„Warum mache ich diesen Film über mich, oder besser, über die Wege, die ich gegangen bin, als kleines Mädchen bis heute? In vielen meiner Filme, besonders in den Dokumentarfilmen, erkennt man mich, weil ich es bin, die spricht, weil ich etwas Persönliches einbringe, das könnte doch genügen. Warum also hatte ich die Idee, einen genaueren Film über mich zu machen, wo mich die Anderen doch immer mehr interessiert haben? Also habe ich ein Problem, das ich noch nicht gelöst habe. Es gelingt mir nicht richtig, einen Dokumentarfilm über mich zu machen, als ob ich eine Andere wäre. Ich habe nicht die Tendenz, schizophren zu sein.“ Muss man 80 werden, um auf die Idee zu kommen, einen Film über sich machen zu wollen? Am 30. Mai feierte Agnès Varda in der Pariser Rue Daguerre diesen Geburtstag.
Sie wohnt seit über 50 Jahren in dieser Straße am Montparnasse, die nach einem der Erfinder der Fotografie benannt ist und deren Anwohnern, den kleinen Leuten des Quartiers, den Handwerkern, Händlern, Ladenbesitzern, Bistrowirten, sie 1974 mit ihrem Dokumentarfilm „Daguerréotypes“ ein Denkmal setzte. Gegenüber, auf der anderen Straßenseite der Rue Daguerre, hat sich Agnès Varda in einem ehemaligen Eisenwarengeschäft ihre Schneideräume eingerichtet. Dort restauriert sie schon seit einigen Jahren ihre Filme und die ihres Mannes Jacques Demy und produziert sorgfältig editierte DVDs mit vielen Extras. Gerade fertiggestellt wurde „Jacquot de Nantes“, ihr 1990 realisierter Spielfilm über die Jugend ihres Mannes Jacques Demy.
Jetzt sitzt Agnès Varda in ihrem Schneideraum, sichtet immer wieder das Material, das sie im vergangenen Jahr gedreht hat; in Sète, wo ihr erster Film entstand („La pointe courte“); in Avignon, wo sie als Fotografin begann für Jean Vilars Festival und Gérard Philipe, Jeanne Moreau, Philippe Noiret u.a. „on stage“ fotografierte; in Los Angeles, wo sie über die Black Panther einen kurzen Dokumentarfilm machte und einen langen Spielfilm mit dem Andy-Warhol-Star Viva und der Filmemacherin Shirley Clark („Lions Love“); auf der Insel Noirmoutier, wo sie ihren zweiten Wohnsitz hat und die sie zu ihrer ersten Installation im Museum der Fondation Cartier inspirierte („L’ile et elle“ – „Die Insel und sie“); und natürlich in Paris, wo sie auf den Einfall kam, den Straßenabschnitt vor ihrem Haus in der Rue Daguerre in einen Sandstrand umzufunktionieren. Der Film hat wohl noch keine Form gefunden, aber der Titel steht fest: „Les plages d’Agnès“. „Wenn man Leute öffnete, würde man Landschaften finden. Wenn man mich öffnet, findet man Strände.“
Roland Barthes war 60, als er beim Betrachten alter Fotos seine Gedanken notierte und „Roland Barthes par Roland Barthes“, seine so anregenden Reflexionen über sein Leben, veröffentlichte. Der deutsche Titel des Buchs lautet „Über mich selbst“. Barthes unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt von Vardas Position. Er weiß nämlich: „All dies muss als etwas betrachtet werden, was von einer Romanperson gesagt wird.“ Agnès Varda will nicht die Protagonistin ihres Films spielen. Sie will sie selbst bleiben. Doch interessiert das jemanden?, fragt sie sich. „Vielleicht ist der Film überflüssig, weil ich in meinen Filmen Spuren hinterlassen habe. Und man könnte fast glauben, wenn man meine Filme aufmerksam betrachtet, dass man alles über mich erfährt. Mein Leben selbst war sehr einfach, nichts Außergewöhnliches, vor allem Arbeit, ein paar Reisen, Filme.“
Ein Film in der Phase des Zweifels – ein spannender Moment, die Autorin des Projekts zu treffen, die nicht mehr genau weiß, warum sie den Film begonnen hat. Sie wollte mehr von Leuten erzählen als von Filmen, zum Beispiel von Alain Resnais, der ihren ersten Film geschnitten hat und von dem sie viel gelernt hat. Es sollte wohl so eine Art Scrapbook werden, ein Fotoalbum mit Bildern und Postkarten, und dazu erzählen, wie der erste Film entstanden ist („Ich habe damals gedacht, Kino ist Fotografie plus Sprache“), wie die Journalisten in Avignon sie ständig fragten, ob sie die Assistentin von Agnès Varda sei („Ich war zu klein und zu jung“), warum „101 Nacht – Die Träume des M. Cinéma“ („Les cent et une nuits“, 1994) ihr größter Flop wurde, trotz der vielen Stars, die mitwirkten (u.a. Michel Piccoli, Anouk Aimée, Fanny Ardant, Jean-Paul Belmondo, Romane Bohringer), und der Film „Vogelfrei“ („Sans toit ni loi“, 1985) mit Sandrine Bonnaire über ein einsames Mädchen, das durch eine kalte Landschaft geht und erfriert, zu ihrem größten Erfolg. Und vielleicht über das Paradox nachdenken, dass die Filme, die bei Umfragen nach den besten Filmen der Filmgeschichte immer unter den ersten landen, im Kino nie gut gelaufen sind wie z.B. Renoirs „La règle du jeu“.
Was ist erzählenswert? „Ich habe nichts zu sagen. Einen Film über mich zu machen, das heißt, ich möchte sterben, das heißt, es ist zu Ende. So sehe ich das im Moment. Und danach liebe ich es, Ausstellungen zu machen, Installationen. Das Kino ist zu Ende, aber da ich immer noch etwas tue, werden es andere Dinge sein. Kleine Videos, Installationen, wie ich es für die Fondation Cartier gemacht habe. Das hat mich sehr befriedigt. Denn dieser ganze Prozess um einen Film zu machen, ihn zu beenden, ihn ins Kino zu bringen, mit der Presse zu sprechen, das ödet mich an. Die Macht des Box-Office im Kino ist schrecklich, grausam. Ich habe damit vor drei Jahren aufgehört. Ich habe Ausstellungen gemacht in Belgien, in der Fondation Cartier, in Nantes. Das ist eine andere Art von Arbeit. Ich habe das Kino verlassen. Das gefällt mir sehr, eine alte Cinéastin ist eine junge Künstlerin geworden.“
„Les plages d’Agnès“ ist eine Art Postscriptum. Wir können darauf gespannt sein. Die Filmfestspiele Venedig Ende August warten schon darauf. |