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Es liegt in der Familieporträt
Der Filmemacher Wes AndersonDruckversion
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Mancher greift ins heimische Bücherregal wie in einen Schrein nostalgischer Erinnerungen. Jede Seite steht für einen nie zu Ende geträumten Traum, und jedes Eselsohr ist ein Wink, in vergangene Zeiten zurückzukehren. Gerne stellt man sich Wes Anderson in dieser Genre-Szene vor, die sehr schön in seine Tragikomödie „Die Royal Tenenbaums“ (2001) gepasst hätte. Andersons dritter Film ist die Adaption eines nicht existierenden Romans, eine Familiengeschichte, die mit drei hochbegabten Kindern – einem Finanzgenie, einer Schriftstellerin, einem Tennisspieler – beginnt und „nach zwei Dekaden des Versagens, des Betrugs und der Desaster“ in der Gegenwart eines verzagten Manhattans ankommt. Anderson blättert die jeweils mit einer eigenen Vignette verzierten Kapitel seines Films wie Seiten eines Familienbandes auf und beschwört damit genau jene entrückte Stimmung, in der die Grenze zwischen Erlebtem und Gelesenem verwischt.Die Rückkehr in die Zeit der Kindheit ist Andersons bevorzugte Fantasie, der er in „Die Royal Tenenbaums“ gleich doppelt nachkommt. Zum einen stand mit J.D. Salingers „Glass Family“-Geschichten die Lektüre seiner eigenen Jugend für das Drehbuch Pate, zum anderen bildet dieses Motiv das Generalthema des Films. In der Reihenfolge ihrer Geburt kehren die Tenenbaum-Kinder Chas, Richie und die adoptierte Margot in das elterliche Anwesen zurück, das den einstigen Junggenies eine vergangene Größe vorgaukelt, die es möglicherweise nie gab. Komplettiert wird die Familienzusammenkunft durch die Heimkehr des verlorenen Hausvorstands, Royal Tenenbaum, der Frau und Kinder in jungen Jahren verlassen hat und sich nun, da seine Ehefrau Etheline erneut zu heiraten gedenkt, als angeblich Todkranker wieder Einlass in Herzen und Haus erschleicht. Mit ihm ziehen Erinnerungen an väterliche Zurückweisungen und andere Kränkungen in die unverändert gebliebenen Kinderzimmer ein, und als der Schwindel auffliegt, färbt sich die unter den Sprösslingen grassierende Depression so schwarz wie die Augenhöhlen von Gwyneth Paltrow.

Brüchige Familienstrukturen

Nun wäre Anderson nicht ein Meister im Entwirren vertrackter Beziehungsknäuel, würde er die geeignete Arznei für so viel Weltschmerz nicht gleich mitliefern. Hatte er sich in „Rushmore“ (2000) noch mit dem Wettstreit zweier exzentrischer Nebenbuhler begnügt, so gießt er in „The Royal Tennenbaums“ ein ganzes Füllhorn skurriler Charaktere über die Leinwand aus. Jede Figur kompensiert erlittene Verletzungen mit sanften Ticks, die ihr wie ein Markenzeichen anhängen und alles halb so aussichtslos erscheinen lassen. Ins Licht charmanter Schrulligkeit getaucht, wirken selbst die Manöver des Patriarchen wie Vorboten einer späten Wiedergutmachung. Man könnte sagen, Wes Anderson sei als Filmemacher ein Familienmensch, und träfe es doch nur halb. Das Thema Familie zieht sich in vielen Schattierungen durch sein Werk und prägt auch Andersons Arbeitsweise. Besonders auffällig sind die verlässlich unzuverlässigen Vaterfiguren wie Royal Tenenbaum, Steve Zissou (aus „Die Tiefseetaucher“) oder Herman Blume (aus „Rushmore“), der brüchige Zusammenhalt der – wie in Andersons eigener Familie – meist im Trio auftretenden Geschwister („The Darjeeling Limited“ bildet den Anderson-Clan am deutlichsten ab), die unüberschaubare Vielzahl autobiografischer Bezüge und nicht zuletzt die heilsame Flucht in die Exzentrik. Stil ist bei Anderson nicht nur eine ästhetische Kategorie, sondern eine Einstellung zum Leben, die letzteres erst erträglich macht. Andersons persönliche Familiengeschichte liest sich nicht einmal sonderlich dramatisch: Er wuchs als Sohn eines erfolgreichen Werbefachmanns und einer Archäologin mit zwei Brüdern in Houston, Texas auf, besuchte eine nahe gelegene Privatschule und studierte im selben Staat Philosophie. An der Universität von Austin lernte er Owen Wilson kennen und bildete mit ihm ein langlebiges Autoren-Duo. Gemeinsam schrieben sie die Drehbücher zu „Durchgeknallt“ (1996), „Rushmore“ und „The Royal Tenenbaums“, und in fünf von bislang sechs Anderson-Filmen ist Wilson zudem als Darsteller zu sehen. Auch sonst bevorzugt Anderson ein quasi-familiäres Arbeitsumfeld: er greift immer wieder auf bewährte Kräfte zurück. Mit dem Kameramann Robert D. Yeoman arbeitet er seit „Durchgeknallt“ zusammen, mit dem Produzenten Scott Rudin seit „The Royal Tenenbaums“ und mit seinem neuem Drehbuchpartner Noah Baumbach seit „Die Tiefseetaucher“ (2004). Am augenfälligsten zeigt sich seine Treue jedoch an der „Wes’s Gang“, einer Gruppe von Darstellern, die er mit Vorliebe besetzt und zu der neben Owen Wilson so bekannte Namen wie Bill Murray, Jason Schwartzman, Anjelica Huston und Seymour Cassel gehören.

Vertreibung aus dem Paradies

Selbst wo Andersons Filme nicht direkt familiäre Themen aufgreifen, gehen sie doch auf persönliche Bildungserlebnisse zurück. So erzählt „Durchgeknallt“ in abgewandelter Form von der Freundschaft seiner Autoren, „Die Tiefseetaucher“ macht keinen Hehl aus Andersons jugendlicher Bewunderung für Jacques Cousteau, und der Animationsfilm „Der fantastische Mr. Fox“ (Kritik in dieser Ausgabe) beruht auf dem gleichnamigen Kinderbuch von Roald Dahl. Es wundert deshalb auch nicht, dass Anderson neben Hal Ashby und Mike Nichols auch Charles M. Schulz’ Cartoon-Serie „Die Peanuts“ als wesentlichen Einfluss auf seine Filme nennt. In seinem Schlüsselwerk „Rushmore“ treibt er die autobiografischen Bezüge auf die Spitze, indem er die Dreharbeiten an seiner einstigen Schule stattfinden lässt. Diese einzigartige Schulkomödie ist das Dokument einer doppelten Wunscherfüllung: Andersons jugendliches Alter Ego arbeitet hart daran, ein Künstler von jenem wunderlichen Schlag zu werden, der später Filme wie „Rushmore“ dreht, und Anderson darf noch einmal tun, was ihm scheinbar das Schönste war: die Schulbank drücken. „Ich glaube, man muss etwas finden, was man liebt“, lässt er Max Fischer dem verdutzten Rektor erklären, „und dann den Rest seines Lebens daran festhalten. Für mich ist dies, Rushmore zu besuchen.“ Im Grunde handelt sein Film von der Vertreibung aus dem Paradies, aber es ist eine Vertreibung, die schnurstracks in die Traumfabrik und von dort zurück zum Anfang führt. Max Fischer ist das, was man als Pippi Langstrumpf mit Snob-Appeal bezeichnen könnte. Hinter den tadellosen Umgangsformen, dem mit Monogramm verzierten Schulanzug und der ins Charmante ausufernden Schrulligkeit steckt ein junger Mann, der sich die Welt erschafft, ganz wie sie ihm gefällt. Ähnliches lässt sich auch über den mittlerweile 40-jährigen, stets makellos gekleideten Anderson und seine Filme sagen. Es gibt wenige Filmemacher, die in ihrer Arbeit derart selbstbezüglich sind, und wohl keinen, der seine Marotten vergleichbar detailverliebt in Szene setzt. Als Blaupause können hier die Re-Enactments berühmter Filme dienen, die Max Fischer in der Schulaula zur Aufführung bringt. Was ihnen an Illusionskraft fehlt, macht das ironische, weil ungemein ausgefeilte Bekenntnis zum Dilettantismus wieder wett. Der größte Teil der Stilisierung geht dabei auf das Konto von Dialogwitz und Figurenzeichnung, doch auch als Regisseur ist Andersons Handschrift deutlich zu erkennen. In „Rushmore“ arrangiert er die Einstellungen aufreizend symmetrisch und verbindet unzusammenhängende Ereignisse durch aufwändige Kamerafahrten; der sofort durchschaubare Kameratrick, bei dem eine Schülerin im ferngesteuerten Miniaturflugzeug zu sitzen scheint, findet später in „Die Tiefseetaucher“ ein schönes Echo. Hier werden Meereswesen von Gastregisseur Henry Selick im Stop-Motion-Verfahren animiert. An einer anderen Stelle der fiktiven Abenteurer-Biografie fährt die Kamera am seitlich aufgeschnittenen Schiff des Helden vorbei wie an einer Puppenstube.

Seine Erfüllung findet diese angedeutete Form des Trickfilms in „Der fantastische Mr. Fox“. Anderson greift hier wiederum auf das „veraltete“ Stop-Motion-Verfahren zurück, bei dem Puppen und Gegenstände Bild für Bild bewegt werden. Mit Animateur Mark Gustafson, Kameramann Tristan Oliver und Ausstatter Nelson Lowry holte er erfahrene Trickfilmer an Bord und belebt mit ihrer Hilfe eine absichtlich unvollkommene und gerade deswegen um so poetischere Welt der Tiere. Schon nach wenigen Minuten weiß man, warum Anderson Roald Dahls Kinderbuch unbedingt verfilmen wollte: Er hat in Mr. Fox einen nahen Verwandten jener zugleich unwiderstehlichen und notorisch unzuverlässigen Vaterfiguren entdeckt, die man aus seinen übrigen Filmen kennt. Wie Royal Tenenbaum kann auch der Titelheld nicht aus seiner Haut und stürzt damit Familie und Freunde vorübergehend ins Unglück. Weil sich das bei einem Fuchs aber von selbst versteht, verkörpert der fantastische Mr. Fox Andersons Idee vom komödiantischen Familienoberhaupt in Reinkultur.
Michael Kohler
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