Es ist kein neues Phänomen, dass viele der unkonventionellsten amerikanischen Filme in Deutschland entweder gar nicht oder um Jahre verspätet herausgebracht werden. Betroffen vom Desinteresse der deutschen Verleiher, Fernsehredaktionen und DVD-Distributoren sind vor allem jene unabhängig produzierten Filme, die von Moden und Trends unberührt sind, die sich dem Tempo der Zeit widersetzen und deren Intimität sie vom Gros des Kinoangebots unterscheidet. Kelly Reichardts „Old Joy“, einer der spartanischsten und gleichzeitig schönsten Filme des letzten Jahrzehnts, erreichte Deutschland erst mit zweijähriger Verspätung. Auch ihr auf unzähligen Festivals herumgereichter Film „Wendy and Lucy“ musste lange warten, bis er nun endlich in deutschen Kinos anläuft (Kritik in dieser Ausgabe). Courtney Hunts „Frozen River“, der in den USA wegen seines aktuellen Themas des Schmuggels illegaler Einwanderer an der amerikanisch-kanadischen Grenze relativ viel Beachtung fand, taucht auf der deutschen Startliste bis heute nicht auf. Ähnlich ergeht es Jake Mahaffys „Wellness“, Lance Hammers „Ballast“ und zahlreichen anderen Filmen, die für ernsthaft interessierte Filmfans eigentlich obligatorisch sein sollten. Am meisten zu leiden hat unter dieser Abstinenz der deutschen Importeure ein Filmemacher, dessen Name in Deutschland nicht einmal bekannt ist, obwohl er schon drei abendfüllende Filme gemacht hat. Als Ramin Bahranis jüngster Film „Goodbye Solo“ Anfang dieses Jahres in den USA anlief, versah ihn Roger Ebert, der nach wie vor Amerikas einflussreichster Kritiker ist, mit einer ganz ungewöhnlichen Empfehlung. „Wo auch immer Du lebst“, schrieb Ebert, „wenn dieser Film läuft, wird er der beste in der ganzen Stadt sein.“ Dasselbe lässt sich mit gutem Recht über die anderen Bahrani-Filme „Man Push Cart“ und „Chop Shop“ sagen. Sie wurden bei den Filmfesten in Mannheim und Berlin gezeigt. Aber das war es dann auch schon, was Deutschland angeht.
Filmische Nachtschicht
Der 34-jährige Bahrani, Sohn iranischer Einwanderer, interessiert sich nicht für die Glamour-Seite Amerikas. Seine Schauplätze sind die „valleys of the ashes“, wie F. Scott Fitzgerald die Schattenseiten amerikanischer Städte nannte. In „Man Push Cart“ sind es die Geschäftsstraßen von Manhattan am frühen Morgen, wenn die ersten Angestellten hastig zur nächsten U-Bahn-Station eilen und allenfalls Zeit für einen Kaffee an einem der Aluminiumkarren am Straßenrand haben. „Chop Shop“ spielt auf den Schrottplätzen von Queens, in endlosen Straßenzügen, in denen sich eine Autowerkstatt an die andere reiht. Einwanderer aller Nationalitäten bevölkern die von ausgeschlachteten Fahrzeugen markierte Landschaft und warten im Schatten eines gigantischen Baseball-Stadions auf das Glück, das ihnen verheißen wurde. Und mit „Goodbye Solo“ kehrt Bahrani in die Stadt zurück, in der er aufgewachsen ist: Winston-Salem in North Carolina, ein Ort wie viele im Osten Amerikas. Bezeichnenderweise sind es wieder die Nächte, auf die sich der Film konzentriert, die Nachtschichten eines Taxifahrers, dem ein alter Mann aus dem Süden ein Angebot macht, das er nicht abzulehnen wagt, das ihn aber mit wachsender Besorgnis und Anteilnahme erfüllt.
Bahranis „Helden“ sind Emigranten aus Pakistan, Lateinamerika und Senegal. Jeder von ihnen ist in Amerika, um ein bisschen an dem Wohlstand teilzuhaben, wie ihn Plakatwände und TV-Commercials versprechen. Ob es der Pakistaner ist, der mit Gelegenheitsarbeiten das Geld für eine fahrbare Frühstücksbude verdient, oder der zwölfjährige Latino-Junge, der in einem Autoshop ein Handgeld bekommt und auch schon mal ein paar Reifen oder Radkappen stiehlt – sie alle teilen den Traum, inmitten der widrigen Umstände, die ihnen das Leben beschert hat, etwas aus ihrer Zukunft zu machen. Bahrani gönnt ihnen die Träume, aber seine Filme enden nicht mit deren Erfüllung, sondern mit Ernüchterung und dem unbeugsamen Willen, es immer wieder von vorn zu versuchen. So wie er auch stets aufs Neue versucht, mit seinem nächsten Film einen Schritt weiterzukommen, nicht die Richtung zu wechseln, sondern der Perspektive beharrlich neue Ziele zu setzen. Wer Bahranis Filme und den Regisseur Bahrani selbst für depressiv hält, weil alle seine Geschichten von den Schattenseiten Amerikas erzählen, hat nicht genau hingeschaut. Die Schattenseiten des Lebens durchdringt Widerstand erzeugender Humor, und am Schluss seiner Filme gestattet er dem Publikum stets einen Schimmer von Hoffnung, sei es auch nur der Blick auf einen aus dichten Nebelschwaden durchschimmernden Herbstwald am Ende von „Goodbye Solo“.
Er weinte eine Stunde
Ramin Bahrani ist kein ausschweifender Geschichtenerzähler. Die Storys seiner Filme lassen sich alle in einem Satz zusammenfassen. Es sind die Menschen, die ihn interessieren, wie sie mit ihrer vorgefundenen Umgebung fertig werden und welche Lehren sie aus ihren Konflikten ziehen. Seine Erzählweise ist unaufdringlich bis zur Selbstverleugnung, eigentlich nichts anderes als ruhige Beobachtung, meist in halbnahen Kameraeinstellungen. Die nüchterne, aber mitfühlende Konzentration auf seine Personen, die nie in subjektive Kommentare des Bedauerns oder des Widerwillens ausartet, sondern die mit dem Auge der Kamera registriert, was ist, rückt Bahranis Werk in die Nachbarschaft von Vorbildern wie De Sica, Rossellini und Satyajit Ray: Ein Neorealist neuer Schule, der die alten Meister, aber auch die Filme des Iraners Abbas Kiarostami verinnerlicht zu haben scheint.
Das drückt sich auch in seiner Arbeitsweise aus. Die Filme machen den Eindruck des Improvisierten. Doch nichts ist weiter von der Wirklichkeit ihres Entstehungsprozesses entfernt. Bahrani castet hauptsächlich Laiendarsteller, mit denen er dann oft monatelang arbeitet. Die Szenen des zwölfjährigen Latino-Jungen in „Chop Shop“, die nahezu den ganzen Film ausmachen, hat er immer wieder durchgeprobt, bis sich der kleine Alejandro Polanco und alle Händler und Mechaniker in seiner Umgebung so an die Gegenwart der Kamera gewöhnt waren, dass sie deren Anwesenheit gar nicht mehr bemerkten, als die eigentlichen Dreharbeiten begannen. Nichts bleibt hier dem Zufall überlassen. Alles wird bis ins Detail vorbereitet. Im Vorfeld von „Goodbye Solo“ fuhr Bahrani sechs Monate lang mit einem afrikanischen Taxifahrer durch die Straßen von Winston-Salem, um ein besseres Gespür für diese Seiten der Stadt zu bekommen, die ihm noch nicht vertraut waren, und für die Mentalität des Fahrers, nach dem er später eine der beiden Hauptfiguren modellierte.
Wer Kiarostamis Film „Der Geschmack der Kirsche“ kennt, wird unzweifelhaft Parallelen zu Bahranis jüngstem Film „Goodbye Solo“ entdecken. Doch obwohl sich Bahrani von dem Meister des iranischen Filmschaffens angeregt gefühlt haben mag, entwickelt er eine ganz individuelle, amerikanische Perspektive. Über seine Filme „Man Push Cart“ und „Chop Shop“ geht er darin einen entscheidenden Schritt hinaus: Zum ersten Mal konzentriert er sich auf die Beziehung zwischen zwei Menschen, die von ihrem Alter und ihren kulturellen Wurzeln nicht verschiedener sein könnten (außerdem arbeitet er zum ersten Mal mit professionellen Darstellern). Ein alter Weißer mit leichtem Südstaaten-Akzent steigt in das Taxi eines jungen afrikanischen Immigranten und bietet ihm 1.000 Dollar, wenn er ihn zehn Tage später auf die Spitze eines benachbarten Berges fahren würde. Eine Rückfahrt sei nicht vorgesehen.
Wer nach dieser Prämisse erwartet, dass der Film nun Details der Lebensgeschichte der beiden ungleichen Männer aufblättert, sieht sich getäuscht. Der Taxifahrer ist und bleibt dieselbe Frohnatur, als die er eingeführt wurde, und der alte Mann offenbart keine Hintergründe für seine Absicht, auf ehrbare Weise aus dem Leben zu scheiden. „Goodbye Solo“ ist kein Film über den Anfang und das Ende, noch viel weniger über Motivation und Handeln, sondern über den Weg, den die beiden fremden Menschen an zehn Tagen gemeinsam zurücklegen. Ihre Charaktere ändern sich nicht. Der eine will helfen, der andere lehnt jede Hilfe ab. Doch als Individuen kommen sie dem Zuschauer näher als Legionen von Hollywood-Helden, die Szene für Szene nichts anderes tun, als um ihr Profil zu ringen. Wenn „Goodbye Solo“ endet, ist man von tiefer Ergriffenheit erfüllt. So wie der Darsteller des alten Mannes, dessen verwittertes Gesicht aus zahlreichen Nebenrollen in Elvis-Presley-Filmen vertraut sein mag, Red West aus Memphis. Er hat für Robert Altman gearbeitet und für Oliver Stone. Aber er musste warten, bis er 72 war und ein Sohn iranischer Einwanderer, Ramin Bahrani, ihn darum bat, die erste Hauptrolle seiner Karriere zu spielen. „Nachdem wir den Schluss gedreht hatten“, berichtet Bahrani, „musste ich ihn allein lassen. Er ging hinauf in den Wald und weinte fast eine Stunde lang. So betroffen war er.“
Anteilnahme und Betroffenheit sind zwei Eigenschaften, die den Charakter aller drei Filme bestimmen, die Bahrani bisher gedreht hat. Es gibt nur wenige amerikanische Filme, die in ihrer Humanität und in ihrem unaufdringlich beobachtenden, minimalistischen Stil so weit von allem entfernt sind, was in Hollywood gemacht wird. Die Kamera verweilt oft minutenlang auf Gesichtern, ohne dass etwas „passieren“ würde. Reaktionen sind wichtiger als Ereignisse, stumme Augenblicke des Verweilens bewegender als Dialoge. Die Menschen in Bahranis Filmen werden einem dadurch so vertraut, als würde man sie schon lange kennen. Ein Schleier von sanfter Melancholie hüllt sie ein, eine Melancholie, die den Zuschauer zu ihrer Seele vordringen lässt. Wann geschieht einem so etwas noch im heutigen amerikanischen Kino?
Hinweis „Goodbye Solo“ eröffnet am 27. November das 4. Berliner Independent Filmfestival AROUND THE WORLD IN 14 FILMS. http://www.berlinbabylon14.net |