Es kommt nicht von ungefähr, dass die World Soundtrack Academy im Jahr 2009 Alexandre Desplat gleich beide Hauptpreise zuerkannte. Seit drei Jahren scheint der französische Komponist nahezu übermächtig: 2007 gewann er den World Soundtrack Award für „The Queen“ und „Der bunte Schleier“, 2008 wurde er für „Der Goldene Kompass“ nominiert; für „The Queen“ wurde er 2007 außerdem mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet. 2009 schließlich gewann er beim Festival in Gent für „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ den World Soundtrack Award und wurde als Komponist des Jahres ausgezeichnet. Seine Musiken waren 2009 in neun Filmen zu hören, u.a. in „Largo Winch“, „Chéri“, „Coco Chanel“, „Julie & Julia“ und „New Moon – Biss zur Mittagsstunde“.
Das ist viel Ehre für einen Mann, dessen Wurzeln im beschaulichen Südwesten Frankreichs liegen und der erst 2003 außerhalb seines Heimatlands, dann aber mit einem Schlag, berühmt wurde. Der hypnotische Sog eines Dreivierteltakts verwandelte in „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ den Betrachter fast zwangsläufig in einen Zuhörer. Unwiderruflich wird man durch ihn in die Szenerie gesogen, wenn Griet das erste Mal auf der Leinwand erscheint. Umrahmt von anheimelnden Xylophonläufen, entwirft der Walzer ein märchenhaftes Entree ganz im Stil der Ballettmusiken eines Tschaikowski. Neben Scarlett Johanssons zurückgenommener Darstellungskunst ist es vor allem dieses mächtige Leitmotiv, das der Figur jenen scheuen, unnahbaren und doch erotisch anziehenden Charakter verleiht, dem der Maler Johannes Vermeer verfällt. Der Film – gerühmt wegen seiner gemäldehaften Bilder – erhält seine Seele durch eine Melodie.
Obwohl Desplat schon seit Ende der 1980er-Jahre Musik für Filme schrieb, ebnete erst „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ mit der vielleicht einschneidendsten Filmmusik des letzten Jahrzehnts dem Komponisten international den Weg. Desplat: „Ja, das kann man durchaus sagen. Es ist nicht so einfach, mit aktuellen französischen Filmen zu glänzen. Sie laufen doch häufig nach ,Schema F‘. Eine Frau, zwei Männer. Zwei Frauen, ein Mann. Zwei Frauen, keine Männer, usw. Es wird unheimlich viel geredet, mit ein bisschen Musik zwischendrin. So geht das immerfort. ,Das Mädchen mit dem Perlenohrring‘ hingegen ist eine Musik über Stille. Ich habe früher sehr viel im Theater gearbeitet. Dort habe ich gelernt, die Stille und die Dialoge durch Musik zu schützen. Als Griet zum ersten Mal ins Studio von Johannes Vermeer kommt, passiert auf der Dialogebene nichts. Das ist für einen Filmkomponisten eine großartige weiße Leinwand, auf der er sich, sehr behutsam, verwirklichen kann. Hier ist es immens wichtig zu zeigen, was sich innerhalb der Charaktere bewegt, und nicht so sehr, wie sie sich nach außen hin geben. ,Das Mädchen mit dem Perlenohrring‘ war ein Glücksfall.“
Verschmitztes Staccato
Seit dem Goldenen Zeitalter der Filmmusik, in dem Komponisten wie Alex North, Alfred Newman, Max Steiner oder Miklos Rozsa und Bernard Herrmann groß wurden, ist eines in der Filmmusik rar geworden: die Melodie. Kaum jemand hat dieses Manko in den letzten Jahren derart eindrücklich behoben wie Alexandre Desplat. Ohne Zweifel kann man „The Queen“ zu den Kinoüberraschungen 2008 zählen. Bei dessen Score hat sich Desplat erneut selbst übertroffen. Das verschmitzte Staccato von Spinett und Cembalo steht im Zentrum und gibt dem Film auf der musikalischen Ebene jenen listig-satirischen Unterton, der ihm eine zwingende englische Note verleiht, wie sie zuletzt vielleicht Ron Goodwin in der „Miss Marple“-Reihe gelang. Desplat stellte den „aristokratischen“ Instrumenten die exotische Mandoline zur Seite, das bodenständige Piano und die ätherische Harfe. Derart instrumentiert, ergießt sich ein mitreißender Orchester-Score über die eigentlich tragische Geschichte und gibt ihr Tempo, Ironie und einen melodramatischen Atem.
Die Ergebnisse seines Schaffens sind umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass Desplat kaum Zeit hatte, sich mit den Filmen so auseinander zu setzen, wie es seiner betont intensiven Art entspräche. „Grundsätzlich stößt man als Filmmusiker erst sehr spät zum Projekt. Bei ,Das Mädchen mit dem Perlenohrring‘ oder ,The Queen‘ waren es gerade mal vier Wochen vor der Fertigstellung. Nur manchmal ist man schon in der Drehbuchphase mit dabei. Bei ,Coco Chanel: Der Beginn einer Leidenschaft‘ war ich früh involviert, weil ich den Walzer für den großen Ball komponieren musste, zu dem dann getanzt wurde. Ich bin zur Filmmusik gekommen, weil ich gerne Filme schaue. Szenen zu sehen und sich von ihnen musikalisch inspirieren zu lassen, ist das Schönste, was es gibt. Das Script ist für mich nicht entscheidend. Es ist höchstens das Gerüst. Wichtig ist für mich das Leben, das der Regisseur ins Drehbuch bringt.“
Mit dem Leben kommt die Musik. Desplat ist quasi der Simultanübersetzter, wenn es gilt, Aktion in Emotion zu überführen. Das tut er nicht, wie in Hollywood seit einigen Jahren en vogue, mittels abstrakter Klangcluster, sondern anhand von Melodien. Was ihn weniger zu einem Psychologen macht, wie etwa Howard Shore („Doubt“), Dario Marianelli („Abbitte“), Thomas Newman („Wall*E“) oder Clint Mansell („The Wrestler“), die augenblicklich in den USA die filmmusikalischen Trends setzen. „Meine Musik ist tendenziell eher melodisch. Ich bemühe mich zumindest darum. Sie hat einen Hang zum Lyrischen. Ich meine nicht romantisch, sondern tatsächlich lyrisch. Ich spiele sehr gerne mit repetitiven Mustern, gerne im Ostinato. Das ist freilich kein Muss, sondern eher ein ,Werkzeug‘, das ich gerne für meine Kompositionen benutze. Ich halte das sehr flexibel. Ich mag Kammermusik, Jazz und Bigband-Sounds, aber auch den großen orchestralen Klang. Rhythmisch gesehen, liebe ich südamerikanische Klänge, speziell Salsa, aber auch afrikanische Musik. Schließlich gibt es noch die klassische europäische Musik, die zu komponieren ich gelernt habe“.
Desplat ist also eher ein Ethnologe, der zu wissen scheint, in welchem Takt die Menschen bewegt werden wollen. Das stellt ihn in die Tradition jener Musiker, die aus Frankreich die Musikwelt bewegten. „Es gibt tatsächlich so etwas wie die typisch französische Filmmusik. Nehmen Sie Komponisten wie Georges Delerue, Philippe Sarde oder Maurice Jarre, die für diese Art von Musik stehen. Sie haben ihre Wurzeln im Theater und verfolgen so etwas wie den großen dramaturgischen Bogen. Sie haben kein Interesse an billigen Kommentaren oder Mickey-Mousing, also der direkten musikalischen Übersetzung der Handlung. Sie kreieren eine zusätzliche dramaturgische Dimension. Alle großen Komponisten tun das. Der Sinn von Filmmusik besteht nicht darin, das Gesehene zu doppeln, sondern zu kommentieren. Delerue und Jarre haben diesen Ansatz der französischen Art von Filmmusik eingeimpft. Hier können sich Melodien noch ausleben, die Tempi müssen sich nicht ändern, nur weil die Szenerie wechselt. Sie klebt nicht unmittelbar an den Bildern, sondern wahrt mitunter Distanz; eine Distanz, die den Weg ebnet für das große Ganze, was einen Film ausmacht. Das versuche ich auch zu machen – das ist vielleicht mein musikalischer Stil.“
Weltmusikalische Eskapaden
Desplat ist auf der Suche nach der Melodie keinesfalls festgelegt. So überrascht er immer dann mit weltmusikalischen Eskapaden, wenn man ihn gerade auf den Wohlklang westlicher Orchestermusik festlegen will – etwa in Ang Lees „Gefahr und Begierde“ oder Jacques Audiards „Un prophète“. „Ich habe zwei Schwestern, die mit klassischer Musik aufgewachsen sind, Klavier und so weiter. Als Junge habe ich dagegen rebelliert und Pop und Rock gehört: Rolling Stones, Deep Purple und was so angesagt war in den 1970er-Jahren. Mein Vater war mehr ein Jazz-Fan. Meine Mutter kommt aus Griechenland, daher haben wir viel von dort zu hören bekommen. Das gab eine absurde Mischung aus allen möglichen Stilen. Als ich meinen ersten Plattenspieler hatte, habe ich mir Jazz und brasilianische Musik gekauft. Ich liebe Musik aus Südamerika und spiele sie auch selbst. So habe ich verinnerlicht, dass Filmmusik alles andere ist als ,nur‘ klassisch. Ganz besonderes beeindruckt war ich später von Alex Norths Score zu ,Spartacus‘, der auch viele Stile vereint. Ich liebe seine melodischen Wendungen und Leitthemen. Für mich eine der besten Filmmusiken aller Zeiten! Dann kam meine klassische Phase, als ich Flöte spielen lernte. Schostakowitsch und Prokofjew kamen hinzu, und schließlich landete ich bei John Williams, der es schaffte, mit ,Krieg der Sterne‘ ein junges Publikum mit klassischen Orchesterklängen zu begeistern. Wer hatte von denen denn vor ,Krieg der Sterne‘ klassische Musik zu Hause im Plattenschrank?“
Aktuell ist Desplat in viele Projekte involviert, u.a. Terrence Malicks „Tree of Life“ und Roman Polanskis „Der Ghostwriter“. „Mit ‚Der Ghostwriter‘ ist es schwierig geworden. Seitdem Polanski inhaftiert wurde, habe ich keinen direkten Kontakt mehr zu ihm. Selbst die Produktionsfirma konnte nur wenige Male Kontakt mit ihm aufnehmen und ihm wenigstens eine DVD mit dem Rohschnitt senden, in dem auch mein neuer musikalischer Ansatz verarbeitet wurde. Das ist wirklich schlimm. Er wird wie ein Kriegsgefangener behandelt, fast wie Barbie oder Mengele. Zumindest fühlt er sich so. Das macht ihn natürlich richtig fertig. Glücklicherweise habe ich mit Polanski bereits vor seiner Inhaftierung viel am musikalischen Grundgerüst des Films gearbeitet. Er war mit meinen Ideen einverstanden. Mit dieser Gewissheit kann man entspannter ans Werk gehen. Wir wollen alles tun, damit ‚Der Ghostwriter‘ auch unter diesen Umständen perfekt wird. Wir hoffen, dass es Polanski etwas von der Energie zurück gibt, die er augenblicklich zu verlieren scheint. Die Musik zu ,Der Ghostwriter‘ wird in Richtung Jazz gehen. Sie wird viel mit der Musik zu ,Birth‘ gemein haben. Da gibt es auch wieder ein Trompetenmotiv aus der Ferne: Das ist der Geist von Miles Davis.“
Das komplette Interview mit Alexandre Desplat lesen Sie hier.
Alexandre Desplat auf der „Berlinale“ Roman Polanskis Film „The Ghost Writer“ mit der Musik von Alexandre Desplat wird im Wettbewerb der 60. „Berlinale“ zu sehen sein. Darüber hinaus nimmt Desplat als Mentor der „Score Competition“ am „Berlinale Talent Campus #8“ teil. Die „Score Competition“ bietet drei Nachwuchstalenten die Möglichkeit, ihre Kompositionen zu einem vorgegebenen Kurzfilm gemeinsam mit dem Deutschen Filmorchester Babelsberg einzuspielen und anschließend an der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) „Konrad Wolf“ zu mischen. Die Scores werden während des Campus uraufgeführt, der beste Score wird von einer Jury bestimmt und bei der „Closing Ceremony“ feierlich ausgezeichnet. Zusätzlich zu seiner Mentor-Tätigkeit hält Desplat eine öffentliche Masterclass „Restraining Sounds, Haunting Scores“ (17.2., 17 Uhr, HAU 1), in der er anhand eigener Arbeiten einen Einblick in die Kunst der Filmkomposition gewährt.
Der „Talent Campus #8“ widmet sich dem Thema „Film & Sound“ mit einem breit gefächerten Veranstaltungsangebot; so wurden u.a. der Regisseur Peter Strickland („Katalin Varga“), der Mischtonmeister Martin Steyer („Requiem“, „Ein russischer Sommer“) sowie die Regisseure Max Giwa und Dania Pasquini mit ihrem britischen 3D-Film „StreetDance“ eingeladen. Im Internet: www.berlinale-talentcampus.de |