Nach seinem Doppel-Film „Smoking /No Smoking“ (1993) verfilmte Alain Resnais mit „Herzen“ erneut ein Sujet von Alan Ayckbourn. Versponnen erzählt er von Menschen und ihren kleinen Fluchten aus der Wirklichkeit – und trifft dabei mitten ins Herz. Für das leise Drama um Einsamkeit und Suche nach Glück im verschneiten Paris erhielt der Altmeister des französischen Films, der am 3. Juni seinen 85. Geburtstag feiert, beim Festival in Venedig 2006 einen „Silbernen Löwen“ (Beste Regie).
Venedig scheint Ihnen Glück zu bringen: Vor 45 Jahren gewannen Sie am Lido den „Goldenen Löwen“ für „Letztes Jahr in Marienbad“.
Resnais: Ich werde die Vorführung damals nie vergessen: Das Publikum reagierte anfänglich mit Lachen, am liebsten hätte ich den Film abgebrochen. Ich war zutiefst verletzt und fühlte mich unverstanden. Plötzlich aber drehte sich das Blatt, die Menschen schwiegen ergriffen und klatschten am Ende Beifall. Ich weiß nicht, was damals da im Saal passierte. Ohne diesen Erfolg wäre meine Karriere anders verlaufen.
Nach „Smoking/No Smoking“ adaptieren Sie erneut ein Theaterstück von Alan Ayckbourn. Was verbindet Sie mit dem Engländer?
Resnais: Ich habe 24 seiner Stücke im Theater gesehen und 22 gelesen und mag seine Geschichten, seine Suche nach Struktur, die Plots, dieses nicht lineare Erzählen, die überraschenden Twists. Bei „Smoking/No Smoking“ habe ich versucht, alles typisch Englische herauszukitzeln. Alle Details sollten stimmen. Die englische Presse nahm an, ich würde mich über britische Sitten mokieren. Diesmal bin ich durch die Verlegung der Handlung von London nach Paris hoffentlich klüger vorgegangen. Alan Ayckbourn war damit einverstanden, so kann er auch weiterhin mit einem US-Produzenten über eine Verfilmung verhandeln. Ein durch und durch französischer Film stört die Amerikaner nicht.
Es kursierten im Vorfeld einige Filmtitel, wie kam es zu „Herzen“?
Resnais: Es ist quasi unmöglich, die Theatertitel von Ayckbourn ins Französische zu übersetzen. „Private Fears in Public Places“ ergibt auf Französisch keinen Sinn. Meine Protagonisten ziehen in ihrem Umfeld isoliert ihre Kreise, scheitern bei der Suche nach dem Glück. Erst nach Beendigung des Schnitts fiel mir „Herzen“ ein, der Film handelt ja von gebrochenen Herzen. Außerdem pocht ein Herz immer, ist immer in Bewegung wie meine Alltagshelden. Zuvor mussten alle meine Freunde ein Votum abgeben. Insgesamt habe ich meinem Produzenten 104 Titel vorgeschlagen.
Was interessiert Sie an der Einsamkeit, unter der die Figuren leiden, ihrem Bedürfnis nach Sex und ihrer Amoralität?
Resnais: Das Menschliche. Ich versuche, Gegensätze und Gegenpole zu verknüpfen, wie den Willen nach Veränderung und die Erstarrung in Routine. Oft sagen die Leute, dass sie alles besser machen werden, wenn sich nur die Situation ändert. Das ist doch nicht mehr als ein frommer Wunsch, eine Nostalgie. Nur Zufälle und Begegnungen verändern unser Leben. In „Herzen“ fällen am Ende alle irgendwelche Entscheidungen, ob sie nun auf Reisen gehen oder das Appartement wechseln. Man kann nicht voraussagen, was sie machen. Es muss nicht unbedingt die riesige Umwälzung sein.
Ist die zunehmende Einsamkeit des Individuums typisch für unsere Zeit?
Resnais: Ich glaube, Einsamkeit ist dem Menschen immanent. Wenn wir sprechen, beginnt schon oft das gegenseitige Unverständnis. Die Erfindung der Schrift trug auch ihren Teil dazu bei, denn damit begannen wir, Erinnerungen aufzuzeichnen und Ereignisse gegenüberzustellen. Es mag sein, dass heute durch die vielen Kommunikationsmöglichkeiten unsere Kommunikation untereinander schwieriger geworden ist, aber wir sollten nicht in den Fehler verfallen, die Vergangenheit zu glorifizieren. Vergleiche hinken oft.
Woher kommt Ihre Lust an Theaterverfilmungen?
Resnais: Ich sehe keinen großen Unterschied zwischen Theater und Film. Die Vorstellung, Theater sei Vergangenheit und Kino Gegenwart, halte ich für Unsinn. Es ist ein anderes Arbeiten, die Atmosphäre zwischen Theater- und Kinosaal unterscheidet sich, im Theater spürt der Schauspieler die Reaktionen des Publikums und kann darauf reagieren. Die Schwierigkeit bei dieser Ayckbourn-Verfilmung lag darin, die Beziehungen zwischen den sieben Figuren glaubhaft darzustellen. Manchmal erinnerte mich das Ganze an ein Spinnennetz, in dem Insekten zappeln und der Spinne nicht mehr entrinnen können. Wenn eines sich bewegt, löst es eine Kettenreaktion mit Folgen für die anderen aus.
Sie arbeiten oft mit derselben „Filmfamilie“, dazu zählen Sabine Azéma, Pierre Arditi, André Dussollier. Reizt es Sie nicht, mal ganz neue Gesichter vor die Kamera zu holen?
Resnais: Ich habe nicht den Eindruck, eine konstante Schauspieler-Familie um mich herum zu versammeln, es stoßen immer wieder Neue dazu. Aber warum sollte ich nicht mehr mit jemandem zusammenarbeiten, der gut ist und dem ich nicht groß etwas erklären muss? Die Idee für die Besetzung entwickle ich während der Drehbuchphase. Leider mache ich nur ungefähr alle drei Jahre einen Film, da kann ich mir nicht alle Schauspieler-Wünsche erfüllen; es stehen noch viele Namen auf meiner Liste. Ich werde Ihnen aber keinen Namen verraten, sonst mache ich mir 100 Feinde. Für mich ist die Zusammenarbeit mit Schauspielern eine der schönsten Seiten meines Berufs, vielleicht weil ich mit 16 selbst mal Schauspielunterricht genommen habe.
Gehen Sie immer noch mit der gleichen Begeisterung an ein Projekt heran oder legt sich der Elan mit den Jahren?
Resnais: Ich hatte sehr viel Glück und freue mich, dass mir Produzenten heute noch ihr Vertrauen schenken, obwohl ich ein teures Vergnügen bin. Für Leute über 65, egal ob Regisseur oder Schauspieler, kostet die Versicherung eine Menge Geld. Die Leidenschaft, Geschichten zu erzählen, wird mich nie verlassen. Ich achte darauf, mich nicht zu wiederholen oder das gleiche narrative System zu benutzen. Damit mich ein Film interessiert, muss es Intrigen oder Überraschungen geben. Ich liebe den Wechsel zwischen Dekonstruktion und Rekonstruktion. Wobei ich zugeben muss, dass die Reflexion über die Struktur manchmal erst nach dem Film kommt. Mein Schema ist einfach: Wenn mir etwas einfällt und ein Bild nach 24 Stunden immer noch im Kopf herumschwirrt, frage ich mich nicht lange, sondern drehe ohne Skrupel. Begeisterung und Liebe sind da, aber zunehmend auch die Angst, vielleicht nicht mehr mithalten zu können. Die Filmlandschaft ändert sich permanent, es gibt neue Regisseure, neue Techniken. Ich sehe so viele fantastische Filme, dass ich mich manchmal frage, wo mein Platz ist.
Bedauern Sie es, manche Filme nicht realisiert zu haben?
Resnais: Natürlich tut es weh, wenn sich ein Projekt zerschlägt, weil es zu teuer ist, mir oder dem Drehbuchautor die nötige Fantasie fehlt. Schade finde ich es heute noch, dass die Zusammenarbeit mit Stan Lee, dem Erfinder von „Spiderman“, nicht geklappt hat. Aber warum traurig in die Vergangenheit starren? Ich habe in der Zukunft noch genug zu tun.
Was würden Sie als größte Veränderung in den vergangenen Dekaden bezeichnen?
Resnais: Die Akzeptanz der Frauen und ihr Rollenwechsel im Filmgeschäft gehören zu den größten Umbrüchen der letzten zehn Jahre. Als ich anfing, erhielten Frauen kaum die Möglichkeit, Regie zu führen, einen Film zu produzieren und schon mal gar nicht als Kamerafrau zu wirken. Heute sind sie auf allen Ebenen aktiv, ich würde sagen, fast aktiver.
Welche Filme schauen Sie sich persönlich an?
Resnais: Ich sehe drei Filme pro Woche, alles aus 100 Jahren Kino, von Woody Allen bis Wong Kar-wai, aber auch Filme aus der Frühzeit oder den 1960er- und 1970er-Jahren. Mit Video und DVD stelle ich mein eigenes Programm von der Komödie bis zur Doku zusammen, muss mich nicht nach Startterminen richten. Ein Vorteil. Im Kino kriege ich nur das Programm der letzten drei Monate serviert.
Das hört sich aber wie ein Abgesang auf das Kino an.
Resnais: Viele Menschen ab einem bestimmten Alter wollen sich auch nicht mehr für Karten im Gedränge anstellen. Zu Hause schaffe ich mir meine ganz spezielle Kino-Atmosphäre, lade Freunde ein, justiere Farbe und Ton und genieße das Erlebnis. Oft sind Konzentration und Qualität besser als im Kino. Als Cinephiler sage ich das allerdings mit großem Zögern, denn mein Herz schlägt für die große Leinwand. Aber wir können den Wandel nicht aufhalten und die Zeit nicht zurückdrehen. |