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Humorvolle Grausamkeitenkurzfilm
Daniel Nocke, Deutschlands vielseitigster AnimationsfilmerDruckversion
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Die Rottweiler-Hündin sitzt im Restaurant vor einem Glas Rotwein und kämpft mit den Tränen. „Deine zwölf besten Jahre sind vorbei. Du bist erledigt, aber für mich beginnt meine beste Zeit – mit dem Pudel“. Das muss sich die nicht mehr ganz so junge Hundedame aus besseren Kreisen anhören. Sie bemüht sich, ob der verbalen Grausamkeiten nicht die Fassung zu verlieren. Aber als ihr Gegenüber noch etwas von Respekt und Dank faselt, kennt sie kein Halten mehr: ein Schmerzenskiekser – und vom ach so coolen Dackel bleiben nur noch die Brille, ein bisschen Blut und ein abgebissenes Schwänzchen übrig. Diese humorvoll-brutale Trennung in dreieinhalb Minuten hat sich Daniel Nocke ausgedacht. „12 Jahre“ war bei der diesjährigen „Berlinale“ im Kurzfilmwettbewerb zu sehen, ist nun im Verleih, läuft auf Festivals und YouTube und sorgt überall für Heiterkeit. Das liegt nicht zuletzt an den originellen Figuren, dem neben knappen Dialogen und emotionalen Blicken dritten Markenzeichen der ungewöhnlichen Kurzfilme des 41-jährigen Hamburgers.

Der Kurzfilm ist noch ökonomischer erzählt als Nockes „Kein Platz für Gerold“ (2006), wo vier Tiere am Küchentisch einer Wohngemeinschaft um den heißen Brei herumreden. Gerold, das Krokodil, ist mal wieder zu spät dran. Nilpferd, Nashorn und die Gnu-Frau reden ihm ins Gewissen, bis Gerold entnervt davonläuft – und sich dann herausstellt, dass es eigentlich nicht um ihn ging, sondern um die hübsche Gnu-Frau und männliche Eifersüchteleien. Die klassische WG-Situation mit den Tieren in T-Shirts lebt davon, dass Sprache und Aussehen der Figuren nicht zusammenpassen, auch nicht die Tiergattungen, und alles ins absurd-groteske abgleitet, ohne die Realität zu verlassen. Nocke hat darin auch eigene Erfahrungen aus seiner Studienzeit an der Filmakademie in Ludwigsburg (1994–1999) verarbeitet: „Das Studentenwohnheim war ein Flur mit lauter Einzelzimmern, als WG gestaltet.“

Nach Ludwigsburg ging Nocke, weil man dort sowohl Drehbuch als auch Animation studieren kann. „Die Gemeinsamkeit zwischen beidem ist, dass man für sich arbeitet und Zeit hat, Dinge am Schreibtisch zu entwerfen“, sagt der mehrfache Grimme-Preisträger. Ungewöhnlich ist allerdings nicht nur diese Kombination. Nocke dreht auch Kurzfilme in unterschiedlichen Techniken, was nur wenige tun. Während die beiden jüngsten Kurzfilme am Computer entstanden, waren „Der moderne Zyklop“ (2002), „Die Trösterkrise“ (1999) und „Der Peitschenmeister“ (1998) Knettrickfilme und „Die Fischerswitwe“ (1996) und „Ach Kinder“ (1994) sogar handgezeichnete Filme. Nocke wählt die Tricktechnik danach aus, was am besten zur Geschichte und zu den Figuren passt. Pragmatische Überlegungen spielen dabei ebenfalls eine Rolle: „An der Filmakademie hätte ich nie ein einstündiges Buch als Animation verfilmen können. Mit einem Knetanimationsfilm war das aber möglich“. Der 58-minütige „Der Peitschenmeister“ ist eine Satire, die eine Fülle von Genres und Zeiten in sich vereint. Die Knetfiguren sind nicht rau, nur ein bisschen zerklüftet und trotzdem anheimelnd. Der Protagonist, Peitschenmeister Carlos, bestraft Arbeiter und Sklaven, die nicht das tun, was man von ihnen verlangt. Über sich und seine brutale Arbeit spricht er mit so ungewohnt warmer Stimme, dass man seine Zweifel an dieser Arbeit und dem totalitären Staat bald zu ahnen beginnt. Was anfangs wie Mittelalter aussieht, geht bald in die Revolutionsjahre über, wenn die Sklaven einen lange geplanten Aufstand wagen. Carlos flieht mit der schönen Tochter des Fürsten, in die er sich verliebt hat. Derweil springen die Sklaven mit ihren einstigen Herren weitaus skrupelloser um, als es der Auspeitscher jemals mit ihnen tat. Hinzu kommen philosophische Dialoge über den Sinn und das Fortschreiten der Revolution, die ihre eigenen Kinder frisst. Düstere Szenen im Kerker wechseln mit freundlichen Szenen ab, nach einer Weile wirkt alles immer putziger und absurder. Nocke betrachtet den aufwändigen Film als Mischung aus „Abenteuerfilm und Sandalenfilm. Am Anfang des Films stand die Idee, dass ein ambitionierter Auspeitscher bei der Familie seines Lehrlings zu Gast ist und dort Rede und Antwort stehen soll, was zu einem unangenehmen Gespräch zwischen einem Fachmann und Laien führt.“ Daraus entwickelt sich ein schwarzhumoriger Rundumschlag durch diverse politische Systeme und Handlungsmechanismen.

Ein Verwandter des Peitschenmeisters ist „Der moderne Zyklop“. Anstatt dem Klischees aus der Mythologie zu folgen und den Touristen auf der Insel das Monstrum zu geben, dem sie das Auge ausstechen dürfen, hat er sich ein Theaterstück ausgedacht und spielt dies auch recht gut. Doch das wollen die Touristen nicht sehen – bis auf eine Frau, die sich in das sensible Wesen verliebt. Nocke hat nichts dagegen, wenn man seine Filme als Gesellschaftssatiren interpretiert. „Ich habe den ,Peitschenmeister‘ allerdings nicht gemacht, um etwas über die Gesellschaft zu erzählen, und auch den ,Zyklopen‘ nicht; vielmehr interessieren mich die Figuren und Situationen“. Diese haben aber immer Bezüge zur realen Welt, wie die Behinderte im Rollstuhl und ihre Betreuer, die es gut meinen, aber keine Beziehung zu ihren Schützlingen haben und deshalb recht brutal mit ihnen umgehen. Sie bevölkern als raue Knetmännchen den Kurzfilm „Die Trösterkrise“, in dem man zunächst über die Betreuer und die flotten Rollstuhlmänner schmunzeln, vor allem wenn sie als Gruppe choreografiert umher sausen; doch spätestens, wenn sie in einen Abgrund fallen, schreckt man hoch. Wie schnell Menschen ins Unglück stürzen können, zeigte Nocke schon in „Die Fischerwitwe“ (1996). Aus lauter Gutmütigkeit und Nächstenliebe erträgt ein Mann den nächtlichen Klagegesang der Fischerwitwe, die ihn erst um den Schlaf bringt, dann um den Job, und ihn letztlich in den Selbstmord treibt. Wäre in diesem Schwarz-Weiß-Film nicht alles so freundlich fließend (von Hand) gezeichnet, wäre die Wirkung eine andere. Ohne den einlullenden Gesang und die vornehme, leicht nasale Stimme von Nocke als Erzähler wäre dieses Werk kaum zum Festival-Hit geworden.

In Nockes Filmen stimmt einfach alles. Vieles verdankt er der Ausbildung in Ludwigsburg. Das wirkungsvolle Einsetzen der eigenen Stimme als Off-Erzähler und Kommentator machte ihm sein Lehrer Jochen Kuhn vor, selbst ein meisterhafter Kurzfilmer, der seine Filme selbst „spricht“. Wie bei Kuhn haben die Bewegungen von Nockes Figuren zugleich etwas Fließendes und Statisches. In Ludwigsburg hat Nocke außerdem seine wichtigsten Mitstreiter gefunden, mit denen er bis heute zusammenarbeitet: David Schultz (Kamera) und Stefan Krohmer. Er ist es, der Nockes Drehbücher für die Spielfilme als Regisseur umsetzt. Denn von Kurzfilmen kann man nicht leben, wenn man nicht gerade Werbefilme oder Clips dreht – was Nocke nicht tut. Er schrieb schon das Drehbuch für Krohmers Abschlussfilm „Barracuda Dancing“ (1999), aber auch für „Ende der Saison“ (2001), „Die Erpressung“ (2001) und „Sie haben Knut“ (2003). Darin trat Nocke auch als einer der Männer in der Berghütte auf, die philosophieren, sich streiten und auf die Nerven gehen, was wie ein Vorläufer zu „Kein Platz für Gerold“ wirkt. Auch für Krohmers „Familienkreise“ (2003), „Scheidungsopfer Mann“ (2004), „Ein toter Bruder“ (2005), „Sommer ’04“(2006), „Mitte 30“ (2007) und den Fernsehfilm „Dutschke“ verfasste Nocke die Bücher. Nockes Weg führte von ersten Filmen auf Super 8 bis zur Digitalwelt. Dabei hebt er das Hamburger Kurzfilmfestival hervor, das mit dem Wettbewerb „Flotter Dreier“ (Drei-Minuten-Filme zu einem vorgegebenen Thema) eine gute Schule war. Dort präsentierte Nocke seine Knetanimation „Die kleine Hintertür“ (1995), aber auch „Schnee von gestern“ (1999) mit Eva Sütterlin, der an einem einzigen Tag am Computer konzipiert wurde. Bei „12 Jahre“ und „Kein Platz für Gerold“ agierte Nocke wie ein Realfilm-Regisseur. Er dirigiert seine Animatoren, die am Computer sitzen: „Ich spiele ihnen vor, was ich will und erkläre, wie ich mir die Stimmung vorstelle, den Gesichtsdruck und andere Dinge.“ Die Animatoren machen dann Vorschläge, Nocke sieht sie sich an und korrigiert Formen, Farben, Abstände und Raumwirkung, bis alles stimmt. „Damit wären wir wieder beim Teamwork“, meint er lachend. „Obwohl ich ursprünglich doch Kurzfilme gemacht habe, weil man in Ruhe gelassen wird und nicht wie beim Spielfilm die ganze Zeit mit vielen Menschen am Set zu tun hat, auf die man ständig warten muss“.
Andrea Dittgen
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