Im Jahr 1951 erschienen in Europa Robert Bressons „Le journal d’un curé de campagne“ und Akira Kurosawas „Rashomon“ in den Kinos. In den USA waren „Quo Vadis?“, „An American in Paris“ und „The African Queen“ Tagesgespräch. 1951 war auch das Jahr, in dem Edward Dmytryk seine Freunde und Kollegen vor dem McCarthy-Ausschuss verriet und die Furcht vor der Atombombe bei der amerikanischen Bevölkerung einen Höhepunkt erreichte. Im selben Jahr kam ein Film in die Kinos, der die Angst im Gewand eines Science-Fiction-Films thematisierte, ihr gleichzeitig aber ein optimistisches Gegenbild entgegensetzte. Der Film heißt „The Day the Earth Stood Still“. Zur Zeit seiner Premiere erschien er den einen subversiv, anderen inspirierend, je nach Parteibuch und Weltanschauung. Über die Jahrzehnte hinweg bewies er sich als einsames Symbol jener dem Genre innewohnenden moralischen und spirituellen Dimensionen, die mehr und mehr durch die Identifikation der Gattung mit spektakulären Zerstörungsorgien in Vergessenheit geraten sind. Steven Spielberg hat bestätigt, dass „The Day the Earth Stood Still“ ihn zu „Close Encounters of the Third Kind“ und „E.T.: The Extra-Terrestrial“ angeregt hat, und Colin Powell, damals Sicherheitsberater des amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan, ist überzeugt davon, dass es die Erinnerung an „The Day the Earth Stood Still“ war, die Reagan in seinen Genfer Gesprächen mit Michael Gorbatschow zu einer unprotokollarischen Abweichung von der vorgesehenen Agenda veranlasste.
Ein friedlicher Alien
Im Schrifttum gibt es eine Unmenge von Spekulationen darüber, was alles in Literatur, Film und Politik diesem kleinen Schwarz-Weiß-Film gutzuschreiben sei, von dem weder Produzent noch Regisseur ahnen konnten, dass er einmal zu einer Art Legende werden würde. Die Weichen waren zwar von Anfang an hoffnungsvoll gestellt – mit dem Harvard-Absolventen Julian Blaustein und dem Orson-Welles-Mitarbeiter Robert Wise an der Spitze des Teams. Aber weder sie noch das Fox-Studio, von dem der Film finanziert wurde, waren darauf vorbereitet, mit „The Day the Earth Stood Still“ ein historisches Projekt zu schaffen, das späterhin in keiner Filmanthologie mehr fehlen durfte. Lange Zeit war der Film nur in unzulänglichen Kopien verfügbar, doch seit den 1990er-Jahren ist eine aufwändig restaurierte Fassung im Handel, die ursprünglich für eine Veröffentlichung auf Laserdisk hergestellt wurde, dann auch als DVD erschien und ab Mitte Dezember sogar als Blu-Ray-Disk herauskommt. Gleichzeitig läuft in den Kinos eine Neuverfilmung an, deren Handlung sich kaum mehr aus der Furcht vor dem Kalten Krieg speisen und die gewiss nicht dem fast dokumentarischen Erzählstil des Originals folgen wird. Was „The Day the Earth Stood Still“ grundlegend von den meisten Filmen über die Begegnung mit außerirdischen Lebewesen unterscheidet, ist die Friedfertigkeit des Ankömmlings aus dem All. Okkupatorische Absichten und gewalttätige Aktivitäten der Aliens, die im Film sonst die Regel zu sein pflegen, sind hier ins Gegenteil verkehrt. Zur Zeit des Korea-Kriegs und verfolgt von der noch frischen Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, vor allem aber angesichts des atomaren Wettrüstens und der weit verbreiteten Furcht vor einem das Schicksal der Menschheit besiegelnden neuen Krieg sollte der Film einen Aufruf zum Frieden und ein Argument für die „Vereinten Nationen“ darstellen. Der Außerirdische, von dem Militär und Bevölkerung im Film erwarten, dass er nur mit finsteren Absichten auf die Erde gekommen sein könne, entpuppt sich in seiner menschlichen Inkarnation als sympathischer, an den Lebensgewohnheiten auf dem ihm unbekannten Planeten interessierter Ankömmling. Er macht zwar die Überlegenheit seiner Waffen deutlich und setzt den Kriegstreibern ein nicht zu überhörendes Ultimatum, aber Anlass seiner langen Reise ist eine Vision friedlicher Koexistenz. Die Autoren des Films scheuten sogar nicht davor zurück, ihn zum Zentrum einer christlichen Allegorie zu machen, die allerdings noch vor dem Start des Films wieder abgeschwächt wurde, in einigen Details – der von dem Außerirdischen gewählte Name John Carpenter, sein Tod und seine „Auferstehung“ – jedoch nach wie vor erkennbar ist.
Ein Hauch von Einstein
Der Beginn der 1950er-Jahre war die Zeit, als der Glaube an so genannte Fliegende Untertassen und Besucher aus fernen Galaxien in voller Blüte stand. Sie geisterten zuhauf durch die Science-Fiction-Literatur und die Filme jener Zeit. Nur wenige Monate trennten Howard Hawks’ „The Thing“, William Cameron Menzies’ „Invaders from Mars“, Jack Arnolds „It Came from Outer Space“ und Byron Haskins „The War of the Worlds“ voneinander. Aber nur „The Day the Earth Stood Still“ verbreitete eine Botschaft, die von den Menschen jener Epoche als aufrüttelnd und beherzigenswert verstanden wurde. Außer dass er sich eines gigantischen Roboters und eines geheimnisvollen Raumschiffs bediente, erreichte Regisseur Robert Wise (der 20 Jahre später auch den ähnlich zeitbezogenen Film „The Andromeda Strain“ inszenierte) die Faszinationskraft des Films vor allem durch die Einbettung der Story in eine Umgebung, die dem Zuschauer vertraut und geläufig war. So wie die besten Kriminal- und Gangsterfilme der 1930er- und 1940er-Jahre vor einem mit quasi-dokumentarischer Genauigkeit rekonstruierten Hintergrund amerikanischer Städte und durchschnittlicher amerikanischer Bürger spielten und dadurch erhöhte Glaubwürdigkeit für ihre Charaktere und Geschichten mobilisierten, so lässt „The Day the Earth Stood Still“ auch Klaatu, den Abgesandten von einem anderen Stern, nach einem anfänglichen Zusammenprall mit dem rasch herbeigerufenen Militär in einem ganz normalen Washingtoner Boardinghouse Unterschlupf finden, wo er sich bald mit dem kleinen Sohn einer Mieterin anfreundet. Die Neugier und Sensibilität, die er dem Kind gegenüber entwickelt, und die Zuneigung, mit der sein vaterloser kleiner Freund auf ihn reagiert, schaffen die Voraussetzung dafür, dass ihn das Publikum akzeptiert und ihn nicht mit Antipathie betrachtet. Ähnlich einfach findet Klaatu Zugang zu einem Dr. Barnhardt, dem führenden Wissenschaftler jener Zeit, unzweifelhaft in Aussehen und Gebaren ein Abbild Albert Einsteins. Die Welt vor ihrer eigenen Arroganz und ihrem Rüstungswahn zu retten, ist die (wenn auch nicht ganz altruistische) Mission des Fremdlings, die von einfachen Leuten und aufgeschlossenen Wissenschaftlern ernster genommen wird als von der Staatsmacht.
Wie sehr der Film mit der aktuellen politischen Situation seiner Zeit verflochten ist, zeigt auch der Umstand, dass der Produzent Julian Blaustein und Studio-Chef Darryl F. Zanuck allen Widerständen zum Trotz darauf bestanden, als Darsteller des Dr. Barnhardt den Schauspieler Sam Jaffe zu beschäftigen, der im Umfeld der grassierenden Kommunistenjagd in Ungnade gefallen war. Albert Einstein, auf den die Filmfigur Bezug nimmt, war während der Produktionsphase des Films als Befürworter einer „Weltregierung“ hervorgetreten und wurde wegen seiner Kontakte zu Wissenschaftlern des Ostblocks vom FBI überwacht. Wie bewusst die Filmemacher mit dieser Analogie zu Einstein umgingen, wird vor allem daran deutlich, dass sie Barnhardt ein Wissenschaftlertreffen organisieren ließen, das der Cultural and Scientific Conference for World Peace ähnlich sieht, die unter Einsteins Beteiligung 1949 im New Yorker Waldorf-Astoria Hotel abgehalten wurde und das lebhafte Interesse des House Un-American Activities Committee gefunden hatte.
Herrmann und das Theremin
Es wäre allerdings falsch, den Status, den sich „The Day the Earth Stood Still“ in der Filmgeschichte erobert hat, allein mit seinen politischen Implikationen erklären zu wollen. Es sind vielmehr ebenso die quasi-dokumentarische Inszenierung, die hervorragende Lichttechnik (die in der restaurierten Fassung wieder zu voller Geltung kommt) und nicht zuletzt die Musik, die den Film heute noch sehenswert machen. Der spätere Hitchcock-Komponist Bernard Herrmann lieferte hier seine erste Filmkomposition ab, nachdem er sich zur Übersiedlung nach Kalifornien entschlossen hatte. Kaum angekommen, schockierte er seine Umgebung mit einer radikalen Umbesetzung des Fox-Filmorchesters. Robert Wise, der Herrmann von dessen Arbeit an Orson Welles’ „The Magnificent Ambersons“ kannte, schätzte ihn so sehr, dass er Herrmann freie Hand gab und ihn darin bestärkte, „etwas Besonderes“ zu tun. Das Besondere war alsbald im Aufnahmestudio nicht zu übersehen: Herrmann hatte die in Hollywood für unverzichtbar gehaltene Streichergruppe des Orchesters entlassen und verwendete stattdessen – wie so oft seiner Zeit voraus – elektronische Instrumente, eine große Blechbläserbesetzung, vier Harfen und ein Instrument, das kaum jemand kannte: das Theremin. Zum ersten Mal hörte das Publikum im Kino den schaurigen vom Theremin erzeugten Klang, der später zum Erkennungssignal Dutzender von Science-Fiction- und Horrorfilmen wurde. Dass Herrmanns Musik für „The Day the Earth Stood Still“ heute nicht mehr so originell wirkt wie damals und nicht mehr die gleiche furchterregende Wirkung besitzt, hat nichts mit ihrer Qualität zu tun, sondern allein mit der Tatsache, dass man sich angesichts der vielen Imitationen, die sie (zum Teil auch durch Herrmann selbst) erfuhr, an ihren Klang gewöhnt hat.
Wenn nun gleichzeitig mit der Blu-Ray-Disk des alten „The Day the Earth Stood Still“ die Wiederverfilmung in die Kinos kommt, dann wird sich der neue Film daran messen lassen müssen, ob auch er in der Lage ist, eine Botschaft für unsere Zeit und unsere politische Situation zu formulieren. Der Technik stehen heute ganz andere Mittel zur Verfügung, die sich allerdings gemeinhin eher zur Demonstration destruktiver Kräfte eignen als zur Profilierung einer humanen Idee. Die Crew des neuen Films hat sich bis hin zu den Hauptdarstellern dazu bekannt, große Verehrer des Originals zu sein, was hoffen lässt, dass sie auch den Ehrgeiz besaßen, nicht nur einen Kassenhit, sondern einen ähnlich relevanten Film zu kreieren wie einst das Team um Robert Wise, dessen Film auch ein halbes Jahrhundert nach seiner Entstehung immer noch in Erstaunen versetzt. |