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Im Bürgerkrieginterview
Michael Haneke und „Das weisse Band“Druckversion
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Michael Hanekes Filme legen den Finger auf die Wunde. Auch in seinem jüngsten Werk „Das weiße Band“, der beim Festival in Cannes 2009 mit der „Goldenen Palme“ ausgezeichnet wurde, ist dies nicht anders. Der Analyst des Bösen zwingt zu einer schmerzhaften Auseinandersetzung mit den Folgen einer seelenlosen Erziehung, der Gefährlichkeit verabsolutierter Ideen und der Genauigkeit als künstlerischer Tugend.

Das protestantische Pfarrhaus gilt als Ort großer Liberalität und wichtiger Impulse für die deutsche Kultur. Warum zeigen Sie es als Hort der Repression?

Haneke: „Das weiße Band“ ist ein Film über Repression, nicht über ein Pfarrhaus, sondern über eine ganze Gesellschaft. In einer dörflichen Gesellschaft gibt es bestimmte Repräsentanten, die kommen alle vor im Film. Der Pfarrer ist nur einer von ihnen. Ein Anlass zur Beschäftigung mit dem Thema lag auch darin, dass ein Teil der RAF-Mitglieder sich aus pietistischen Pfarrhäusern rekrutierte. Aus dieser Zeit stammt die Idee, über Protestantismus, Links- und Rechtsfaschismus nachzudenken.

In christlichen Häusern herrscht oft eine puristische Art vor.

Haneke: Genau das gefällt mir. Ich bin auch ein Purist, und in der Kunst ist Purismus kein Fehler. Klarheit und Einfachheit sollte jeder Schreiber oder Filmemacher als Ziel anstreben. Einfach zu sein, ist das Schwierigste überhaupt.

Wie ist Ihr Verhältnis zur Religion?

Haneke: Als Protestant bin vor 30 Jahren aus der Kirche ausgetreten. Meine Mutter war Österreicherin und katholisch, mein Vater Deutscher und protestantisch, da wurde ich eben protestantisch getauft. In Österreich gab es einen gebündelten Religionsunterricht, ich profitierte von einer Sonderstellung. Bis zu meinem 14. Lebensjahr war ich sehr engagiert und überlegte sogar, Pfarrer zu werden. Irgendwann haben mich dann die Mädchen mehr interessiert als der liebe Gott. Religion ist ein sehr wichtiger Teil meines Lebens und immer auch ein Thema, das sehen Sie an den existenziellen Themen meiner Filme. Womit soll ich mich auch sonst befassen?

Hätte die Handlung auch in einem katholischen Umfeld spielen können?

Haneke: Sie kann mit etwas veränderten Details in jedem Milieu stattfinden, aber natürlich ist der Protestantismus mit seiner Strenge ein exemplarisches Beispiel. „Das weiße Band“ ist auch ein Film über Strenge.

Von einem streng erzogenen Regisseur?

Haneke: Ich komme aus einer Schauspielerfamilie, da hält man es nicht so mit der Strenge. Mein Stiefvater hat sich überhaupt nicht in die Erziehung eingemischt, und das habe ich genossen. Ich bin mit Frauen aufgewachsen, einfach wunderbar! Natürlich habe ich meine Verletzungen wie jeder andere auch, aber ich bin nicht das Opfer einer autoritären Erziehung, sondern erlebte eine sehr liebevolle Erziehung, die mich konflikt- und dramenfähig machte.

Ist die autoritäre Erziehung Wurzel allen Übels, wie man nach Ihrem Film denken könnte?

Haneke: Ich möchte nicht missverstanden oder gar auf die Aussage verkürzt werden, der Protestantismus habe zum Faschismus geführt. So einfach ist es nicht. Ich beschreibe eine Gruppe von Kindern, die die ihnen gepredigten Ideale verabsolutiert und sich damit zum Richter derer aufspielt, die ihnen diese Ideale gepredigt haben. Warum tut man so etwas? Weil der Druck zu groß wird. Sobald eine Idee zur Ideologie pervertiert, wird sie gefährlich, weil die Menschen damit ihre Frustration und ihr Leid zu bekämpfen suchen; durch das Klammern an Ideologie hoffen sie, sich daraus zu befreien. Um dieses Grundmodell geht es mir. Es geht also nicht nur um den deutschen Faschismus, ein Paradebeispiel, sondern das Modell können Sie auch auf den RAF-Terrorismus oder islamistischen Terror umlegen. Religion an sich ist nichts Gewalttätiges, aber wir haben auch Kreuzzüge geführt. Es wäre jedoch dumm, meinen Film als Polemik gegen den Protestantismus zu interpretieren. Es handelt sich auch nicht um ein spezifisch deutsches Problem, sondern um ein generelles. Meine Filme können alle unter dem Oberbegriff „Bürgerkrieg“ laufen, weil große Kriege und große Konflikte durch die ganz kleinen entstehen, durch die erlittenen Verletzungen. Dadurch folgt der Mensch einem Rattenfänger. Auch Unwissenheit kann schuldig machen.

Als Spezialist für die Erforschung der menschlichen Natur beschäftigen Sie sich akribisch vor allem mit deren negativen Seiten.

Haneke: Ein Drama ist dazu da, Konflikte zu zeigen und keine Idylle. Ohne Genauigkeit entstehen nur Klischees, das macht die meisten Bücher und Filme so schlecht, weil sie nicht nachbohren. Da wird ein Fernsehfilm über irgendein Problem auf der Klischeeebene abgehandelt, und alle freuen sich, weil sie dann weiterschwimmen können wie zuvor. Die Abweichung vom Klischee empfinden viele als unerträglich, sie bauen Abwehrmechanismen auf und pochen auf ihre Ruhe. Aber heute kann man die Welt nicht mehr im Einverständnis beschreiben. Man muss tiefer bohren. Wer das tut, gilt als Störenfried. Gerade die dramatische Kunst lebt vom Konflikt und davon, den Finger auf die Wunde zu legen. Die größte künstlerische Tugend ist die Genauigkeit in der Beobachtung dessen, was man wiedergeben will, und in der Wiedergabe. Wenn die Pause um eine Zehntelsekunde zu lang ist, merkt der Zuschauer, dass da was nicht stimmt.

Warum haben Sie den Film in Schwarz-weiß gedreht?

Haneke: Die Bilder, die wir aus der Zeit kennen, waren in Schwarz-weiß. Ich liebe die Schwarz-weiß-Fotografie und habe die Gelegenheit dazu gerne aufgegriffen, auch um vom Naturalismuseffekt zu abstrahieren und zu verfremden. Bei den Kindern ließen wir uns ebenfalls von Fotos inspirieren und achteten auf zeitgenössische Gesichter. Wir haben 7000 Kinder über ein halbes Jahr lang gecastet!

Sie setzen sehr gezielt Musik ein, verzichten aber auf einen Soundtrack.

Haneke: Der Schlusschor ist die evangelische „Nationalhymne“, das lag auf der Hand. Außerdem passt der Text von Martin Luther, „Eine feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen“, für einen Kriegsbeginn gut. Die eingesetzten Musikstücke von Schumann, Bach und Schubert schienen mir adäquat. Einen Soundtrack brauche ich nicht. Mir ist Musik zu wichtig, als dass ich sie zur Kaschierung meiner Fehler benutzen würde.

Ärgert es Sie, wenn Millionen in irgendwelche Kitschfilme gehen?

Haneke: Ich darf mich nicht beklagen und kann von Glück sprechen, dass ich die Filme machen darf, die ich will. Was mich ärgert ist, dass Leute wie Godard oder die Straubs einen Film nicht mehr finanzieren können. Das ist ein Skandal.

Woher kommt Ihre Ausnahmesituation?

Haneke: Man kann sich auf mich verlassen, ich überziehe nicht, halte mich an Abmachungen. Bis jetzt ist noch niemand wegen mir Pleite gegangen. Das Gefühl für das Machbare gehört zur „Karriere“ und zum Professionalismus. Natürlich habe ich nur Bücher im Rahmen der mir zur Verfügung stehenden Mittel geschrieben. Oft musste ich auch warten. Das Thema zu „Das weiße Band“ wollte ich schon vor zehn Jahren als Fernseh-Dreiteiler drehen. Aber das Projekt kostete zu viel Geld. Bei einem historischen Film schrillen sofort die Alarmglocken, und Dreharbeiten mit Kindern gelten als katastrophal, weil sie nur eine bestimmte Anzahl von Stunden drehen dürfen und mit ihnen alles länger dauert. Jeder Produzent kann sich ausrechnen, was das bedeutet. „Wolfszeit“ war ein ähnlicher Fall. Das Buch zu diesem Film lag Jahre in der Schublade, ich konnte es erst nach dem Erfolg von „Die Klavierspielerin“ realisieren und „Das weiße Band“ erst nach dem Erfolg von „Caché“. So banal ist das.

Sind Sie im Alter sanfter geworden?

Haneke: Privat glaube ich nicht, ich bin sogar ungeduldiger als früher und werde bei Dummheiten schneller ärgerlich. Das gehört wahrscheinlich zu den Segnungen des Alters, für die anderen ist das weniger angenehm. Die Ästhetik hat sich aufgrund der Themen verschoben. Ich halte nichts davon, sich auf einen inneren Plan zu berufen. Da passiert etwas, da fällt mir etwas auf, da ruft mich jemand an. Dass ich nach Frankreich gegangen bin, lag an dem Anruf von Juliette Binoche, die mit mir arbeiten wollte. Es gibt keinen Masterplan fürs Leben.

Aber mit 30 liegt das Leben noch vor einem, während mit zunehmendem Alter der Zeitrahmen enger wird und die Zeit endlich.

Haneke: Mir hat vor 20 Jahren ein Bühnenbildner, der damals etwa 40 Jahre alt war, gesagt, er könne sich ausrechnen, wie viele Bühnen er in seinem Leben noch machen würde. Das fand ich damals völlig pervers. Jetzt, mit 67 Jahren, kann ich mir ausrechnen, wie viel Zeit mir ungefähr noch bleibt. Wir sollten sorgsam mit unserer Zeit umgehen. Nicht jeder hat wie Manoel de Oliveira das Glück, mit 100 Jahren noch Filme machen zu dürfen. Ein Weltrekordhalter! Jeder in unserem Beruf träumt davon, niemand will in Pension gehen, sondern arbeitet, solange man ihn lässt. Die Schwierigkeiten kommen mit körperlichen Gebrechen, dann versichert uns niemand mehr. Es gibt viele große lebende Regisseure, von denen man keinen Film mehr sieht. Das liegt nicht daran, dass sie nicht wollen, sondern dass sie das Geld nicht mehr zusammenbringen.

Was lehren Sie Studenten? Wie man ein guter Regisseur wird?

Haneke: Das kann man nicht vermitteln. Als junger Mensch versucht man oft, die Vorbilder nachzuahmen. Mein erster Fernsehfilm war ein Plagiat von Godard, dass es einem die Schuhe ausgezogen hat. Ich war wahnsinnig naiv. Deshalb sage ich immer: Seid glaubwürdig, lasst euch nicht korrumpieren, macht die Sachen, die ihr vertreten könnt, findet heraus, was ihr wirklich wollt.

Wann wussten Sie, was Sie wirklich machen wollten?

Haneke: Da gibt es keinen präzisen Zeitpunkt. Man lernt dazu, wird im Einsatz der Mittel sicherer, präziser mit den Themen, kann besser aussortieren, beherrscht die Materie. Heute bin ich ein glücklicherer Mensch als früher, ich kämpfe nur noch mit einer gewissen Sturheit für die Arbeit.

Nach einem „Haneke-Film“ steht der Zuschauer mit seinen Fragen allein da.

Haneke: Die Aufgabe von Kunst ist es, Fragen zu stellen, nicht Antworten zu geben. Fragen können weiterhelfen, manchmal. Das ist das Prinzip meiner Filme. Sie sind wie eine Sprungschanze. Springen muss der Zuschauer selbst.
Margret Köhler
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