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Der Glanz der (Ober-)Flächekino
Wie aus der Graphic Novel „The Surrogates“ ein Actionspektakel wurdeDruckversion
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Comicverfilmungen sind in Hollywood an der Tagesordnung. Momentan scheinen sie sogar die zahllosen Romanverfilmungen überflügeln zu wollen. Dieser Einschätzung könnte freilich eine verzerrte Wahrnehmung zugrunde liegen; denn Comicverfilmungen sind fast immer actionreiche Spektakel, Großproduktionen, deren mediale Aufmerksamkeit durch Stars, riesige Budgets und Aufsehen erregende Spezialeffekte gesichert ist. Im Gegensatz zu Romanadaptionen müsste bei den meisten Comicverfilmungen im Vorspann gar nicht vermerkt sein, dass es sich um eine Adaption handelt: man merkt allein schon am Figurenarsenal, dass dem Film ein Comic zugrunde liegt. Ob „Batman“, „Superman“, „Spiderman“ oder „Daredevil“ – die meisten Adaptionen basieren auf Graphic Novels aus dem Genre der Superhelden. Sogar Umsetzungen von Hardboiled-Comics wie „Sin City“ oder historische Schlachtengemälde wie „300“ passen in dieses Schema – der Gestus der Übertreibung ist ihnen allen gemein. Nur wenige Ausnahmen wie David Clowes’ „Ghostworld“ (2001) von Terry Zwigoff fallen heraus: Autorencomics mit realistischen Alltagsgeschichten werden ungleich seltener verfilmt als industriell arbeitsteilig produzierte Genreware.

„Surrogates“ von Jonathan Mostow („Terminator 3“) fügt sich in die Reihe spektakulärer Comicverfilmungen. Im Gegensatz zum Film kommt die gezeichnete Vorlage „The Surrogates“ von Robert Venditti und Brett Weldele allerdings ohne Superkräfte aus: Leutnant Harvey Greer und sein Kollege Pete Ford müssen im Jahr 2054 eine „Mordserie“ aufklären – Mordserie in Anführungsstrichen, weil es sich eigentlich um Sachbeschädigungen handelt. Echte Menschen trifft man im künftigen Alltag kaum noch; die sitzen Zuhause und sind mit ihren Surrogaten, einer Art Menschmaschine, verlinkt, die an ihrer Stelle den Alltag außerhalb der eigenen vier Wände bewältigen. Doch es gibt Leute, denen diese Entwicklung nicht behagt. Als der Surrogat des ermittelnden Leutnant Harvey Greer getötet resp. zerstört wird, muss er erstmals seit Jahren wieder „live“ seinen Dienst verrichten. „The Surrogates“ hat nicht nur eine gute Grundidee und eine spannende Story, sondern auch seine grafische Umsetzung ist bemerkenswert. Dünne, krakelige und rudimentäre Schwarz-weiß-Zeichnungen verströmen eine düstere Grundstimmung; sie liegen auf aquarellartigen, farbigen Hintergründen, die nur wenig Halt bieten. In kleinen Exkursen wird die Vorgeschichte eingestreut: die Historie der Surrogaten an Hand alter Zeitungsartikel, dann die Hintergründe und Folgen einer früheren Revolte in Form einer Internet-Zeitung inklusive Kleinanzeigen (Surrogat An- und Verkauf, Stellenanzeigen), schließlich ein transkribiertes Interview einer Fernsehshow. Nicht zuletzt wegen dieser aus der Comicerzählung heraustretenden Elemente (im Film wird all dies bereits im Vorspann geliefert) erinnert „The Surrogates“ an „Watchmen“ von Alan Moore und Dave Gibbons. Der Comic rückt mit seiner klugen, sozialkritischen Story tatsächlich – auch qualitativ – in die Nähe von Alan Moores oder Frank Millers Versuchen in den 1980er-Jahren, das Superhelden-Genre zu dekonstruieren.

Trotz des deutlichen Unterschieds von „The Surrogates“ zu den üblicherweise verfilmten Superhelden-Comics ist „Surrogates“ schon in der Eröffnungssequenz leicht als Comicadaption zu erkennen. Ohne sich zu verletzen, springt ein Mann mit Superkräften aus höchster Höhe auf die Tanzfläche einer Diskothek. In späteren Actionszenen sieht man den Surrogaten von Harveys Kollegin mit Riesensprüngen durch das Gelände jagen, wobei er ein Bild der Verwüstung hinterlässt. In der Vorlage fehlen solche Szenen – der Film ist „comichafter“ als der Comic. Auch an anderen Stellen unterschiedet sich die Verfilmung vom Original. So wird aus dem dicklichen, deutlich in die Jahre gekommenen Protagonisten der agile Bruce Willis und aus seinem jüngeren Kollegen die wasserstoffblonde Radha Mitchell. Der Film arbeitet vor allem mit Vereinfachungen und Klischees, was sowohl die Figurenzeichnung und die Handlung als auch die ästhetische Oberfläche und die ideologische Ausrichtung betrifft. Der Comic entfaltet einen spannenden Diskurs über die Vor- und Nachteile der Surrogaten – dass beispielsweise bei Bewerbungen Geschlecht oder Hautfarbe keine Rolle mehr spielen, weil jeder sein Äußeres selbst bestimmen kann. Interessant ist auch, dass bei Einsätzen von Polizei oder Feuerwehr keine Toten mehr zu beklagen sind, weil sie von Surrogaten erledigt werden. Gleiches gilt für den Kampfeinsatz im Krieg. All das wird im Comic als Frage in den Raum gestellt; der Leser muss sich dazu selbst positionieren.

Die Adaption ist hingegen eindeutig technikfeindlicher, sie funktioniert auch nicht diskursiv, sondern reiht die Nachteile der Surrogaten-Welt aneinander, um am Ende im Sinne der 1970er-Jahre-Post-Hippie-Science-Fiction à la „Westworld“ eine einfache, klare Antwort auf eine komplizierte Frage zu finden. Im Zuge solcher Eindeutigkeit müssen im Film nicht nur Surrogates, sondern auch echte Menschen sterben. Der Film kann allein mit seiner hyperglatten ästhetischen Oberfläche punkten, die diametral zur düster-krakeligen Ästhetik des Comics steht. Was bemerkenswert ist, liefert der Comic im Gegensatz zum Roman den Filmemachern doch bereits visuelle Vorgaben. Wenn die Vorlage so verändert wird, spiegelt sich darin eine originäre Leistung der filmischen Adaption. Die bläuliche Hochglanz-Ästhetik des Films, die das „Feeling“ einer Nivea-Werbung verströmt, ist ein adäquater Entwurf, um die Oberflächengesellschaft als Schreckensszenario zu outen. Die Surrogaten laufen durch die Stadt wie perfekte, aber gefühllose Schaufensterpuppen. Wenn Bruce Willis nach der Zerstörung seines Surrogaten als Harvey Greer erstmals selbst auf die Straße treten muss, spiegelt sein unbeholfener, irritierter Gang den jahrelangen Verlust von echten Sinneseindrücken trefflich wieder.

Es geht jedoch nicht darum zu entscheiden, ob die Vorlage besser ist als ihre Verfilmung oder umgekehrt; weit interessanter ist, was Film und Comic voneinander unterscheidet. Der Comic, der auf Deutsch rechtzeitig zum Filmstart von Cross Cult vertrieben wird, wurde in den USA bei Top Shelf publiziert, einem Independent-Verlag, der aufwändige Autorencomics namhafter Künstlern wie Alan Moore, Craig Thompson, James Kochalka, Alex Robinson oder auch dem Österreicher Nicolas Mahler veröffentlicht. Mit den Comic-Heften der großen Verlage haben solche Graphic Novels wenig zu tun, auch wenn Top Shelf unter den unabhängigen Verlagen zu den größeren zählt. Der Film wurde von Touchstone Pictures produziert. Touchstone gehört zur Disney Company und somit zu einer der größten Produktionsfirmen Hollywoods. Man hat es also mit einem Independent Comic zu tun, der von einer großen Produktionsfirma mit einem Star wie Bruce Willis verfilmt wurde. Ein von zwei Künstlern am Zeichentisch erschaffenes Werk wurde von einem riesigen Team für 80 Mio. Dollar umgesetzt. Das erklärt, warum nur wenige Änderungen der Vorlage künstlerisch oder andere technisch begründet sind; der Großteil der Eingriffe hat vielmehr ökonomische Hintergründe: Der Protagonist wird zum jüngeren, sportlichen Mann der Tat, aus seinem Kollegen wird eine attraktive junge Frau, das Gewaltpotenzial steigt mit echten Mordopfern und bildgewaltigen Actionszenen. Nicht zuletzt wird das tragische Ende des Comics in ein ungetrübtes Happy End verwandelt. All das sind Elemente, die in Großproduktionen als Absicherung für ökonomischen Erfolg gelten, während ein ohne großes Budget entworfener Comic seine Ziele weit radikaler verfolgen kann.

Es wundert deshalb kaum, dass Comic-Fans von Verfilmungen regelmäßig enttäuscht sind und ein Starautor wie Alan Moore („From Hell“, „Watchmen“, „V wie Vendetta“, „The League of Extraordinary Gentlemen“) gegen die Verfilmung seiner Stoffe ankämpft – wenn auch vergeblich. Gelungene Comicadaptionen bleiben die Ausnahme. Dabei ist Verharmlosung oder Verflachung die eine Gefahr, eine andere ist die Zuspitzung auf Gewalt und Spektakel. Der Versuch einer deckungsgleichen Adaption wie bei Zack Snyders „Watchmen“ ist zwar eine respektvolle Verbeugung vor den Zeichnern, doch der Mehrwert bleibt in diesem Fall gering. Allein bei Verfilmungen unter Beteiligung der Comic-Autoren wie „Sin City“, oder „Persepolis“ scheint eine große Nähe zur Vorlage gerechtfertigt. Bei Adaptionen wäre ein freier und zugleich mutiger Umgang mit der Vorlage sowohl aus Sicht des Comic-Lesers als auch des Kinogängers die spannendere Variante, doch einen solchen Handlungsspielraum haben selbst Starregisseure im Wertschöpfungssystem Hollywood nur selten.

Hinweis
„The Surrogates“. Der Comic. Von Robert Venditti und Brett Weldele. Verlag Cross Cult, Ludwigsburg 2009. Hardcover, farbig, 208 S., 26,00 EUR.
Christian Meyer
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