insassen“ lehren ihn allenfalls die Unmöglichkeit jeglicher Rationalität.
„Prächtig, gespenstisch“
Betörend schöne, morbide Schwarz-weiß-Fotografie, beseelt von Tableaus wie hinter Milchglas; möglichst geringe Tiefenschärfen, die die Protagonisten in einer unwirklichen Welt aus dem „Stream of Unconsciousness“ noch unwirklicher erscheinen lassen – all das verbindet sich mit minimalistischen, archaischen Musik- und Soundcollagen zu einem atemberaubenden Erlebnis. „Institut Benjamenta“ war auch der erste „Real“-Film der Quays. Doch auch hier ist eine Narration eher erahnbar als gewollt, das (deutsch und englisch) gesprochene Wort eher Ornament als Handlungsträger. Die Filme der Quays reizen das Kognitive über den Umweg der Emotion – und wirken dadurch umso nachhaltiger. Ihre Filme sind Kunstwerke im besten Sinne, ermöglichen sie doch bei jedem neuen Sehen Erkenntnisse, die bei der vorherigen Betrachtung noch ausgeschlossen wurden; letztlich sind sie nicht zu verstehen, nur zu bewundern. Genau diese rätselhafte visuelle und emotionale Kraft ist Vorbild für Künstler aller Disziplinen – besonders aber für jene der Popkultur. Ohne die Visionen der Quays wären Videos von Marilyn Manson über Nine Inch Nails bis Metallica, Filme wie „The Cell“ oder „Silent Hill“, philosophische Exkurse aus „Ghost in the Shell“, der Hase aus „Donnie Darko“, aber auch die wenigen nachhaltig erschreckenden Momente aus „Saw“ wohl nicht denkbar.
So populär die Quays offensichtlich als Zitat sind, so sehr verschließt man sich vor ihren eigenen originären Werken, die Terry Gilliam, vielleicht ein wenig eifersüchtig, für die „prächtigsten, gespenstischsten und visuell außergewöhnlichsten der letzten 300 Jahre“ hält. Vielleicht liegt es daran, dass die Visionen der Quays nur in homöopathischen Dosen zu ertragen und zu verarbeiten sind. „Institut Benjamenta“ hat in Deutschland, ähnlich wie die Kurzfilme, weder einen regulären Verleih noch eine Video/DVD-Auswertung erfahren. Die in England und den USA erschienenen DVDs und Videos sind derzeit zumeist „out of print“, ältere Editionen erzielen hohe Sammlerpreise. Das in allen Belangen radikale Kunstkino der Quays (aber auch von Seelenverwandten wie Guy Maddin oder Aleksandr Sokurow) findet im konventionellen Filmverwertungsbetrieb nicht statt.
Umso erfreulicher, dass nun ihr neuestes Werk „The Piano Tuner of Earthquakes“ in die hiesigen Filmkunstkinos kommt. Auch wenn dieser innerhalb ihre Filmografie der am wenigsten radikale Film ist, weil die Dialoge hier erstmals eine konventionelle Handlung transportieren und so ein Stück weit das Geheimnis ihres Universums entzaubern. Die Quays haben sich „konsumierbarer“ gemacht und sich so auf das – immer noch hohe – Niveau ihrer Nachahmer herabgelassen. Was jetzt nur noch fehlt, ist der Erfolg. |