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Explosives Materialgeschichte
Sensationelle Funde aus der Frühzeit des amerikanischen KinosDruckversion
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„Ist der Polizist der, von dem ich denke, dass er es ist?“ Auf einem Antikmarkt im amerikanischen Michigan hatte der Stummfilmfreund Paul Gierucki eine 16mm-Rolle mit dem Titel „A Thief Catcher“ erstanden. Als er nach Wochen endlich dazu kam, seinen Schatz zu sichten, stach ihm der Mann mit dem typischen Schnauzbart sofort ins Auge. Zweifellos war dies eine als verloren geltende Komödie aus dem Keystone-Studio von 1914. Ebendort hatte Charlie Chaplin damals seine rasante Filmkarriere begonnen. Aber konnte er das wirklich sein? Schnell hatte Gierucki ein Filmbild nebst obiger Frage an seinen Sammlerkollegen Richard Roberts gemailt, doch der war erst mal vorsichtig: „Das kann man immer erst sagen, wenn man sieht, wie er sich bewegt.“ So schwer sind gute Expertisen. Ebenso wenig, wie sich ein unbekannter Mozart in einem einzelnen Takt zu erkennen gibt, offenbart ein Standbild schon Chaplins Genie. „Doch sobald man ihn in Bewegung gesehen hat“, bestätigte der Filmhistoriker Scott Eyman, „gibt es gar keinen Zweifel. Auf ein sehr vertrautes Wackeln mit dem Hinterteil folgt ein sehr vertrautes Schulterzucken.“ Auch wenn es nur eine Nebenrolle von zwei Minuten auf der Leinwand darstellt, dürfte sich die Chaplin-Forschung freuen. Man kann den Fund zwar nicht gleich wie Eyman mit einem „unbekannten Streichquartett Beethovens“ vergleichen. Aber es dürfte der erste oder zweite Film überhaupt sein, in dem sich Chaplin mit einem Schnurrbart zeigte. Da sich der Brite hier auch im Kostüm der „Keystone Cops“ bereits unverkennbar in seinem späteren Rollenbild präsentiert, könnte eine Legende ins Wanken geraten: denn der Komiker hatte immer gerne beschrieben, wie er bei einem Besuch im Kostümfundus spontan seine Filmpersona erfunden habe, die ihm Hut und Stöckchen gleichsam ins Ohr flüsterten. Stolz kündigt Entdecker Gierucki die feierliche Wiederaufführung für den 17. Juli an – als Attraktion des kleinen Stummfilmfestivals „Slapsticon“ im US-Bundesstaat Virginia. Die Kurzfilme mit Mack Sennetts lustiger Polizistentruppe, den Keystone Cops, enttäuschen selten. Hier spielt neben dem späteren Helden der „Fuzzy“-Western Al St. John ein anderer berühmter Schnauzbart die Hauptrolle: Chaplins langjähriger Partner Mack Swain („Goldrausch“). Chaplins Leinwandzeit beträgt etwa zwei Minuten, doch die sollen ausgesprochen lustig sein. Es ist selten, dass Sammler tatsächlich auf Flohmärkten für ihre Passion belohnt werden. Für gewöhnlich werden Stummfilm-Funde in den Lagern professioneller Filmarchive gemacht, wie die „Metropolis“-Langfassung aus Buenos Aires. Oder jüngst John Fords wichtiges Schauspielerdrama „Upstream“ von 1927. Entstanden unter dem Einfluss Friedrich Wilhelm Murnaus, der zur selben Zeit bei der Fox unter Vertrag stand und mit seiner Arbeit an „Sunrise“ alle Arbeitsbereiche des Studios inspirierte, führt der Film nach London. Ein junger, mit übergroßem Ego gesegneter Vaudeville-Schauspieler (Earle Foxe) freut sich über das Angebot, in einem großen West-End-Theater den Hamlet zu geben. In seinem Wohnheim für Schauspieler findet er in einem einstmals berühmten Shakespeare-Schauspieler den idealen Privatlehrer. Leider verschweigt er dessen Leistung und muss teuer dafür bezahlen. Als man ihn zu einer Party einlädt, glaubt er, sie werde ihm zu Ehren gegeben. Tatsächlich aber ist es die Hochzeitsfeier des Mädchens, das er verehrt: Die hübsche Messerwerferin (Nancy Nash) hat offensichtlich einen Besseren gefunden. Standbilder aus der neu gefundenen Filmkopie zeugen von einer reichen Virage (Einfärbung), welche die vorzügliche Ausleuchtung des Kameramanns Charles G. Clarke noch hervorhebt: Eine Bühnenszene, aufgenommen gegen das strahlende Rampenlicht, erinnert in ihrer grünen Einfärbung an die piktoralistischen Photogravüren der Zeitschrift Camera Work.

Nicht weniger als 75 amerikanische Stummfilme haben in Neuseeland überlebt, weil der Rücktransport in die USA seinerzeit zu kostspielig erschien. Jetzt werden die sonst gar nicht oder nur bruchstückhaft erhaltenen Funde doch noch in ihre Heimat überführt. Verteilt auf die fünf großen amerikanischen Filmarchive, wo man in Speziallabors den entflammbaren Nitratfilm reinigt und umkopiert. 500.000 Dollar wurden dafür gesammelt. Wie viele andere Filmarchive gab auch das New Zealand Film Archive der Beschäftigung mit ausländischen Filmen in der eigenen Sammlung nicht die höchste Priorität. Im vergangenen Jahr aber lud man Brian Meacham ins Haus ein, einen Archivar der Academy of Motion Picture Arts and Sciences in Los Angeles. Er interessierte sich sofort für den Bestand an US-Produktionen, worauf hin ein Inventar angefertigt wurde. Ein Expertengremium entschied schließlich, welche Filme für eine Restaurierung ausgewählt und in Spezialboxen für explosives Material in die USA ausgeflogen werden sollten. Richard Abel, Filmhistoriker in Michigan, der zu diesem Gremium gehörte, freute sich besonders über den reichen Bestand an Filmen, die den Beitrag von Frauen am frühen Kino bezeugen. Er plädierte entschieden für „The Active Life of Dolly of the Dailies“, einen der wenigen erhaltenen Auftritte von Mary Fuller. Leider ist es nur Episode 5 eines ansonsten gänzlich verschollenen zehnteiligen Serials um eine Reporterin und Hobby-Detektivin aus dem Jahr 1914. Weibliche Protagonistinnen in Actionfilmen gab es nicht nur im Umfeld von Louis Feuillade und seinen „Vampiren“: Als Dolly Desmond erobert sich Mary Fuller nicht nur die Hauptschlagzeile. Nebenbei rettet sie auch die Tochter des Verlegers. Der furiose Schluss ist leider immer noch verschollen.

Auch die Regisseurinnen des frühen Kinos sind in dem Konvolut vertreten: Lois Weber inszenierte ihren abendfüllenden Film „Idle Wives“ im Jahre 1916. In Neuseeland fand man zwar nur den ersten Akt, aber dadurch lässt sich die ebenfalls unvollständig erhaltene Kopie der Library of Congress ergänzen. Einzigartig ist der Fund der frühesten erhaltenen Regiearbeit der Komikerin Mabel Normand, „Won in a Closet“. Bereits vor Chaplins Ankunft in Mack Sennetts Studio war sie dort ein Star. Auch viele andere der gefundenen Filme haben starke Protagonistinnen: „The Girl Stage Driver“ (1914) nennt Richard Abel ein Beispiel des „Cowboy Girl“-Genres, gedreht wurde die Produktion der amerikanischen Eclair vor den Naturkulissen Arizonas für den damals bereits boomenden Weltmarkt für Western. „Mary of the Movies“ mit der vergessenen Marion Mack ist die allererste Columbia-Produktion von 1923 und eine frühe Selbstdarstellung der Traumfabrik. Nicht die Eitelkeit, sondern ein kranker Bruder sind für die Protagonistin der Ansporn, sich um eine Filmrolle zu bewerben. „Revealing the innermost secrets of Hollywood“ versprach das Filmplakat – nebst nicht weniger als vierzig Star-Auftritten. Wieviel man allerdings noch sehen wird von Anna May Wong, Carmel Myers oder Bessie Love sowie den porträtierten Regisseuren wie Maurice Tourneur, Rex Ingram und David Butler, ist unklar: Die Filmkopie ist leider nicht komplett erhalten.

Durchaus noch vollständig, wenn auch sichtlich angefressen ist einer der viel versprechendsten Funde: „Maytime“ von Louis J. Gasnier. Der französische Regisseur und Entdecker von Max Linder hatte der Firma Pathé mit großartigen Serials einen amerikanischen Markt erobert. Das Interessanteste an dieser über drei Generationen erzählten Geschichte einer verhinderten Liebe und ihrer späten Erfüllung durch die Enkelkinder ist jedoch der Auftritt der 18-jährigen Clara Bow in ihrem fünften Film. Bald darauf stand ganz Amerika im Bann des „It-Girls“. Aber auch viele kleinere Funde sind überaus erfreulich. Schon die Existenz einer kompletten Folge der „International Newsreel“ von 1926 lässt manche Forscher frohlocken, denn meist wurden Wochenschauen nach dem Einsatz auseinander geschnitten und in kürzerer Form wiederverwendet. Ein besonderes Kleinod des frühen Kinos kann man zudem auf der gemeinsamen Website der amerikanischen Filmarchive bewundern: Dort wurden Szenen eines zauberhaften Western von 1910 eingestellt, „The Sergeant“: Gedreht vor den imposanten Naturkulissen des Yosemite Valley, zeugt der Film von jenem wunderbaren Augenblick in der Filmgeschichte, als man das Genre gerade entdeckte, aber das Staunen über das Medium noch nicht verlernt hatte.
Daniel Kothenschulte
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