Eine Schweizerin, die nach einem klassischen Klavierstudium und Konzerttätigkeit in Boston und Hollywood ihr filmmusikalisches Rüstzeug erhielt, um nicht zuletzt in Deutschland ihrer Lieblingsbestimmung nachzugehen – in Schubladen ist die Karriere von Christine Aufderhaar nicht zu verstauen. Wozu auch, denn gute Musik ist – zumal nach ihrem Verständnis – universell, klingt weder nach Alpen noch nach Kommerz und schon gar nicht nach Produkten der europäischen Wirtschaftszone. Mag der filmische „Europudding“ zumindest formal und inhaltlich gewissen Regeln folgen, musikalisch im Sinne von Christine Aufderhaar tut er dies sicherlich nicht. Vielleicht ist dies tatsächlich der Einfluss des renommierten Berklee College of Music, in dem zunächst einmal Wert auf das Handwerk gelegt wird und sich die Kreation von Musik nicht in den Etüden von Bach und den Werken von Mozart erschöpft.
Betrachtet man Christine Aufderhaars Musikstücke, die in der Zeit um 2001 in Boston entstanden, wird schnell das Konzept klar, das vor jeder erfolgreichen Komposition steht: Zunächst gilt es, sich im Kopf von allen musikalischen „Do’s“ und „Dont’s“ zu lösen, um dann frei zu sein für die Bilder im Kopf – und für die Bilder auf der Leinwand. Ob „Sonata“ (eigentlich der 2. Satz einer frei von filmischen Assoziationen komponierten klassischen Klaviersonate) oder „Ballade“ und „Autumn Love“, beides Stücke ganz im Geiste des in Berklee propagierten Grundsatzes, dass Rock und Jazz selbstverständlicher Teil des musikalischen Kanons sind: In der Musik von Christine Aufderhaar sind Grenzen kein Thema. Das beweisen nicht nur diese drei Kompositionen, sondern das belegt auch die Tatsache, dass sie später in Los Angeles in der Werkstatt von Jay Chattaway („Star Trek“) und besonders in jener von Alf Clausen („Die Simpsons“) mitwirkte. Gerade Clausen, der ein Meister des filmmusikalischen „Crossover“ im Dienste des Films ist, kann Sensibilität für jenen Grenzgang erzeugen, der für Filmmusik so essenziell ist.
Die biografische Verfilmung „Prologue: The Artist Who Did Not Want to Paint“ aus dem Jahr 1965 ist nicht selten als Vorfilm zu Carol Reeds epischem Biopic/Period Piece „Michelangelo – Inferno und Ekstase“ gezeigt worden. Im Gegensatz zum von Alex North vertonten Hauptfilm durfte sich hier ein bekannter, seinerzeit aber noch nicht legendärer Komponist ausprobieren: Jerry Goldsmith. Was sich Christine Aufderhaar im Jahr 2001 zu einem Segment dieser gut 13-minütigen Dokumentation hat einfallen lassen, steht dem freilich in nichts nach. Das Schöne ist: Wenn man sich erst einmal aller Konventionen entledigt hat, improvisiert es sich ungenierter. Der Titel „Renaissance“ ist Programm und begleitet nicht nur die abgefilmten Skulpturen Michelangelos, sondern decodiert gleichsam die emotionale Subebene, auf der sich die Stimmung der Bilder mitteilt. So ist „Renaissance“ nicht nur einfach wunderschöne Musik, sondern auch der Schlüssel für erfolgreiche Filmmusik.
So konnten 2002 die auf unergründliche Spannung getrimmten Streicher zum Dokumentarfilm „Mordauftrag auf Tripolis – Die Bombe im La Belle“ entstehen, im Jahr 2004 die verheißungsvoll melancholische Orchestermusik für das Jugenddrama „Jargo“ sowie die melodramatische Weite des im selben Jahr produzierten Fernsehfilms „Judith Kemp“. Der Jazz, zu dem Christine Aufderhaar schon seit Ausbildungszeiten in Basel und Sindelfingen 1992 eine besondere Affinität pflegt und den sie in Berklee zu perfektionieren verstand, ist sie 2008 mit ihrer atmosphärischen Krimimusik zu „Freiwild“ zurückgekehrt.
Die große Kunst der filmischen Emotion lugt dagegen aus einer Komposition für einen 20-minütigen Kurzfilm hervor, entstanden im Jahr 2005: „L’Enfer“ von Andreas Pieper, entstanden an der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) Konrad Wolf in Potsdam-Babelsberg, ist ein dichtes Drama, zu dem Christine Aufderhaar die Kunst der schlichten Töne zelebriert, wobei sie auch vor elektronischen Verfremdungen nicht zurückschreckt. Auch hier vollzieht sich ein Grenzgang, der zu neuen Einsichten führt. Dass schließlich Sonne und Mond in den Schweizer Bergen erfrischend unfolkloristisch aufgehen („Das magische Dreieck – Die Belchenberge um Basel“), spricht für den Widerstand gegen ausgetretene Pfade in der Filmmusik von Christine Aufderhaar, die als Schweizerin inzwischen in Berlin lebt – no offence!
Jörg Gerle
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