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Willkommen in Dystopiakino
Im Science-Fiction-Film hat der Weltbürgerkrieg um Räume und Ressourcen begonnenDruckversion
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Einem mittelalterlichen Menschen würde unsere Gegenwart vermutlich als ein Utopia erscheinen, in dem die Teller immer gefüllt und die Betten immer schon gemacht sind. Staunend würde er durch die Metropolen der westlichen Zivilisation wandern, die glitzernden Boulevards und dicht gedrängten Konsummeilen betrachten, und selbst die ungleiche Verteilung der im Überfluss vorhandenen Güter könnte ihn nicht schrecken, da es ihm gottgewollt und natürlich erscheinen muss, dass manche mehr als andere haben und manche gar nichts. Nach einer Weile würde unseren Zeitreisenden dann aber wohl jene „Melancholie der Erfüllung“ (Adorno) befallen, die derzeit auch die Industrienationen umtreibt. Zwar gleicht die westliche Zivilisation im historischen und geografischen Rahmen tatsächlich einer Insel der Seligen, doch erweist sich ihr Versprechen, möglichst viele Menschen am Wohlstand teilhaben zu lassen, schon aus demografischen Gründen als Illusion. Würde der nicht-industrialisierte Teil der Welt die reichen Länder beim Wort nehmen und statt zu Tausenden zu Millionen die Flucht in die Nordhalbkugel antreten, wären die dramatischen Folgen für das Weltgefüge kaum zu kalkulieren.

Die Barbarei ist überall

Einen Einblick in diese mögliche Zukunft könnte der mittelalterliche Mensch derzeit am anschaulichsten im Kino bekommen – wobei die Zeitreise im Kinosessel immerhin den tröstlichen Vorteil hätte, dass sie keine feststehende Zukunft präsentiert. Wer möchte schon im permanenten Ausnahmezustand erwachen, den einem die Wachowski-Brüder („V wie Vendetta“) und Alfonso Cuarón („Children of Men“) als absehbare Realität vor Augen führen, oder gar in George Romeros „Land of the Dead“ (2005)? Schon immer hat das Science-Fiction-Genre die Ängste der Gegenwart auf eine nicht allzu ferne Zukunft hochgerechnet – derzeit spielen seine Vertreter eine Welt im Auflösungszustand durch. Die Barbarei ist überall und brandet an die letzten Bastionen der westlichen Gesellschaften. Natürlich muss man dabei nicht so weit gehen wie Romero, der ausgerechnet Zombies gegen die kapitalistische Knechtschaft revoltieren und siegen lässt. Doch die Prophezeiung, dass die Lebenden die Toten beneiden werden, macht sich auch Alfonso Cuarón zu eigen.

Wenn sich die Historiker in 100 Jahren fragen werden, welches symbolische Ereignis für die Zeitenwende zum 21. Jahrhundert steht, dann verweisen sie wohl nicht auf den Fall der Mauer, sondern auf die Aufrüstung des Grenzstreifens zwischen Nordamerika und Mexiko. Mit dem Untergang des Kommunismus wurde zwar die Drohung eines atomaren Weltkriegs vorerst gebannt, doch wuchs sich auch während des Ost-West-Konflikts das grundlegende Ungleichgewicht zwischen den reichen Staaten der Nordhalbkugel und dem armen Süden weiter aus. Was man heute unter Stichworten wie Globalisierung, Überbevölkerung oder Umweltzerstörung verhandelt, wurde auch im Kino schon seit den 1960er-Jahren thematisiert. Allerdings gab es keinen Grund, sich über mögliche Verteilungskämpfe zu sorgen, solange jeder Tag „The Day After“ (1983) sein konnte. Entsprechend hatten im Science-Fiction-Genre Filme Konjunktur, die den Zeiger fünf Minuten nach Zwölf anhielten und sich einen der atomaren Apokalypse folgenden Schockzustand ausmalten. Nicht nur auf dem „Planet der Affen“ (1968) mündet der ungebremste Wettstreit der Systeme im steinzeitlichen Neuanfang. In Roland Emmerichs Ökothriller „The Day After Tomorrow“ (2004) gibt es eine beiläufig inszenierte Szene, in der sich Vergangenheit und Gegenwart nicht nur des Science-Fiction-Films auf vielsagende Art berühren: Durch eine Klima-Katastrophe ist ganz Nordamerika zu einer Eiswüste erstarrt, und die letzten Überlebenden fliehen in sarkastischer Umkehrung der realen Verhältnisse über den Grenzzaun ins weitgehend verschont gebliebene Mexiko. Weil nicht der atomare Winter, sondern sein natürlicher Bruder übers Land zieht, gibt es am Tag nach dem Morgen immer noch etwas, um das es sich zu kämpfen lohnt. Gerade deswegen will die positive Botschaft des Films nicht ganz verfangen: Wenn Raum und Ressourcen knapp werden, dürfte das nicht unbedingt zur Einsicht in die Notwendigkeit planetarischer Solidarität führen, sondern eher zum mit allen Mitteln ausgefochtenen Verteilungskampf, wie er am prominentesten in der australischen „Mad Max“-Serie (1979-85) inszeniert ist. Die automobilisierte Gesellschaft sitzt in dieser Wüstenei im doppelten Sinne auf dem Trockenen und hütet jeden Tropfen Benzin wie ein Überlebenselexir.

Was in „The Day After Tomorrow“ mit dem Stoßseufzer der noch einmal Davongekommenen ausgeblendet wird, ist längst in die Planspiele der politischen Denker eingegangen. Globalisierungtheoretiker wie der kürzlich verstorbene Panajotis Kondylis („Das Politische im 20. Jahrhundert“) sehen im Reichtum der westlichen Zivilisation einen von der Weltbevölkerung geteilten Erwartungshorizont, an dem sich die Menetekel eines tragischen Zeitalters abzeichnen. Dazu zählen die Aussicht auf massenhafte Migrationsbewegungen, der Wettlauf um die letzten fossilen Energiereserven und natürlich die fortschreitende Zerstörung des ökologischen Gleichgewichts. So vielfältig die möglichen Bedrohungen sind, so variationsreich imaginiert das Science-Fiction-Genre den zu ihrer Abwehr eingesetzten Totalitarismus. In „Equilibrium“ (2002) stehen nach dem dritten Weltkrieg Gefühle unter Strafe, in „V wie Vendetta“ (2006) die Erinnerung an bessere Tage, und in Michael Winterbottoms „Code 46“ (2003) soll eine strikte Apartheidspolitik für Ruhe sorgen. Die Welt ist weitgehend versteppt, und die wenigen urbanen Oasen lassen sich nur mit einem staatlich sanktionierten Sesam-öffne-Dich betreten. Ganz ohne den Planeten Erde muss die Menschheit in Joss Whedons „Serenity“ (2005) auskommen: Das titelgebende Raumschiff schippert wie eine Arche Noah durch das waffenstarrende All und rettet den Glauben an den Humanismus vor einer allmächtigen Herrschaftsallianz. Welcher Natur der zurückliegende Bürgerkrieg gewesen ist, lässt Whedon bewusst offen, doch geben historische Bilddokumente einer anderen Katastrophe davon zumindest eine Ahnung: Als Virus getarnt, grassiert die nackte Barbarei in einer Menschenkolonie und geht schließlich an der eigenen Raserei zu Grunde.

Ein zukünftiges Jammertal

Was geschieht, wenn weltwirtschaftliche Verteilungskämpfe auf das Innenleben der reichen Gesellschaften durchschlagen, konnte man schon in dem Science-Fiction-Klassiker „Soylent Green“ (1973) erahnen. Hier wird der Fortbestand der Gemeinschaft durch ihre älteren Mitglieder gesichert, die vor der Zeit aus dem Leben scheiden und den Jüngeren in einer makabren Schlusspointe auch noch als unkenntlich gemachte Nahrungsquelle dienen. Von derartigen Kannibalisierungseffekten sind wir zwar noch weit entfernt, doch ist gerade das „Pflegeheim Europa“ (Thomas L. Friedman) vor einer erst schleichenden und dann offenen Entsolidarisierung zwischen Rentenempfängern und Beitragszahlern nicht gefeit. Bald könnte den westlichen Demokratien schmerzlich bewusst werden, dass ihr Postulat „Wohlstand für alle“ eine bereits im Verschwinden begriffene Episode ist. In der historischen Perspektive hat stets die Masse für den Wohlstand Weniger gelitten, und die interessanteren unter den aktuellen Science-Fiction-Filmen bebildern diese Möglichkeit mit der gebotenen Mischung aus Drastik und Melancholie. In „Children of Men“ (2006) betritt der Protagonist einmal einen hermetisch abgeschlossenen Stadtkern, in dem die Welt noch in Ordnung scheint und die Elite in einer Asservatenkammer des untergegangen Abendlandes lebt. Ein ramponierter David erinnert einen jedoch daran, dass das Menschenbild der Renaissance ein für alle Mal Vergangenheit ist.

An Rufen aus einem zukünftigen Jammertal herrscht derzeit kein Mangel, und auch die „Flucht ins 23. Jahrhundert“ verheißt dabei keine Beruhigung. In Michael Andersons gleichnamigen Film aus dem Jahr 1976 wird die demografische Entwicklung durch eine fest geschriebene Lebenserwartung reguliert. Wer sein 30. Lebensjahr vollendet hat, opfert sich dankbar den Gesetzen einer paradiesischen Gesellschaft. Bis heute genießt der vor dieser dystopischen Endgültigkeit geflohene Held des Films die Sympathien des Publikums. Doch wer wagt vorherzusagen, ob dies auch in einhundert Jahren noch der Fall ist?
Michael Kohler
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