Die Massaker in den Palästinenserlagern Shatila und Sabra von 1982 brennen bei vielen israelischen Soldaten, die tatenlos dem Töten zusehen mussten, noch immer wie eine offene Wunde. Auch der israelische Regisseur Ari Folman verdrängte seine Erinnerung an den mörderischen Libanoneinsatz; nun will er nach 25 Jahren die Gedächtnislücke schließen. In „Waltz with Bashir“, dem ersten animierten Dokumentarfilm, schildert er aus sehr persönlicher Perspektive in Gesprächen mit früheren Kameraden, in Albträumen und Fantasien die traumatischen Ereignisse.
War dieser Film für Sie eine Psychotherapie?
Folman: Ich glaube schon. Vorher habe ich meine Zeit als Soldat verdrängt; wenn ich Fotos von mir in Uniform anschaute, konnte ich mich gar nicht wiedererkennen, wie aus einem anderen Leben. Die vier Jahre Arbeit an dem Film haben einiges in mir aufgewühlt, was ich ganz tief versteckt hatte. Ich bin zwischendurch in eine Depression verfallen, dann war ich wieder ganz euphorisiert, dieses Leiden in Animation zu verpacken und neue Wege zu gehen. Wenn ich mir das Resultat anschaue, mit den Zeichnungen, dann sage ich mir: He, das bist du. Diese ganze schizophrene Situation ist vorbei. Ich hoffe, dass meine Kinder, wenn sie alt genug sind und den Film verstehen, nie an einem Krieg teilnehmen werden.
Warum verpacken Sie einen Dokumentarfilm in Animation?
Folman: Die Idee verfolgte mich schon lange, nur das „Wie“ bereitete mir Kopfzerbrechen. Diese üblichen Dokus, wo einige mittelalterliche Typen vor der Kamera sitzen und klug vor sich hin erzählen, das langweilt doch. Für mich kam beim Thema „Verlust von Erinnerung“ nur Animation in Frage – totales Neuland. Diese künstlerische Entscheidung erleichterte mir durch eine bestimmte Form der Distanz die sehr persönliche Herangehensweise.
Sind die interviewten Personen alle echt?
Folman: Sieben von neun. Boaz, mein Freund, der von den Hunden träumt, und Carmi, der in den Niederlanden lebt, wollten nicht mit ihrer wahren Identität auf die Leinwand; die anderen sind ganz real.
Welche Animationstechnik haben Sie angewendet?
Folman: Zunächst einmal haben wir ein Video wie einen Film von 90 Minuten gedreht, anschließend ein Story-Board mit 2.300 Zeichnungen entwickelt und diese dann animiert. Wir wenden nicht das Rotoscop-Verfahren an, sondern das Ganze ist eine Mischung aus Flash-Animation, klassischer Animation und 3D. Jede Zeichnung wurde im Detail ausgearbeitet.
Inwieweit sind die Massaker von Shatila und Sabra noch Thema?
Folman: Als ich mit den Recherchen anfing, habe ich durch Anzeigen in Zeitungen und im Internet Leute gesucht, die über den ersten Libanon-Krieg erzählen sollten. Ich bekam hunderte von Anrufen. Da gibt es ein großes Mitteilungsbedürfnis, und da liegt noch einiges im Argen.
Und in der Öffentlichkeit?
Folman: Nach der Aufdeckung der Massaker kam es damals zur größten Demonstration in der Geschichte Israels. Heute drängen wieder andere Probleme. In unserem Land haben wir jeden Tag eine explosive Situation und neuen Gesprächsstoff, nicht nur wegen der Hamas. Wir erfahren ständig neue Ungeheuerlichkeiten über unsere Regierung. Wo gibt es ein Land, in dem der Präsident der Vergewaltigung verdächtigt wird, der Premierminister Dollar-Scheine in Plastiksäcken kassiert haben soll und unter Korruptionsverdacht steht und der Finanzminister an der Grenze mit unterschlagenem Geld erwischt wird? Ein politisches Tollhaus.
Ist „Waltz with Bashir“ ein Anti-Kriegsfilm?
Folman: Auf jeden Fall. Er zeigt die banale Seite des Krieges, den Alltag ohne Helden, Ruhm oder Orden. Da werden junge Menschen in den Kampf geschickt, entweder sie erschießen den „Feind“ oder sie werden erschossen. Während wir noch an der Fertigstellung arbeiteten, brach der zweite Libanon-Krieg aus. Jeder Krieg ist beschissen und unnütz, ich hoffe, das kapieren die jungen Leute nach meinem Film.
Warum zeigen Sie am Ende echte Dokumentaraufnahmen der Massaker?
Folman: Ich hatte Angst, dass Zuschauer sagen, das sei eine coole Animation mit interessanten Bildern und toller Musik. Diese schockierenden Aufnahmen sollten noch einmal ins Gedächtnis rufen: Das ist alles echt, da wurden Zivilisten umgebracht.
Woher kommt die große Kreativität im Filmbereich, auch von Nachwuchsregisseuren?
Folman: Wir ernten jetzt die Früchte des zehnjährigen Ausbaus auf dem Mediensektor. Unsere Filmschulen bieten eine vielseitige Ausbildung, die Absolventen haben gute Chancen, und es ist kein Problem, an staatliche Filmförderung und Fonds zu kommen. Aber wir müssen co-produzieren, allein können wir kein Projekt wie dieses mit einem Budget von etwa 1,5 Mio. Euro stemmen. Bei einem dreiminütigen Pitch meiner Idee in Toronto sagten 35 von 40 Fernseheinkäufern aus der ganzen Welt sofort: „Tolle Sache, aber warum Animation?“ Anbeißen wollte keiner so richtig. Ich bin dann mit 20 Minuten, später mit 40 Minuten auf Produzentensuche gegangen und war erleichtert, als Frankreich, Finnland und Deutschland einstiegen.
Wie beurteilen Sie die Zukunft Ihres Landes?
Folman: Als Künstler genießen wir jegliche Freiheit und können unseren Frust und Ärger hinausschreien. Wir sind eine tolerantere und offenere Gesellschaft, als man in Europa glaubt. Deshalb versuche ich, Optimist zu sein. Aber das fällt mir im Moment schwer. Machthungrige Politiker und Religion ruinieren alles. Vor 14 Jahren hofften wir auf Premierminister Rabin. Der wurde wegen seiner Friedenspolitik ermordet. Von den heutigen Regierungen, egal, welche am Hebel sitzt, können wir wenig erwarten. Auffallend ist, dass sich immer mehr Israelis ab einem bestimmten Alter der Religion zuwenden. Fast jeder kennt einen Freund, der extrem religiös geworden ist. Bei uns Filmemachern schlägt diese Tendenz noch nicht durch. Wir kümmern uns um die Wirklichkeit.
Sind Sie religiös?
Folman: Überhaupt nicht. Der Film ist meine Religion. |