„Hinter der Cowtown-Straße auf Paramounts Hollywood-Gelände breitet sich ein falscher blauer Himmel aus, unbehelligt von Wind oder Regen oder von der Dunkelheit der Nacht. Dieser Himmel steht nun zum Verkauf, zusammen mit dem Rest des 52 Morgen großen Paramount-Studios. Die Entscheidung, alles zu verkaufen, wurde aus nüchternem Kalkül geboren, als Folge einer massiven Konvulsion, von der die gesamte Filmindustrie erschüttert wurde.“ Es würde kaum verwundern, wären diese Zeilen heute in einer Zeitung oder im Internet zu lesen. Allzu üblich sind Massenverkäufe und Fusionen im gerade zu Ende gegangenen Jahrzehnt geworden. Doch der Text stammt aus einem „Life“-Magazin vom 27. Februar 1970. Stünde das Datum nicht vorn auf dem Titelblatt des Heftes und wäre das Papier, auf dem der groß aufgemachte Artikel gedruckt wurde, nicht reichlich vergilbt, so könnte man kaum glauben, dass diese Zeilen bereits vor 40 Jahren geschrieben wurden. Die Probleme, von denen in dem „Life“-Artikel die Rede ist, klingen wie ein Resümee der wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Hollywood-Studios unserer Tage. Wer es noch nicht wusste, erfährt aus der Lektüre, dass die Studios keineswegs zum ersten Mal im Laufe der Filmgeschichte an einem Punkt angekommen sind, an dem sie ihre Geschäftspraktiken ernsthaft überprüfen müssen. Ihren Stars exorbitante Gagen und Gewinnbeteiligungen zu zahlen, sich auf Remakes und Sequels zu verlassen oder erleben zu müssen, wie teure Filme an den Kinokassen einbrechen und billige Streifen aus dem Niemandsland das Publikum in Scharen anlocken – alles das ist früher schon da gewesen. Zum Beispiel im Februar 1970, vor nunmehr 40 Jahren.
Fehlkalkulationen
Auch damals machten ein paar wenige Filme überall von sich reden, Filme, mit denen das Durchschnittspublikum voreilig die ganze Filmwirtschaft identifizierte, Filme wie „Easy Rider“, „Bonnie and Clyde“, „The Graduate“ und „Butch Cassidy and the Sundance Kid“. Aber auch damals gelang es damit nicht, die Bilanzen der Studios vor einer Talfahrt zu bewahren. Andererseits tauchte ein Regisseur wie Robert Altman auf und landete einen Riesenerfolg mit „M.A.S.H.“, ähnlich wie heute Jason Reitman scheinbar aus dem Nichts kommt oder Filme wie „Slumdog Millionaire“ und „District 9“ das Publikum elektrisieren. Die Studios liefen dem Trend nach, immer mehr Musicals zu produzieren, weil „My Fair Lady“ und „Mary Poppins“ so beliebt waren, doch dann verloren sie eine Menge Geld mit „Dr. Dolittle“ und „Paint Your Wagon“. Das Jahr 1969 beendete Paramount mit Verlusten in Höhe von 22 Mio. Dollar, MGM von 53 Mio., Warner von 59 Mio. und Fox von 67 Mio. Dollar. Und das waren noch solide alte Dollars! Dem über die Jahrzehnte veränderten Wert des Dollars angepasst, müsste man diesen Zahlen heute mindestens eine Null anhängen, um deutlich zu machen, wie ernst die Lage war. „Hollywood ist nicht Fort Knox“, die Golddeponie der USA, resümierte Charles Bluhdorn, der damalige Chief Executive des Mischkonzerns Gulf & Western, der sich gerade das Paramount-Studio einverleibt hatte. Bluhdorn war eine schillernde Figur mit einem Faible für privaten Luxus, aber auch ein hellsichtiger, glänzender Geschäftsmann. Er wurde oft ungeduldig, wenn es ums Filmgeschäft ging, handelte er doch auch mit Zink, Zigarren, Zucker und Autoteilen. „Während wir hier sitzen“, hat er einmal zu einem Reporter gesagt, „habe ich mehr Geld an unseren Zuckergeschäften verdient als Paramount im ganzen Jahr macht.“ Dieses Denken ist gar nicht so weit entfernt von dem, was die Entscheidungsträger von General Electric soeben veranlasst hat, NBC Universal an den Kabelnetzbetreiber Comcast (vgl. fd 01/2010) zu verkaufen. Man macht es sich selten klar, aber die Dinge wiederholen sich – auch in Hollywood.
In dem Artikel des „Life“-Magazins vom Februar 1970 kommt Charles Bluhdorn ausführlich zu Wort. Es lohnt sich, seine Gedanken aus heutiger Perspektive noch einmal zu lesen: „Vom ersten Tag an, als Gulf & Western im Oktober 1966 mit Paramount fusionierte, haben wir das (dort herrschende) System bekämpft, dieses Denken, dass wir in einem Strom von Geld schwimmen. Diese Filme mit riesigen Spektakeln in jeder Szene, diese Gewohnheit, den Stars eine Million Dollar und den Regisseuren 500.000 Dollar zu bezahlen, das ist nichts anderes als Irrsinn. Sehen Sie, für jede Million, die man in der Produktion ausgibt, muss man drei Millionen an der Kasse einnehmen. Und die Wahrscheinlichkeit, dass diese teuren Filme so viel Geld einspielen, ist unglaublich gering. Man kann kein Auto für 10.000 Dollar herstellen und es dann für 2.000 verkaufen. Aber die Filmindustrie beharrt auf dem Glauben, dass sie genau das eine Auto bauen wird, das 30.000 Dollar einbringt. Auf irgendeine Weise, wie durch Magie, wollen sie das mit Werbung durchboxen.“ Wohl wahr, wenn man sich vergegenwärtigt, wie viele Flops auch heutzutage auf jeden „Harry Potter“ kommen und wie aufgeblasen die Marketing-Budgets sind. Wenig scheint sich am Denken der Studio-Bosse seit 1970 geändert zu haben.
Zukunftsvisionen
Lesen wir weiter, was Bluhdorn dem „Life“-Reporter zu sagen hatte: „Da kriegt man von diesen großen Stars ein Dokument voller Konditionen, wie viele Stunden sie arbeiten werden, an wie viel Tagen in der Woche, was sie tun werden und was nicht. Es sieht aus wie die Unabhängigkeitserklärung. Also, wer braucht sie eigentlich, die Stars? Bei den jungen Kinogängern von heute verkaufen Namen ohnehin keinen Film mehr. Ein tolles Script und ein hingebungsvoller Regisseur – die machen den Unterschied. Franco Zeffirelli. Wir haben ihn gefragt, was er machen möchte. Nun, er hat „Romeo and Juliet“ für 1,8 Millionen Dollar gemacht. Selbst hat er nur eine prozentuale Beteiligung genommen. Der Film hat über 20 Millionen eingespielt. Robert Redford. „Downhill Racer“ kostete zwei Millionen Dollar. Redford hat nahezu nichts im Voraus bekommen. Wir waren Partner. Alain Delon, Frankreichs Star Nummer eins. Brigitte Bardot. Alles die gleichen Deals. Und wenn Leute wie diese von den großen Studios einmal nicht wie Marionetten behandelt werden, dann erwachen sie zum Leben. Wie Sklaven arbeiten sie für sich selbst. Gegenseitiges Vertrauen. Das ist total unbekannt in einer Industrie, wo jeder nur wissen will, wie viele Wochen er arbeiten muss und wie viel Geld er im Voraus bekommt.“ Die Executives von heute könnten eine Menge lernen, würden sie häufiger in alten Zeitschriften blättern!
Bluhdorn war auch ein Mann, der in die Zukunft sah. Und er sah sie richtig: „Filme auf Kassetten zum Ansehen im eigenen Heim werden einen riesigen Markt öffnen. Satelliten werden eines Tages neue Filme in Millionen von Haushalten befördern. Das ist eine große Herausforderung. Das Gebiet der Freizeitunterhaltung hat eine enorme Zukunft. Für alle, die bereit sind, aus der Vergangenheit zu lernen, werden nie da gewesene Gelegenheiten entstehen.“ Die Gelegenheiten sind längst Wirklichkeit geworden. Sogar in einem Maß, das Charles Bluhdorn damals nicht ahnen konnte. Denken wir nur ans Internet. Aber gelernt haben die Hollywood-Studios wenig. Die Mentalität hat sich nicht geändert. Mit vollem Recht beklagt die „Los Angeles Times“, dass die Studiochefs Erbsenzähler seien, denen die Vision fehle. Wenn man Charles Bluhdorn liest, glaubt man oft genug, die Bosse von Time Warner und News Corporation seien gemeint oder die auf Franchises so ungeheuer versessenen Executives von Sony und Warner Brothers. Sie machen weiter wie eh und je, nur mit immer größeren Budgets. Bis sich eines Tages jemand in eine Produktion wie „Cleopatra“ verrennt, die trotz der größten Stars seiner Zeit beinahe ein ganzes Studio ruinierte. |