Was haben ein spanischer Konquistador, ein moderner Onkologe, der nach einem Heilmittel für Tumore sucht, und ein Kosmonaut des 26. Jahrhunderts gemein? Die Antwort lautet: Sie sind Heldenfiguren des Films „The Fountain“ (deutscher Start: 18. Januar). Sie sind eigentlich sogar ein und dieselbe Figur. Wenn das ein bisschen verrückt klingt, so würde der Regisseur des Films, Darren Aronofsky, vermutlich nicht widersprechen. Aronofsky liebt „verrückte“ Ideen und Figuren. Er steigert sich in sie so lange hinein, bis am Ende ein Film dabei herauskommt, den niemand – nicht einmal er selbst – für möglich gehalten hätte und der so anders ist als alles andere im Umfeld von Hollywood, dass man ihn entweder für eine Offenbarung oder für kompletten esoterischen Unsinn halten kann. Bei „Pi“, seinem ersten Film, verbohrte sich Aronofsky in schizophrene Zahlenspiele, mit denen die Hauptfigur, ein junger Mathematiker, den Schlüssel zum Verständnis der Welt zu finden hoffte. In „Requiem for a Dream“ folgte er den Exzessen und zerstörerischen Folgen der Drogenabhängigkeit bis ins finsterste Delirium seiner Charaktere. Mit „The Fountain“ lotet er noch tiefer. Es sind die elementaren Fragen nach dem Sinn des Lebens und nach der Überwindung der Furcht vor dem Tod, auf die er sich einlässt und für deren Bewältigung er auf Mythen aus verschiedenen Zeitaltern und Kulturkreisen zurückgreift. Derselbe Darsteller – Hugh Jackman – verkörpert drei ganz unterschiedliche Rollen, die dennoch eine Figur sind. „The Fountain“ ist Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einem, ist historisches Drama, moderne Liebesgeschichte und psychedelische Zukunftsvision, von Aronofsky in eine Symmetrie und optische Konsequenz gebracht, die zu diesem Abenteuer bereite Zuschauer nicht mehr loslässt, bis zur Vereinigung des Helden mit dem endlosen Kreislauf des Kosmos.
Grübeln über Leben und Tod
Am Anfang dieses komplizierten Projekts hatte nichts als die simple Idee gestanden, nach „The Matrix“ einen Science-Fiction-Film zu machen, der das Genre ins 21. Jahrhundert hinübertragen könnte. In Aronofskys Kopf jedoch wuchs das Vorhaben ins schier Unvorhersehbare: Intrigen am Hof der spanischen Königin Isabella, ein Konquistador auf der Suche nach der „Quelle des Lebens“, der langsam näher rückende Tod der krebskranken Frau eines Arztes aus der Gegenwart, die Tempel der Maya und ein im Weltraum verschwindendes Raumschiff. Nichts scheint Sinn zu machen, wenn man die Handlung in einem Satz zusammenfassen will. Umso erstaunlicher, dass Aronofsky überhaupt ein Hollywood-Studio finden konnte, das sich für den Film eingesetzt hat. Immerhin waren ursprünglich Brad Pitt und Cate Blanchett als Darsteller mit von der Partie. Das machte die Sache leichter. Und es war zwei Jahre nach „The Matrix“. Da waren die Studiochefs bereit, ein Risiko einzugehen. Warner Brothers versprach Aronofsky ein Budget von 70 Mio. Dollar, obwohl jedermann, der mit dem Film zu tun hatte, das Projekt für „eine Grübelei über Leben und Tod in Genre-Gewändern“ hielt.
Vielleicht war es Aronofskys Naivität im Umgang mit einem großen Studio, die das Vorhaben in Gang brachte. Wahrscheinlich spielte es auch eine Rolle, dass er ursprünglich an ganz andere filmische Dimensionen gedacht hatte. So waren Scharen von Maya vorgesehen, die möglichst authentisch ihre eigenen Vorfahren verkörpern sollten. Da wurde über Kampfszenen im Ausmaß von „Braveheart“ geredet. Alles dies mag den Studiochefs gefallen haben. Es war auch die Zeit, als Hollywood begann, junge Regisseure unter Vertrag zu nehmen, die in der Independent-Szene Erfolg hatten und von deren Talent man sich eine Belebung der allzu sehr in Klischees festgefahrenen Genrefilme erwartete. Anders wäre zum Beispiel Christopher Nolan nicht an „Batman Begins“ und Alfonso Cuarón nicht an „Harry Potter and the Prisoner of Azkaban“ gekommen. Aronofskys erstes Drehbuch zu „The Fountain“ passte in diesen Trend. Warner Brothers und Village Roadshow wollten den Film gemeinsam finanzieren. Gedreht werden sollte in Australien. Die Stars – unter ihnen nun auch Ellen Burstyn, die für ihre Rolle in „Requiem for a Dream“ eine „Oscar“-Nominierung erhalten hatte – wurden engagiert. Die technische Crew wurde eingeflogen. Man errichtete sogar einen zehn Stockwerke hohen Aztekentempel, vor dem ein Teil der Handlung spielen sollte.
Da sagte Brad Pitt unvermittelt ab, um die Rolle des Achilles in Wolfgang Petersens „Troy“ zu übernehmen. Bis heute ist nicht ganz klar, warum Pitt gegangen ist. Es soll Divergenzen über das Drehbuch gegeben haben. Dennoch sind Aronofsky und Pitt nach wie vor befreundet. Doch Brad Pitts Ausscheiden war keineswegs, wie häufig gemutmaßt wurde, der einzige Grund, warum Warner Brothers Aronofsky den finanziellen Hahn abdrehte. Produktionschef Jeff Robinov hatte das als Grund vorgeschoben. In Wirklichkeit war man beunruhigt über die wenig professionelle Art und Weise, wie Aronofsky mit dem Geld umging. Aronofsky hatte „Pi“ für lediglich 60.000 Dollar realisiert und „Requiem for a Dream“ für vier Millionen. Er hatte wenig Ahnung, was die von ihm entworfenen Szenen kosten würden, und das Budget für „The Fountain“ war auf weit über 70 Mio. Dollar angeschwollen. Das Studio zog einen Schlussstrich, beorderte Aronofsky nach Los Angeles zurück und entließ die schon angeheuerte Mannschaft. Cate Blanchett wurde abgefunden, 18 Mio. Dollar als Verlust abgeschrieben, der Aztekentempel und alle anderen Bauten wieder abgerissen.
Die Essenz der Geschichte
Aronofsky verschwand monatelang in China, während sein Freund Eric Watson beharrlich versuchte, einen neuen Geldgeber zu finden. Fast zwei Jahre vergingen, bis Aronofsky schließlich anfing, ein neues Drehbuch zu schreiben. Der Stoff ging ihm nicht aus dem Kopf, und die lange Zeit des Nachdenkens erleichterte es ihm, diesmal ein weniger aufwändiges Projekt zu entwerfen. Hugh Jackman interessierte sich für die Hauptrolle; Rachel Weisz, inzwischen Aronofskys Lebensgefährtin, kam an Bord. Sogar Warner Bros. machte wieder mit. Das ganze Konzept des Films sah nun anders aus. Das Heer von Maya-Kriegern wurde nicht mehr benötigt und die Story auf die spirituelle Essenz der Geschichte verdichtet. Was Aronofsky jetzt inszenierte war viel viel näher an seinen früheren Filmen, wagemutig und unkonventionell in der Vielschichtigkeit, mit der er die Mythen verschiedener Zeiten und Kulturen ineinander webt. Für ein Hollywood-Studio war der Film immer noch ein kaum überblickbares Wagnis, aber diesmal wenigstens ein kalkulierbares. Die Dreharbeiten fanden in Montreal statt und dauerten 61 Tage. Keine außergewöhnlichen Vorkommnisse wurden berichtet. Fast sechs Jahre hatte es gedauert, bis „The Fountain“ fertig war.
Zum ersten Mal wurde der Film beim Filmfestival in Venedig gezeigt, wo er eine höchst merkwürdige Rezeption erfuhr: Die Kritiker buhten, während das Publikum am nächsten Abend zehn Minuten lang klatschte. „The Fountain“ ist bei seiner Auswertung in den amerikanischen Kinos kein Erfolg geworden. Auch hier erntete er eine Menge Verrisse in der Presse, während auffällig viele Besucher des Films zu erkennen gaben, dass sie ihn gleich mehrmals gesehen hatten. Es wundert nicht, dass „The Fountain“ ein kontrovers aufgenommener Film ist, denn hier trifft sich eine ganz aus dem Spirituellen gespeiste Geschichte mit der kompromisslosen Individualität eines Filmemachers, der den von Hollywood so häufig missbrauchten Schemata des Fantasy-Films ein verstörend anderes Konzept entgegensetzt: den Versuch, den Zyklus von Leben und Tod durch die Symmetrie dreier ineinander verflochtener Geschichten filmisch zu veranschaulichen. Fantastisch, ein wenig verrückt, aber ungleich faszinierender als das meiste, was heute in Hollywood produziert wird. Franz Everschor |