Eine Darstellerin für die Rolle der Elbenfürstin Galadriel aus Tolkiens „Herr der Ringe“ zu finden, war wahrscheinlich keine leichte Aufgabe. Schön musste sie sein, so schön, dass man ihr zutraut, sogar das Herz eines elbenfeindlichen Zwerges rühren zu können. Aber auch weise und majestätisch, denn Galadriel ist Trägerin eines „Rings der Macht“. Außerdem, und das war wohl das schwierigste, musste sie trotz aller faltenfreien Makellosigkeit fähig sein, etwas vom hohen Alter der Figur sichtbar werden zu lassen, da diese immerhin bereits einige tausend Jahre hinter sich hat (und, wie Leser des „Silmarillion“ wissen, auch schwere Schicksalsschläge und schuldhafte Verstrickungen). Peter Jackson hat den Part der Australierin Cate Blanchett gegeben, und er hätte wohl keine bessere Entscheidung treffen können – allein schon wegen der perfekten Art, wie Cate Blanchett im ersten Teil der Trilogie eine Treppe hinuntersteigt: mit ganz geradem Oberkörper und flinken, präzisen Schritten, sodass es mehr wirkt, als würde sie die Stufen hinunter fließen anstatt zu gehen. Leichtfüßig, zugleich aber ganz ruhig – die perfekte Mischung aus Würde und Grazie.
Dabei ist Cate Blanchetts Galadriel nicht einfach nur eine blendende, ätherische Lichtgestalt und gütige Mentorin, sondern eine trotz ihrer wenigen Auftritte schillernde Figur: eine Spur von Bitterkeit und ein gewisses hexenhaftes Potenzial deuten sich in ihrer relativ tiefen, rauen Stimme an, in einem herben Zug um den Mund und in den blauen, katzenhaft schrägen Augen, die Jackson zur Einführung der Figur als erstes in Detailaufnahme in Szene setzt, die später durch eine besondere Lichtsetzung geheimnisvoll glitzern und besonders irritieren, wenn Cate Blanchett sie bewegt, dabei aber ihren Kopf stillhält. „Herrin des Lichts“ bedeutet der Name ihrer Rollenfigur, doch dieses Licht changiert, wie bei den meisten Blanchett-Figuren, stets zwischen warm und kalt.
Vielseitige Schönheit
Trotz ihres guten Aussehens ist die Schauspielerin nicht das, was man als „Sexsymbol“ bezeichnet; dafür sind ihre Figuren oft zu unberechenbar, zu kantig oder, wie Galadriel, eine Spur zu unnahbar. Zudem ist ihre Filmografie weniger von Hauptrollen in stromlinienförmigen Hollywood-Starvehikeln geprägt als von anspruchsvollen Parts in internationalen Filmen abseits oder am Rand des Mainstreams. Wie z.B. ihre jüngste Rolle in Alejandro González Iñárritus Film „Babel“ (Kritik in dieser Ausgabe). Dort spielt sie an der Seite von Brad Pitt eine amerikanische Touristin in Marokko, die nervös angesichts der fremden Umgebung und vor Enttäuschung über ihre marode Ehe seltsam angespannt wirkt: ein schönes, sprödes und von unausgesprochenem Kummer gezeichnetes Gesicht, das sie müde an die Scheibe eines Reisebusses lehnt, bevor sie von einer Kugel getroffen und schwer verletzt wird – ein gewaltsames Aufbrechen ihres Schutzpanzers, das sie zwingt, eine Zeitlang die peinlich gewahrte Kontrolle über ihr Leben aufzugeben, was Cate Blanchett mit beklemmender Präzision als albtraumhafte, letztlich aber auch befreiende Erfahrung vermittelt.
Auf den Rollentyp der spröden Schönheit allein lässt sich die Schauspielerin indes nicht festlegen; vielmehr ist sie gegenwärtig einer der wandelbarsten weiblichen Stars ihrer Zunft: Sie versteht es, von schweren elisabethanischen Roben über elegante Abendkleider bis zu sportlichen Jeans und Kapuzenshirts die unterschiedlichsten Kostüme mit solcher Selbstverständlichkeit und Geschmeidigkeit zu tragen, dass sie nie verkleidet wirkt. Ihr Körperspiel passt sich minutiös den Rollen an, reicht von hektisch-exaltiert bis zu der perfekt ruhigen Haltung, die sie als Galadriel zeigt. Man nimmt ihr die Königin ebenso ab wie die in ihrer Schuld und Trauer gefangene Lehrerin in Tom Tykwers „Heaven“ oder die kaltherzige Schlampe, die sie in Lasse Hallströms „Schiffsmeldungen“ gibt, wo sie dem armen Kevin Spacey als dessen Frau das Leben zur Hölle macht, bis sie bei einem Unfall ums Leben kommt.
Besonders deutlich wird ihre chamäleonhafte Vielseitigkeit in jener Episode aus Jim Jarmuschs „Coffee and Cigarettes“, in der sie sowohl als Filmdiva als auch als deren erfolglose Cousine zu sehen ist. Oder in Barry Levinsons Gangster-Komödie „Banditen“: Zunächst wird sie in den Aussagen ihrer Partner Bruce Willis und Billy Bob Thornton als „femme fatale“ eingeführt, „ein Eisberg, der auf die Titanic wartet“, worauf man ihr Gesicht mit kajal-betonten Augen, geheimnisvoll angestrahlt vom blauen Licht aus einem Kühlschrank, zu sehen bekommt – um sie dann als nervös-neurotische und frustrierte Hausfrau kennen zu lernen, die jedoch alsbald aus dieser Rolle ausbricht, um sich den beiden Gangstern anzuschließen. Diese verlieben sich beide in sie, doch sie kann sich nicht zwischen ihnen entscheiden, erlaubt ihr doch der eine – der machohaft-überlegene Bruce Willis – sich anzulehnen, während ihr Billy Bob Thorntons unsicherer Hypochonder ermöglicht, die Starke zu sein. Einer so vielseitigen Frau reicht ein einziger Mann schlicht nicht aus.
Ihre ersten schauspielerischen Talentproben gab die 1969 im australischen Melbourne geborene und am National Institute for Dramatic Art (NIDA) ausgebildete Darstellerin in Theateraufführungen der Sydney Theatre Company; nach Auszeichnungen und TV-Auftritten fand sie den Weg ins Kino und mit „Paradise Road“ (1997) ins internationale Filmgeschäft. Dort gewann sie mit „Elizabeth“ (1998), Shekhar Kapurs Film-Biografie der Tudor-Monarchin, einen „Golden Globe“, erhielt eine „Oscar“-Nominierung und den Ruf als neuer Shooting Star. Die misogynen Untiefen, die die Figur der Elizabeth bereithält – das Klischee der „Spinster“-Königin, deren Machtposition auf Kosten ihrer „Weiblickeit“ geht –, füllen Cate Blanchett und ihr Regisseur mit differenziertem Leben, brechen es auf, indem sie Elizabeth als facettenreichen Charakter und nicht zuletzt als faszinierende Frau präsentieren, die in einen unmenschlichen Machtkampf verstrickt wird: mal zärtlich und spielerisch, mal unsicher, mal bestechend witzig, schließlich von kristallener Härte. Eingeführt wird sie mit einer Szene, in der sie auf einer weiten, grünen Wiese tanzt – Ausdruck der Sehnsucht nach freier Entfaltung, die die „Bastard“-Tochter Heinrichs VIII. antreibt. Diese jedoch wird mehr und mehr zum erbitterten und angesichts der Zwänge, die ihre Position auch nach der Krönung mit sich bringt, aussichtslosen Kampf, als sich Elizabeth mit wachsendem Selbstbewusstsein und zunehmender Radikalität gegen die divergierenden Vereinnahmungen, Ansprüche und Interessen des männlich dominierten Hofes durchzusetzen versucht.
Wildheit und Sensualität
Schon in dieser Rolle zeigte sie mit nicht ganz 30 Jahren jene Qualität, die auch ihrer Galadriel in „Herr der Ringe“ und Susan in „Babel“ Format verleiht: Cate Blanchetts Figuren sind – und da zeigt sich bei aller Vielseitigkeit eine gewisse Kontinuität in ihrem Rollenprofil – wenn auch noch jung, so doch nie naiv, sondern Frauen mit Vergangenheit. Sie zeigen, oft hinter einer verschlossenen Fassade, die Spuren von Sorgen und Verletzungen. Bezeichnend dafür ist ein Motiv, das sich in einigen ihrer Filme wiederholt: Sowohl in dem Horrorfilm „The Gift – Die dunkle Gabe“ (2000) von Sam Raimi als auch in „The Missing“ (2003) von Ron Howard und in der „Herr der Ringe“-Trilogie spielt sie Frauen mit übersinnlichen, seherischen Kräften, die im wahrsten Sinn des Wortes zu viel gesehen haben. Innere Bürden und Verwundungen zeigen ihre Figuren jedoch kaum in großen, expressiven Gesten; weinen sieht man sie selten. Als melodramatische „Frauenopfer“, wie sie etwa ihre Landsfrau Nicole Kidman in „Dogville“ oder „Moulin Rouge“ gespielt hat, eignen sich solche Charaktere nicht. Eher als Kämpferinnen, die trotz einer an sich fragilen Erscheinung eine frappierende Kraft ausstrahlen, von der sich Pseudo-Amazonen wie Halle Berry in „Catwoman“ oder Jennifer Garner in „Elektra“ – die in ihren billigen SM-Outfits mehr wie Männerträume denn wie reale Frauen wirken – ein Stück abschneiden könnten. Bei allem aristokratischen Flair, das Cate Blanchetts kühle, blasse Schönheit mit den feinen Gesichtszügen und den hohen Wangenknochen vermittelt, haben ihre Rollenfiguren oft etwas seltsam Wildes: wie bei einem Tier, das stets auf der Hut ist und bereit zuzubeißen, sobald man ihm zu nahe kommt. Entsprechend traut man diesen Figuren ohne Weiteres zu, Kriege zu führen und Todesurteile zu verhängen („Elizabeth“), Bomben zu legen („Heaven“) und Drogenbosse („Die Journalistin“) oder grausame Apachen-Krieger zur Strecke zu bringen („The Missing“). Umso mehr berühren die Gesten, in denen sich die weicheren Seiten der Charaktere ausdrücken: wenn sie etwa in „The Missing“, bevor sie zur Jagd nach ihrem Gegner aufbricht, ihr Gesicht für einen stillen Moment der Trauer an ein Kissen schmiegt, in dem noch die Kuhle zu sehen ist, die der Kopf ihres Geliebten hinterlassen hat, der mittlerweile grausam zu Tode gefoltert worden ist. Oder wenn sie in „Babel“ vorsichtig nach der Hand ihres Ehemanns tastet. Dass Martin Scorsese Cate Blanchett ausgewählt hat, um in „Aviator“ (2004) in die Rolle der Katharine Hepburn zu schlüpfen, hat ihr die Möglichkeit gegeben, ihre ganze Souveränität und Eleganz an den Tag zu legen – gewissermaßen die positive Seite der Erfahrenheit, die sie immer ausstrahlt: als ebenso intelligenter wie schillernder Star. In Ansätzen hat sie ähnliche Züge bereits in früheren Rollen gezeigt, etwa in „Elizabeth“ oder „Banditen“; hier nun überstrahlt sie mit wunderbarer Lässigkeit Konkurrentinnen wie Kate Beckinsale als Ava Gardner und Gwen Stefani als Jean Harlow. Das ist eine schöne Hommage an die Hepburn, aber in gewissem Sinn auch eine Rehabilitierung – war die kluge Ostküsten-Diva mit ihren unabhängigen, widerborstigen Frauenfiguren (wie in Howard Hawks‘ „Leoparden küsst man nicht“, 1938) doch ihrer Zeit weit voraus und wurde oft genug mit Rollen degradiert, in denen ihr Humor, ihre Stärke und Eigenwilligkeit als altjüngferliche Zickigkeiten karikiert wurden (wie in John Hustons „African Queen“, 1951). Cate Blanchett konnte ihr in „Aviator“ jenen Charme und jene Verführungskraft zurückgeben, die Katharine Hepburn in ihren eigenen Filmen nur zu selten gegönnt wurden. Auch wenn die Australierin, die für ihre Leistung in „Aviator“ mit dem „Oscar“ ausgezeichnet wurde, diese Probleme im 21. Jahrhundert eigentlich nicht mehr haben sollte, wird sie in Zukunft der Kinoleinwand wohl öfters den Rücken zukehren. Schon 2004 hat sie sich mit einer Inszenierung von Ibsens „Hedda Gabbler“, in der sie die Hauptrolle übernahm, wieder der Sydney Theatre Company zugewandt; kürzlich wurden sie und ihr Mann, der Autor Andrew Upton, nun mit der Intendanz der Truppe betraut.
Um sie nach „Babel“ wieder zu sehen, muss man zunächst aber nicht nach Down Under fliegen: Im Jahr 2007 stehen die Kinostarts einiger Filme mit Cate Blanchett bevor, z.B. als geheimnisvolle Deutsche in Steven Soderberghs „The Good German“ oder in „I’m not There“ als – Bob Dylan! Auf einen bestimmten Rollentyp scheint sie sich nach wie vor nicht festlegen lassen zu wollen. |