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Der „King“ von Berlinthema: 58. berlinale 2008
Indiens Über-Star Shahrukh KhanDruckversion
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Mit Luftballons, Geschenken und Sprechchören erwarteten Shahrukh Khan beeindruckende Menschenmengen, wo immer er auftauchte. Schon unmittelbar nach der Ankündigung, dass der indische Schauspieler und Produzent seinen Film „Om Shanti Om“ als „Berlinale Special“ persönlich vorstellen und beim Talent Campus sprechen würde, hatte der Ansturm für Schlagzeilen gesorgt: Nach über 20.000 Anfragen wurde von der „Berlinale“-Website auf eine Extra-Seite mit Informationen nur zu „King Khan“ verlinkt – ein absolutes Novum für die Filmfestspiele. Innerhalb von sieben Minuten war die Gala-Vorführung von „Om Shanti Om“ ausverkauft; bei ebay zahlten Fans bis zu 500 Euro für zwei Karten. Eigentlich kein Wunder, handelt es sich bei dem 42-Jährigen doch um einen der größten Filmstars der Welt mit mehr Fans als Brad Pitt und George Clooney zusammen – und diese gehören keineswegs nur den indischen Gemeinden rund um den Globus an. Gerade Deutschland ist eine Bollywood-Hochburg, wie die erfolgreichen DVD-Veröffentlichungen der letzten Jahre belegen. Auch das „Talent Campus“-Gespräch mit Maria Schrader, Nigerias Superstar Kate Henshaw-Nuttal und Moderatorin Dorothee Wenner unterbrach immer wieder Applaus für Shahrukh Khan, was die Damenrunde mit verständnisvollem Lachen bedachte. Der Star reagierte mit charmanten Gesten an seine Fans, ohne aus dem Konzept zu kommen; diese Begeisterung ist er offenkundig so gewohnt, dass er auch bei den internationalen Campus-Teilnehmern mit nichts anderem rechnet.

Um Fans und ihre angebeteten Filmstars geht es auch in „Om Shanti Om“, was an den Reaktionen im ausverkauften International Kino zu spüren war. Szenenapplaus ernteten nicht nur Shahrukh Khans Auftritte und die unzähligen Cameos indischer Gaststars, sondern auch die Begegnungen von Star und Fan – und diese gibt’s reichlich: In der ersten Filmhälfte, die in der indischen Filmindustrie der 70er-Jahre spielt, gibt Shahrukh Khan den Kleindarsteller Om, der sein angehimmeltes Idol Shanti (Deepika Padukone) kennen lernt. Es bricht ihm das Herz, als er entdeckt, dass sie heimlich verheiratet ist. Doch ihr Mann (Arjun Rampal) treibt ein falsches Spiel: Er lockt die Schauspielerin in eine Feuerfalle, und bei dem vergeblichen Versuch, sie aus den Flammen zu retten, stirbt auch Om. Doch das ist noch lange nicht das Ende – in der zweiten Hälfte wird Om als erfolgreicher Spross einer Film-Dynastie wiedergeboren. Nun hat er den Ruhm, der ihm im vorigen Leben verwehrt blieb; aber er erinnert sich nicht und entspricht allen Klischees des verwöhnten, zickigen Superstars, der seinen Erfolg nicht zu schätzen weiß. Erst langsam holen die Erinnerungen an sein früheres Leben Om ein, bis er mit übernatürlichem Beistand den Mörder bloßstellt und Shantis Tod rächt. Dabei hilft ihm das junge Ebenbild der Getöteten, die beim Anblick von Om, ihrem Lieblingsstar, regelmäßig in Ohnmacht fällt.

Farah Khans zweiter Film ist echtes Masala-Kino, in dem sich die unterschiedlichsten Genres zu einem ganz einzigartigen Mix zusammenfügen: Um die typische 70er-Jahre-Wiedergeburtsstory gesellen sich Elemente von Familiendrama, Actionkrimi, Lovestory, Coming of Age, Komödie, Film im Film und jede Menge großartiger Musiknummern. Besonders die erste Hälfte schwelgt in Farbenfreude und Referenzen an Bollywood-Klassiker der Seventies. Teils wurden die „Om Shanti Om“-Stars in alte Filmszenen einmontiert; so beginnt der Film mit einer Szene aus Subhash Ghais Discofilm-Klassiker „Karz“, bei der der kleine Statist Om sich in Rishi Kapoors Heldenfigur hineinträumt. In der zweiten Hälfte entblößt Shahrukh Khan als Star von heute ein über Monate antrainiertes Sixpack, und bei Szenen um eine Preisverleihung geben sich etliche aktuelle Filmstars in Cameos die Ehre.

Als ironische, aber nie distanzierte Hommage zelebriert „Om Shanti Om“ das indische Kino. Shahrukh Khan, der den Film auch produzierte, verteidigte es in der Pressekonferenz und bei der Lecture zum Thema „Love International“ im Talent Campus gegen den Vorwurf des blinden Eskapismus: „Unser Kino ist auch realistisch, aber anders als etwa das europäische. Bei uns geht es oft um eine mögliche oder innere Realität, die wir uns wünschen, uns herbeisehnen.“ Die Unterschiede im Erzählen von Liebesgeschichten sieht er in den verschiedenen gesellschaftlichen Regeln mitbegründet. Angesichts Maria Schraders „Liebesleben“, der von Menschen handelt, denen alles erlaubt ist, fragte Shahrukh Khan: „Wenn alles erlaubt ist, wonach sehnst Du Dich dann? Wenn Du alles schon gesehen hast, was gibt’s dann noch zu entdecken? Ich bin froh, in einem Land zu leben, in dem eine Menge verboten ist.“ Das indische Kino ist für ihn wesentlich durch die starke Emotionalität geprägt: „Ohne mich dafür zu entschuldigen: Unser Land ist etwas überemotional. Unsere Filme sind gar nicht übertrieben; wir singen wirklich überall. Unsere Filme sollen nicht in erster Linie verstanden, sondern vor allem gefühlt werden.“ Auch wenn sich der Darsteller vieler romantischer Helden als Fan von „Action mit jeder Menge Blut“ outete, sind für ihn die meisten Filme immer auch Liebesgeschichten, ob es nun um die Liebe zu einem Job, zu Geld und Ruhm oder eben zu einer Person geht.

Die Liebe zum Film, und zum indischen Kino mit all seinen Besonderheiten, bildet den roten Faden in Shahrukh Khans Arbeiten, gerade als Produzent: „Indien ist der einzige Filmmarkt der Welt, in dem US-Filme keinen bedeutenden Anteil an den Kinobesuchen ausmachen. Das wird auch so bleiben. Für den internationalen Erfolg von Hindi-Filmen müssen vor allem drei Dinge passieren: der technische Standard muss höher werden; die Songs müssen etwas sinnvoller in die Handlung integriert werden, und die Filme müssen kürzer werden.“ Es bleibt zu hoffen, dass Shahrukh Khan zumindest letzteres nicht in die Tat umsetzt.
Antje Krumm
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