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Mythos Pragveranstaltung
Themenschwerpunkt beim Festival „Cinefest“Druckversion
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Richtig unheimlich ist es, wenn man nachts durch eine jener engen, kaum beleuchteten Gassen geht, denen die Prager Altstadt ihre Berühmtheit verdankt. Automatisch fühlt man sich wie in einem Film, in einer vergangenen Zeit. Diese ungewöhnliche Atmosphäre mag man heute als Klischee empfinden, sie ist aber auch ein Mythos, beruhend auf der Tatsache, dass Prag im Zweiten Weltkrieg nur wenig zerstört wurde. Die alten Häuser, die Karlsbrücke mit ihren Statuen und eben die herrlich dunklen Winkel machen es zu einem idealen Drehort, gerade für historische Filme oder solche, die dem Genre Mystery, Horror und Agententhriller zuzurechnen sind. Man denke nur daran, wie in „Mission: Impossible“ (1996) zu Beginn ein Mann von der Karlsbrücke stürzt oder in „XxX“ (2002) Vin Diesel permanent durch die ganze Stadt jagt. Milos Forman, der nach dem Prager Frühling in die USA auswanderte, kehrte 1984 nach Prag zurück, um „Amadeus“ zu drehen, 1988 folgte Philip Kaufman für „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“. 1991 drehte Steven Soderbergh dort seinen experimentellen Spielfilm „Kafka“, ab Mitte der 1990er-Jahre war Hollywood regelmäßig in Prag vertreten. Mit gut ausgestatteten Studios, allen voran die privatisierten Barrandov Studios, stimmt die Infrastruktur, und die Produktionskosten sind niedrig: Einen Teil der „Bourne“-Trilogie (2002) drehte man in Prag und gab es als Zürich aus, in „Oliver Twist“ (2005) hielt es für London her, in „The Brothers Grimm“ (2005) für eine deutsche Stadt. Im Vampir-Thriller „Van Helsing“ (2004) nutzte man das historische Prag als Kulisse, „Die Chroniken von Narnia“ (2005) und „Hellboy“ drehte man im Studio in Prag. Auch Teile des Graf-Stauffenberg-Films „Valkyrie“ sollen dort entstehen.

Doch der Boom ist vorbei: Hollywood entdeckt, dass man in Rumänien, Ungarn und Bulgarien noch billiger drehen kann. Die Europäer, auch die Deutschen, werden wohl noch eine Weile bleiben. Das hat Tradition, nicht erst seit die DEFA in Prag drehte oder Frank Beyer dort studierte; schon in der Stummfilmzeit inspirierte die Stadt an der Moldau das deutsche Kino. Daran erinnert „Cinefest“, das (vierte) internationale Festival des deutschen Filmerbes in Hamburg, eine gemeinschaftliche Kooperationsveranstaltung des Bundesarchiv-Filmarchivs mit CineGraph Hamburg. Unter dem Titel „Film im Herzen Europas“ geht es um den Komplex der deutsch-tschechischen Filmbeziehungen des 20. Jahrhunderts. Der Mythos Prag spielt darin eine wichtige Rolle, beginnend mit dem kurzen Kulturfilm „Das heilige Prag“, den Hans Cürlis 1929 drehte und der schon das touristische Bild zwischen Märchen und Fantasy vermittelt, das sich bis heute gehalten hat: mittelalterliche Gassen, Hradschin, Wenzelsplatz, Rathaus, Karlsbrücke, Judenviertel und jene besondere Stimmung, die über der Stadt liegt.

Sie verfehlte schon 1913 in „Der Student von Prag“ nicht ihre Wirkung – ebensowenig 1914 in Henrik Galeens „Der Golem“. Dass Galeen für sein Remake 1926 auf eben diese malerischen Ansichten verzichtete, mag damit zusammenhängen, dass das Prag-Bild differenzierter geworden war und auch die Schattenseiten der Großstadt zum Tragen kamen. In Karl Grunes Debüt „Der Mädchenhirt“ (1919), einer Ausgrabung von CineGraph – sie wurde im Oktober beim Stummfilmfestival von Pordenone gezeigt, wo CineGraph und Murnau-Stiftung für ihre langjährige Arbeit die Ehrenplakette erhielten –, wurde die märchenhafte Wirkung der Straßenszenen durch ernste, realistische Themen aufgebrochen, handelt es sich doch um eine Verfilmung der Sozialreportagen von Egon E. Kisch.

Noch trostloser geriet Prag 1930 in Carl Junghans’ Spielfilm „So ist das Leben“ um eine alte Waschfrau und ihren betrunkenen Mann. Nach der Besetzung der Tschechoslowakei im Zweiten Weltkrieg gründeten die Nazis 1941 die Prag-Film AG (1942-45 gehörte sie zur UFA) und verlagerten einen Teil der deutschen Produktion in die 1933 fertiggestellten Barrandov-Studios. Als Schauplatz nutzten sie die Stadt selten, und wenn, dann eher im negativen Sinn: In Veit Harlans „Die goldene Stadt“ (1942) fährt eine junge Bauerstochter ins Prag ihrer Sehnsüchte, wird von ihrem Cousin geschwängert und von ihrem Vater enterbt. Der Farbfilm war ein Kassenschlager – überall, nur nicht in Prag, wo die Nazis die Aufführung verboten hatten, weil sie befürchteten, dass die Filmmusik von Smetana die patriotischen Gefühle der Tschechen aufheizen könnte. Auch war der Film bei den NS-Funktionären umstritten, weil Prag nicht als deutsche Stadt dargestellt wurde. Das tat ein Jahr später Karel Plicka im Kurzfilm „Prager Barock“, der die Bauten als Werk deutscher und italienischer Architekten pries. 1946 korrigierte Plicka dies: Er nahm den Ton neu auf und würdigte die Leistungen der Tschechen. Als weitere Beispiele für in Prag gedrehte deutsche Filme zeigt das Cinefest „Das Haus in der Karpfengasse“ (1965) von Kurt Hoffmann, der im Prager Judenviertel während des Einmarschs deutscher Truppen 1939 spielt, und die Manfred-Bieler-Verfilmung „Der Mädchenkrieg“ (1977) von Alf Brustellin und Bernhard Sinkel, der auch zur Nazi-Zeit spielt und in der Bundesrepublik nur ein mäßiger Erfolg war – trotz der schönen Prag-Bilder.

Hinweise Cinefest

„Film im Herzen Europas: Deutsch-tschechische Filmbeziehungen im 20. Jahrhundert.“

Filmfestival: 17.-25.11., Hamburg, Kino Metropolis.

Filmhistorischer Kongress: 22.-24.11, Hamburg.

Katalog: 128 Seiten, viele Fotos, inkl. DVD (mit Raritäten, darunter „Die Ohrfeige“ mit Maria Schell). 20,00 EUR (über absolut MEDIEN, 25 EUR).

Infos: CineGraph, Telefon 040–352194, www.cinefest.de

Weitere Stationen des Festivals: Berlin, Wien, Zürich.
Andrea Dittgen
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