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Begegnung mit dem Schauspieler Vincent CasselDruckversion
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Als Journalisten ihm vor einem Jahrzehnt das Etikett „Hoffnung des französischen Films“ anhängen wollten, soll er gesagt haben: „Ich bin meine eigene Hoffnung, das ist schon mal nicht schlecht.“ Inzwischen ist Vincent Cassel ganz oben angekommen: Frankreichs Superstar. Er spielt, nein, er ist Jacques Mesrine in François Richets „Public Enemy No. 1“, der als Gangster, Mörder und Gefängnisausbrecher 20 Jahre lang die Autoritäten narrte, bis er 1979 auf offener Straße und ohne Vorwarnung von Polizisten quasi hingerichtet und damit zur Legende wurde. Für diese Traumrolle kassierte Cassel den „César“. Dabei hat sich der 42-Jährige bislang nicht auf einen Typ festlegen lassen. In Mathieu Kassovitz’ „Hass“ (1995) spielte er einen rebellischen Vorstadtjugendlichen, ermittelte, ebenfalls unter Kassovitz’ Regie, in „Die purpurnen Flüsse“ (2000) und stellte in Jacques Audiards „Sur mes lèvres“ („Lippenbekenntnisse“, 2001) einen aus dem Gefängnis entlassenen Dieb, in David Cronenbergs „Tödliche Versprechen“ (2007) einen russischen Mafioso dar, wirkte in Historienfilmen wie Shekhar Kapurs „Elizabeth“ (1998) und Luc Bessons „Johanna von Orleans“ (1999) mit.

Nun also Mesrine: Frankreichs „Public Enemy No. 1“, mit Schnurrbart und Körperfülle. Ganz anders, nämlich schlacksig, lässig und mit blitzenden Augen, stellte sich Cassel in Paris den Fragen. Und erzählte, wie sein Bruder einst atemlos nach Hause hetzte und ihm, dem 13-Jährigen, von der Schießerei unweit der elterlichen Wohnung berichtete; Cassel erinnert sich noch an die ständig gezeigten Fernsehbilder „vom Leichnam in einer Blutlache, wie im Mittelalter, als man die hingerichteten Mörder und Banditen zur Abschreckung auf dem Marktplatz liegen ließ“. Für ihn ist Mesrine „kein Held, aber auch kein Schweinehund. Wir Franzosen mögen diejenigen, die der Staatsmacht auf der Nase herumtanzen. Er musste sterben, weil er eine zu große Klappe hatte. Die Mächtigen löschten ihn aus und hofften, dass dies das Ende sei, aber es war erst der Anfang der Mythenbildung als furchtloses Freiheitssymbol. Die Menschen lieben den ‚bad boy’“.

Cassel, geboren am 23.11.1966 als Sohn des Charakterdarstellers Jean-Pierre Cassel, wuchs zwischen Bürgertum und Bohème auf. Disziplin und Unterordnung waren nicht „sein Ding“: „Ich war der Lieblingsfeind jeden Lehrers und wurde von einem Internat ins nächste geschoben.“ Nach Straßentheater-Experimenten studierte er am Actor’s Studio Institute of New York, startete nach seiner Rückkehr am Theater, seine erste Kinorolle gab ihm 1991 Philippe de Broca in „Gemischtes Doppel“. Am Set von „Lügen der Liebe“ funkte es zwischen ihm und Monica Bellucci; sie heirateten 1999 und stehen oft gemeinsam vor der Kamera, u.a. in dem Skandalfilm „Irréversible“ (2002). Auch im wahren Leben gilt Cassel gelegentlich als „bad boy“. So prügelte er sich 2008 in Cannes vor einem In-Lokal mit seinem „Entdecker“ und Buddy Mathieu Kassovitz, ließ wohl eine jahrelang angestaute Wut heraus. Doch solche Ausrutscher schmälern nicht die Sympathien für ihn; Cassel gehört eben nicht zu den pflegeleichten, sondern zu den kantigen Typen, spielt mit dem Image „ein bisschen Macho, ein bisschen Charmeur“. Ob ein Film an der Kinokasse reüssiert oder nicht, ist ihm egal, es geht ihm um die Herausforderung, das Überwinden von Grenzen. Entsprechend verkörpert er Mesrine mal als zärtlichen Liebhaber, mal als gewalttätigen Ganoven; für ihn war er „ein exzessiver Typ und Weiberheld, der geborene Showman, der öffentlichkeitswirksam alle Verbote übertrat“. Nach den Dreharbeiten erholte er sich bei Familie und Freunden. „Die Persönlichkeit von Mesrine steckte mir in den Knochen, es dauerte einige Zeit, bis ich ihn aus meinem Innern los bekam. Die Rolle hat mir die Tür zu einer neuen Dimension der Schauspielerei geöffnet, von der ich vorher gar nichts wusste“, resümiert Cassel. Wahre Helden gibt es für ihn nur selten, ihn fasziniert es, „einen Helden darzustellen, der keiner ist“.

Woher kommt aus seiner Sicht die kriminelle Energie eines Mesrine? „Der Mensch wird als Ziege oder Panther geboren. Dieser Typ war ein Panther, und was für einer“, so seine Einschätzung. Bleibt die Frage, als was er sich selbst einschätzt: als Panther oder Ziege? Ein amüsierter Blick unter hochgezogenen Augenbrauen, ein umwerfendes Lächeln und die ironische Gegenfrage: „Was glauben Sie?“

Hinweis
Das vierstündige Gangster-Epos „Public Enemy No. 1“ über Jacques Mesrine wird derzeit im Kino in zwei Teilen ausgewertet. Der erste Teil, „Mordinstinkt“, startete bereits am 23. April, Teil zwei („Todestrieb“) folgt ab dem 21. Mai. Unsere Rezension des Films erschien in fd 09/09.
Margret Köhler
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