Auf einer Kuhweide nahe der ländlichen Ortschaft Bethel im Staat New York manifestierten sich vor nunmehr 40 Jahren Denken und Fühlen einer jungen Generation bei dem längst mythisch verklärten Woodstock-Festival. Das Motto „3 Days of Peace & Music“ lockte damals Rock-, Pop- und Jazz-Musiker aus allen Teilen Amerikas und nicht weniger als 400.000 Menschen an, die auf der Wiese des Farmers Max Yasgur einen neuen Lebensstil feierten. Eine ebenfalls vor 40 Jahren in der südkalifornischen Hafenstadt San Diego aus der Taufe gehobene Zelebration der Popkultur derselben Generation gab sich zunächst bescheidener: Nur 300 Leute waren gekommen. Aber das hielt die Veranstalter nicht davon ab, die „Comic-Con“, wie sie das Comics-, Science-Fiction- und Fantasy-Fest nannten, zu einer stetigen jährlichen Einrichtung zu machen. In diesem Jahr erschienen fast 140.000 zum Teil ideenreich verkleidete, die Logos ihrer Helden auf der Brust tragende, zum Teil aber auch höchst seriös aussehende Teilnehmer. Im Gegensatz zu der in Tokio stattfindenden „Comiket“ bedient die „Comic-Con“ inzwischen die gesamte Bandbreite der Pop-Kultur. Der viertägige Karneval war einst ausschließlich Comic Books und deren Superhelden gewidmet. Doch seitdem sich Batman, Dick Tracy, X-Men und ihr Gefolge in Film, Fernsehen und Video-Games breitgemacht haben, schoben sich Kino, Bildschirm, Computer-Monitor und Spielkonsole rücksichtslos in den Mittelpunkt. „Comic-Con“ gilt heute als Testgelände Nummer eins der Hollywood-Produzenten und – wie sich von Jahr zu Jahr immer deutlicher zeigt – auch der Independent-Szene. Wenn der Jubel von Tausenden in der riesigen Halle H des San Diego Convention Centers losbricht, dann wissen Filmemacher und Verleiher, dass an diesem Tag ein neuer Hit geboren wurde.
Ein Kassenbarometer
Der Star dieses Jahres war natürlich James Camerons „Avatar“. Cameron erschien höchstpersönlich und beglückte die Fans mit einer 25-minütigen Kostprobe: Die Abenteuer eines Menschen, der den Planeten Pandora durch den Körper eines Aliens erlebt. Die Story wurde in den wenigen Minuten der Preview nicht ganz klar, aber die 3D-Effekte beeindruckten die Massen so sehr, dass rasender Applaus den anwesenden Fox-Repräsentanten bewies, wie richtig sie mit ihrer Rieseninvestition in die jahrelange Arbeit des „Titanic“-Regisseurs liegen. „Augenblicke wie dieser sind selten im Leben einer Filmgesellschaft“, sagte Tom Rothman, Chef von Fox Filmed Entertainment, und er hat Recht: Die Besucher der „Comic-Con“ sind nicht nur enthusiastische Verehrer des Genres, sondern auch dessen schärfste Kritiker. Wenn eine Preview hier in eisigem Schweigen untergeht, ist die kommerzielle Zukunft des betreffenden Films so gut wie tot. Nicht allein bei „Avatar“ stand 3D in San Diego hoch im Kurs. Sogar Filme, die kaum dem Konzept der „Comic-Con“ entsprechen, ritten auf dieser Welle mit, wie Robert Zemeckis’ „A Christmas Carol“. John Lasseter, der zu Walt Disney emigrierte Pixar-König, Hayao Miyazaki, Japans verehrter Animationskünstler und Stars wie Denzel Washington, Robert Downey Jr. und Cameron Diaz waren nach San Diego gekommen. Warner Bros. zeigte Ausschnitte aus „Where the Wild Things Are“ und dem postapokalyptischen „The Book of Eli“. Tim Burton stellte „Alice in Wonderland“ vor.
Der Film jedoch, der die Halle H fast aus den Fugen bersten ließ, war ein Außenseiter, ein für sparsame 30 Mio. Dollar gedrehter südafrikanischer Film, der sich zwar mit dem Namen des Produzenten Peter Jackson schmücken kann, dessen Regisseur und Darsteller aber keiner kennt. Ein Film wie „District 9“ braucht für seinen Durchbruch beim amerikanischen Publikum die „Comic-Con“. Gleich am Abend der Vorführung war der Titel überall im Internet gegenwärtig; die Fans überschlugen sich in Begeisterung bei Twitter. Kinoerfolge werden längst nicht mehr durch Kritiker gemacht, sondern durch das Internet. „The Blair Witch Project“ war vor zehn Jahren das erste Beispiel dafür; ein Film wie „Cloverfield“ demonstrierte den Trend im vergangenen Jahr. An „Cloverfield“ und seinen Video-Stil erinnert „District 9“. Doch war jener Film nur für Schocks und hohes Adrenalin gut, so erweist sich „District 9“ als eine viel engagiertere, hintergründigere Arbeit.
Ein Alien-Apartheid-Movie
Als im Jahr 1951 der Film „The Day the Earth Stood Still“ das Klischee des feindseligen, die Erdbewohner unterjochenden Außerirdischen auf den Kopf stellte, eröffnete sich dem Genre die Möglichkeit zu größerer sozialer und humanitärer Relevanz. Seitdem hat es „Close Encounters of the Third Kind“, „E.T.“ und einige andere Filme gegeben, die den Ankömmlingen von fernen Planeten „menschliche“ Qualitäten zubilligen. Aber kaum einer ging bisher so weit, die genreübliche Frage, was Aliens wohl Böses vorhaben, in ihr Gegenteil zu verwandeln: Was werden wir, die Menschen, ihnen antun? Das blieb in solcher Unverblümtheit dem heute in Kanada lebenden 29-jährigen Südafrikaner Neill Blomkamp vorbehalten. Allein wegen der Konsequenz, mit der Blomkamp dieser Frage nachgeht, wird sich sein Film „District 9“ in die Filmgeschichte eintragen. Doch es gibt viele andere Gründe, die den am 10. September 2009 auch in Deutschland startenden Film als bemerkenswerte Abweichung von der Mehrzahl der lärmenden, aber geistig hohlen Variationen des heutigen Science-Fiction-Films erscheinen lassen.
In „District 9“ haben wir es mit einer Story zu tun, die ohne ihre Bezüge zur Wirklichkeit gar nicht existent wäre. „Ohne das wäre der ganze Film nicht denkbar“, sagt Blomkamp. Während der 1980er-Jahre kam das Raumschiff einer intelligenten außerirdischen Zivilisation mit einem nicht reparierbaren Schaden über der Stadt Johannesburg zum Stillstand. Dort hängt es nun wie eine gigantische Krake am Himmel und verdüstert nicht nur das Licht der Sonne, sondern auch die Köpfe der zunächst verängstigten, dann zunehmend aggressiven Erdbewohner. Den merkwürdigen, wie menschenähnliche Krustentiere aussehenden Aliens bleibt keine andere Wahl, als ihr Raumschiff zu verlassen und sich von den Menschen in eine Art Flüchtlingslager sperren zu lassen, das rasch zu einem vernachlässigten, von der menschlichen Zivilisation abgegrenzten Ghetto verkommt. Wir befinden uns in Südafrika, und es gehört wenig Fantasie dazu, die Situation als Allegorie auf Apartheid und die sozialen Probleme dieses und anderer Länder zu verstehen. Nun erweist sich Neill Blomkamp glücklicherweise als ein zu intelligenter Autor und Regisseur, als dass er die unabweisbar politische Komponente seines Films zu einem didaktischen Exkurs über Bürokraten, Gangster und korporative Gier, über Vorurteile, Rassenkonflikt und humanitäre Ohnmacht ausarten ließe. Blomkamp kennt sich aus in der Geschichte des Science-Fiction-Films und bedient sich, ohne dass allzu verstörende stilistische Widersprüche entstünden, aller möglichen Vorbilder von Ridley Scotts „Alien“ über James Camerons „The Terminator“, Roland Emmerichs „Independence Day“ und Michael Bays „Transformers“ bis zum Video-Stil von „Cloverfield“. Die Anti-Alien-Story wandelt sich allmählich zur Ambivalenz einer Freundschaft zwischen einem Alien und dem die erneute „Evakuierung“ der Außerirdischen betreibenden Angestellten eines von der Regierung beauftragten Privatkonzerns (!); außerdem verlässt der Film nach und nach die anfangs beherrschende Struktur einer Nachrichtensendung zugunsten einer individuellen, Partei ergreifenden Cinéma-Vérité-Reportage. Indem er letztendlich den Prozess der fortschreitenden körperlichen Mutation aus Kurt Neumanns und David Cronenbergs „The Fly“-Filmen als Sinnbild der einzigen Hoffnung auf ein Überleben der Humanität benutzt, setzt Blomkamp quasi ein Ausrufungszeichen hinter sein ehrgeiziges Amalgam aus B-Movie und Sozialsatire.
Die Fans auf San Diegos „Comic-Con“ waren sich einig, dass „District 9“ der originellste Science-Fiction-Film des diesjährigen Mammutfestivals sei, und Reporter qualifizierten ihn sogleich als „der Welt erstes autobiografisches Alien-Apartheid-Movie“ (Chris Lee in der „Los Angeles Times“). Am darauf folgenden Wochenende verwies „District 9“ in den amerikanischen Kinos die gesamte Sommerkonkurrenz auf die hinteren Plätze. Man darf annehmen, dass sich damit die „Comic-Con“ auch für Filmemacher, die es bisher nicht wahrhaben wollten, als unumgängliches Ziel fürs nächste Jahr qualifiziert hat. |