Seit dem 1. Mai 2001 ist Dieter Kosslick (geb. 1948 in Pforzheim) Leiter der Internationalen Filmfestspiele Berlin. Zuvor war er neben anderen Tätigkeiten und Ämtern u.a. Kulturredakteur, Geschäftsführer der kulturellen Filmförderung Hamburg und Geschäftsführer und Leiter des Filmstiftung NRW – ein essenzieller, notwendiger Erfahrungsschatz für das Amt eines Festivaldirektors, der strategisch weit über zehn Festivaltage hinaus plant und handelt.
Wir leben in einem Zeitalter, in dem audiovisuelle Reize unabhängig vom Ort des Betrachters ständig abrufbereit sind. Was kann und muss ein Festival wie die „Berlinale“ angesichts solcher Bilderfluten leisten?
Dieter Kosslick: Auf diese Frage gibt es natürlich viele Antworten, am häufigsten wohl die, dass Filmfestivals dazu da sind, den Film als Kunst zu bewahren und zu repräsentieren. Zum Hauptkriterium für die Relevanz eines Filmfestivals zählt für mich jedoch zunehmend das Prinzip der Auswahl, der verantwortungsvollen kuratorischen Tätigkeit. Wir sind ja alle permanent dem internationalen Mediensog, dem sich immer schneller drehenden digitalen Karussell ausgesetzt. Die audiovisuellen Medien wählen ihre Inhalte im Grunde genommen nicht mehr aus, sie senden rund um die Uhr, auf Teufel komm raus. Unserem Festival dagegen vertrauen noch immer fast 300.000 Menschen. Sie lassen es sich Geld kosten, um in den zehn Festivaltagen etwas zu sehen und zu hören, was andere für sie zusammengestellt haben. Das bedeutet einen enormen Vertrauensvorschuss und ist ein exklusiver Vorgang, den man gar nicht hoch genug bewerten kann. Ob wir immer die richtigen Filme aussuchen, steht erst einmal an zweiter Stelle. Aber es ist ein Angebot, unser Angebot. Dabei darf man nicht vergessen: Im Gegensatz zu Theater oder Konzertsaal haben wir es bei Filmfestivals, abgesehen von den Retrospektiven, keinesfalls mit einem abrufbaren klassischen Repertoire, sondern stets mit nagelneuen Kunstwerken zu tun. Wir spielen nicht permanent Neuinszenierungen derselben Kunstwerke. Stattdessen stellt die „Berlinale“ jedes Jahr ein aktuelles Bild der Welt zusammen, das zehn Tage lang zur Diskussion angeboten wird.
Wenn Sie über diesen Auswahlprozess nachdenken: Was ist in den neun Jahren Ihrer Tätigkeit als „Berlinale“-Direktor leichter, was ist schwerer geworden?
Kosslick: Nach fast einem Jahrzehnt glaube ich, einen besseren Blick dafür bekommen zu haben, wie sich ein Festival unserer Größenordnung zu präsentieren hat. Wir möchten ein Programm machen, dessen thematisches und künstlerisches Niveau sowohl dem großen Publikum als auch der professionellen Fachkritik Ansatzpunkte zur Debatte bietet und das jenseits des schnellen Urteils bestehen kann. Nicht zuletzt geht es dabei auch um eine gewisse Homogenität des Gesamtangebots zwischen artifizieller Herausforderung und, um es salopp auszudrücken, dem berühmten Roten Teppich. Für mich gibt es da sowieso nur wenige Widersprüche. Schwerer geworden sind die Rahmenbedingungen. Zum Beispiel gibt es nicht mehr die Korrespondenz zwischen dem Festival und der „Oscar“-Nominierung, die noch vor Jahren während der „Berlinale“ stattfand und uns, wenn wir die richtigen Hollywood-Filme im Programm hatten, eine weltweite Resonanz bescherte. Dass der Nachrichtenkanal CNN wegen der „Oscar“-Nominierung von Russell Crowe 2002 eine einstündige Sondersendung von der „Berlinale“ brachte, ist lange her. Inzwischen finden die „Oscar“-Nominierungen vor dem Festival statt. Trotzdem ist Hollywood sehr präsent bei der „Berlinale“.
Aber es gibt ja auch die anderen, die „jungen“, unabhängigen, künstlerisch innovativen Filme, die Autorenfilme aus aller Welt.
Kosslick: Ja, und schon sind wir bei der zweiten Schwierigkeit, die wir bewältigen müssen. Als ich zur „Berlinale“ kam, dachte ich noch, ich übernähme die „Titanic“. Solche Festivals sind ja sehr groß, schwerfällig und altmodisch, und vielleicht bleibt einem als Kapitän nur die Ehre, erhobenen Hauptes unterzugehen. Das ist nicht eingetroffen; heute sage ich sogar: Es war eine komplette Fehleinschätzung. Statt damals weltweit 700 Festivals gibt es heute über 1000 pro Jahr. Darunter sind einige, die uns zwar nicht ernsthaft Konkurrenz machen, aber durchaus den einen oder anderen Film zeigen, der sonst auf der „Berlinale“ gelaufen wäre. All dies macht die Auswahl der Filme, die zur Verfügung stehen, nicht leichter.
Was setzen Sie solchen strategischen Schwierigkeiten entgegen?
Kosslick: Vieles, was wir in den letzten Jahren mit zunehmendem Erfolg begonnen haben. Ich denke an den Talent Campus oder an den World Cinema Fund (WCF); der „Goldene Bär“ für „La teta asustada“ aus Peru ist beispielsweise auch vom WCF gefördert worden. Unsere Initiativen tragen zur filmischen Vielfalt bei, wir möchten Talente und Produktionen fördern und ihre Netzwerke unterstützen. Das kommt natürlich dem Kino insgesamt zugute, darin sehen wir aber auch eine Aufgabe von Festivals. In dem einen oder anderen Fall kann es auch unserem „Berlinale“-Programm wieder zugute kommen. Es ist eine Binsenweisheit, aber es trifft auch auf uns zu: Die Zukunft liegt bei den jungen Leuten und ihren Filmen. Was nicht heißt, dass wir auf die „großen“ Filme der Gegenwart verzichten wollten, die brauchen wir genauso, wegen der Stars, des Glamours und aus künstlerischen Gründen. Mein Bemühen muss es sein, diese Balance immer wieder neu zu finden und zu halten.
Inwieweit müssen Sie als Festivaldirektor auch ein Visionär sein?
Kosslick: Ich bin mittlerweile bereits in der Phase des Post-Visionärs angekommen. Als ich begann, die „Berlinale“ zu leiten, setzte ich mir meine Bausteine für ein erneuertes, transparentes Festival zusammen. Das alte Festival unter Moritz de Hadeln war gut, es musste jedoch ein wenig aufgefrischt werden. Dazu gehörte die verstärkte Präsenz des deutschen Kinos, die Erweiterung des Kinder- und Jugendprogramms, die Gründung des Talent Campus, die Förderung internationaler Projekte durch den World Cinema Fund, die Neupositionierung des European Film Market und die Schaffung des Co-Production Market. Für Visionen gibt es aber auch Grenzen, und die hängen mit ihrer Umsetzung zusammen. Jeden Plan zu realisieren, jeden neuen Gedanken in einen bestehenden, 60 Jahre funktionierenden Apparat zu integrieren, kostet unerhörte Kraft. Immerhin muss die jeweilige Erfindung vom Mutterschiff organisch absorbiert werden. Auch da galt es, eine Balance zu schaffen: Ich darf die „Berlinale“ nicht überfordern, muss als Festivaldirektor aber immer auch andere Wege mitdenken als diejenigen, die gerade beschritten werden.
Gibt es dafür im 60. Jahr der „Berlinale“ ein besonderes Beispiel?
Kosslick: Während meiner über 25 Jahre im Filmgeschäft hat mich stets die Rolle des Kinos als Projektionsraum für Filmkunst, als magischer Ort eines Gemeinschaftserlebnisses, als architektonischer Platz interessiert. Ohne Kino gibt es zwar Filme, aber Kino gibt es ohne Kino eben nicht. Zum 60. Geburtstag der „Berlinale“ wollte ich diese Erkenntnis sinnlich transparent machen: die Schönheit des Kinos, wenn der Vorhang aufgeht und der Film beginnt. Zum 60. Jubiläum präsentieren wir daher einen riesigen symbolischen Kinovorhang. Dafür stand uns Christina Kim zur Seite, eine koreanisch-amerikanische Designerin, die sich mit Stoffen und recycelten Materialien beschäftigt. Ich hatte ihre Ausstellung in Bologna besucht und wollte sie unbedingt für unser Projekt gewinnen. Ihre Installation „Vorhang auf! – The Curtain“ wird vor einer Leinwand am Brandenburger Tor stehen, auf die wir die Uraufführung der restaurierten Fassung von Fritz Langs „Metropolis“ live übertragen werden. Ein Vorhang ganz aus recycelten Film- und „Berlinale“-Materialien.
Die „Berlinale“ dauert zehn Tage im Jahr. Wie strahlt das Festival über diese kurze Zeit hinaus auf die Stadt und das Land aus?
Kosslick: Die „Berlinale“ ist ein sehr modernes Filmfestival. Das hat auch damit zu tun, dass wir in einer Stadt sind, die sich ständig neu erfindet. Wir leben nicht auf einem verschlafenen Planeten, sondern in Berlin, das immer wieder jung, sexy und international gerade total „hipp“ ist. Nicht zuletzt deshalb hat sich die „Berlinale“ in den Filmköpfen dieser Welt immer wieder fest verankert. Bei unserem Publikum wirkt die „Berlinale“ wie eine Art verlängerter weihnachtlicher Tannenbaum. Den stellt man sich ins Zimmer, weil er schön und geschmückt ist und hell beleuchtet werden kann. Uns geht es ähnlich: Das Festival findet in einer dunklen, kalten Jahreszeit statt, und mit uns wird alles hell, die Menschen freuen sich auf das Programm und die Schauspieler, sie plaudern in den Cafés über die Filme und das Leben. Wir sind viel mehr als nur eine Kulturveranstaltung, wir sind ein emotionales Fest. In unseren Kinos sitzt der Marzahner neben der Frau, die sich zwei Wochen Urlaub genommen hat und aus Düsseldorf oder Stuttgart zu uns kommt. Beide schauen mit uns auf die Welt, wir sind glücklich und streiten und lachen und weinen.
Viele Filme, die auf der „Berlinale“ bejubelt wurden, gehen im regulären Kinoprogramm in Deutschland entweder unter oder tauchen erst gar nicht auf. Könnten Sie sich vorstellen, auch in dieser Beziehung aktiver zu werden? Beispielsweise in Gestalt eines Verleihs, der die besten „Berlinale“-Filme nach Ende des Festivals über einen längeren Zeitraum in Deutschland präsent hält?
Kosslick: Natürlich schmerzt es mich, dass viele Filme, die wir zeigen, nach dem Festival hierzulande kaum mehr zu sehen sind. Auf den „Goldenen Bären“ 2009, „La teta asustada“, trifft das zwar nicht zu, er hat zum Glück einen deutschen Verleih gefunden. Die emotionale Begeisterung, die ich unlängst bei seiner Berliner Premiere im Kino Hackesche Höfe erlebte, hat mich noch einmal darin bestärkt, darüber nachzudenken, dass wir auch andere „Berlinale“-Filme mehr als bisher im Bewusstsein der Zuschauer verankern sollten. In der Realität ist das durchaus möglich. Zum Beispiel haben wir hier am Potsdamer Platz den unglaublichen Luxus, neben den vielen Kinos zwei ausgewiesene Filmkunst-Institutionen zu besitzen: das Film- und Fernsehmuseum und das Arsenal. Mit beiden arbeitet die „Berlinale“ eng zusammen, wir veranstalten jährlich eine gemeinsame Retrospektive mit dem Filmmuseum, und das „Forum des jungen Films“ spielt im Arsenal. Was spricht eigentlich dagegen, unsere Häuser konzeptionell vielleicht noch enger zu vernetzen, eine Art audiovisuelles Humboldt-Forum zu errichten, mit Café, Bibliothek, Kinos und integriertem Gesamtkonzept? Mit einer freien, unabhängigen, „wilden“ Programmierung aus Historie und Gegenwart, die dazu führen könnte, dass sich die Leute, ohne erst das Programmheft studieren zu müssen, vollkommen auf uns verlassen können. Für die Touristen könnten wir eine Attraktion sein, mit einer festen Programmschiene „Berliner Filme“, von Billy Wilders „A Foreign Affair“ oder „Eins, zwei, drei“ über Konrad Wolfs „Solo Sunny“ bis hin zu Tom Tykwers „Lola rennt“ und Andreas Dresens „Sommer vorm Balkon“. Da schließt sich der Bogen zu dem, was ich am Beginn unseres Gesprächs gesagt habe: Wir treffen eine besondere Auswahl für ein offenes, interessiertes, das Kino liebendes Publikum. Ich weiß, dass auch andernorts über so etwas nachgedacht wird, in Sydney, Toronto oder Pusan. Warum also nicht in Berlin? Wenn man zehn Tage lang einen Boulevard der Stars macht, im Februar vor dem „Berlinale“-Palast, warum dann nicht auch das ganze Jahr über einen Boulevard der Filmlust? |