Der mexikanische Regisseur, Autor und Produzent Guillermo Del Toro (Jahrgang 1964) gilt derzeit als einer der kreativsten Künstler im Hollywood-Geschäft. Nach seinem viel beachteten Erstlingswerk „Cronos“ (1992) schaffte er es 1997 mit „Mimic, in Hollywood Fuß zu fassen. Danach drehte er „Hellboy“, „Blade 2“ und den mit mehreren „Oscars“ ausgezeichneten „Pans Labyrinth“. Del Toro, der u.a. mit dem Regisseur Roberto Rodriguez gut befreundet ist, lehnte die Regie zu „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“ ab, präsentiert nun aber in „Hellboy – Die goldene Armee“ (Kritik in dieser Ausgabe) unverhohlen eine eigene, geniale Version der Winkelgasse.
Nach dem großartigen ersten Teil von „Hellboy“ muss es doch sehr frustrierend gewesen sein, dass kein Studio die Fortsetzung übernehmen wollte.
Del Toro: Ja, das war es, lässt sich aber nachvollziehen, weil der erste Film nicht in der richtigen Art und Weise vermarktet wurde. Er startete weltweit über einen Zeitraum von neun Monaten, also nicht zur selben Zeit. Erst als die DVD sehr erfolgreich lief, verstand man, dass eine Fortsetzung finanziell wohl interessant wäre. Allerdings existierte zu diesem Zeitpunkt das betreffende Studio, „Revolution Studios“, mehr oder minder nicht mehr. Während ich „Hellboy – Die goldene Armee“ schrieb, befanden wir uns in der Preproduction von „Pans Labyrinth“. Als wir das Skript dann anboten, sagten die Studio-Leute: „Wir machen es, aber Ihr bekommt 10 bis 15 Mio. Dollar weniger, als Ihr veranschlagt habt.“ Dabei waren wir schon mit einem enorm engen Budget-Vorschlag angetreten, also sagten wir: „Nein, nein, nein!“ Universal war das letzte Studio, an das wir uns wenden konnten.
Offensichtlich haben Sie eine neue, spezifische Weise des Geschichtenerzählens. Sie könnten Fantasy-Action-Filme wesentlich einfacher produzieren, als das sonst üblich ist. Wie schwer ist es, Ihre Geldgeber davon zu überzeugen?
Del Toro: Nur bei „Mimic“ habe ich wirkliche kreative Eingriffe in meine Arbeit erlebt. Selbst bei einem rein kommerziellen Projekt wie „Blade“ fand ich heraus, dass man mit seinen Ideen durchkommt, wenn man nur hart genug dafür kämpft. Ich habe mich aber wohl nur deshalb so hart ins Zeug gelegt, weil „Mimic“ ein fürchterliches Erlebnis war. Es hat mich gelehrt, wie man um etwas kämpft. Und in Hollywood muss man kämpfen! Selbst bei „Pans Labyrinth“ musste ich kämpfen, obwohl ich selbst einer der Produzenten war und dazu noch derjenige, der den Film schuf. Es gab eine Reihe von Szenen, bei denen die Produzenten meinten: „Wir sollten das nicht drehen, wir sind knapp bei Kasse.“ Ich sagte nur: „Zur Hölle mit Euch!“ Du musst immer kämpfen! Ich könnte mir nicht vorstellen, einen Film zu machen, bei dem mir alle immer nur zustimmen. Das wäre keine gute Erfahrung.
Wie schwierig ist es, in diesem Geschäft das Kind in sich lebendig zu halten?
Del Toro: Das ist sehr einfach, wenn man Dinge aus den richtigen Gründen heraus macht. Es wäre sehr schwer, wenn man sich mit anderen Dingen befassen würde. Etwa Karrieregedanken anstatt künstlerischen Entscheidungen. Ich mache nie die Filme, die meine Agenten mir anempfehlen. Deshalb lande ich immer wieder bei Filmen, die mich in Schwierigkeiten bringen. Selbst bei „Hellboy – Die goldene Armee“ wurde mir während der Produktion die Hälfte meines Gehalts gesperrt. Und das nach „Pans Labyrinth“, nach „Hellboy“ und „Blade“! Diese Erfolge zählen überhaupt nicht. Das Studio legte die Hälfte meines Gehalts auf Eis als Garantie dafür, dass ich das Budget nicht überziehe. Ich war zufrieden damit. Ich sagte ihnen: „Fein! Nehmt es!“ Ich denke, so etwas hält das Kind in einem wach, weil man dadurch von einer Art Hunger umgetrieben wird. Man will ja immer mehr Süßigkeiten. Mehr von den Spielsachen, mehr von dem Spaß, man will die Geschichte weitererzählen. Für mich war das sehr einfach. Auf diese Weise blieb ich komplett verantwortlich für die ganze Produktion.
Was fasziniert Sie an einem Charakter wie Hellboy? Das ist doch kein traditioneller Superheld.
Del Toro: Wissen Sie, was ich vorhatte? Bei „Hellboy“, wie auch jetzt in der Fortsetzung, und da noch viel mehr? Ich wollte unbedingt einen Film schaffen – obwohl das gegen die Popularität der Filme arbeitet –, bei dem der eigentliche Charakter, der die moralischen Prinzipien auf seiner Seite hat, der Feind ist. Der Prinz in „Hellboy – Die goldene Armee“ hat einen moralischeren Standpunkt als alle anderen. Er hat einen größeren Horizont. Hellboy ist nur ein großes Kind. Liz trifft eine sehr menschliche Entscheidung, und Abe Sapien ebenfalls, indem sie die ganze Welt verraten für Menschen, die sie lieben. Ich fand es faszinierend, einen Superhelden-Film zu schreiben, der sich genauso anfühlt und aussieht wie ein Superhelden-Film, in Wirklichkeit aber gegen die Essenz eines solchen Films gerichtet ist. Aus diesem Grund liebe ich die Figur von Hellboy, weil ich mich so mit ihm identifizieren kann. Er ist ein Kerl, der mit einem ziemlich reinen Herzen daherkommt, der die Welt mit großen Augen anschaut. Allerdings ist die Welt, der er begegnet, total anders. Er wäre so gerne beliebt, wird aber mit einer Wirklichkeit konfrontiert, die ganz anders ist, als er sich das ausgemalt hat. Ich fand diesen Charakter absolut liebenswert, ein großer Kerl und innen doch so sehr ein Kind.
Offensichtlich ist Puppentrick eine Herzensangelegenheit von Ihnen. Sind Sie der letzte Puppenspieler oder vielleicht auch Vorreiter einer Revolution dieser Technik?
Del Toro: Das ist eine sehr teure und sehr schwierige Kunstform, aber sie muss am Leben gehalten werden. Bei allem, was ich mache, versuche ich, die Dinge physisch zu bewältigen, bevor ich mich dem Digitalen zuwende. Ich benutze das digitale Equipment nur als letzten Ausweg. Es gibt dem Film eine andere Textur. In einem Genrefilm erachte ich die Textur für das Eigentliche, die Form ist hier der Inhalt. Es gibt Fantasy-Filme, die sind fotorealistisch, sie gehören in die Welt des Dramas und sind dort sehr wertvoll. Die anderen aber sind illustrierte Bücher; ihre Schöpfer sind Illustratoren. In einem illustrierten Buch ist der Künstler ebenso wichtig wie der Text. Wenn man „Aladin“ in einer Ausgabe liest, die von Edmund Dulac illustriert wurde, macht man als Kind eine völlig andere Erfahrung als etwa mit der „Aladin“-Ausgabe von Kay Nielsen oder der von Arthur Rackham. Das sind komplett andere Dinge. Deshalb denke ich, dass innerhalb des Genrefilms Textur und Farbe ebenso Teil der Story sind wie das Drehbuch. Man kann das nicht anders gestalten. Wenn ich Puppentrick nicht benutzen würde, wäre das für mich ein komplett anderer Film. Die Puppen bringen ihre eigene thematische Wichtigkeit in den Film ein.
Das steht Ihnen näher als CGI?
Del Toro: Beides steht mir nahe. Ich war früher bei einer Firma, die alles machte: optische Effekte, Stop-Motion, Puppentrick, Prothesen. Damals, in den Jahren, in denen ich als Filmemacher geformt wurde, gab es keinen Unterschied bei dem, was man tat. Ich wusste gar nicht, dass es etwas wie Regie gibt. Wir machten alles. Ich kann Puppentrick auch gar nicht von CGI trennen. Die Animatoren bei meinen Filmen wollen mich übrigens immer umbringen, weil ich ihnen so viel abverlange. Aber ich bin eben auch Animator und sehr obsessiv, wenn es darum geht, etwas noch realistischer aussehen zu lassen. CGI ist ein sehr gutes Werkzeug. Es gibt keine schlechten Werkzeuge.
Doch was erlaubt Ihnen mehr kreativen Spielraum?
Del Toro: Beides. Das hängt von der jeweiligen Aufgabe ab, die man bewältigen will. Man sollte auch nicht eine Schraube mit einem Hammer befestigen. Wenn ich den Baumgeist als Puppe hätte bewerkstelligen sollen, wäre ich damit gescheitert. Das hätte wie ein Godzilla-Film ausgesehen, mit einem Mann im Gummianzug und Gummitentakeln. Wenn ich dagegen Abe Sapien als CGI entworfen hätte, wäre das ähnlich albern geworden. Diese Figur ist weit besser bedient mit einem Schauspieler und diversen Prothesen.
Ist die Zeit des „echten“ Superhelden abgelaufen? Bleiben also nur noch Figuren wie Hellboy oder Hancock übrig? Glauben die Zuschauer nicht mehr an unbefleckte Helden?
Del Toro: Ich denke, dass die Erfahrung das lehrt. Das Genre maskierter Superhelden wurde aus dem Geist der Pulp Fiction geboren. Pulp Fiction war der Sensibilität der Zeit vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg geschuldet. Es war ein ziemlich überhöhtes Heldentum, wo das Böse sehr konzentriert auftrat. Als die Politik sich dann weiter entwickelte, erlebten die Menschen die Welt immer weniger als Schwarz-Weiß. Ich weiß nicht, ob das wirklich stimmt. Aber es gibt ein bemerkenswertes Detail: Wenn man einen Superhelden-Film anschaut, entdeckt man, dass man am Ende der Geschichte entweder auf der einen oder anderen politischen Seite steht, ganz wie in den Märchen. Da gibt es Superhelden-Filme, die das politische System stabilisieren, und andere, die ganz stark gegen das System opponieren, es also zumindest nicht unterstützen. Diese Filme sind politisch sehr kompliziert, vor allem für Leute, die selbständig denken. Ich glaube, dass man in der Analyse dieser Dekade, des Anfangs des 21. Jahrhunderts, die Superhelden-Filme als sehr symptomatisch betrachten wird, als verschiedene Standpunkte derselben Situation. Und ich denke, dass sie weiterhin sehr komplex bleiben werden.
Nächstes Jahr kommt „Watchmen“ in die Kinos. Das ist ein komplizierter Film. Das Buch ist wahrscheinlich eine der größten, vielleicht sogar die größte Graphic Novel aller Zeiten, zumindest im Bereich des Superhelden-Genre. Aber es ist, politisch gesehen, auch die ambivalenteste aller Graphic Novels von Alan Moore. Er ist als Autor immer sehr prägnant in seinen ideologischen Aussagen. Jeder weiß, dass er ein linker Denker ist und ziemlich brillant. Seine ambivalentesten Werke heißen „V for Vendetta“ und „Watchmen“. Beide handeln von sehr kontroversen Themen, und gerade das macht sie so interessant.
Was können Sie über Ihr nächstes großes Projekt, „The Hobbit“, verraten?
Del Toro: Wir sind gerade dabei, das Drehbuch zu schreiben. Felipe, Fran (Walsh), Peter (Jackson) und ich. Im Moment suchen wir die richtige Form. Wir finden heraus, wie man das Buch am besten in zwei Filme unterteilt, was man davon alles beibehält. Wir suchen die grundsätzliche Gestalt des Ganzen, und das wird uns noch viele Monate kosten. Aber gleichzeitig beginnen wir schon mit dem Design des Films. Ich habe angefangen, einige der Kreaturen zu designen. Es wird noch anderthalb Jahre dauern, ehe wir mit der Preproduction der Filme anfangen. Normalerweise nehme ich mir sieben Monate Zeit, um einen Film zu designen, bevor wir in die Preproduction gehen, doch bei diesem wird es doppelt solange dauern. Wir müssen Teile der „Herr der Ringe“-Trilogie rekonstruieren, dazu kommen 80 Prozent, die wir völlig neu entwerfen müssen. Ich weiß natürlich nicht, ob es so bleibt, mir fehlt die Gabe der Voraussicht, aber bis jetzt kann ich nur sagen, dass es einfach toll ist, dabei zu sein. Es ist, als wäre man wieder ein Kind und spielt mit seinen Freunden. „Und jetzt, jetzt passiert das, oh mein Gott...!“ Das ist so spannend für mich. Die kreative Energie im Raum ist fantastisch. Bislang ist nur sicher, dass Ian McKellen und Andy Serkis wieder dabei sind. Der Rest ist im Fluss. |