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| Der Blick in die Seele | porträt |
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| Die Schauspielerin Liv Ullmann wird 70 |  |
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Die größte Rolle im Drehbuch des Lebens spielte der Zufall: Wären Liv Ullmann und Ingmar Bergman nicht an einer Straßenecke in Stockholm zusammengestoßen, hätte die Karriere der jungen Schauspielerin ganz anders verlaufen können. Liv Ullmann wurde von ihrer befreundeten Kollegin Bibi Andersson begleitet, die mit Bergman schon mehrmals gearbeitet hatte. Eine gewisse Ähnlichkeit beider Schauspielerinnen brachte ihn einige Zeit später auf die Idee, den Film „Persona“ (1966) zu schreiben: eine bezwingende Studie über zwei Frauen, die in die Seele der jeweils anderen hineinkriechen und, laut Bergman, „ihre Identitäten aneinander verlieren“. Die optische Verschmelzung beider Gesichter in einem Bild gelang ihm so verblüffend, dass selbst die Darstellerinnen nicht mehr wussten, wer da eigentlich zu sehen war. Fortan spielte Liv Ullmann für Bergman regelmäßig Figuren, die sich mit ihren eindringlich ausgespielten Ängsten und mit ihrem unverhohlenen Entsetzen erfolgreich ins Gemüt der Zuschauer bohrten: die vom Albdruck gequälte Alma in „Die Stunde des Wolfs“ (1966); Eva Rosenberg, der in „Schande“ (1968) durch einen plötzlichen Ausnahmezustand der Boden ihrer scheinbar zivilisierten Existenz unter den Füßen weggezogen wird; die von Isolationsängsten besetzte Anna Fromm in „Passion“ (1969); eine mit dem Tod konfrontierte Frau in „Schreie und Flüstern“ (1972); die mit dem Lebenspartner scheiternde Marianne in „Szenen einer Ehe“ (1973); die zutiefst verunsicherte, depressive Dr. Jenny Isaksson in „Von Angesicht zu Angesicht“ (1975); die im Vor-Nazi-Deutschland notdürftig über die Runden kommende Halbweltdame in „Das Schlangenei“ (1977); die ungeliebte Tochter einer gefeierten Pianistin in „Herbstsonate“ (1978).
Die Schauspielerin zeigte sich im doppelten Sinn ungeschminkt: Sie trat oft ohne herkömmliche Filmschminke im Gesicht vor die Kamera und legte ihr Innerstes bloß. Die (anfangs auch intime) Verbindung mit Bergman war so eng, dass es nie leicht fiel, in Liv Ullmann anderes als eine Bergman-Darstellerin zu sehen. Der Regisseur weckte Emotionen in ihr, die zu beinahe übermenschlichen Leistungen in schwierigsten Rollen führten. Kritiker bescheinigten ihr nicht von ungefähr große Virtuosität als Schauspielerin. Ohne Worte wie in „Persona“ zu agieren, bedeutete fast die Neuentdeckung des Stummfilms mit psychophysischen Mitteln. François Truffaut rühmte Bergmans Talent, „das oft ungenutzte Genie in jeder der Frauen, die bei ihm gespielt haben, zu entdecken“, um dann ihren Blick zu filmen, „der in der Härte oder im Leiden intensiver wird“. In besonderem Maße entdeckte er dieses Potenzial bei Liv Ullmann, die für ihre Arbeit mit Bergman mehrere internationale Preise gewann. Sie bestätigte ihre Kunst, indem sie seinen Nahaufnahmen, mit denen er in Gesichtern las, nicht nur standhielt, sondern diese fehlende Distanz auch ein wenig zu genießen schien. In ihrem Antlitz spiegelte sich das unbeschönigte Leben. Solch gründliches Ausloten von Charakteren ging freilich nicht ohne Seelennarben ab, zumal Liv Ullmann private Erwartungen nicht immer erfüllen konnte. Sie war nicht die in sich ruhende Frau, die Bergman sich augenscheinlich wünschte. In mancher Hinsicht arbeiteten beide mit „Szenen einer Ehe“ darum ihre eigenen Krisen auf. Trotz ihrer rückhaltlosen Einlassung auf diesen einen Regisseur schaffte sie es, als eigenständige Künstlerin akzeptiert zu werden. Mit dem Nimbus des europäischen Anspruchskinos, das sie repräsentierte, schmückten sich gelegentlich auch Produktionen aus Hollywood, selbst wenn sich Liv Ullmann – wie in Richard Attenboroughs Kriegsfilm „Die Brücke von Arnheim“ (1976) – bei vielen prominent besetzten Rollen mit wenigen Minuten begnügen musste.
Überlebenskämpfe
Sie wurde am 16. Dezember 1938 in Tokio geboren, weil ihr Vater gerade als Ingenieur in Japan arbeitete. Weitere Stationen auf ihrem noch jungen Lebensweg waren Kanada und New York. Als Viggo Ullmann starb, kam sie nach Norwegen zurück, wo sie nach einem Aufenthalt an der Londoner Schauspielschule auf etlichen großen Bühnen auftrat. „Fjols til fjells“ hieß 1957 ihr erster Film, dem drei weitere folgten, bevor sie mit „Persona“ in Bergmans Team aufrückte. Frühzeitig schaute sie sich nach anderen Engagements um und spielte im norwegischen Film „Ann-Margritt“ (1968) ebenso wie neben Charles Bronson in Terence Youngs Thriller „Kalter Schweiß“ (1970) und in Laszlo Benedeks psychologisch motiviertem Krimi „Der unheimliche Besucher“ (1970), in dem sie Max von Sydow wiedersah, ebenfalls ein vertrautes Gesicht aus dem Bergman-Umfeld. „Seitensprünge“ mit von Sydow erlaubte sie sich auch in Jan Troells „Emigranten“ (1970) und „Das neue Land“ (1971), zwei eindrucksvollen Filmen über das schwere Schicksal schwedischer Bauern, die ihr Glück in Amerika versuchen. Wie in den Filmen Ingmar Bergmans stellte sie die Bitternis und die Überlebenskämpfe so erschütternd dar, dass sie die Darstellungskunst neu definierte. Sie blieb auch bei Troells erster US-Produktion „Zandys Braut“ (1974) an dessen Seite und spielte die Einwanderin Hannah Lund, die über eine Kontaktanzeige an einen wenig feinfühligen Mann gerät, sich aber dessen Respekt und Sympathie erringt: Szenen einer Ehe mit positivem Ausgang.
Sie riskierte ungewöhnliche Auftritte wie in Juan-Luis Buñuels mystischer Mittelalter-Sage „Eleonore“ (1975) um Eros, Tod und Wahnsinn oder unter Michael Andersons Regie als „Papst Johanna“ (1971). Auch dieser Gestalt, die in den Wirren des 9. Jahrhunderts als Mann verkleidet lebt und kraft ihrer theologischen Fähigkeiten sogar den päpstlichen Thron erklimmt, blickte sie tief in die Seele. Sie spielte die von Legenden umrankte Johanna mit knabenhaftem Aussehen und machte die schwere Emanzipation einer Frau ansichtig, die zuweilen trotzig auf ihrem Willen zur Reform beharrt, aber doch in einer von Männern dominierten Umwelt nie sie selbst sein kann. Als sie ein Kind zur Welt bringt, wird sie vom Volk auf offener Straße in Stücke gerissen. Sie erliegt dem Klima der Gewalt, dem sie sich im Verlauf ihrer religionspolitischen Wanderschaft mehrfach ausgesetzt sah.
Die Regisseurin
Liv Ullmann, die sich auch als Botschafterin für UNICEF engagierte, nahm immer mehr Rollen in Filmen an, die ihr humanistisches Bewusstsein widerspiegelten. So erklären sich wohl Auftritte in Linda Yellans „Der Weg durch die Hölle“ (1983) über den authentischen Leidensweg eines Journalisten unter der argentinischen Militärregierung und in Daniel Petries „Das nächste Opfer“ (1984) über die Erlebnisse eines Teenagers zur Depressionszeit. Von keinem Problemfeld ließ sie sich abschrecken, obschon von ihr oft nicht mehr als darstellerische Solidität verlangt war: „Gaby – Eine wahre Geschichte“ (1987) widmete sich dem Schicksal eines jungen Menschen, der sich mit entsprechender Fürsorge und vor allem aus eigenem Willen einen Platz in der Gesellschaft erstreitet. „Der Rosengarten“ (1989) ging das unbewältigte, vom Nationalsozialismus verursachte Leid an, und das trockene Thesenstück „Wendezeit“ (1990) thematisierte den nötigen weltweiten Umweltschutz. Zwischendurch fand sie Zeit, sowohl autobiografische Bücher zu schreiben als auch in Verfilmungen berühmter Dramen wie Ibsens „Die Wildente“ (1983) und Strindbergs „Ein Traumspiel“ (1993) aufzutreten, mit denen sie seit ihren frühen Theaterauftritten vertraut ist.
Auch als Regisseurin griff Liv Ullmann nicht unbedingt leicht verdauliche Stoffe auf. „Sofie“ (1992) zeigte einmal mehr Szenen einer Ehe. Diesmal wurde eine junge Frau genötigt, in eine unselige Heirat einzuwilligen, die sie dann doch nur wieder ins Elternhaus zurückführt. Der um 1900 angesiedelte Film entwarf nicht nur ein intimes Frauenporträt, sondern auch ein Bild vom gesellschaftlichen Zustand dieser Zeit. In „Kristin Lavrans Tochter“ (1995), fotografiert von Bergmans Kameramann Sven Nykvist, zeichnete die Regisseurin in einem mittelalterlichen Rahmen das Bemühen einer Frau nach, sich über Umwege von den herrschenden Normen zu lösen. Im Film wie auf der Bühne beschäftigten sie Frauenfiguren, die sich gegen viele Widerstände selbst behaupten müssen. In den vergangenen Jahren schloss sich für Liv Ullmann der Kreis: Sie kam erneut mit ihrem alten Mentor zusammen und verfilmte mit „Die Treulosen“ (2000) ein Drehbuch von Ingmar Bergman. 2003 stand sie für ihn ein letztes Mal vor der Kamera, als er drei Jahrzehnte nach „Szenen einer Ehe“ in „Sarabande“ eine Fortsetzung anstrengte, um alte und neue Probleme aufzugreifen, denen er in einem abgeklärten Alterspessimismus die letzte Bestandsaufnahme noch schuldig zu sein glaubte. |
| Roland Mörchen |
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