 |
 |
 |
|
 |

| Die Trägheit der Masse | kino |
|
| Sind die Kinozuschauer bereit für das neue 3D-Zeitalter? |  |
|
| [ zurück ] |
 |
 |
Die Zukunft des Kinos ist angeblich dreidimensional. Was sollen die Kinogewaltigen auch anderes sagen? Getrieben vom bösen Geist des illegalen Filmdownloads und dem leisen „Wind of Change“ der auch die Filmbranche lähmenden Weltwirtschaftskrise brauchen sie eine neue Perspektive. Nachdem der Animationsfilm dank Computertechnik (CGI) schon längst die Flächigkeit zugunsten einer visuell suggerierten Raumtiefe verlassen hat – „Toy Story“ ist tatsächlich schon fast 15 Jahre her! –, ist nun der Schritt von der Leinwand in den Kinosaal gemacht. Zwar wird an exemplarischen Orten wie etwa dem Filmfestival Cannes die stereoskopischer Filmkunst noch via Trickfilm („Oben“) schmackhaft gemacht, doch auch „reale“ 3D-Filme wurden bereits aufs Publikum losgelassen – und zwar im wörtlichen Sinne.
Produzent Jeffrey Katzenberg, mit seinem DreamWorks-Studio die selbsterklärte Speerspitze des stereoskopischen Kinozeitalters, würde am liebsten bereits in der nächsten Dekade nichts Zweidimensionales mehr im Kino sehen. Wie ein Wanderprediger schart er die Massen der Branche um sich und verkündet das Ende des Kinos, wie wir es kennen. „RealD“, „XpanD“, „DD 3D“, „4D“, „IMAX 3D“, „Tru 3D“ und „Disney Digital 3-D“, lauten die Zauberformeln, die letztendlich alle das Gleiche meinen. Denn wo technisches Neuland betreten wird, herrscht zunächst der Kampf der Systeme. Egal, welche 3D-Brille wirklich die potentere oder bessere ist: der Zuschauer ist im Kino auf ihre Hilfe angewiesen. Je nachdem, welcher Kinoverleih mit welchem Anbieter liebäugelt, prangt das jeweilige Symbol auf den Filmplakaten.
Katzenberg und DreamWorks präferieren den US-Marktführer „RealD“, in Cannes konnte man hingegen Disneys Premiere von „Up“ („Oben“) mit den in Europa (vor allem in Frankreich) verbreiteten „XpanD“-Brillen erleben. Für die Kinogänger ist der Kampf um die richtige Brille dabei wenig entscheidend, denn die digitale Kinolandkarte in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist in Sachen 3D-Technik bunt gemischt. Es nützt niemandem, wenn Katzenberg die „XpanD“-Brille als „für 90 Minuten zu schwer und untauglich“ diskreditiert; denn alle aktuellen 3D-Filme können mit allen gängigen Formaten (Brillen) betrachtet werden – so sie denn zu sehen sind.
Filmkunst als Kollateralschaden
Aller Anfang ist bekanntlich schwer. Katzenberg vergleicht die augenblickliche Lage in einer „Henne-Ei-Situation“: Gibt es keine 3D-Filme, rüsten keine Filmtheater um, und umgekehrt. Deshalb müssten die Studios mit stereoskopischen Event-Filmen die von Natur aus skeptischen Kinobetreiber zum Umdenken zwingen. In den USA, in denen ein Gutteil der Kinos mit den Produktionsstudios „liiert“ ist, gelingt das einfacher als in Europa oder gar Deutschland, wo Kinos häufig noch als mittelständische (Familien-)Unternehmen betrieben werden. Von den 39.000 US-Leinwänden werden derzeit aber auch nur 4000 digital bespielt, was die Grundvoraussetzung für eine 3D-Projektion ist; davon gelten kaum mehr als 2800 als stereoskopisch. In Deutschland fallen die Zahlen noch viel ernüchternder aus: Von 1.800 Spielstätten (mit insgesamt 4800 Leinwände) verfügen laut kaum mehr als 70 über einen stereoskopischen Saal, in Österreich sind es 22, in der Schweiz sogar nur 10 (Stand: 29. Mai. 2009).
Das dreidimensionale „Kino der Zukunft“ verfügt in Deutschland also nur über eine recht kleine Spielwiese; vor allem engagierte Betreiber in kleineren Städten wie in Beltzig, Schwerin, Salzwedel, Fallersleben, Bad Aibling, Hof oder Sondershausen machen sich fürs stereoskopisches Kino stark. In den großstädtischen Kino-Hochburgen (München, Köln, Berlin und Hamburg) sind 3D-taugliche Säle hingegen absolute Mangelware. 3D-Kinofans aus Essen müssen beispielsweise nach Düsseldorf oder nach Lünen fahren, und selbst dort liefen sie bislang Gefahr, den Disney-Film „Bolt“ nur im „klassischen“ 2D-Format sehen zu können. Denn nicht jeder 3D-Film landet stereoskopisch im Kino: Wenn in Düsseldorf im UFA Multiplex der Blockbuster als 2D-Version gebucht ist, haben kleinere Filmkunstkinos wie das Atelier im Savoy-Theater keine Chance auf eine 3D-Kopie. Der Zuschauer ist in Zeiten des Umbruchs mitunter genauso der Dumme wie die Kinobetreiber, die in die Zukunft investiert. Die immensen Kosten für digitale Projektoren, Lizenzen und Brillen wiegen unter diesen Bedingungen doppelt schwer. Wer wann wie viel von den Kosten übernimmt, ist augenblicklich noch Gegenstand erbitterter Diskussionen zwischen Betreibern, Verbänden und dem Staat. Und als gäbe es nicht schon genug Probleme, formieren sich die Filmkunsttheater (die Subventionen vom Staat fordern) auf der einen und Multiplex-Betreiber (die Wettbewerbsverzerrung wittern) auf der anderen Seite, was nicht gerade zur Vision Katzenbergs vom „Kino der Zukunft“ beiträgt.
Trotz der postulierten Aufbruchstimmung ist es bisher nur eine schwindende Minderheit, die sich jemals in ein digitales Kino verirrt hat, um einen stereoskopischen Film zu sehen. Während die Kinobetreiber in Deutschland noch leicht träge auf die Neuerungen reagieren, werden immer mehr stereoskopischen Filme fertiggestellt (vgl. Tabelle). War bei den Kinostarts von „Chicken Little“ (2005), „Monster House“ (2006), „Meet the Robinsons“ und „Beowulf“ (2007) nur Eingeweihten bewusst, dass von diesen Filmen auch stereoskopische Kopien existierten, agierten die Verleiher 2008 bei „Fly Me to the Moon“, „Hannah Montana: Best of Both Worlds“, „U2 3D“ oder „Bolt“ wesentlich offensiver. Doch die Zuschauerresonanz hielt sich in Grenzen: „U2 3D“: wollte innerhalb der ersten vier Wochen 25.000 Zuschauer sehen, bei „Hannah Montana“ waren es nach nur 9000; auch die 1,2 Mio. Zuschauer, die in „Bolt“ strömten, haben den Film überwiegend wohl ohne 3D-Brille gesehen. Da die Filmförderungsanstalt (FFA)die Zuschauerzahlen bislang nicht nach 2D- und 3D-Vorführungen unterscheidet, bleiben die offziellen „Box office“-Zahlen außerdem ziemlich schwammig. Fakt aber ist, dass bis 2008 stereoskopisch produzierte Filme zumeist zweidimensional auf die Leinwand kamen – und ihre originäre Qualität also verschenkt wurde. Das wird sich auch im „3D-Schlüsseljahr“ 2009, in dem mit „Monsters vs. Aliens“, „Oben“ und „Avatar“ angeblich 3D-Zukunft geschrieben wird, nicht grundlegend ändern.
Auf der diesjährigen Fachveranstaltung fmx und beim Trickfilmfestival in Stuttgart (vgl. fd 12/09) wurde der 3D-Stop-Motion-Film „Coraline“ vorgestellt, der einzige würdige Nachfolger von „Nightmare before Christmas“, der hierzulande im Sommer in die Kinos kommen wird. Visual-Effects-Supervisor Brian Van’t Hul erklärte, dass auch in den USA das 2D/3D-Problem virulent sei. Der komplett auf Dreidimensionalität hin konzipierte und produzierte, 60 Mio. Dollar teure Animationsfilm habe dort gerade mal zwei Wochenenden Zeit gehabt, um in den amerikanischen 3D-Kinos ausgewertet zu werden, bevor er vom nächsten 3D-Film verdrängt wurde. Das Gros des Einspielergebnisses von 75 Mio. Dollar erzielte er während einer 115-tägigen Kinoauswertung in 2D-Kinos – für Van’t Hul ein frustrierender „Lohn“ jahrelanger Arbeit, und für die „Zukunft: 3D“ ein kalkulierter Kollateralschaden.
Die Zukunft heißt „Avatar“
Denn künstlerische Belange bleiben bei strategischen Neuordnung oft genug auf der Strecke. Allenthalben wird zwar von den faszinierenden Möglichkeiten des stereoskopischen Films gesprochen, die dem „Erlebnisraum Kino“ zu neuer Blüte verhelfen sollen. Katzenberg oder „Oben“-Produzent John Lasseter, aber auch der „Coraline“-Regisseur Henry Selick betonen den Quantensprung der 3D-Technik seit den ersten Versuchen in den 1950er- und 1960er-Jahren. Die Natürlichkeit der Erkundung im Raum sei das zentrale Moment, wie einst bei der Einführung des Tons oder der Farbe. Die Plastizität soll dem Zuschauer das Gefühl eines „Mittendrin“ vermitteln und irgendwann so selbstverständlich sein wie das Popcorn oder der Freund auf dem Sitz nebenan. Doch auch wenn die Macher das „Wow“ des Leinwand-pulverisierenden 3D-Effekts gerne in den Hintergrund stellen möchten und dessen Schädlichkeit für Dramaturgie und Filmerleben konstatiert, ist es doch genau dieses „Wow“, das bei Publikum, Kinobetreibern und Verleihern zählt. So eindrücklich die „natürliche Dreidimensionalität“ eines Films wie „Monsters vs. Aliens“ auch ist, der in 2D weit biederer daherkommt, so wenig motivierend wirkt sie für das (deutsche) Publikum. Trotz beeindruckender Zahlen – 50 3D-Kopien (von insgesamt 750 Kopien) zogen ein Drittel der 760.000 Zuschauer ins Kino –, blieb der Film hierzulande weit hinter den Erwartungen zurück. Erfolgreicher war der Horrorfilm „My Bloody Valentine 3D“. Das Publikum reizte der Reiz: In die Ränge fauchende Feuerbälle und rotierende Äxte vermitteln ein gewisses Jahrmarkt-Feeling. Der (nicht jugendfreie) Film erzielte bei vergleichbarer Kopienzahl am Startwochenende mit gut 50.000 Zuschauern 20.000 mehr als „Monsters vs. Aliens“ (FSK: ab 6). Der Verleiher Kinowelt war konsequent und klug genug, den Film ausschließlich digital und – bis auf zwei Kopien – stereoskopisch zu vertreiben. So schaffte man gleich doppelt Begehrlichkeiten.
Das Spiel mit den Oberflächenreizen ist durchaus gefährlich, wirken sie doch wie ein Strohfeuer und neigen meist dazu, schnell an Brisanz zu verlieren. Immerhin sind die Eintrittskarten zwei bis drei Euro teurer. Die viel diskutierte 3D-Brille stört auf dem „Jahrmarkt“ nicht weiter, doch sie schafft beim „wirklichen Kino“ womöglich Distanz – zum Film, zum Sitznachbarn, zum Popcorn. Wie viel Mühe werden sich die Macher geben, um den Kinogänger diese Nachteile vergessen zu lassen? Vielleicht wird James Cameron mit seinem Film „Avatar“, der Weihnachten 2009 starten soll, ja tatsächlich alles richten. Vielleicht?! Der 3D-Experte Keith Elliott verriet auf der fmx, dass „Avatar“ in den USA mindestens 4.000 3D-Säle benötige, um wirtschaftlich „zu funktionieren“. Die fehlenden 1.200 Säle könnten die Amerikaner vielleicht gerade noch hinbekommen; hierzulande ist die Zukunft allerdings träger.
„Digitale Lektionen“ in Köln Die Veranstaltungsreihe „DIGITALE LEKTIONEN – Vorträge, Gespräche, Präsentationen, Filme zum digitalen Bild“ in Köln, deren Medienpartner der FILM-DIENST ist, endete am 17.6. (10 Uhr) mit dem Vortrag „Die Tiefe des Raums oder der Angriff der Dinge: 3-D Filme in historischer Perspektive“ von Prof. Dr. Thomas Elsaesser; das Filmprogramm dazu präsentierte den Klassiker „The Creature from the Black Lagoon“ (USA 1954) in 3D-Projektion. EIn Bericht/Porträt zu Elsaesser folgt. Im Internet: www.filmforumnrw.de
Service: Angekündigte 3D-Kinofilme |
| Jörg Gerle |
|
[ zurück ] [ Top ] |
|
 |
| Kritiken |
 |
|
|
|
|
|
| |
|
|
|
|
|
|