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Die Zeit arbeitetthema: 60. berlinale 2010
Gespräch mit dem iranischen Regisseur Rafi PittsDruckversion
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Mit „Zeit des Zorns“ (Wettbewerb, dt. Kinostart: 8.4.) wirft der 1967 geborene iranische Regisseur Rafi Pitts einen Blick auf den diktatorischen Staat, geht direkt und radikal die Themen Unterdrückung, Gewalt und Gegengewalt an. Der Racheakt eines Mannes nach dem Tod von Frau und Kind durch Polizeikugeln bei einer Demonstration wird zum politischen Statement, zum Manifest der Verzweiflung, zur Befreiung aus individueller Ohnmacht. Pitts, der trotz Zensurbehörde sein Drama realisierte, hofft auf Reformen.

Was für ein Mensch ist Ihr Protagonist, der aus Rache für den Tod seiner Liebsten zwei Polizisten erschießt?

Pitts: Er steht für all jene, die Repressionen des Machtapparats satt haben und trotz Gefahr für Leib und Leben Fragen stellen, auf die sie noch keine Antwort bekommen. Sie sind ungeduldig und wollen nicht auf Änderung warten, sie handeln. Durch den Verlust seiner Familie dreht er durch, nimmt das Recht in seine Hand. Ein Verlorener zwischen den Fronten in der Zeit des Zorns.

Wie war es möglich, den Film in Ihrem Land zu drehen?

Pitts: Zwei Jahre vor den Demonstrationen haben wir das Projekt bei der Zensurbehörde eingereicht, gedreht haben wir während des Präsidentenwahlkampfs. Ich bin immer noch überrascht, dass wir die Zustände quasi antizipiert haben. Es war etwas knifflig, aber das Drehbuch passierte die Zensur. Ich will, dass meine Filme gesehen werden, deshalb halte ich mich an bestimmte Regeln, auch wenn die Wirklichkeit ein Albtraum ist. Aber ich bin nützlicher in Teheran als woanders.

Viele Ihrer Kollegen arbeiten im Untergrund.

Pitts: Wir kennen uns untereinander. Wenn mir jemand meine Filme verbieten würde, würde ich auch in den Untergrund gehen, vielen bleibt keine andere Wahl. Aber ich will den Finger auf die Wunde legen und mit meinem Film ins Kino, Diskussionen auslösen, nicht in einem Mikrokosmos arbeiten, in dem alle einer Meinung sind und ihr Werk nur unter Gleichgesinnten zirkuliert.

Welche Chancen hat „Zeit des Zorns“, in iranischen Kinos zu laufen?

Pitts: Unser Beurteilungssystem besteht aus drei Kategorien: Wer von der Zensurbehörde ein A erhält, kriegt Förderung, bei B gibt es weniger und bei C gar kein Geld. Ich gehörte leider zu C. Beim Kinostart läuft es ähnlich. Wenn die Zensoren den fertigen Film mögen, gibt es zur Belohnung ein A, das heißt, er darf im ganzen Land starten, bei einem B reduziert sich die Zahl der Leinwände rapide, und C bedeutet, der Film läuft nur in einem Kino. Wahrscheinlich falle ich wieder in die C-Kategorie. Aber Hauptsache, ich darf zum Publikum. Ich hoffe, die Regierenden sind nicht zu nervös.

Wie können Sie als Künstler überhaupt in Teheran leben?

Pitts: Man darf sich nicht unterkriegen lassen, niemand wird mich ins Gefängnis stecken. Das Wichtigste: Ich muss mir der Situation bewusst sein, darf aber keine Angst empfinden. Wenn ich Angst spüre, bin ich dem Spiel der Machthaber ausgeliefert.

Dennoch gibt es viele kreative Kräfte in ihrem Land. Die Antwort auf den Druck von oben?

Pitts: Druck braucht ein Ventil, um die Gefühle heraus zu lassen. Wer verzweifelt ist, entwickelt eine unheimliche Kreativität und Kraft. Wer es bequem hat, spürt nicht diesen Hunger, sich auszudrücken und mitzuteilen. Eine menschliche Reaktion, nicht nur im Iran. Das Private wird automatisch politisch.

Wie schätzen Sie zukünftige Entwicklungen ein?

Pitts: Die Zeit arbeitet für die Reformer. 70 Prozent der Bevölkerung sind unter 30, die kann man nicht ständig disziplinieren und klein halten, sie wollen eine Zukunft. Ich gehöre zu den restlichen 30 Prozent, habe die Revolution erlebt und den Krieg mit dem Irak. Die Jungen kennen beides nicht. Ein möglicher Konflikt zwischen beiden Gruppen kann nur durch gegenseitige Akzeptanz vermieden werden.

Warum soll man Wahlfälscher akzeptieren?

Pitts: Wir dürfen nicht in Schwarz-Weiß-Malerei verfallen, sondern sollten die verschiedenen Strömungen zusammen bringen. Viele alte und arme Leute haben Ahmadinedschad gewählt. Wir brauchen eine Reform und keine Revolution. In zwei oder drei Jahren ist die Zeit dafür reif. Mussawi und Chatami sind die richtigen Personen. Als Ex-Premierminister kennt Mussawi das System und die verschiedenen Gruppen. Ein sehr bewusster und überlegter Politiker. Die meisten Politiker kümmern sich nicht darum, was die Menschen denken. Die jungen Leute machen sich gegen alle Widerstände ihr eigenes Bild. Auch wenn einige Bereiche im Internet nicht zugänglich sind, sie finden Mittel und Wege, an Informationen zu kommen. Der Westen sollte sich keine falschen Hoffnungen machen: Der Iran ist ein islamisches Land und wird es bleiben. Schlimm ist nur, dass der Islam die Politik bestimmt. Man sollte Religion und Politik nicht mischen. Genau da sollte die Reform ansetzen.

Wie steht es derzeit mit der Filmindustrie?

Pitts: Wir haben Filmförderung, natürlich nur für die der Regierung genehmen Filme. Der Arthouse-Sektor oder der Neorealismus werden nicht unterstützt. Die Situation spitzt sich zu, vor kurzem äußerte der Kulturminister gar, es sollten nur Filme produziert werden, die mindestens acht Mio. Zuschauer erreichen. Im Ausland ist nur ein kleines Segment unseres Filmschaffens bekannt, das vermittelt einen falschen Eindruck. Bei 80 Filmen pro Jahr gehören nur fünf zum Neorealismus. Ich versuche, einen Weg zwischen Formalismus und Neorealismus zu finden. Das Spektrum ist breit gefächert, wir haben viele Propagandafilme und Kriegsfilme über den bewaffneten Konflikt zwischen Iran und Irak, Horrorfilme und viele Filme, die sich dem Formalismus verschreiben. Die bekannten Regisseure drehen aber keine Filme über die reale Situation.

Liebt das iranische Publikum diese Filme?

Pitts: Es hat ja keine andere Wahl. Unsere Filmemacher stehen mit niemandem in Konkurrenz. Nur ein einziges Kino im Kulturzentrum zeigt ausländische Filme.
Margret Köhler
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