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Eine Riesenanforderunginterview
Interview mit Tom Tykwer über „Das Parfum“Druckversion
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Tom Tykwers Verfilmung von Patrick Süskinds Bestseller „Das Parfum“ (Kritik in dieser Ausgabe) mischt Historiendrama und Krimi mit der Sehnsucht nach dem ultimativen Duft. Der mit großem Schauwert inszenierte Film hätte das Festival von Venedig eröffnen sollen. Dann aber fand die Premiere der Bernd-Eichinger-Produktion aus strategischen Gründen nicht im Palazzo del Cinema auf dem Lido, sondern im Multiplex in München statt.

Wie viel Eichinger und wie viel Tykwer steckt in „Das Parfum“?

Tykwer: Ich hoffe, das beantwortet sich von selbst. Ich identifiziere mich 100-prozentig mit dem Film. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Bernd Eichinger ist schließlich Co-Autor und wird sicherlich auch seine Spur deutlich hinterlassen haben, das ist wohl kaum zu leugnen. Ich habe an keiner Stelle das Gefühl gehabt, ich lasse mich auf eine Perspektive ein, die eigentlich nicht meine wäre. Es war für mich eine sehr glückliche Zusammenarbeit, weil wir uns über die Art von Film, die wir machen wollten, sehr einig waren.

Wie haben Sie sich dem als „unverfilmbar“ geltenden Roman genähert?

Tykwer: Was soll denn da so unverfilmbar sein? In Wahrheit ist es ein wahnsinnig faszinierendes Setting, man hat einen ungeheuer archaischen, sehr universellen Grundkonflikt, nämlich einen Menschen, der, um Anerkennung und Liebe zu finden, die ultimative Verkleidung für sich entwickelt. Eine fantastische Grundidee für einen Film und eine Art Road Movie, man reist wahnsinnig viel – auch mit der Figur. Ich habe eigentlich immer nur die positiven Seiten gesehen. Eine große Herausforderung, die sich auch beim Schreiben des Drehbuchs herauskristallisierte, ist, dass man einen ausgesprochen ambivalent zu beurteilenden Helden hat, der auf dem Weg zu seiner Erlösung einem gewissen Fanatismus verfällt, sodass man als Zuschauer an die Grenzen des Nachvollziehbaren stößt. Aber das Verrückte an Roman und Film ist doch, dass man bis zum bitteren Ende auf seiner Seite bleibt, mit ihm bangt, dass er das ersehnte Ziel erreicht, wohl wissend um die fatalen Konsequenzen. Ziemlich schwierig, aus einem so komplexen Charakter, der uns mit in seine Abgründe zieht, trotzdem einen überzeugenden Helden zu gestalten. Die Literatur ist da freier, sie hat eine größere Tradition, was düstere Helden betrifft; im Kino ist das weniger entwickelt, weshalb wir lange an diesem Problem arbeiten mussten.

Was ist der moderne Ansatz?

Tykwer: Mich interessiert kein behäbiger, traditioneller, steifer Kostümfilm, sondern ein Film, der sich mit ähnlicher Wucht wie der Roman in diese Epoche hineinschießt, der diesen Wahnsinn und den Aberwitz des Schmutzfaktors, den Süskind da beschreibt, auch auf die Leinwand feuert. Eine Riesenanforderung. Das musste sich wirklich so anfühlen, als wäre es ein einziger Albtraum, da zu leben. Die Drastik des Romans musste auch im Film ein Zuhause finden. Auf diese Weise bin ich als Kinogänger noch nie ins 18. Jahrhundert geschleust worden. Hier werden wir wirklich auf die Straße geworfen und leben unter den Menschen. Ein unheimlich wichtiger Aspekt, und eine tolle Herausforderung auch als Filmgestalter.

Eichinger nannte Sie einen „konservativen Filmemacher, der dennoch experimentell zu Werke geht“. Wie passt das zusammen?

Tykwer: Der Roman hat einen sehr starken narrativen Zug; vom Erzählerischen her hat er ein klares Bewusstsein über den Einsatz auch konventioneller Verstrickungsmethoden des Lesers; gleichzeitig setzt er auch experimentelle Verführungs- und Erzählstrategien ein, um uns mit dieser Figur auf die schiefe Bahn zu bringen. Er ist in seiner Andeutung von grotesken und drastischen Details manchmal fragmentarisch, hat unterschiedliche Tonfarben und Tonfälle. Mir kam es darauf an, dass der Film versucht, dem standzuhalten, und manchmal ausgesprochen experimentell zu Werke geht, wenn er sich in dieser so stark durch die Nase geprägten Wahrnehmung der Welt des Helden nähert, dass man aber bei einer spannenden Szene zwischen zwei Figuren durchaus auf klassische Prinzipien zurückgreift. Der Film oszilliert sozusagen zwischen Experiment und traditionellem Filmemachen.

„Das Parfum“ hat finanziell und bezüglich des Aufwands bei den Dreharbeiten eine für Deutschland ungewohnte Größenordnung. Fühlten Sie sich anfänglich unsicher?

Tykwer: Ich fühle mich bei jedem Film unsicher. Jeden Film empfindet man als neu und fremd. Allerdings hat mir noch kein Film so viel abverlangt. Ich bin jeden Morgen aufgestanden und habe gedacht, meine Güte, wie machen wir das nur? Ich fühlte mich geschützt durch mein Team, mit dem ich seit Jahren arbeite: Kameramann, Ausstatter, Maskenbilder, Kostümdesigner. Ein familiärer Kontext, der gemeinsam wächst und in dem man sich gegenseitig stärken kann. Der beste Weg heißt: äußerst gute Vorbereitung. Wir haben irrsinnig viel recherchiert, und ich habe sehr lange mit den Schauspielern geprobt, mit Ben Wishaw lange die Rolle entwickelt. Durch das extreme Wissen um das, was man anzetteln will, kriegt man natürlich auch ein gewisses Selbstbewusstsein.

Marco Müller sah in „Das Parfum“ den „idealen Eröffnungs- und Wettbewerbsfilm“ für Venedig. Der Verleih wollte nicht. Das muss für einen Regisseur doch eine Riesenenttäuschung sein.

Tykwer: Wir haben die Entscheidung gemeinsam gefällt, und ich halte sie für strategisch richtig. Als Eröffnungsfilm in Venedig wäre zwar irrsinnig viel Öffentlichkeit entstanden, aber dann hätten wir bis zum Start des Films noch zwei Wochen herumgesessen und ein Loch verkraften müssen. Irgendwann haben wir uns gesagt, lasst uns in Deutschland Premiere feiern und in einer Deutschlandtournee das Ganze als Heimspiel angehen. Natürlich wäre es toll gewesen; ich mag Venedig sehr gerne und auch den Festival-Leiter Marco Müller; der hat mich schon von Anfang an unterstützt und nach Locarno eingeladen.

Sehen Sie sich demnächst nur noch auf internationalem Parkett?

Tykwer: Ich reagiere nicht darauf, ob ein Film jetzt international oder weniger international ist. Eine Idee muss mich gefangen nehmen und darf mich nicht mehr loslassen. Dann merke ich, dass ich damit die nächsten zwei, drei Jahre meines Lebens rund um die Uhr verbringen kann; wenn das nicht passiert, mache ich den Film sowieso nicht. In diesen Stadium spielt die Frage nach Budget, Größenordnung oder Internationalität keine Rolle. Es hängt nur damit zusammen, ob mich das Thema interessiert und ob ich glaube, der Richtige dafür zu sein. Ich kann mir auf jeden Fall vorstellen, wieder einen kleineren, intimeren Film zu drehen.
Margret Köhler
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