Das Logo des Produktionshauses DreamWorks enthält hinter dem Firmennamen die Buchstaben SKG. Die Abkürzung verweist auf die drei Gründer des Unternehmens, die sich 1994 zusammengetan hatten, um eine Firma nach dem Vorbild der guten alten United Artists aus dem Boden zu stampfen. Steven Spielberg ist jedem ohne weitere Erklärung bekannt. Jeffrey Katzenberg kennen immerhin eine Menge Fans, besonders all jene Kinogänger, die sich für Animationsfilme interessieren. Er war einst als Studiochef bei der Walt Disney Company schon für Animation zuständig und wurde es auch im Verbund von DreamWorks. Das G hingegen gibt vielen ein Rätsel auf. Das dritte Initial steht für David Geffen, und der ist immer noch mehr in der Musikszene bekannt als beim filminteressierten Publikum. In jüngster Zeit hat die Wahrnehmbarkeit des Namens David Geffen nun allerdings die seiner DreamWorks-Partner an gleich drei Fronten überflügelt: Zuerst machte Geffen damit Schlagzeilen, dass er aus seiner umfangreichen Kunstsammlung zwei Gemälde von Willem de Kooning und Jackson Pollock für 142,5 beziehungsweise 140 Mio. Dollar veräußert hat. Dann beherrschte sein Name die Wirtschaftsnachrichten, weil er ein Angebot von zwei Milliarden Dollar aus seinem Privatvermögen für die Übernahme der „Los Angeles Times“, der viertgrößten Tageszeitung der USA, abgegeben hat. Und zu Weihnachten lief die Verfilmung des Broadway-Musicals „Dreamgirls“ in den amerikanischen Kinos an, mit der sich Geffen einen 25-jährigen Traum erfüllte. Zeit, sich den Mann einmal näher anzusehen.
„I’m Billy the Kid, the fastest draw“(David Geffen)
Am Anfang stand der Traum eines Kids aus Brooklyn, einmal der nächste Louis B. Mayer zu werden. Heute nennt ihn das Forbes Magazine in seiner Liste der reichsten Menschen der Welt. Er ist nicht gerade Louis B. Mayer, einer der Väter von Metro-Goldwyn-Mayer, geworden, aber er hat es immerhin zum Partner von DreamWorks geschafft. Für den Sohn wenig betuchter russischer Immigranten keine schlechte Karriere. Schon als Kind nannten ihn die (jüdischen) Eltern „King David“. Wie ein solcher benahm und entwickelte er sich denn auch. Für die Schule oder gar eine akademische Disziplin hatte er nicht viel übrig. Aber er war von sich selbst überzeugt, und immer wieder gelang es ihm, auch andere von seinen Fähigkeiten zu überzeugen. Mit den Mitteln zum Zweck verfuhr er dabei allerdings nicht immer zimperlich. Seinen ersten Job in der Poststelle der einflussreichen William Morris Agency verschaffte sich Geffen mit einem fantasievoll aufgebesserten Lebenslauf: Er bescheinigte sich ein Abschlusszeugnis der UCLA, das er in Wahrheit nie erworben hatte.
„I can’t imagine how anything can be better than Geffen Records”
Es waren die 1960er-Jahre, eine Zeit, in der nicht nur der Aufstand gegen das Establishment geprobt wurde, sondern in der auch die Musikszene bei der politisch aufgewachten Jugend eine neue Bedeutung gewann. Es dauerte nur wenige Jahre, da war der junge Geffen einer der heißesten Musikagenten auf dem US-Markt. Er schreckte nicht – wie andere in der Branche – vor umstrittenen Künstlern wie der bisexuellen Song-Schreiberin Laura Nyro zurück. Schon bald besaß er genug Geld, um ein eigenes Label, Asylum Records, ins Leben zu rufen. Er verkaufte die Firma 1971 für sieben Millionen Dollar an Warner Brothers, nur um knapp zehn Jahre später mit Geffen Records noch größer und erfolgreicher in das Musikgeschäft zurückzukehren. Mit dem neuen Label brachte er Donna Summer heraus, nahm John Lennon und Elton John, Cher und Neil Young unter Vertrag. Er etablierte das Unternehmen auch als Spielwiese für Rock-Musik. Geffen vertrieb Aerosmith, Whitesnake und Guns N’ Roses. Waren es sieben Millionen gewesen, die er für Asylum erhalten hatte, so brachte ihm Geffen Records letztendlich eine Milliarde Dollar ein, als er 1990 an MCA, die spätere Universal Music Group, verkaufte.
„Go for the gut, go for the emotions!”
Doch das Schallplattengeschäft war nicht genug für einen umtriebigen, unruhigen Geist wie David Geffen. Gleichzeitig zog es ihn zum Broadway, und er widmete sich einer Filmproduktion, die er Geffen Pictures nannte. Schon damals – man schrieb das Jahr 1981 – war sein Name mit dem Musical „Dreamgirls“ verbunden, der Story von drei Soul-Sängerinnen, deren Aufstieg und Eifersüchten. Geffen war einer der Geldgeber, die es ermöglichten, dass die Show am Broadway herauskam. Er steckte seine Dollars in zwölf weitere Shows und erwarb die Filmrechte an „Dreamgirls“, das stets eines seiner am heißesten geliebten Projekte war. Doch zunächst hatte er mehr Glück mit Filmen wie „Risky Business“ und „Beetlejuice“. Als Geffen 1994 gemeinsam mit Spielberg und Katzenberg das DreamWorks-Studio gründete, war die „Dreamgirls“-Verfilmung, die ihm vorschwebte, immer noch ein Phantom. Ein Vorhaben, Whitney Houston für die Hauptrolle zu engagieren, hatte sich nicht verwirklicht, und auch ein Anlauf, es mit dem Regisseur Joel Schumacher und Lauryn Hill zu versuchen, zerschlug sich. Erst nachdem 2002 die Film-Version von „Chicago“ ein großer Hit bei Publikum und Presse geworden war, nahm der „Dreamgirls“-Film langsam Gestalt an. Der Produzent Laurence Mark („Jerry Maguire“, „Bicentennial Man“) kam an Bord und der „Chicago“-Autor Bill Condon, der dann auch Regie führte. Wie einst schon am Broadway hält sich Geffen im Hintergrund. In den Credits taucht er nur als Koproduzent auf, obwohl der Film ohne ihn nie gemacht worden wäre. Geffen sagt, er fühle sich bloß als „Vermittler“.
„Anybody who thinks money will make you happy, hasn’t got money”
Klingt das großzügig und bescheiden, so charakterisiert diese Zurückhaltung nur eine Seite des Menschen David Geffen, dessen Ruf in Hollywood kaum widersprüchlicher sein könnte. Die einen betrachten ihn als außergewöhnlich generös und anteilnehmend, andere als die Verkörperung von Macht- und Habgier. Auch ein Buch, das vor einigen Jahren über ihn geschrieben wurde, ist voll von gegensätzlichen, kaum zu vereinbarenden Darstellungen seiner Psyche. Eine Ursache dafür mag in Geffens lange uneingestandener Homosexualität liegen und an seinen emotionalen Reaktionen auf den AIDS-Tod mehrerer Freunde. Gerüchte wie das, er sei mit Keanu Reeves liiert, halfen auch nicht gerade.
Jedenfalls gibt es eine andere, oft vernachlässigte Seite David Geffens, die heute offenkundiger zutage tritt und seine Reputation deutlicher als alles andere zu beeinflussen beginnt. Schon Ende der 1980er-Jahre hat er begonnen, Spenden an AIDS-Organisationen und Krankenhäuser zu machen. Im Mai 2002 stellte er der medizinischen Fakultät der UCLA 200 Mio. Dollar zur Verfügung. In jüngster Zeit mehren sich die Anzeichen dafür, dass sich Geffen an einem Scheideweg in seinem Leben befindet. Immer häufiger hört man Kommentare von ihm, die besagen, dass er nun, nachdem er die Verhandlungen über den DreamWorks-Verkauf an Paramount erfolgreich abgeschlossen hat, von der Filmszene genug habe. Dieses Kapitel, sagt er jetzt öfters, sei für ihn beendet. „Ich bin nicht mehr daran interessiert, Dinge zu kaufen, nur um damit Geld zu verdienen. Ich bin daran interessiert, etwas zu tun, das für die Gemeinschaft von Wert ist, etwas, mit dem ich einen Unterschied machen kann.“
Das begründet sein großes Interesse an der „Los Angeles Times“. Zu einem Zeitpunkt, wo die Filmbranche mit Argusaugen den Erfolg oder Misserfolg von Geffens lange gehegtem Lieblingsvorhaben „Dreamgirls“ verfolgt, ist Geffens eigenes Interesse längst meilenweit von Publikumsreaktionen und Kassenergebnissen entfernt. Der heute 63-Jährige wirft sich noch einmal auf ein anderes Medium. Auf ein langsam sterbendes Medium?
„At the end of the day, no one’s powerful”
Vielleicht ist genau das der Anreiz für ihn: das Siechtum einer bedeutenden kulturellen Institution zu verzögern. Seit die „Los Angeles Times“ im Jahr 2000 in das Eigentum der aus Chicago operierenden Tribune Company übergegangen ist, geht es mit dem Blatt, das einst in Amerika Kultur und Kulturkritik verkörpert hat wie sonst nur noch die „New York Times“, beständig bergab. Wichtige Mitarbeiter, zum Beispiel in den Sektoren Film und Architektur, haben die Zeitung verlassen; dem Chefredakteur wurde gekündigt. Die Auflage ist von einst 1,2 Mio. auf unter 800.000 gefallen. Der Aktienkurs stagniert. Geffen, dessen Kaufangebot bei den Eigentümern zunächst auf Eis liegt, macht sich nichts vor. Große Gewinne sind mit der „LA Times“ nicht zu erzielen.
Der Mann, dem sein Biograf Tom King noch „rücksichtslosen Ehrgeiz“ bescheinigt hat, scheint sich auf einer Mission zu befinden, die sein Hollywood-Image vielleicht revidieren könnte. Sollte es denn nicht die „LA Times“ sein, wird er sich mit Sicherheit noch einmal auf etwas anderes stürzen. Die reichsten Männer Amerikas – von Warren Buffett bis Bill Gates – haben in jüngster Zeit die Absicht zu erkennen gegeben, ihren Reichtum in philanthropischer Großzügigkeit mit der Welt zu teilen. Wenn nicht alles täuscht, befindet sich David Geffen auf einem ähnlichen Weg. |