Dieser Film spielt in einer Zeit, in der Europa arm ist, in der seine Menschen, um zu überleben, sich aufmachen in die reichen Länder und extrem abhängig davon sind, dass andere human mit ihnen umgehen. Dem Film liegt Franz Kafkas erster Roman zugrunde. Der Titel „Amerika“, den Max Brod, Kafkas Freund und Herausgeber, dem posthum erschienenen Werk gab, benennt einen fixierbaren Ort, während der ursprüngliche Titel „Der Verschollene“ ein Nicht-Erreichen ausdrückt, welches die europäische Literatur seit ihren Anfängen beschäftigt. Schon Odysseus war ein Reisender. Er erkundete die antike Welt und geriet in dauernde Versuchung, die Grenzen des Bekannten zu überschreiten. Kafkas Reisender Karl Rossmann ist ein Sinnbild für Europas Moderne. Für ihn gibt es, anders als für Odysseus, keinen Weg zurück ins Vertraute, keinen festen Platz mehr.
Innere Überlegungen Rossmanns – in Kafkas Text nehmen sie breiten Raum ein – kommen im Film nicht vor. Nicht weil das Kino Zuspitzung verlangt, sondern weil das Sprechen bei Straub/Huillet eine außerordentliche Rolle spielt. Dem Rossmann des Romans fliegen aufgrund seiner inneren Empörung und Zweifel alle Sympathien zu, im Straub-Film weiß man nie mehr von ihm, als er in Worten und Gesten ausdrückt. Auch dann, wenn Rossmann sich für einen ungerecht behandelten Schiffsheizer einsetzt, ist seine Stimme eine unter vielen. Für Zuschauer erwächst Spannung daraus, eine eigene Position nicht zu besitzen, sondern unablässig an ihr zu arbeiten. Mario Adorf spielt Rossmanns in Amerika zu Geld gekommenen Onkel. Den speziellen Rhythmus, den Straub/Huillet der Sprache geben, bewältigt er souverän. Das Zusatzmaterial der DVD zeigt die Entstehung des Films und demonstriert, wie konzentriert und zeitaufwändig das Regiepaar mit jedem Darsteller arbeitet, dabei dessen Eigenheit herauskitzelt. Nach der Betrachtung geht es Erstsehern womöglich wie den Anhängern von Straub/Huillet: Die Auftritte der Schauspielprofis werden lediglich hingenommen, während man von den Darstellungen der sogenannten Laien, die das Kino in Frage stellen und es weiterbringen, nicht genug bekommen kann. Eine solche Einstellung ist allerdings ein Widerspruch zur Straubschen. Sieht man Rossmann nicht als Helden, nicht einmal als Hauptfigur, begreift man, dass alle im Film wie in der Welt erscheinenden Menschen gleichermaßen wichtig sind und Achtung verdienen, erst dann wäre etwas gewonnen: Ein Blick, der den auch im Kino allgegenwärtigen Klassenverhältnissen Widerstand entgegensetzt.
Die Dialoge sind dem „Verschollenen“ unverändert entnommen. So erzeugen Straub/Huillet mit Film Aufmerksamkeit für Sprache, werfen Licht auf etwas, wofür Kafka-Interpreten häufig taub und blind sind: Kafkas präzise Beschreibung kapitalistischer Verhältnisse. In der Anfangsszene machen ein Schiffsoffizier und ein Politiker die Ansprüche eines Arbeiters mit Worten unsichtbar. Objektive Darstellungen, Monologe als Dialoge verkleidet, die einen Menschen zerstören. Sprache ist in die Gewalt der Klassenverhältnisse verstrickt, wird von ihnen strukturiert. Erschreckend, wie wenig dies nicht nur von Kafka-Interpreten bemerkt wird.
Der DVD sind einige nicht verwendete Szenen beigefügt. Man kann sehen, wie die Anfangsbilder des Films entstanden. Mehrmals wird die New Yorker Freiheitsstatue von einer Fähre aus gefilmt, bis auf einmal Hubschrauber durchs Bild fliegen, die es zu Kafkas Zeiten nicht gab. Diese Bilder sind unbearbeitet, mit Originalton im Film belassen. Sie enthalten eine Dynamik zwischen alter Welt und Utopie, die dem Geist von Kafkas Roman entspricht. Kein Soundtrack, keine Effekte, trotzdem nennen Straub/Huillet ihre Bilder monumental. Ein Widerstand gegen die heute dominierende Monumentalität. „Immer mehr Filmemacher zeigen tausend Eichen, sodass man am Schluss den Eindruck hat, man hat keine einzige Eiche gesehen.“ In den Inszenierungen von Straub/Huillet ist vorhandene Wirklichkeit mit Filmkameras dokumentiert, damit sie auf der großen Leinwand so bedeutend erscheinen kann, wie sie ist. Winzigste Details, Naheliegendes, Alltägliches, darin gegenwärtige Spuren von Vergangenheit, sieht man in ihren Filmen wie zum ersten Mal. Die alte Welt als Bestandteil jeder neuen.
Von Rossmann ist zuerst – in Großaufnahme – sein Koffer im Bild. Ein Requisit, welches im Verlauf von Roman wie Film hin und her geschoben wird, dauernd den Besitzer wechselt, Rossmanns Seelenlage veräußerlicht. Kafkas Schreiben ist vom stummen Film beeinflusst, ist sprachliches Kino; Straub/Huillet nennen „Klassenverhältnisse“ eine Komödie. Kafka-Roman wie der Film spielen in Chaplins Welt. In dieser charakterisieren Melone und Stöckchen den Außenseiter, der die Zeichen seiner Deklassierung in solche der Würde zu verwandeln versucht.
Dies registrierend, fällt auf, wie sehr das Lachen in der deutschen Filmkultur seine umstürzlerische Kraft verloren hat, wie sehr es umfunktioniert wurde zu einem Mittel von Überlegenen, sich über Schwache zu erheben, statt sich auf ihre Seite zu schlagen und an wirkliche Erfahrungen und Katastrophen aufklärend zu rühren. Wenn am Ende des Films der aus Deutschland stammende Rossmann sich selbst „Negro“ nennt und daraufhin Bürokraten – diese haben auch in der neuen Welt schon Oberwasser – „Negro, a German student without papers“ in ihre Akten eintragen, merkt man, wie nahe das Lachen einem Schmerzensschrei, d.h. einem Ruf nach Verwirklichung von gerechten Lebensverhältnissen sein kann. Aus einer Welt, in der es keine Ausbeuter gibt und in der jeder gebraucht wird, gibt es immer noch keine Bilder. Michael Girke
„Klassenverhältnisse“. BR Deutschland 1984. Regie und Buch: Danièle Huillet und Jean-Marie Straub, nach dem Romanfragment „Der Verschollene“ von Franz Kafka. Kamera: William Lubtchansky – Darsteller: Christian Heinisch, Nazzareno Bianconi, Mario Adorf, Laura Betti, Harun Farocki, Manfred Blank, Reinald Schnell. Länge: 122 Min. Doppel-DVD, hrsg. vom Österreichischen Filmmuseum und Filmmuseum München in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut München. Anbieter: Edition Filmmuseum. Zusätzlich auf DVD 1: Booklet mit Texten von Hans Hurch, Barton Byg und Klaus Kanzog; erste handschriftliche Drehbuchfassung von Jean-Marie Straub, Regiebuch mit Notizen von Straub/Huillet, Drehplan, Interview und Pressekonferenz mit Danièle Huillet und Jean-Marie Straub sowie Materialienband über den Film von Wolfram Schütte als ROM-Features. DVD 2: „Arbeiten zu ‚Klassenverhältnisse’ von Danièle Huillet und Jean-Marie Straub“ (Regie: Harun Farocki , 1983); „Wie will ich lustig lachen“ (Regie: Manfred Blank , 1984); „Work in Progress“ (Konzept/Montage: Klaus Kanzog, Klaus Volkmer, 2007); 44 Arbeitsfotos von Berthold Schweiz. |